Vom Frühling und der Freude

 

Der Frühling

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,

O! welche Freude haben die Menschen! froh
Gehn an Gestaden Einsame, Ruh und Lust
Und Wonne der Gesundheit blühet,
Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.

(Friedrich Hölderlin, Der Frühling, aus: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Stuttgart 1953, S. 279, Online-Quelle)

 

Will Dir den Frühling zeigen

Will Dir den Frühling zeigen
Der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
Und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu Zweien gehn
Und sich bei den Händen halten –
Dürfen ihn einmal sehn.

(Rainer Maria Rilke, Will dir den Frühling zeigen, aus: Advent, 1898, Online-Quelle)

 

Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein

Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen,
Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein;
Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen,
Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen
Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.
Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,
Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen.
Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein
Und von Liebe und Sehnsucht niemals verlassen.

(Max Dauthendey, Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 321)

 

Quelle: Photo by Rodion Kutsaev on Unsplash

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Werbeanzeigen

Heilig

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

(Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens, 1804, aus: Nachtgesänge, Quelle)

 

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
Seit ich liebe? warum achtetet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

(Friedrich Hölderlin, Menschenbeifall, 1798, Gedichte 1784-1800, Quelle)

 

Herzkerze | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, eines meiner Lieblingsbilder

 

Ich verdanke das zweite Gedicht Gerda, die es bei Ulli zu ihrem Beitrag „Heilig“ (31.10., sehr lesenswert, besonders der Kommentarstrang) gepostet hat (hier klicken). Und die klirrenden Fahnen aus dem ersten, viel bekannteren Gedicht nehmen mein (Sturm- und Fahnen-) Thema von letzter Woche auf …, abgesehen davon, dass es mich auch schon seit meiner Jugend begleitet.

Was ist heilig, was ist mir heilig? Ich würde es auf jeden Fall anders definieren als Ulli, deren Gedanken, dass „heilig“ und „profan“ zwei Seiten einer Münze sind, ich auch bejahe. Diese ihre Frage ist auch meine, ich grüble noch über meiner Antwort.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Merken

Merken

Ungebundene Sehnsucht – Freitag, 26. September 2014

Und immer ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht …

(Friedrich Hölderlin)

 

„In jeder Hinsicht zieht mich das Unsagbare, Unbeschreibliche magisch an, und im Grunde glaube ich, dass sich dort immer auch die Liebe in all ihren verschiedenen Gewändern zeigt.“ Diesen Satz fand ich gestern bei Frau Coupar, und ich kann ihr nicht nur aus vollem Herzen zustimmen, ich bin sogar überzeugt, dass es so ist (was über „glauben“ hinausgeht).

Soweit ich weiß, ist das die Geisteshaltung der Mystiker, das Größere, Unsagbare, Unbeschreibliche zutiefst und demütig zu bewundern und zu lieben. Nun ist „Mystik“ allgemein kein besonders beliebtes Wort (und „Demut“ schon mal gar nicht), es wird entweder mit Esoterik oder Religion assoziiert, und aus guten Gründen gibt es gegen beides Einwände – es laufen einfach zu viele Fundamentalisten herum, die der Meinung sind, die Verkünder der einzig selig machenden Weisheit zu sein. Nein! Viele Flüsse fließen ins Meer. Aber es gibt ein Meer … und man kann es lieben …

 

nordlicht ungebunden sehnsucht – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay