Aus der Traum

Abgehängt. Emma starrte ihr Handy an. Sie hatte sich ja vieles vorgestellt, aber dass der werte Herr Thomas Michael Alexander offensichtlich kneifen würde, war in ihren kühnsten Träumen nicht vorgekommen. Da telefonierte und mailte sie seit Wochen, ach was, seit Monaten mit ihm, hatte mit ihm Bilder ausgetauscht, mit ihm gelacht, geweint, diskutiert, gestritten und sich versöhnt und sich noch auf ganz andere Dinge am Telefon eingelassen – und dann das.

„Du bist wo? Hier in der Stadt? Heute schon? Entschuldige, das geht mir jetzt gerade zu schnell. Ich melde mich, okay?“

Ein Schlag auf den Kopf war dagegen freundlich. Nicht, dass sie ihm nicht seit Monaten von diesem Seminar erzählte, das am Montag beginnen und drei Tage dauern würde und ihr endlich die unverbindliche Möglichkeit bot, seine Stadt und damit ihn zu besuchen. Nicht, dass er nicht begeistert darauf eingestiegen war und ihr seit Monaten schon vorschwärmte, dass sie sich dann ja endlich kennenlernen könnten. Herausfinden, ob die Chemie auch live stimmen würde, und wie sehr er sich darauf freute. Sie schüttelte den Kopf. Nicht, dass da nicht in ihrem Hinterkopf das Stimmchen gewesen wäre, dass sie hartnäckig an die Sache mit dem Mann fürs Leben erinnerte.

Natürlich hatte sie nicht mit ihm darüber gesprochen. Jedenfalls nicht so. Hatte ihre Ungeduld und ihre überschäumende Vorfreude gezügelt, war klug gewesen wie immer, hatte zurückgesteckt, hatte ihn nicht eingeengt, bis sie sich fast gefesselt gefühlt hatte. Bah! Hatte niemals, niemals gefragt, ob er vielleicht auch Gefühle oder wenigstens Hoffnungen in diese Fernbeziehung – sie nannte es schon Beziehung, er wohl eher nicht – steckte, über die er lieber nicht sprach. Um sie nicht zu enttäuschen, um selbst nicht enttäuscht zu werden. Männer und Gefühle, ein heikles Thema. Okay, sie waren in dieser Hinsicht beide gebrannte Kinder, so viel stand schon mal fest.

Nein, sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie schon am Freitagabend statt am Montagmorgen ankommen würde. Das war eine dieser berühmten spontanen Ideen ihrer lebenserfahrenen, älteren Freundin Luise gewesen. „Riskier doch mal was, Emmaschatz, du bist doch viel zu ernst. Entweder er zieht mit oder nicht, aber das Risiko, dass du dich mit dem Kerl in was verrannt hast, besteht doch sowieso. Und Hamburg ist eine tolle Stadt, da kannst du auch allein viel machen, falls nötig.“ Luise hatte gut reden, bei ihr hatte es ja schließlich geklappt mit der Internetbekanntschaft. Ihr Peter war mit fliegenden Fahnen zu ihr übergelaufen, als er ihrer ansichtig geworden war. Seitdem sprach Luise immer öfter davon, vielleicht nach Hamburg ziehen zu wollen.

Erst als sie mechanisch nach einem Taschentuch griff, fiel Emma auf, dass sie heulte. Na, großartig. So hatte sie sich ihren ersten Abend ganz bestimmt vorgestellt. Sie trat an das Fenster ihres Hotelzimmers und blickte über die Dächer hinweg in den Nachthimmel, den gerade bunte Raketen durchzogen, Feuerwerk, das offensichtlich über einem Rummel abgeschossen wurde. Ein hell erleuchtetes Riesenrad drehte sich langsam. Eigentlich schön. Aber wollte sie jetzt noch allein weg? Wo sie doch schon mal hier war? Die Reeperbahn war um die Ecke, so viel wusste sie. Andere Leute würden jetzt rausgehen und so richtig einen draufmachen, um den Frust zu vergessen.

Nein, entschied sie. Nicht allein in der fremden Stadt. Überhaupt war sie eine dieser rechtschaffen langweiligen Personen, die in den Krimis überwiegend als Leiche vorkamen und keinen weiter interessierten. Nicht mal Herrn Thomas Michael Alexander. Sie würde jetzt in die Badewanne steigen, sich weit hinaustreiben lassen und ihre Enttäuschung einfach in heißem Wasser, Wohlgeruch und Wein auflösen. Und das Handy abschalten. Der konnte sie mal! Arschloch! Ist doch wahr!
Es war das Schwerste, was sie seit Langem getan hatte.

Als sie wieder bereit war, sich ihrem Telefon zu stellen, war es schon Samstagmittag. Der Kater am Morgen war beträchtlicher als erwartet ausgefallen, und um ihn zu bekriegen, hatte sie ein ausführliches, ziemlich salzig-fettiges und insgesamt sehr gutes Frühstück genossen und war dann zu Fuß zu einer Hamburg-Erkundung aufgebrochen. Luise hatte ihr von einem Flohmarkt vorgeschwärmt, von dem ein paar ihrer aktuellen Lieblingsstücke stammten. Das Wetter war okay, es war nicht sehr weit und Emma gab innerhalb von zwei Stunden relativ viel Geld für relativ wenige wunderschöne kleine Dinge aus, inklusive einem regenbogenfarben schillernden Loop, dessen Rand genäht werden musste, einem zweisprachigen Gedichtband von Emily Dickinson mit wenigen Unterstreichungen, einer traumhaften Umhängetasche aus Naturleder und einem blauen Glasherz an einer Kette. Fehlte noch ein Hut und eine große Sonnenbrille, und sie würde aussehen wie ein Althippie. Prima.

Sie fühlte sich innerlich gewappnet genug, ihr Handy anzuschalten, aber ganz wohl war ihr nicht dabei.

Sieben – sieben! – Anrufe in Abwesenheit von Herrn Thomas Michael Alexander. Der erste noch gestern Abend, der letzte vor einer Stunde. Es ging ihr schlagartig besser. Und – immerhin – eine SMS. „Liebste Emma, ich bin so ein Idiot. Ich habe doch nicht gemeint, dass ich dich nicht sehen will! Bitte ruf mich zurück, wenn du dies liest, bitte! Dein Tom.“

Die Erleichterung überfiel sie so unvermittelt, das sie fast schon wieder geheult hätte. Das Handy lenkte sie ab, indem es klingelte. Er.

„Ja?“
„Emma? Emma, gottseidank, wo bist du?“
„Ich stehe mitten auf einem Flohmarkt in deiner wunderschönen Stadt.“
Pause.
„Kann ich dich treffen? Emma, ich hab da gestern was gesagt, was ich nicht so gemeint habe. Ich war nur so überrascht, ich bin eigentlich nicht so spontan. Ich könnte jetzt zu dir kommen, wenn du mir sagst, wo du bist.“
„Wenn ich das richtig mitbekommen habe, bin ich auf der Flohschanze.“
„Ha, guter Platz! Warte … siehst du die Straße, wenn du dich umschaust? Wenn du über die Straße gehst, bist du in der Rindermarkthalle, da ist eine Kaffeerösterei, die heißt auch so, die machen guten Kaffee.“
„Ich sehe“, Emma reckte den Hals, „eine Tankstelle. Und rechts dahinter so einen großen Klotz.“
„Genau da musst du hin. Die Rösterei ist gleich neben dem Eingang. Wenn du mir eine halbe Stunde gibst, dann können wir uns dort treffen. Ich bin der Typ mit der Rose und dem Fahrrad.“
„Und ich bin die mit dem bunten Tuch. Bis in einer halben Stunde, Tom.“
„Bis gleich, Emma!“

Ihr Name wie eine Liebkosung, ihr Herz ein einziges „Komm!“. Sie blinzelte in die Sonne und lächelte glücklich. Hatte sie auf der anderen Seite nicht einen Stand gesehen, wo es quietschbunte Fahrradklingeln gab? So viel Zeit war bestimmt noch.
Und überhaupt war Hamburg die schönste Stadt der Welt.

 

Schmuck auf dem Markt – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe nicht zwangsläufig vor (na ja, mal schauen), meine „verpassten“ Beiträge zu Juttas Geschichtengenerator nachzuholen, aber diese Geschichte hält sich jetzt schon seit längerer Zeit in meinem Hirn, also will ich sie auch freilassen. Kommt Zeit, kommt Geschichte … Hier also mein Nachzügler zu Juttas Aufruf zu Emma, dem Flohmarkt und dem magischen „Komm!“

Und ja, die Orte sind real, es gibt besagten Flohmarkt und das Café, und Emma ist offensichtlich zu einer Zeit in der Stadt, wo Dom ist, denn der hat jeden Freitag ein Feuerwerk.

 

Lilly greift ein

Jenny hatte ihm öfter vorgeworfen, dass er ein beziehungsunfähiger Sack wäre. Unfähig, die Bedürfnisse anderer zu erkennen oder noch schlimmer: daran nicht mal interessiert. Sie hatte noch ganz andere Dinge gesagt, aber „beziehungsunfähig“ war immer dabei gewesen. Zum Schluss hatte er gar nicht mehr zugehört.
Unfähig. Er war eben einfach unfähig. Ein Versager. Ein Vollhorst.
Glaubte er das? Ach na ja. An guten Tagen nicht.
Sie hatten ganz bestimmt unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen – nicht sein Ding. Noch nicht. Bei ihr dagegen tickte wohl schon die biologische Uhr, das war ihm nicht klar gewesen. Frauen waren manchmal komisch.

Wo also war dieses verdammte Vieh? Die Sucherei machte Thomas nervös. So groß war seine Wohnung nun auch wieder nicht, obwohl seine Schwester ihn gerade deswegen gebeten hatte, ihr Herzblatt für die Zeit, die sie im Krankenhaus verbringen würde, aufzunehmen. Er hatte nicht ablehnen können, obwohl Katzen nicht so sein Ding waren.
„Komm schon, Tom“, hatte sie zu ihm gesagt, „du kennst ihn, er kennt dich, ist doch optimal. Gib ihm regelmäßig zu fressen, streichel ihn, sprich mit ihm und sag ihm, dass ich bald wiederkomme und ihn vermisse, sieh zu, dass er immer auf sein Klo kann und gib acht, dass du die Tür nicht auflässt, damit er nicht abhaut. Weißt ja, bei mir darf er nicht raus. Meine ganzen Freunde wohnen in so Schuhschachteln, bei dir hätte er wenigstens zwei große Zimmer und die Küche als Auslauf.“ So war Lene. Nur das Beste für die, die ihr am Herzen lagen.
Außerdem war er ihr noch was schuldig gewesen wegen Helfen nach der Sache mit Jenny und so.
Sie hatte ihm nicht gesagt, dass der betagte Kater ein Kletterkünstler war und sich gern auf den Schränken und in den Regalen versteckte. Zwischen der Bügelwäsche. Unter dem Bett sowieso. Hinter den Gardinen oder den Büchern. Schubladen sollte man auch besser keine offenlassen. Lilly erwies sich als kreativ.

Thomas stand in der Küche und starrte nachdenklich auf das unberührte Futter. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. WO ZUM TEUFEL WAR LILLY? Er war heute Morgen spät dran gewesen, hatte nicht nach ihm geschaut, hatte nur das Futter aufgefüllt und war zur Arbeit gehetzt. Hatte den Pelzigen der Katzenschlag getroffen und er vergammelte jetzt unter irgendeinem Schrank oder hinter den Büchern? Bitte nicht. Lene würde ihn umbringen.
Konnte er entwischt sein? Ausgeschlossen!
Oder? Er dachte nach.
Oh Gott!
Er hatte gestern Abend gewaschen. Im Keller, wo in diesem Haus die Waschmaschinen standen. Möglicherweise hatte er seine Tür nur angelehnt gehabt und das neugierige Vieh war ihm gefolgt. Verdammt, verdammt, verdammt.
So schnell war er noch nie die Treppen vom ersten Stock in den Waschkeller hinunter gerannt. Riss die Tür auf, knipste das Licht an.
„Lilly? Lilius?“ Die dumpfe Wärme des schlecht belüfteten Kellers empfing ihn. Es roch nach Feuchtigkeit, Waschmittel und Weichspüler. Keine wartende Katze.

Thomas hielt sich am Türrahmen fest, als seine Knie plötzlich weich wurden, und schloss die Augen. Horrorszenarien überfielen ihn, spielten sich vor seinem inneren Auge ab. Lilly, durch die zufallende Haustür nach draußen auf die Straße entwischt, von dem ungewohnten Lärm erschreckt, vor einem Hund flüchtend, vor ein Auto gelaufen, über die befahrene Straße gerannt, in den Vorgärten oder dem Park streunend, immer wieder verscheucht, verängstigt, frierend, hungrig …

Und alles war seine Schuld. Jenny hatte ihn schon richtig erkannt, er hatte sich während ihrer ganzen Beziehung niemals so intensiv wie jetzt etwas gewünscht, jetzt, wo er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass er das, was seiner Schwester fast das Liebste war, durch sein Desinteresse verloren hatte. Voll verkackt, Alter, aber sowas von. Er war ein unfähiger, selbstgefälliger Versager.

Er verließ die Waschküche und machte sich auf den Weg nach oben. Ihm graute davor, Lene anrufen zu müssen. Als er die Treppe in den ersten Stock in Angriff nehmen wollte, hörte er die Haustür gehen. Angestrengte Schritte näherten sich langsam. Die Nachbarin von unten, die wahrscheinlich vom Einkaufen kam. Nun, er konnte ja mal fragen.
„Äh, guten Abend. Entschuldigen Sie, Sie haben nicht zufällig gestern Abend oder heute hier im Treppenhaus eine schwarz-weiße Katze gesehen? Mit einem schwarzen Fleck am Kinn?“
Offensichtlich erkannte sie ihn als den neuen Mieter von oben, denn sie nickte grüßend und stellte ihre Einkaufstaschen ab, um ihre Wohnungstür aufzuschließen.
„Habe ich nicht, nein, und auch nichts gehört. Aber Sie wissen, junger Mann, dass Tierhaltung in diesem Haus verboten ist?“
Thomas unterdrückte den spontanen Wunsch, den Tag mitsamt der älteren Dame in die Tonne zu treten.
„Wusste ich nicht, nein, und es ist auch nur vorübergehend. Die Katze gehört meiner Schwester. Aber jetzt ist sie abgehauen und ich dachte, ich frag mal rum.“
„Ja, das ist dann immer nicht so schön“, sagte der Drachen hilfsbereit. „Haben Sie schon das Tierheim angerufen, ob sie dort vielleicht abgegeben worden ist? Oder Zettel gemacht mit Ihrer Telefonnummer? Die können Sie ja dann in der Gegend aufhängen.“
Thomas schluckte die Feststellung hinunter, dass er nicht wüsste, was er lieber täte. Ein einziger Alptraum. Sein Hirn marterte ihn mit Bildern von Lilly, der von Hunden gejagt auf einen Baum geflüchtet war und klagte … und er war nicht da gewesen, um sich um ihn zu kümmern.
„Danke“, sagte er und wankte zur Haustür. Öffnete sie, sah hinaus, halb darauf gefasst, halb hoffend, ein Miauen aus den Gärten gegenüber zu hören. Nichts. Es dämmerte, aber heute hatte er keinen Blick für das Abendrot. Er ließ die Tür wieder ins Schloss fallen und machte sich erneut ziemlich mutlos auf den Weg nach oben, als sein Blick routinemäßig die Pinnwand in der Nische mit den Bekanntmachungen für das Haus streifte. Über all den Müllabfuhrterminen,  Notrufnummern und sonstigem Kram prangte ein großer Zettel.

Liebe Nachbarn! Wer vermisst eine Katze? Schwarz-weiße Katze zugelaufen! Bitte melden bei Mina, WG, 2. Stock

Zum zweiten Mal für heute traf ihn fast der Schlag. Dieser allerdings vertrieb alles Blei aus seinen Knochen. Thomas sprintete förmlich in den zweiten Stock. Auf sein Klingeln hin öffnete ein junger Typ, der so blass war, dass es sogar Thomas auffiel.
„Ja?“
„Jemandem von euch ist eine Katze zugelaufen?“
Der Typ nickte.
„Komm rein, mach die Tür zu. Sie ist bei Mina.“
Er drehte sich um. Thomas trat ein und stand in einem langen Flur voller Türen, der mit allerlei Kram vollgemüllt war.
„Mina?“ rief der Blasse, bevor er rechts in einer der offenen Türen verschwand.
„Ja?“
„Hier ist jemand wegen der Katze!“
„Ich komme!“
Weiter hinten hörte er ein Geräusch.
„Nein, hiergeblieben“, sagte die Stimme freundlich. Aber dann erschien eine Katze im Türrahmen und marschierte auf Thomas zu.
„Lilly!“ rief er. „Lilius! Komm her, Katerchen! Wo hast du denn gesteckt?“ Er ließ sich auf die Knie fallen und beobachtete den großen Kater, der majestätisch auf ihn zuschritt, sich vor ihm aufbaute und darauf wartete, dass Thomas eine Hand ausstreckte, damit er seinen Kopf in ihr versenken und sich kraulen lassen konnte.
„Na, du Abenteurer“, sagte Thomas. „Wenn wir das in einer stillen Stunde deinem Frauchen erzählen, dann kriegen wir aber beide mächtig Stress.“ Er stand auf und nahm den Kater auf den Arm. Mina war zu ihnen gekommen. Auf ihrer Schulter saß ein rotgetigertes Katzenkind.
„Hi“, sagte Thomas. „Ich würde dir ja gern die Hand schütteln und mich bedanken, wenn ich nicht gerade verhindert wäre. Ich bin Thomas und wohne eins tiefer. Wie hat der Strolch denn zu dir gefunden?“
„Das frag den Zwerg auf meiner Schulter“, sagte Mina grinsend. „Die maunzte an der Tür rum, und als ich rausguckte, stand er davor und wollte unbedingt rein. Dann hat er Emmas Futternapf leer geputzt, sich auf die Couch gelegt und so getan, als ob er hier wohnt. Ganz schönes Macho-Gehabe, aber Emma fand das cool, also hab ich die beiden gelassen. Nur als er dann heute keine Anstalten machte aufzubrechen, dachte ich, dass ihn bestimmt wer vermisst und hab unten den Zettel hingehängt.“
„Da war ich vermutlich schon weg zur Arbeit.“
„Ist er dir abgehauen? Wie heißt er? Lilly?“
„Er hörte schon auf Lilly, bevor meine Schwester vor vielen Jahren merkte, dass er ein Kater ist“, bestätigte Thomas. „Er gehört ihr. Ich sage manchmal Lilius zu ihm, aber Lene findet das nicht witzig. Gestern war ich unten zum Waschen und habe wohl verpennt, die Tür ins Schloss zu ziehen, da muss er raus sein. Danach hab ich nicht sofort gemerkt, dass er weg war, weil er sich eh viel versteckt. Er ist bei mir bloß zwischengeparkt, ich hab mir nie so viel aus Katzen gemacht. Und wenn ich mir überlege, was alles hätte passieren können, mache ich mir Vorwürfe, dass ich so ein Idiot war.“
Mina nickte und betrachtete Lilly, der inzwischen den Kopf auf Thomas‘ Schulter gelegt hatte.
„Versteh ich gut, aber mach dich nicht fertig. ‚Einem Menschen, den Kinder und Tiere nicht leiden können, ist nicht zu trauen‘, heißt es. Er hier mag dich auf jeden Fall. Falls es dir hilft und ich das sagen darf, ich finde, du bist durchaus am Gewinnen. Wenigstens vorläufig.“
Lilly begann mit geschlossenen Augen zu schnurren. Seine Welt war also anscheinend wieder ganz okay. Thomas hätte vor Erleichterung heulen können. Vielleicht würde er sein Leben ja doch nicht als Vollhorst beschließen.

 

Lilly – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Tom (sucht etwas), Treppenhaus und Ausgeschlossen! spuckte Juttas Geschichtengenerator für diese Woche aus. Nun, nachdem ich aus diversen Beiträgen und Kommentaren erfahren hatte, dass Tom bereits durchaus negative Erfahrungen mit Treppenhäusern gemacht hatte, wollte ich ihn nicht schon wieder vor verschlossenen Türen stehen lassen. Und dann wusste ich, dass Tom verzweifelt eine Katze suchen würde …

 

Ausgesetzt

„Ich habe dich beobachtet. Was ist mit dem Korb? Ist er zu schwer? Soll ich dir helfen, ihn hochzuheben?“
Das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren zuckte zusammen. Sie drehte sich zu Mina um, schüttelte den Kopf und rannte weg. Den Korb ließ sie stehen. Erschrocken bemerkte Mina, dass ihr Gesicht verheult war. Sie schätzte sie vielleicht auf 10 oder 11.
„Halt, warte“, rief Mina ihr hinterher, aber natürlich blieb die Lütte nicht stehen. Sie sah ihr hinterher, bis sie ohne anzuhalten im nächsten Seitenweg verschwand, und schüttelte den Kopf. Was war denn da wohl los?

Der Frühling hatte auch in Ohlsdorf, dem riesigen Hamburger Parkfriedhof, Einzug gehalten. Die Gräber ihrer Großeltern mussten wie jedes Jahr für die neue Saison hübsch gemacht und bepflanzt werden. Aber das war zum Glück ziemlich schnell erledigt gewesen. Sie musste nur noch die Armvoll alter Gestecke und Tannenzweige loswerden, die sie jetzt in einen der bereitgestellten Container auf dem Friedhof wuchtete. Der Wind biss in ihr Gesicht und sie rieb sich die kalten Hände. Fertig! Der Nachmittag gehörte ihr. Nichts wie nach Hause ins Warme zu Tee und Büchern und ihrer Arbeit für die Uni!

Der Korb des Mädchens stand immer noch da. Ein brauner, solide geflochtener Picknickkorb mit Henkel, dessen beide Deckel geschlossen waren. Plötzlich hörte sie Geräusche, und einer der Deckel fing an, sich zu heben.
Ein Geist!? Mina starrte den Korb an. Nein. Eine Nase schob sich durch den Spalt, zwei Augen, zwei riesige Ohren, ein dreieckiger Kopf. „Mau“, sagte das Alien vernehmlich und ein wenig kläglich. Eine Katze!

Katze Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

„Kleines, was machst du denn in dem Korb?“ Mina war mit wenigen Schritten bei ihr und griff nach der Katze, die sich gerade aus ihrem Gefängnis herausarbeitete. Ein rotgetigerter Winzling, bestimmt noch keine drei Monate alt. Sie hob sie hoch und steckte sie unter ihre Jacke, um sie vor dem Wind zu schützen. Die Kleine sah sie aus großen vielfarbigen Augen an und nieste. Dann hielt sie mit einer Pfote ihren Zeigefinger fest und begann, daran zu knabbern. Mina grinste. Zärtlich streichelte sie ihr Findelkind unter dem Kinn und hinter den Ohren. Das reckte das Kinn nach oben, kniff die Augen zusammen und fing an zu schnurren, dass sein gesamter Körper bebte. Weiterkraulen!

Mina sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, schnappte sich den Korb zur näheren Untersuchung und setzte sich mit dem Katzenbaby, das sich an ihrer Brust in der Jacke ganz kuschelig zu fühlen schien, auf eine Bank. Im Korb lagen eine Decke, eine Handvoll Trockenfutter und ein handgeschriebener Zettel.

 Zettel Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay/ichmeinerselbst

 

Sie heist Emma und sie ist total lieb und richtig schlau.
Papa hat gesagt ich darf sie nicht behalten und wenn er sie findet schmeist er sie aus dem Fenster wie die anderen. ich weis nicht was ich anders machen soll auser sie hier lassen weil hier fiele Mäuse sind. Bitte helfen sie!

 

Mina hatte einen Kloß im Hals. Die hier kriegst du nicht, du Arsch! Jemanden, der kleine Katzen aus dem Fenster warf, würde sie am liebsten hinterherschmeißen, damit er wüsste, wie sich das anfühlt, das hatte sich nicht geändert. Einer ihrer Opas stammte von einem Bauernhof, dort war es auch üblich gewesen, überflüssige Katzen auf eine ähnliche Weise loszuwerden. Aber die waren dann doch viel kleiner, wie er sich vor seiner entsetzten Enkelin verteidigt hatte, die danach für Wochen nicht mehr auf seinem Schoß sitzen wollte und lieber Oma in der Küche half. Mina hatte Katzen immer schon geliebt.

Emma miepte in ihrem Arm, als ob sie fühlte, dass ihre neue Freundin von irgendwas beunruhigt war. Sie strampelte sich frei, machte einen Buckel, streckte sich, stieg elegant in den Korb zurück und fraß das Trockenfutter auf. Anschließend sah sie Mina auffordernd an.

Der war klar, dass sie gerade um den Finger, Pardon, um die Kralle gewickelt wurde und dabei war, diesem zierlichen Wesen zu verfallen. Eine Katze, die alles Wichtige bereits wusste, nämlich wie man Herzen gewinnt. Sie seufzte und gab auf. Eigentlich war es sowieso gar keine Frage gewesen, oder?
„Du kommst mit mir“, entschied sie. Ohlsdorf war als Idee schon okay, es gab dort angeblich so einige wild lebende Katzen, aber so kleine? „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal für dich.“
Sie verschloss den Korb, befestigte ihn sorgfältig auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads und brauste davon. Wilhelmina und Emma, das passte doch allein vom Namen her schon super! Ihre WG konnte ein bisschen mehr Frauenpower gut gebrauchen.

Vier Tage später stand der Picknickkorb wieder am selben Platz. Darin lag ein Bild von dem Kätzchen auf einer Couch zwischen lauter Kissen. Und ein Zettel.

Hallo, Prinzessin! Ich wollte nur, dass du weißt, dass Emma jetzt bei mir lebt und dass es ihr gut geht. Ich wohne mit ein paar Leuten zusammen in einer großen Wohnung nicht sehr weit von hier, und die haben gesagt, es ist okay, es gibt genug Platz für sie. Kannst also aufhören, dir Sorgen um Emma zu machen.
Aber wenn eure Mutterkatze nochmal schwanger wird, dann musst du mir versprechen, dass du die Kleinen ins Tierheim bringst. Der Friedhof ist echt nicht der richtige Platz. Oder ihr müsst mit eurer Katze zum Arzt, damit sie keine Kinder mehr bekommen kann. Nimm den Korb wieder mit und pass auf dich auf. Und danke für Emma, du hattest recht, sie ist ein totaler Schatz.

Als Mina wieder zu ihrem Fahrrad kam, war der Korb schon verschwunden. Auf den feuchten Sandboden daneben hatte jemand mit dem Schuh oder so DANKE!!! geschrieben. Mit drei Ausrufezeichen. Mina lächelte glücklich. Sie glaubte, das Mädchen um die Ecke biegen zu sehen, aber sicher war sie nicht.

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Auch diese Geschichte verdankt ihre Idee/ihren Anschub Jutta Reichelt und ihrem neuen Geschichtengenerator. Vielen Dank für den Spaß! :-D