Prioritäten

„Wo sind die anderen?“
Sie konnte nicht gemeint sein. Oder doch? Es gab irgendwie gerade nichts, was Nina so egal war wie der Verbleib ihrer Familie. Sie hatte sie an der Käsetheke abgehängt, nachdem ihr die mit Inbrunst geführte Diskussion über den einzukaufenden meganussigsten Gebirgskäse (Österreich? Schweiz? Italien? Allgäu? (Letzteres bisschen abfällig.) Erinnerst du dich an unseren letzten Urlaub, als wir auf der Alm waren und diesen fa-bel-haften … was? Lieber Ziege? Nein, zu streng, das vertrage ich nicht!) sowas von auf den Senkel gegangen war, dass sie am liebsten geschrien hätte.
Als sie jedoch lässig „Und die Milch geschüttelt, nicht gerührt, und schon gar nicht linksdrehend“, eingeworfen hatte, sah sie aus dem Augenwinkel ein Grinsen über das Gesicht des Verkäufers huschen, das ebenso schnell wieder verschwand, wie ihre Schwestern empört Luft holten.
„Ich weiß, ich bin undankbar. Ich geh dann schon mal vor. Ich seh euch draußen.“

Ohne eine Spur von Bedauern ließ sie Geschäftigkeit und Geplapper hinter sich, stand vor dem Supermarkt und fror ziemlich. Noch bemerkte sie es nicht. Diese wenigen Minuten waren zu kostbar. Sie stellte die schweren Taschen sorgfältig ab und starrte verzaubert und gebannt in den schwarzblauen Nachthimmel. Es würde später richtig übel kalt werden, es roch schon so. Aber so viele Sterne sah man über der Großstadt wirklich nur jetzt. Wo war das Wintersechseck? Orion, der Jäger, grüßte sie. Rigel an seinem rechten Fuß, Sirius tief neben seinem linken, knapp über dem Horizont, Prokyon auf der Höhe des Gürtels. Darüber ihre Zwillinge, Castor und Pollux, und wenn sie den Kopf in den Nacken legte, funkelte hoch über ihr Capella sie an. Flammend und leuchtstark meldete sich südöstlich der rote Aldebaran, Cor Tauri, das Herz des Stiers. Wie immer bestaunte sie ehrfürchtig dieses großartige Schauspiel, fand noch weiter nordöstlich von ihm im Südhimmel die sieben Schwestern, denen er folgte, drehte sich um, sah den Polarstern behütet von seinem Drachen und lächelte. Der Große Wagen stand auf der Deichsel, und Cassiopeia ähnelte einem überdimensionierten E.
Fürs Erste alle da. Fein.

Sie roch den Zigarettenrauch, ehe sie realisierte, dass doch jemand neben ihr stand.
„Auch?“ Ein Päckchen erschien vor ihrer Nase. Sie fischte mit klammen Fingern eine heraus, ließ sich Feuer geben und nahm einen tiefen Zug. Dann erst bemerkte sie die Belustigung auf dem Gesicht ihrer Mutter.
„Mama?“
„Schon gut, Kind.“
Nichts musste gesagt werden. Alles war gut.

 

Orion – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dies ist, ihr ahnt es vielleicht schon, wieder ein Geschichtengenerator-Beitrag (mein neuestes liebstes Spielzeug), und zwar diesmal zur aktuellen „Wochenanregung“. Gegeben sind dieses Mal: Nina (schwer bepackt), Käsetheke und „Wo sind die anderen?“

Wer jetzt das Wintersechseck selbst suchen will, sollte wissen, wo am Himmel Süden ist und idealerweise den Orion kennen. Ihr findet hier Infos, und lasst euch gesagt sein, dass sich meine Beschreibung auf 21:00 Uhr am 17. Januar bezog. Egal, ob Nord- oder Süddeutschland, die Position der Sterne wird sich die nächsten Tage nicht großartig ändern, wenn das Jahr fortschreitet schon.

Die erwähnten „sieben Schwestern“ sind übrigens die Plejaden. Der Polarstern ist zwar immens wichtig, aber leuchtet nur recht schwach, das gilt auch für den Drachen. Aber wer den Großen Wagen findet, kennt vielleicht die Regel, die gedachte Verbindungslinie zwischen den beiden hellen hinteren Sternen des Großen Wagens um etwa das Fünffache zu verlängern, um auf den Polarstern zu treffen. Und dann ist Cassiopeia ein ziemliches Stück links davon.

 

Und ja, meine Damen, die Vampirgeschichte geht weiter, ich weiß schon fast wie, ich muss sie „nur“ noch schreiben … 😉

 

Blut und gut

„Oh! Das ist mir aber peinlich!“
„Das sollte es auch sein. Leg das wieder rein, aber plötzlich! Die oberen beiden Fächer des Kühlschranks sind mir, schon vergessen?“
„Schon gut, reg dich ab!“ Sie schob den Beutel wieder hinein und warf ihm verstohlen einen Blick zu. Eigentlich sah er ja ganz gut aus. Maximal Mitte 20, ein Typ mit Stil. So was war selten. Sie wagte sich vor. „Wofür brauchst du Blut? Das ist Kunstblut, oder? Jobbst du beim Film?“
Kurzes Zögern.
„Das ist mein Abendessen. Ich bin Vampir.“
Sie fühlte sich prompt verarscht. Wofür hielt der sie? Sie ging hoch wie eine Rakete.
„Sehr witzig. Ich hab auf diesen Twilight-Scheiß noch nie gestanden! Deshalb bist du auch so blass, was? Ach nee, als nächstes erzählst du mir bestimmt, dass du im Sonnenlicht glitzerst. Da sind mir die Vampire doch lieber, die in Särgen schlafen und anständig verbrennen, wenn sie auch nur einen Lichtstrahl sehen!“

Sie rauschte aus der Küche und knallte die Tür so laut zu, dass John fürchtete, sie würde gleich aus dem Rahmen fallen. „Idiot!“ hörte er noch. Er seufzte und sah ihr bedauernd nach. So viel dazu. Er nun wieder. Großartig gemacht. Was hatte auf seinem Glückskeks gestanden, den er Silvester gezogen hatte? Sie stehen kurz vor einer knisternden Begegnung. Auf der Party hatte er das noch für möglich gehalten. Im Moment sah es allerdings eher danach aus, als ob Sara ihn mit Knoblauch traktieren würde, wenn sie sich das nächste Mal begegneten. Was in einer WG höchstens eine Frage von Stunden war. Nervig. Und so gar nicht nach Plan.

Seine Auftraggeber hatten die Macht moderner Mythen doch ziemlich unterschätzt. Dass Aufklärung zum Thema Vampire nottat, okay. Aber … Glitzern? Da war eindeutig etwas schief gelaufen. Man musste sie informieren.
Er nahm die Blutkonserve behutsam aus dem Kühlschrank und ermahnte sich zur Besonnenheit. Sein Job an vorderster Front war nicht zu verachten. Die Studenten-WG eignete sich prima zur Feldforschung, wenn er erst mal passende Rahmenbedingungen geschaffen hatte. Den Rest würden die nächsten Jahrhunderte zeigen.

 

Vampire – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auch dies ist eine Generator-Geschichte, bestehend aus den drei Elementen „John (oft sehr blass)“, „Küche“ und „Oh! Das ist mir aber peinlich!“ Ja, das ist noch die Vorgänger-Version des aktuellen Generators. Dennoch wollte ich den Text an die Luft setzen, bevor ich mir überlege, wie ich Nina von der Käsetheke wegbekomme. 🙂

 

Ausgesetzt

„Ich habe dich beobachtet. Was ist mit dem Korb? Ist er zu schwer? Soll ich dir helfen, ihn hochzuheben?“
Das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren zuckte zusammen. Sie drehte sich zu Mina um, schüttelte den Kopf und rannte weg. Den Korb ließ sie stehen. Erschrocken bemerkte Mina, dass ihr Gesicht verheult war. Sie schätzte sie vielleicht auf 10 oder 11.
„Halt, warte“, rief Mina ihr hinterher, aber natürlich blieb die Lütte nicht stehen. Sie sah ihr hinterher, bis sie ohne anzuhalten im nächsten Seitenweg verschwand, und schüttelte den Kopf. Was war denn da wohl los?

Der Frühling hatte auch in Ohlsdorf, dem riesigen Hamburger Parkfriedhof, Einzug gehalten. Die Gräber ihrer Großeltern mussten wie jedes Jahr für die neue Saison hübsch gemacht und bepflanzt werden. Aber das war zum Glück ziemlich schnell erledigt gewesen. Sie musste nur noch die Armvoll alter Gestecke und Tannenzweige loswerden, die sie jetzt in einen der bereitgestellten Container auf dem Friedhof wuchtete. Der Wind biss in ihr Gesicht und sie rieb sich die kalten Hände. Fertig! Der Nachmittag gehörte ihr. Nichts wie nach Hause ins Warme zu Tee und Büchern und ihrer Arbeit für die Uni!

Der Korb des Mädchens stand immer noch da. Ein brauner, solide geflochtener Picknickkorb mit Henkel, dessen beide Deckel geschlossen waren. Plötzlich hörte sie Geräusche, und einer der Deckel fing an, sich zu heben.
Ein Geist!? Mina starrte den Korb an. Nein. Eine Nase schob sich durch den Spalt, zwei Augen, zwei riesige Ohren, ein dreieckiger Kopf. „Mau“, sagte das Alien vernehmlich und ein wenig kläglich. Eine Katze!

Katze Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

„Kleines, was machst du denn in dem Korb?“ Mina war mit wenigen Schritten bei ihr und griff nach der Katze, die sich gerade aus ihrem Gefängnis herausarbeitete. Ein rotgetigerter Winzling, bestimmt noch keine drei Monate alt. Sie hob sie hoch und steckte sie unter ihre Jacke, um sie vor dem Wind zu schützen. Die Kleine sah sie aus großen vielfarbigen Augen an und nieste. Dann hielt sie mit einer Pfote ihren Zeigefinger fest und begann, daran zu knabbern. Mina grinste. Zärtlich streichelte sie ihr Findelkind unter dem Kinn und hinter den Ohren. Das reckte das Kinn nach oben, kniff die Augen zusammen und fing an zu schnurren, dass sein gesamter Körper bebte. Weiterkraulen!

Mina sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, schnappte sich den Korb zur näheren Untersuchung und setzte sich mit dem Katzenbaby, das sich an ihrer Brust in der Jacke ganz kuschelig zu fühlen schien, auf eine Bank. Im Korb lagen eine Decke, eine Handvoll Trockenfutter und ein handgeschriebener Zettel.

 Zettel Emma – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay/ichmeinerselbst

 

Sie heist Emma und sie ist total lieb und richtig schlau.
Papa hat gesagt ich darf sie nicht behalten und wenn er sie findet schmeist er sie aus dem Fenster wie die anderen. ich weis nicht was ich anders machen soll auser sie hier lassen weil hier fiele Mäuse sind. Bitte helfen sie!

 

Mina hatte einen Kloß im Hals. Die hier kriegst du nicht, du Arsch! Jemanden, der kleine Katzen aus dem Fenster warf, würde sie am liebsten hinterherschmeißen, damit er wüsste, wie sich das anfühlt, das hatte sich nicht geändert. Einer ihrer Opas stammte von einem Bauernhof, dort war es auch üblich gewesen, überflüssige Katzen auf eine ähnliche Weise loszuwerden. Aber die waren dann doch viel kleiner, wie er sich vor seiner entsetzten Enkelin verteidigt hatte, die danach für Wochen nicht mehr auf seinem Schoß sitzen wollte und lieber Oma in der Küche half. Mina hatte Katzen immer schon geliebt.

Emma miepte in ihrem Arm, als ob sie fühlte, dass ihre neue Freundin von irgendwas beunruhigt war. Sie strampelte sich frei, machte einen Buckel, streckte sich, stieg elegant in den Korb zurück und fraß das Trockenfutter auf. Anschließend sah sie Mina auffordernd an.

Der war klar, dass sie gerade um den Finger, Pardon, um die Kralle gewickelt wurde und dabei war, diesem zierlichen Wesen zu verfallen. Eine Katze, die alles Wichtige bereits wusste, nämlich wie man Herzen gewinnt. Sie seufzte und gab auf. Eigentlich war es sowieso gar keine Frage gewesen, oder?
„Du kommst mit mir“, entschied sie. Ohlsdorf war als Idee schon okay, es gab dort angeblich so einige wild lebende Katzen, aber so kleine? „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal für dich.“
Sie verschloss den Korb, befestigte ihn sorgfältig auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads und brauste davon. Wilhelmina und Emma, das passte doch allein vom Namen her schon super! Ihre WG konnte ein bisschen mehr Frauenpower gut gebrauchen.

Vier Tage später stand der Picknickkorb wieder am selben Platz. Darin lag ein Bild von dem Kätzchen auf einer Couch zwischen lauter Kissen. Und ein Zettel.

Hallo, Prinzessin! Ich wollte nur, dass du weißt, dass Emma jetzt bei mir lebt und dass es ihr gut geht. Ich wohne mit ein paar Leuten zusammen in einer großen Wohnung nicht sehr weit von hier, und die haben gesagt, es ist okay, es gibt genug Platz für sie. Kannst also aufhören, dir Sorgen um Emma zu machen.
Aber wenn eure Mutterkatze nochmal schwanger wird, dann musst du mir versprechen, dass du die Kleinen ins Tierheim bringst. Der Friedhof ist echt nicht der richtige Platz. Oder ihr müsst mit eurer Katze zum Arzt, damit sie keine Kinder mehr bekommen kann. Nimm den Korb wieder mit und pass auf dich auf. Und danke für Emma, du hattest recht, sie ist ein totaler Schatz.

Als Mina wieder zu ihrem Fahrrad kam, war der Korb schon verschwunden. Auf den feuchten Sandboden daneben hatte jemand mit dem Schuh oder so DANKE!!! geschrieben. Mit drei Ausrufezeichen. Mina lächelte glücklich. Sie glaubte, das Mädchen um die Ecke biegen zu sehen, aber sicher war sie nicht.

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Auch diese Geschichte verdankt ihre Idee/ihren Anschub Jutta Reichelt und ihrem neuen Geschichtengenerator. Vielen Dank für den Spaß! 😀

 

Mutter hat ein Date

„Ich muss dir etwas sagen. Ich glaube, ich habe mich verliebt.“
„Mama!“ Ihre Tochter legt den Eislöffel säuberlich auf den Rand ihres Bananensplits und sieht sie missbilligend an. Schon merkwürdig, denkt Luise, wie oft sie sie an ihre eigene Mutter erinnert. Der gleiche strenge Zug um den Mund. Von ihr hat sie den nicht!
„Du darfst mir gern gratulieren. Natürlich nur, wenn du möchtest.“
„Ach, Mama, selbstverständlich. Wie wunderbar für dich! Ich bin nur so überrascht. Wer ist es denn? Kennen wir ihn? Doch nicht etwa der Hansen aus dem Kulturverein, mit dem du schon öfter mal ins Konzert gegangen bist?“
„Manfred? Nein, nein. Außerdem hat der viel zu viel mit seinem Herz zu tun, der denkt nur noch an seine Gesundheit.“
„Ja, aber wer ist es dann? Wir haben dir ja immer gewünscht, dass du nach Papa noch einmal einen netten Mann treffen würdest, aber du hast doch dauernd gesagt, dass sich in unserem kleinen Städtchen nichts Passendes findet.“
Luise lächelt in sich hinein.
„Das stimmt auch, Sandra. Deshalb bin ich andere Wege gegangen.“
Ihre Tochter zögert. „Sag nicht, dass du auf so eine Zeitungsannonce geschrieben hast.“
Hat sie, aber das wird sie jetzt nicht erwähnen. Die Rückläufe waren enttäuschend.
„Nein. Na gut, du würdest bestimmt nicht darauf kommen. Ich habe ihn im Internet kennengelernt.“
„Mama!“ Jetzt ist Sandra wirklich entsetzt. „Im Internet? Mama, wie kannst du nur? Du weißt doch gar nicht, wie so was geht!“
Bei so viel gebündelter Ignoranz verliert Luise die Geduld. Angst vor Technik hin oder her, ihre Tochter ist erst Anfang vierzig, Herrgott!
„Darf ich dich daran erinnern“, sagt sie spitz, „dass ich dir erst neulich erklärt habe, wie du online herausbekommen kannst, ob der Film, den du sehen willst, auch läuft, und wie man im Kino einen Platz reserviert? Nicht etwa du mir? Damit wäre ja wohl geklärt, wer sich mit diesem Internet auskennt!“

Volltreffer. Ihre Tochter stochert regelrecht in ihrem Eis herum. Schade drum, sie treffen sich eigentlich immer in dieser Eisdiele, weil das Eis so gut ist. Luise trinkt noch ein Schlückchen Cappuccino und lässt Sandra in ihren Gedanken schmoren.
„Mir gefällt das nicht, Mama“, erwidert ihre Tochter schließlich. „Man hört so oft, dass so viele Betrüger im Internet unterwegs sind, sogar im Fernsehen kam das schon. Wie kannst du sicher sein, dass du keinem aufsitzt und der Typ seriös ist? Woher kennst du ihn denn?“
Luise seufzt. „Von dem Blog, den Johanna betreibt. Du erinnerst dich an Johanna aus Frankfurt, die mal bei uns war? Die hat vor ein paar Jahren einen Blog aufgemacht mit Themen für Leute über 60. Passt ja. Dort trifft man meistens Frauen, klar, bei solchen Sachen ist das normal. Und die paar Männer sind dann ganz schnell Hahn im Korb, manche nützen das richtig aus und flirten, was das Zeug hält. Aber mit ihm war das anders. Er schrieb dort immer sehr nette und sehr kluge Kommentare, wie ich fand, und war sehr distanziert. Mir fiel auf, dass wir eine ähnliche Meinung zu vielem haben. Ihm auch. Und dann hat sich langsam was entwickelt. Wir haben uns zuerst oft E-Mails geschrieben, haben Bilder ausgetauscht und irgendwann angefangen, stundenlang miteinander zu telefonieren. Er heißt übrigens Peter, ist geschieden und war Ingenieur bei VW in der Autostadt.“

Sie lehnt sich zurück und lächelt, tief in Gedanken versunken. Seit der Krebs ihr vor drei Jahren Sandras Vater genommen hat, war sie nicht mehr so glücklich und so sicher, das Richtige zu tun. Fast hatte sie vergessen, wie sich Schmetterlinge im Bauch anfühlen. Aber sie hat es geschafft. Den Verlust durchlitten, die Nächte durchgeheult, das Leben neu angepackt. Und jetzt hat sie ihre Tochter mit dieser Eröffnung überfahren, sie sieht es ihr an. Sie zuckt die Achseln und hat fast ein bisschen Mitleid. Alles gut. Umgekehrt würde sie sich bestimmt auch so fühlen.

„Und nun?“ fragt Sandra lahm. „Wie geht es weiter, wie denkt ihr euch das? Kommt er dich hier besuchen?“
Luise schüttelt den Kopf und setzt zu einer längeren Erklärung an. Da tritt die Bedienung an den Tisch und unterbricht sie.
„Entschuldigen Sie bitte. Hat eine der Damen ein Taxi bestellt?“
„Himmel“, sagt Luise, „ist es schon halb zwölf? Sagen Sie dem Fahrer, ich käme sofort, ja?“ Die Frau verschwindet.
„Mama!“ Es klingt nicht mehr drohend, es klingt hilflos. „Mama! Was hast du vor?“
„Das ist ganz einfach“, entgegnet ihre Mutter, die in ihrer Börse nach einem Geldschein sucht und ihn ihr zuschiebt. „Zahl du für mich mit, ja? Ich fahre nämlich jetzt mit der Bahn nach Hamburg. Ins Musical. Heute Abend König der Löwen, davor Romantic Dinner – guck nicht so, der Veranstalter nennt das so, nicht ich – danach vielleicht ein kleiner Absacker an der Hotelbar. Bevor du fragst, ja, er wohnt auch in dem Hotel. Entweder es funkt … oder nicht. Ich denke, dass ich übermorgen spätestens zurück bin, ich sag dir Bescheid. Wünsch mir Glück, ja?“
Luise steht auf, küsst Sandra auf die Wange und lässt ihre verdatterte Tochter sitzen. Sie weiß ja, dass die immer ein bisschen braucht.

Sandra sieht ihr nach, wie sie an der Garderobe in den leichten Mantel schlüpft, den Hut zurechtrückt und ein kleines Köfferchen aufnimmt, eine aufrechte, zierliche Person, die einem neuen Lebensabschnitt energiegeladen und mit offenen Armen entgegengeht. Ihre Mutter. Und plötzlich ist sie verdammt stolz auf sie.

 

Schmetterlinge – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auch diese Geschichte verdanke ich einer Anregung durch den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, den ich Schreibbegeisterten gern weiterempfehle.

Sollten wir uns vorher nicht mehr lesen: was auch immer ihr tut, 2016 steht vor der Tür, brecht fröhlich und ohne irgendwelche Katastrophen emotionaler und sonstiger Natur dorthin auf! Und möge das neue Jahr friedlich und gut für jeden Einzelnen und für uns alle werden, was auch immer „gut“ ist!

 

Null Bock auf Weihnachten

So gekonnt, als würde er nie etwas anderes tun, balancierte der stämmige Mann auf der linken Schulter einen ausladenden Tannenbaum über den Bahnsteig zur S-Bahn. Der Baum befand sich zwar in einem Netz, dennoch, schätzte Clara, hatte er ganz bestimmt Überlänge und hätte laut ihrem Fahrlehrer eine rote Warntafel haben müssen. Bei ihnen ins Wohnzimmer hätte er dagegen von der Höhe her vermutlich gepasst. Sie grinste in sich hinein. Der Mann wäre ihr auch ohne den Baum aufgefallen: Er trug einen roten Mantel mit weißen Borten plus passender roter Mütze mit weißem Bommel und erinnerte sie an den Coca-Cola-Weihnachtsmann. Er hinkte auf dem linken Bein ein wenig, aber es schien ihn nicht zu behindern. Wie Papa, dachte sie, und fühlte den vertrauten Stich im Herz. Aber Papa war dünner.

Schon verrückt, dass sie an Weihnachten auf dem Bahnhof stand und eben ihre beste Freundin in den Zug gesetzt hatte. Keine große Sache, Nina war öfter bei ihr, aber am liebsten wäre sie mitgefahren, weihnachtlich fühlte sie sich beim besten Willen nicht. Clara nippte an ihrem Coffee to go und sah, an das Geländer der Fußgängerbrücke in der Bahnhofshalle gelehnt, hinunter auf die Bahnsteige. Ein paar Gleise neben ihr fuhr gerade ein ICE nach Süden ein. Die Bremsen quietschten ohrenbetäubend, dann begrüßte eine freundliche Stimme die Ankömmlinge. „Hamburg Hauptbahnhof, hier Hamburg Hauptbahnhof. Willkommen auf Gleis 9. Dieser Zug hat Anschluss …“ Clara hörte nicht weiter zu, sondern beobachtete den Mann mit dem Baum, der sich mühsam durch die hastenden Fahrgäste seinen Weg bahnte und offensichtlich vorhatte, den Bahnsteig zu wechseln, um eine andere S-Bahn zu erreichen. Sie hatte noch ein bisschen Zeit, bevor ihre Mutter sie zurückerwartete und für die üblichen letzten Vorbereitungen rund um Heiligabend einspannen würde. Sie schnaubte. Seit damals hatte sie null Bock mehr auf Weihnachten. Vier Jahre war es jetzt her, dass sie nur noch zu dritt waren. Obwohl ihre Mutter durchaus gut aussah, hatte sie nach zwei eher flüchtigen Bekanntschaften ihr und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder bisher keinen wirklichen Nachfolger für den Vater präsentiert, der sich Hals über Kopf in einer überstürzten Nacht-und-Nebel-Aktion abgesetzt hatte. Clara hatte nie wieder was von ihm gehört und war stinksauer und traurig und verletzt in einem. Und Weihnachten erinnerte sie zu schmerzlich daran, wie super es gewesen war, als noch alles okay war. Als sie noch eine richtige Familie waren.

„Es ist besser so, glaub mir“, war die Standardreaktion ihrer Mutter, wenn sie das Thema zur Sprache brachte, „soll er doch machen, was er will.“
„Aber Mama! Er kann doch nicht so einfach abhauen und so tun, als ob es uns nicht mehr gäbe! Und das alles bloß wegen dieser … Tussi!“
„Siehst du doch, dass er kann. Und jetzt lass mich damit in Ruhe, ich hab wegen ihm genug geheult.“

Das war unbestreitbar wahr. Wahr war auch, dass Claras Mutter als höhere Beamtin genug verdiente, um auch ohne eventuelle Unterhaltszahlungen ihres durchgeknallten Mannes finanziell klarzukommen. Wobei mit denen eh nicht zu rechnen gewesen wäre, wie sie abschätzig bei jeder unpassenden Gelegenheit erklärte.
Worüber dagegen zu wenig gesprochen wurde, war die Liebe. Claras Vater, charmanter Lebenskünstler und ehemaliger Offizier zur See, war bis zu jenem Tag die unbestrittene Sonne an ihrem Himmel. Er hatte mit ihr Fußball gespielt, ihr Gitarre und das Pfeifen auf den Fingern beigebracht und sie immer dann gegen die Mutter verteidigt, wenn die wollte, dass Clara irgendwelchen Mädchenkram machen sollte, auf den Clara nicht stand. Unvorstellbar, dass er einfach so verschwinden und sich nie wieder melden würde. Er liebte sie doch. Sie und ihren Bruder. Selbst ihre sonst reichlich zurückhaltende und steife Mutter hatte an seiner Seite immer ziemlich gechillt gewirkt.

Aber diese Weihnachten war irgendwas anders. Simone, Claras Mutter, hatte seit ein paar Wochen ungewöhnlich gute Laune, hatte sich nicht über ihre Weihnachtswünsche aufgeregt und ihnen den üblichen Vortrag über sinnentleerten Konsum gehalten und auch nicht darüber gemeckert, dass die Läden vor Menschen überquollen, die sich benahmen, als hinge das ewige Heil von dem richtigen Geschenk ab. Mehr zu essen eingekauft als normal hatte sie auch. Und Plätzchen gebacken. Wie früher.

„Die hat irgendeinen Typ“, hatte Robbie gemutmaßt, als sie ihn nach seiner Meinung dazu gefragt hatte, und wie immer auf cool gemacht. „Wahrscheinlich lernen wir ihn an Weihnachten kennen.“ Clara hatte die Augen verdreht, ihm aber insgeheim recht gegeben. Ein weiterer Punkt auf der Liste, auf den sie gern verzichten konnte. Papa ersetzen? Nicht mit ihr.

Dieses Jahr hatten sie noch keinen Baum. Auch auffällig, Simone war nun wirklich kein Last-minute-Mensch. Clara sah immer noch dem sich entfernenden roten Mantel hinterher und registrierte plötzlich erneut den Baum und das vertraute Hinken. Irgendetwas machte ‚klick‘ in ihrem Kopf und alles passte zusammen. Sie dachte nicht nach. Sie setzte nur den Kaffeebecher vorsichtig auf den Boden, steckte die Finger in den Mund und pfiff, so laut sie konnte, mit aller Kraft, und das war laut! Tief-hoch-tief-hoch. So was wie ihr Erkennungspfiff seit der Zeit, als Papa ihr beigebracht hatte, dass man so oder so ähnlich „Seite“ pfiff. Und gleich noch mal. Die Pfiffe gellten durch den Bahnhof.

 

Der Baum schwang abrupt herum. Sein Stumpf riss einem Herrn den Hut vom Kopf und erschreckte einen kleinen Hund, der sich auf Frauchens Arm plötzlich mit der Nase in der Tannenspitze wiederfand, so sehr, dass er zu kläffen begann. Der Mann setzte den Baum vorsichtig ab, entschuldigte sich mit einem Lächeln und sah sich nach der Quelle der Pfiffe um. Da rannte Clara schon die Treppe hinunter. Sie wich den Entgegenkommenden ohne Mühe aus und lief fast über den gesamten Bahnsteig, bis sie ihn endlich erreicht hatte. Er sah sie heranstürmen und breitete die Arme aus. Sie warf sich hinein und hielt sich an ihm fest, als wollte sie ein paar Jahre nachholen. Er roch immer noch nach dem denselben Aftershave, und der Geruch warf sie fast um.

„Papa!“
„Na, Prinzessin?“
„Ich habe dich nicht erkannt! Beinahe hätte ich dich nicht erkannt!“
„Ich hätte dich vielleicht auch nicht erkannt. Gut siehst du aus. Bist erwachsen geworden.“
Er ließ sie los. Sie betrachtete ihn prüfend. In seinen Augenwinkeln blinkerte es feucht.
„Wie geht es dir? Warum hast du dich nie gemeldet? Wenn du mit Mama nicht hättest sprechen wollen, okay, das hätte ich verstanden, aber ich habe dich so vermisst!“
„Aber das habe ich doch! Ganz am Anfang habe ich euch einen langen Brief geschrieben und euch alles erklärt. Und Karten von unterwegs. Sag mal, soll das heißen, du weißt gar nicht, was los war und wo ich war?“
Clara starrte ihn an. „Neee. Nichts. Gar nichts. Ihr hattet euch gestritten, du warst abgehauen, und dann kamen wir aus der Schule und deine Sachen waren weg und du warst einfach nicht mehr da. Mama sagte, das würde auch so bleiben. Und das war alles.“
„Mein Gott.“ Er schwieg betreten, nicht einen Moment im Zweifel, dass Simone wie angedroht jegliche Kommunikation unterbunden hatte. Konsequent war sie immer gewesen. „Nett, dass du überhaupt noch mit mir redest.“
Seine Tochter entschied, dass das möglicherweise die Wahrheit und jetzt kein guter Zeitpunkt für weitere Nachfragen war. Mal sehen, was Mama im Kreuzverhör später dazu sagen würde. Sie grinste schief und wechselte das Thema.
„Ist der Baum etwa für uns?“
Er machte ein überraschtes und dankbares Gesicht.
„Ja, für wen denn sonst? Ich wollte jetzt meine Tasche aus dem Schließfach zu holen und dann zu euch. Hat euch Simone etwa nicht erzählt, dass sie mich erwartet?“
„Kein Wort!“
„Ah. Vielleicht dachte sie, ich würde wieder kneifen. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.“
Clara hatte ihre gute Laune wiedergefunden. „Schon, aber sie hat Unmengen an Essen gekauft. Und Weihnachtsplätzchen gebacken. Sag bloß, das ist deinetwegen? Wir haben gedacht, sie hätte vielleicht einen neuen Kerl.“
Er stockte kurz, ging dann aber nicht darauf ein. „Keine Ahnung, ehrlich. Ich habe nur mit ihr ausgemacht, dass ich den Baum mitbringe und die Weihnachtsüberraschung bin. Wie geht es Robbie? Und was machst du überhaupt hier?“
„Robbie hängt am Computer, spielt oder guckt Pornos, was weiß ich. Das Übliche. Ich habe vorhin Nina zur Bahn gebracht. Erinnerst du dich an Nina?“
„Deine Freundin aus Lüneburg mit den Pferden? Klar. Seid ihr immer noch so gut befreundet?“

Clara nickte heftig und geistesabwesend. So langsam begriff sie, was eben geschehen war. Ihr Vater war wieder da. In echt, nicht nur geträumt. Sie schluckte. Was war heute, Weihnachten? Toller Tag.

Er lud sich den Baum erneut auf und legte den freien Arm um die Schultern seiner großen Tochter. Wie wunderbar das war. Sie hatten nur drei Stationen mit der S-Bahn zu fahren, dann würde er in seinem alten Leben zu Besuch sein. Er wusste, dass er Antworten auf eine Menge Fragen finden musste. Vier Jahre Abwesenheit waren auch nicht einfach wegzulachen. Und Simone hatte am allermeisten Ehrlichkeit verdient, selbst wenn sie ebenfalls einiges verschwiegen zu haben schien. Aber, hatte er beschlossen, wenn sie ihm die Chance gab, wollte er zumindest in der Nähe bleiben. Ihr beweisen, dass auch ein alter Esel zu Verstand kommen kann. Man würde sehen.
Der Baum wippte auf seiner Schulter im Takt seiner Schritte. Er konnte das Fest kaum erwarten.

 

Null Bock Weihnachtsbaum – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Schön, dass ihr alle bis hierhin durchgehalten habt. Ist ja Weihnachten, da hoffe ich, dass ihr bisschen Zeit zum Lesen mitgebracht habt …
Diese Geschichte verdankt ihre Existenz im Wesentlichen Jutta Reichelt und ihrem Geschichtengenerator. Vielen Dank, Jutta, du siehst, es macht Spaß! 🙂 Weitere Geschichten werden folgen.

Wer wissen möchte, wie und warum man „Seite“ pfeift, folge bitte diesem Link.