Von Mond und Nacht

Schöne Mondfrau

Schöne Mondfrau, gehst du schlafen
Lächelnd und so munter,
Leise mit den Silberschafen
In die Nacht hinunter?

O und du im hellen Kleide,
Liebe Schehrazade,
Spielst du, daß die Nacht nicht leide
Deine Serenade?

Wandermüde, wundertrunken
Komm in meine Ruhe.
Blaue, weiche Sternenfunken
Küssen deine Schuhe.

Sieh, die Nacht ist so lebendig,
Voller Duft und Gnade.
In den Bäumen eigenhändig
Spielt sie sich die Serenade.

(Hugo Ball, Schöne Mondfrau, aus: Gedichte, entstanden 1917, Online-Quelle)

Der Mond ist wie eine feurige Ros’

Der Mond geht groß aus dem Abend
Steht über dem Schloß und dem Gartentor
Und läßt sanft glühend die Erde los.
Der Mond ist wie eine feurige Ros’,
Die meine Liebste im Garten verlor.

Mein Schatten an den steinernen Wänden
Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
Ich werde den Mohren hinsenden,
Er hebe die Rose vorsichtig auf
Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

(Max Dauthendey, Der Mond ist wie eine feurige Ros’, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 312)

An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug’ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

(Ferdinand von Saar, An den Mond, aus: Gedichte. Zweite, durchges. und verm. Aufl. XII, 1888, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Wie immer: Kommt gut und heil und heiter in und durch die neue Woche!

Hättet ihr gerne noch ein paar „klassischere“ Mondgedichte? 😉


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Vom Geheimnis

Neuer Frühling XXXV

Sorge nie, daß ich verrate
Meine Liebe vor der Welt,
Wenn mein Mund ob deiner Schönheit
Von Metaphern überquellt.

Unter einem Wald von Blumen
Liegt, in still verborgner Hut,
Jenes glühende Geheimnis,
Jene tief geheime Glut.

Sprühn einmal verdächt’ge Funken
Aus den Rosen – sorge nie!
Diese Welt glaubt nicht an Flammen,
Und sie nimmt’s für Poesie.

(Heinrich Heine, Neuer Frühling XXXV, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug’ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

(Ferdinand von Saar, An den Mond, aus: Gedichte. Zweite, durchges. und verm. Aufl. XII, 1888, Online-Quelle)

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben
aus mir und vielen unbekannten Stoffen,
geschieh mir nur: Mein Sinn ist allem offen
und meine Stimme ist bereit zu loben.
Wenn Du mir weh tun willst, so komm und schneide
mein Herz entzwei, das tausendfach empfindet,
blende mein Auge mit Brand bis es erblindet,
ich glaube, daß ich wachse, wenn ich leide.
Und wachsen will ich und um jeden Preis.
Reiß mich hinauf an meinen Haaren,
drück mich der Erde in den Schoß!
Nur laß mich deinen Sinn erfahren,
denn ich vermute: Du bist groß.
Laß mich nicht sterben, eh ich weiß
wie sich der Tod zu dir verhält?
Ist er der Widerspruch der Welt?
Ist er ihr Heil?
Ist er ein Teil von dir, des Lebens Teil?
Weil ich ihn so nur denken kann – im Leben.
Du mußt mir nicht sagen wie alles ist.
Du mußt mir nur einige Zeichen geben
und mich mit allen Dingen verweben,
darinnen du verwoben bist.

(Rainer Maria Rilke, Geheimnisvolles Leben Du, gewoben, entstanden am 11.09.1901 in Westerwede, in: Rainer Maria Rilke. Jugendgedichte. Sämtliche Werke; Band III, S. 758 (Zweite Reihe: Nachgelassene Gedichte) (7 Bände, Insel), Nachweis)

 

Quelle: Pixabay

 

Den Rilke habe ich bei Karin entdeckt, deren Blog nicht öffentlich ist, daher kann ich nicht darauf verlinken. Online findet sich öfter mal der erste Teil/Teile des Gedichtes, hier schlägt der Verfasser eine Brücke zu den Duineser Elegien, überaus interessant (und DANKE für die Zeitangabe!). Ein Buch – Stolzenberger, Es wartet eine Welt, Lebensweisheiten – macht Quellenangaben (hurra, VIELEN DANK, könnten das nicht alle?), der auch ich gefolgt bin, nicht ohne sie absichern und mit zusätzlichen Infos anreichern zu können: Schließlich habe ich mich ja erst letzte Woche auf der Regensucherin ebenfalls bei Rilke in seiner Worpsweder Zeit (Westerwede, der Entstehungsort, liegt bei Worpswede) aufgehalten – interessant, oder? Es gibt echt keine Zufälle.

Ich hoffe, ihr seid alle gut durch den Sturm/die Stürme gekommen und habt eine ruhige, erfreuliche, gesunde Woche vor euch. So oder so, seid herzlich gegrüßt!

 

Von Herbst und den fallenden Blättern

 

Herbst

Astern blühen schon im Garten,
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

(Detlev v. Liliencron, Herbst, aus: Werke, Bd. 1, Frankfurt am Main, 1977, Online-Quelle)

 

Herbst

Der du die Wälder färbst,
Sonniger, milder Herbst,
Schöner als Rosenblüh’n
Dünkt mir dein sanftes Glüh’n.

Nimmermehr Sturm und Drang,
Nimmermehr Sehnsuchtsklang;
Leise nur athmest du
Tiefer Erfüllung Ruh’.

Aber vernehmbar auch
Klaget ein scheuer Hauch,
Der durch die Blätter weht:
Daß es zu Ende geht.

(Ferdinand von Saar, Herbst, aus: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

 

Im Blätterfallen

Da nun die Blätter fallen,
Oh weh, wie fahl,
Fühl ich, wie alt ich worden bin.
Das macht mir Qual.

Die Sonne scheint. Ach, Sonne,
Wie bist du kalt.
Einst war der Herbst mir auch ein Lied.
Jetzt bin ich alt.

(Otto Julius Bierbaum, Im Blätterfallen, aus: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, Online-Quelle)

 

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche und bleibt gesund und heiter!

 

Vom Schmerz

 

XVII

Weltenweiter Wandrer
walle fort in Ruh …
also kennt kein andrer
Menschenleid wie du.

Wenn mit lichtem Leuchten
du beginnst den Lauf,
schlägt der Schmerz die feuchten
Augen zu dir auf.

Drinnen liegt – als riefen
sie dir zu: versteh! –
tief in ihren Tiefen
eine Welt voll Weh …

Tausend Tränen reden
ewig ungestillt,
und in einer jeden
spiegelt sich dein Bild!

(Rainer Maria Rilke, Weltenweiter Wanderer, XVII, aus: Traumgekrönt, 1897, Online-Quelle)

 

Wer einmal einen tiefen Schmerz erlitten,
Ist nicht mehr jung. Bis dahin war er’s,
Und hätte silberweiß sein Haar bereits
Den tiefgebeugten Scheitel ihm umglänzt.

Wer zählt die Jahre, wenn er glücklich ist?
Er lebt und weiß nicht, daß er lebt.
Der Schmerz erst ist die Grenze, wo wir weinend
Zurück und schaudernd vorwärts blicken.

(Ferdinand von Saar, Wer einmal einen tiefen Schmerz erlitten, aus: Kaiser Heinrich IV., Dramatisches Gedicht in zwei Abteilungen, 2. Teil „Heinrichs Tod“, Online-Quelle)

 

Überwintern

Das Moos, es bleibt,
wenn all die Blumen schon gestorben,
tief unter Schnee noch unverdorben.
Wie ähnlich ist es mir!

Tief lag ich unter Gram.
Viel schwere Jahre lang,
und als mein Winter kam,
da stand ich unverwelkt
und fing erst an zu grünen.

(Anna Louise Karsch, Überwintern, möglicherweise aus: „Mein Bruder in Apoll“: Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Online-Quelle, dort verm. Überschrift ergänzt)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, ist ein Bruch zur Fröhlichkeit der letzten Wochen. Neee, alles gut, nur ist mein Mai nie uneingeschränkt heiter. Ich hätte gern ein paar schöne „Mutter“-Gedichte eingestellt, finde aber alle (mit einer Ausnahme, und die habe ich schon) unerträglich.

Kommt gut in die neue Woche und gebt acht, wem ihr zu nahe kommt!