Adventüden 2020 12-12 | 365tageasatzaday

12.12. – Dezember mit den Mos | Adventüden

 

Aufseufzend ließ sie sich auf ihren Einzelplatz im Großraumwagen sinken. Fast wäre sie noch zu spät am Bahnhof gewesen. Dicke Nebelschwaden hatten die Autofahrer gezwungen, sich nur langsam und vorsichtig durch die Watte zu tasten. Novemberwetter.
Sie holte ihre Kopfhörer heraus, startete ihren Lieblings-Weihnachts-Stream. »Driving home for Christmas« – wie passend. Entspannt lehnte sie sich zurück, schloss die Augen, ließ die Erinnerungen kommen.

»Die drei Mos« wurden sie genannt – unzertrennlich seit dem ersten Schultag. Keiner konnte mitreißendere Geschichten erfinden als Mohammed, keiner heckte so pfiffige Streiche aus wie Moses, und dank Monikas Findigkeit waren sie oft einer Strafe entgangen. Monika – ihre kenianische Mutter hatte auf diesem Vornamen bestanden, damit ihre dunkelhäutige Tochter es leichter habe.

Die drei liebten den Dezember, wenn sich die Feste in den Familien häuften. Ihre Geburtstage, Chanukka, Weihnachten, Silvester. Unübertrefflichen Käsekuchen naschen am 1. Dezember zum Geburtstag bei Mohammed, gemeinsames Backen fantasievoll verzierter Lebkuchen mit Monikas Eltern, Singen im Altersheim, gegenseitiges Wichteln zu Nikolaus, das Dekorieren des Weihnachtsbaums – das war ihr Dezember.
Das Jahr endete traditionell mit dem Silvester-Wunschpunsch bei Moses’ Familie.
Gut. Ihre Wünsche gingen nicht immer in Erfüllung. Das heiß ersehnte Einhorn blieb ein Bild im Märchenbuch. Doch es gab Geborgenheit, gemeinsam lachen, zusammengehören.

Monika seufzte. Die beiden anderen lebten noch immer in der Stadt. Nur sie selbst war ein Zugvogel, weltweit tätig als IT-Beraterin. Umso schöner war die Dezember-Auszeit, auf die sie immer bestanden hatte. Im Dezember nicht daheim? Undenkbar.

Ihre Musikliste dudelte in ihre Gedanken hinein. Musik. Sie war da breit aufgestellt, die Jungs eher weniger. Besonders der Song, der eben lief, war Streitthema. Um ihr das Lied madig zu machen, hatten sie es sogar umgetextet. Wie war das noch?
»Lars iss dös, der Stollen schmeckt gut, Lars iss dös, gleich packt mich die Wut …«
Monika giggelte.

Autor*in: Donka     Blog: onlybatscanhang

 

Adventüden 2020 12-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

20 – Endlich wieder Weihnachten | Adventüden

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Endlich wieder Weihnachten (Veronika, Vro jongliert)

 

Die Klimakrise hatte ihren Höhepunkt überschritten. Die Temperaturen sanken seit Jahren beständig. Nicht, dass die letzten Überlebenden sich groß darum gekümmert hätten. Sie waren auch weiterhin beschäftigt mit Überleben. Die Herbststürme hatten längst die wenigen verschrumpelten Äpfel von den Bäumen gefegt.

Die Dorfkinder balgten sich um die kleinen holzigen Früchte. Schmal und ausgezehrt waren sie, ein Anblick des Jammers. Die Armut traf sie am härtesten. Das Winterfest rückte näher. Früher einmal hatte es Weihnachten geheißen. Aber an Götter glaubte niemand mehr, nur noch an Mutter Erde. Und die war eine rachsüchtige strenge Frau, die keine Fehler entschuldigte. Wer Fehler machte, überlebte nicht.

Eliza sehnte sich nach Weihnachten. Sie hatte so viele Geschichten gehört. Heuer würde sie ihre Familie überraschen. Schon seit Wochen jagte sie allen möglichen Schätzen nach. Klaute Nüsse, raufte wie wild um die Äpfelchen, sammelte ein bisschen Moos und riskierte, von den anderen Kindern deshalb scheel angesehen zu werden. Jedes Mal bedankte sie sich bei Mutter Erde und flehte sie an, sie nicht dafür zu bestrafen, weil sie die Sachen in einem geheimen Versteck bunkerte und nicht mit der Gemeinschaft teilte.

Wenn sie nur sicher wüsste, wann genau das Weihnachtsfest stattfand. Das musste sie noch herausfinden. Dann würde sie nachts in den Gemeinschaftsraum ihrer Familie schleichen und auf dem Tisch ein Moosnest machen. Darin würde sie all die Nüsse und Früchte stapeln. Ihr ganz persönliches Weihnachten. Da würden sie alle staunen: Mama und Papa und die großen Brüder und Schwestern. Sie, Eliza, die Kleinste und Schmächtigste unter ihnen, der sie immer voraussagten, sie würde nicht lange genug leben, um erwachsen zu werden, und die trotzdem Jahr für Jahr überlebte.

Als an jenem Wintermorgen dichte Wolken aufzogen und das erste Mal seit Jahrzehnten wieder Schneeflocken vom Himmel fielen, wusste Eliza, ihr Traum vom Weihnachtsfest würde in Erfüllung gehen.

 

Adventüden 2019 20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

02 – Alle Jahre wieder | Adventüden

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Alle Jahre wieder (Miniatur von Ulli Gau, Café Weltenall)

 

Ihr Herz klopft in die Stille der Welt und Nacht. Kein Baum, keine Kugel, kein Lametta, kein Klimbimmellimmelimm. Sie hastet nicht. Sie kauft, was sie immer kauft. Nur ihre Stube poliert sie, weg mit dem übers Jahr angesammelten Staub in Poren und Ritzen. Kerzenzeit, Glanzzeit, Duftzeit, Räucherwerk, die Teekanne auf dem Stövchen. Kein Stress, keine Herbstdepression. Es ist Wintersonnenwendezeit. Zeit für sie, Zeit für Nichts, Zeit für brennende Zettelchen, für fliegende auch. Zeit für Kartenspiele, für Spiel und Spiele überhaupt, allein und mit den Liebsten.

 

Adventüden 2019 02 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir