Vom Herbstgefühl (2)

Herbst-Gefühl

Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
Träumet still die Au.

An der letzten Rose
Löset lebenssatt
Sich das letzte lose,
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben
Schleicht sich durch den Hain!
Auch Vergehn’n und Sterben
Däucht mir süß zu sein.

(Karl Friedrich von Gerok, Herbstgefühl, aus: Palmblätter, 1860, Online-Quelle)

Herbstbild

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah‘,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös’t sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

(Friedrich Hebbel, Herbstbild, aus: Gedichte (Ausgabe letzter Hand), 1857, entstanden 1852, Online-Quelle)

Waldlieder

9.

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir, als hör’ ich Kunde wehen,
Daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

(Nikolaus Lenau, Waldlieder (9.), aus: Gedichte. Fünftes Buch, 1844, entstanden 1843, Online-Quelle)

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)



Quelle: Pixabay


Einmal im Jahr (ich achte sorgfältig darauf, dass nicht öfter, ich könnte ihn ständig zitieren) gibt es bei mir diesen einen meiner Lieblings-Rilkes. Ich habe dieses Gedicht als Jugendliche kennen- und lieben gelernt und nie vergessen.

Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!

Außerdem habe ich mir überlegt, dass nächsten Montag nach langer Zeit mal wieder BALLADENTAG sein könnte?! Wie ist es mit euch, seid ihr dabei? Was ich damit meine, könnt ihr hier genauer nachlesen.


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Vom Sommer und Müdigkeit

 

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose steh’n,
Sie war, als ob sie bluten könne, roth;
Da sprach ich schauernd im Vorübergeh’n:
So weit im Leben, ist zu nah‘ am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

(Friedrich Hebbel, Sommerbild, 1844, aus: Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Besorgt von Richard Maria Werner. 1. Abteilung: Werke, Berlin, 1911 ff., Bd. 6, S. 230., Online-Quelle)

 

 

Sommerlich die Gärten tönen

Sommerlich die Gärten tönen,
singen Vögel, rauscht das Laub.
Hinter all dem zärtlich Schönen
geht die Raserei auf Raub.
Sie verstockt sich, nicht zu hören
auf des Lebens Harmonie;
stets nur konnte sie zerstören,
was in Friedlichkeit gedieh.
Wir, die dankerfüllt genießen,
was in Busch und Baum geschieht,
die sich gern bezaubern ließen
durch der Jahreszeiten Lied,
wittern plötzlich das Verderben,
das mich, der das Leben liebt,
dennoch läßt gewaltsam sterben,
wenn es alles dies noch gibt,
ungestört vom Bomber-Dröhnen,
gegen Schlachten-Donner taub:
sommerlichen Glückes Tönen,
Lerche und bewegtes Laub.

(Max Herrmann-Neisse, Sommerlich die Gärten tönen, 1940, Online-Quelle)

 

Spruch für eine Sonnenuhr

Der Tag geht über mein Gesicht.
Die Nacht, sie tastet leis vorbei.
Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei.

Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
Und keiner lebt, der deuten mag,
was beider Schatten ihm gebracht.

Und ewig kreist die Schattenschrift.
Leblang stehst du im dunklen Spiel.
Bis einmal dich die Deutung trifft:
Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

(Rudolf Binding, Spruch für eine Sonnenuhr (am Hochzeitsturm in Darmstadt, Bild), 1927, Online-Quelle)

 

 

 

Ein früher Vogel …

… war hier nicht unterwegs, also ich, aber Kleiber sind im Allgemeinen nicht nur fotogen, sondern auch fleißig (und können einen Baum kopfüber nach unten laufen). Ja, was fürs Vogelbuch, ich weiß, ich weiß, ich bin auch ganz stolz, denn lang auf einer Stelle ist er nicht geblieben, trotz Wald und keine Gefahr und so.

Wir wollen von heut an immer eine Stunde früher anfangen! Niemand weiß, ob er nicht Feierabend machen muß, ehe er müde ist!
(Friedrich Hebbel, Agnes Bernauer, III,6)

 

Kleiber am Baum | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

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Ruhetag

Schlaf ist ein Hineinkriechen des Menschen in sich selbst.

Der Schlaf ist die Nabelschnur, durch die das Individuum mit dem Weltall zusammenhängt.

(beide Zitate von: Friedrich Hebbel, Quelle)

Den Gang rausnehmen.
Den Tag verschlumpfen.
Die Gedanken auf die Weide schicken.
Die Seele an den Strand.
Nichts müssen.
Alles dürfen.
Faul sein.
Zeit verschwenden.

Morgen ist auch noch … *chhhhhhhhhhhhhhhhrrrrrrrrpppphhhhhhhh*
Genau.

 

schlaf couch – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay