Von Schönheit und Liebe

Warnung

Ich komme heim aus dem Sonnenland.
Ich bin den ganzen blühenden Tag
In lauter Schönheit gegangen!
Nun fliegts mir um Stirn und Wangen
Noch wie ein verklärter, seliger Schein …
Sieh mir nicht so in die Augen hinein,
Sonst nimmt er dich auch gefangen!
Dann kommen wir nicht von einander los,
Wir schauen uns an, so sehnsuchtsgroß,
Und finden aus lachendem Märchenglück
Nie mehr den Weg in das Leben zurück.

(Anna Ritter, Warnung, aus: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Die letzte Schönheit ist das Neigen

Die letzte Schönheit ist das Neigen
Von Mensch zu Mensch und jeder spricht:
Die Einsamkeit und sagt das Seine
Und hört dem andern zu in Schweigen

Und Staunen und bewahrt in Reine
Die Ahnung wie ein erstes Licht: –
Die Ahnung, daß wir uns verstehen,
Und nicht mehr einsam weitergehen.

(Alfred Karl Röttger, Die letzte Schönheit ist das Neigen, aus: Die Lieder von Gott und dem Tod, 1912, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Wie jede Woche, so auch diese mein Wunsch: Kommt gut in eure neue Woche, kommt gut hindurch und habt Freude an allem, was sie euch anbietet! 😉


Von der Sanftheit

Schweigen

Über den Wäldern schimmert bleich
Der Mond, der uns träumen macht,
Die Weide am dunklen Teich
Weint lautlos in die Nacht.

Ein Herz erlischt – und sacht
Die Nebel fluten und steigen –
Schweigen, Schweigen!

(Georg Trakl, Schweigen, in: Sammlung 1909, aus: Nachlass, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen

an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke, Liebes-Lied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Im Moment geht es bei mir nicht ohne ein Rilke-Häppchen. Und wenn ihr Zeit habt, möchte ich euch dringlich die Vertonung mit Frida Gold und Cassandra Steen aus dem aktuellen Rilke-Projekt ans Herz legen, auf die mich Christian wieder aufmerksam gemacht hat und die ich wunderschön und bezaubernd finde. Enjoy!

Kommt gut in und durch die neue Woche, möge sie einen Zauber für euch bereithalten!


 

Von der Sehnsucht

Ich sehne mich den ganzen Tag

Ich sehne mich den ganzen Tag
Nach einer Stunde Müßiggang,
Nach einem kleinen Winkelchen
Fern allem Lärm und Tagesdrang;

Nach einer Stunde, da mein Herz
Die schönen Worte ungestört
Und Alles, was du mir gesagt,
Süß im Geheimen wieder hört.

(Frieda Port (Info), Ich sehne mich den ganzen Tag, aus: Tagebuchblätter, in: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Erwacht

Warum hast du’s angerufen –
Schlief es doch so fest und still!
Da es nun in mir erwachte,
Weiß ich nicht, was werden will!

Mit den großen Sehnsuchtsaugen
Schaut’s in jeden Tag hinein …
Lieder sing’ ich, müde Lieder,
Doch es schläft nicht wieder ein!

(Anna Ritter, Erwacht, aus: Es grub der Tod ein Kämmerlein, in: Befreiung, 1900, Online-Quelle)

Abendstimmung

Glühendrot der Sonnenball
will ins Meer versinken,
und die Fluren überall
Tau und Frieden trinken;
leise wiegt die Knospe sich
an dem braunen Zweige . . . .
Traumhaft kommt sie über mich,
Sehnsucht tief und wunderlich,
geht der Tag zur Neige.

(Clara Müller-Jahnke, Abendstimmung, aus: Alte Lieder, in: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Stimmungsding, kein konkreter Anlass. Kommt gut und heil in und durch die neue Woche! 🙂

 

Von Meer und Sehnsucht

Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.

Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

(Francisca Stoecklin, Die singende Muschel, aus: Die singende Muschel, 1925, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel
Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild
Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturmwill,
Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,
Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund
Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt
Pocht –

Und sucht nur noch dich –
Wie soll ich dich rufen?

(Else Lasker-Schüler, Nur dich, aus: Gesammelte Gedichte, 1917, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Off topic ist der aktuelle Adventüdenstand: Bisher haben mich 6 Etüden erreicht. Vielen Dank!

Die Tatsache, dass ich zu der Unwetterkatastrophe schweige, bedeutet nicht, dass sie mich nicht berührt. Eher im Gegenteil. Ich bin fassungs- und sprachlos.

Kommt gut und wohlbehalten in und durch die neue Woche!

 

Von November und Vöglein

 

Vöglein mein Bote

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
flieg zu der Liebsten hin und setz dich nieder,
sieh’ was sie tut, ob sie dem Fernnen gut,
ob sie an mich gedacht, Vöglein gib Acht!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
trag zu der Liebsten hin all meine Lieder!
Sag’ „er ist dein, kann ohne dich nicht sein,
lebt nur allein für dich!“ Vöglein so sprich!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
nimm ihren Liebesgruß auf dein Gefieder!
Wenn sie dich fragt und dir viel Schönes sagt
bring mir’s in raschem Flug, Vöglein sei klug!

(Johann Gabriel Seidl, Vöglein mein Bote, Online-Quelle)

 

Zwei Vöglein

Zwei Vöglein hatten sich lieb einmal,
Sie fanden kein Nest im Heimatland.

Zwei Vöglein wollten in süßeres Land,
Sie flogen und flogen unverwandt.

Zwei Vöglein wurden die Flügel schwer,
Ertranken beide im wilden Meer.

(Ernst Goll, Zwei Vöglein, aus: Im bitteren Menschenland. Nachgelassene Gedichte, 1912, S. 162, Online-Quelle)

 

Vöglein Schwermut

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
das singt so todestraurig …
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
wer es hört, der tut sich ein Leides an,
der mag keine Sonne mehr schauen.
Allmitternacht, Allmitternacht
ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt’s leis und spricht ihm zu:
„Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!“
Und wieder fliegt’s flötend über die Welt.

(Christian Morgenstern, Vöglein Schwermut, aus: Auf vielen Wegen, Online-Quelle)

 

Möwe vor dunklen Wolken | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ihr Lieben, nein, ich bin weder in Schwermut versunken noch hat der Fellträger ein Weh noch ist sonst irgendwas, danke, ich möchte besorgten Anfragen nur vorbauen. Es ist nur so, dass ich über drei Gedichte mit „Vöglein“ gestolpert bin, kurz schockiert war und dann dachte, na, es ist eben nicht immer alles nett.

Das soll euch aber nicht hindern, gut und sanft in die neue Woche zu kommen!