Von Krieg und Sinn

 

Krieg und Friede

Die Welt hat Krieg geführt weit über zwantzig Jahr.
Numehr soll Friede seyn, soll werden, wie es war.
Sie hat gekriegt um das, O lachens-werthe That!
Daß sie, eh sie gekriegt, zuvor besessen hat.

(Friedrich von Logau, Krieg und Friede, 1640/41, aus: Sämmtliche Sinngedichte, Online-Quelle)

 

Kriegslied

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht Schuld daran zu seyn!

Was sollt’ ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen,
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb todt
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnoth?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch’ und ihre Nöthen
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich’ herab?

Was hülf’ mir Kron’ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht Schuld daran zu seyn.

(Matthias Claudius, Kriegslied, 1774, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, Wikipedia-Eintrag, Online-Quelle)

 

Totentanz 1916

So sterben wir, so sterben wir,
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends schon zu unterst im Grabe drin.

Die Schlacht ist unser Freudenhaus.
Von Blut ist unsere Sonne.
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
Kind und Weib verlassen wir –
Was gehen sie uns an?
Wenn man sich auf uns nur
Verlassen kann.

So morden wir, so morden wir.
Wir morden alle Tage
Unsre Kameraden im Totentanz.
Bruder reck dich auf vor mir,
Bruder, deine Brust!
Bruder, der du fallen und sterben mußt.

Wir murren nicht, wir knurren nicht.
Wir schweigen alle Tage,
Bis sich vom Gelenke das Hüftbein dreht.
Hart ist unsere Lagerstatt
Trocken unser Brot.
Blutig und besudelt der liebe Gott.

(Hugo Ball, Totentanz 1916, in: Der Revoluzzer. Sozialistische Zeitung für Bildung und Unterhaltung, Zürich, 2. Jg., 1916, Online-Quelle)

 

Damit könnte man eigentlich schon aufhören. Nun jährte sich gestern aber der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal.

Also kommt hier noch ein Zufallsfund, ein kleines Stückchen Wolfgang Borchert.

 

Brief aus Russland

Man wird tierisch.
Das macht die eisenhaltige
Luft. Aber das faltige
Herz fühlt manchmal doch lyrisch.
Ein Stahlhelm im Morgensonnenschimmer.
Ein Buchfink singt und der Helm rostet.
Was wohl zu Hause ein Zimmer
mit Bett und warm Wasser kostet?
Wenn man nicht so müde wär!

Aber die Beine sind schwer.
Hast du noch ein Stück Brot?
Morgen nehmen wir den Wald.
Aber das Leben ist hier so tot.
Selbst die Sterne sind fremd und kalt.
Und die Häuser sind
so zufällig gebaut.
Nur manchmal siehst du ein Kind,
das hat wunderbare Haut.

(Wolfgang Borchert, Brief aus Russland, 1943, Wikipedia-Artikel zu Borchert, Online-Quelle)

 

Soldatenfriedhof, Kriegsgräber | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Gestern vor 80 Jahren begann nicht nur der Zweite Weltkrieg, es begann „per rückdatiertem Erlass auch die systematische Tötung von Menschen mit Behinderungen durch das nationalsozialistische Regime“ (Quelle, danke. dergl). Mir haben sich bei dem Foto am Anfang, über dem Text, bei dem Leverkusener Inklusionsbotschafter Andreas Hollstein die Nackenhaare gesträubt.

 

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Von der Wahl

 

Heutige Welt-Kunst

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Dichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.

(Friedrich von Logau, Heutige Welt-Kunst, aus: Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend, Breßlaw, 1654, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär’ er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Dass zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

(Ludwig Thoma, Resignation, aus: Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Band 6, München 1968. Online-Quelle)

 

Abgesehen von der Profitlüge

Die kurzen Beine der Lüge sind
Auch nur etwas Relatives.
Ein Segler kreuzend gegen Wind
Ist immer etwas Schiefes.

Ob sie aus Anstand, aus Mitleid gibt,
Sich hinter der Kunst will schützen,
Wenn sie nicht innerst sich selber liebt,
Wird Lüge niemandem nützen.

Es gibt eine Lüge politisch und kühn,
Und die ist auch noch zu rügen.
Ich meine: Wir sollten uns alle bemühn,
Möglichst wenig zu lügen.

(Joachim Ringelnatz, Abgesehen von der Profitlüge, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

 

streetart st. pauli landungsbrücken | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, Hamburg, St. Pauli-Landungsbrücken

 

Kommt (wie immer) gut in die neue Woche!

 

Schwanengedöns

Hamburg hat, wie ich schon mal erwähnt habe, eine besondere Beziehung zu Schwänen, da sie als Hamburgs lebende Wahrzeichen gelten. In Finnland dagegen zählen Singschwäne zu den nationalen Natursymbolen und haben es sogar auf die Rückseite der 1-Euro-Münze geschafft. Schwäne stehen für Schönheit, Anmut und Stolz sowie Reinheit und Transformation. Erzählungen, in denen Menschen in Schwäne verwandelt wurden/werden, bereichern die Literatur. Götter werden von Schwänen begleitet und besonders in der keltischen und nordischen Mythologie und Sagenwelt kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Ich schweige zu Lohengrin, aber ich möchte Friedrich von Logau zitieren, der offensichtlich nicht so recht an die Sage vom vor seinem Tod singenden Schwan glauben mag:

 

Gläubstu, daß für ihrem Tode, wie man schreibt, die Schwanen singen?
Ja, wo du mir einen möchtest, der es selbst gehöret, bringen.

(Friedrich von Logau, Der singende Schwan, Quelle)

 

Last but not least hat es den Schwan in den Himmel geschafft: Nachts im Sommer ist über unseren Köpfen das Sternbild Cygnus („Schwan“) zu bewundern, auch „Kreuz des Nordens“ genannt. Sein Hauptstern, Deneb, bildet mit den Sternen Wega (Leier) und Altair (Adler) das Sommerdreieck.

Meine Beziehung zu ihnen ist eher normal und sentimental: Meine Lieblingsrunde führt mich um ein Gewässer, wo auch dieses Jahr wieder ein (Höcker-) Schwanenpaar gebrütet hat. Ich halte immer nach ihnen Ausschau. Sage und schreibe sechs Küken haben sie über den Sommer bekommen, das ist nicht gerade wenig. Und während sie im Mai noch winzig waren

Schwanenfamilie im Mai 2015 – 365tageasatzadayQuelle: meine allerliebste Freundin E. aus F. | KLICKEN MACHT GROSS

 

sind sie jetzt schon richtig groß und stehen den Alten, außer in der Gefiederfärbung, nicht mehr viel nach, zumindest in der Größe. (Ja, das sind sechs junge Schwäne, immer noch.)

Schwanenfamilie im September 2015 – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | KLICKEN MACHT GROSS

 

Gestern war ich mit der Kamera unterwegs und traf sie an Land, wo gerade eine überaus ausgedehnte Putzrunde stattfand. Wieder was fürs Vogelbuch! ;-) Vermutlich irritierte das Piepen des Autofokus oder der Spiegelschlag einen der Altvögel, auf jeden Fall machte er ein paar Schritte zur Seite, baute sich auf und begann, kräftig mit den Flügeln zu schlagen. Da ich mich nicht weiter beeindruckt zeigte, hörte er dann auch wieder damit auf und gab sich erneut der Gefiederpflege hin. Was für schöne, majestätische Vögel!

Quelle: ichmeinerselbst | KLICKEN MACHT GROSS