Aufruf! Balladenmontag: Der Zauberlehrling

Ihr Lieben, wie angedroht ist heute Balladen(oster)montag, und hier kommt eine meiner erklärten Lieblingsballaden.
Balladen sind, so hatte ich das im Januar kurz erklärt, Romanhandlungen oder zumindest Episoden, die der Autor in Gedichtform gebracht hat. Das macht das Gedicht in der Regel länger, okay, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt (auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß). Und weil eine gute Geschichte die Protagonisten in Schwierigkeiten bringt (danke auf ewig für diesen Satz, Jutta), hat eine Ballade dramatische Elemente (denn die Schwierigkeiten müssen ja irgendwie bewältigt werden, und oft sind das drastische Lösungen), womit es dann erstens (hoffentlich) nicht langweilig ist und zweitens gleich drei Literaturgattungen vereint: Lyrik, Epik, Drama. Ja, ich weiß auch, dass es Balladen gibt, wo die Dramatik darin besteht, dass ein Apfel vom Baum fällt, aber die versuche ich zu ignorieren.

Ich habe mir einen DER Balladen-Klassiker ausgesucht, nämlich Goethes Zauberlehrling.

 

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen,
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach, und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein!

Nein, nicht länger
Kann ichs lassen:
Will ihn fassen!
Das ist Tücke!
Ach, nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten!

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

„In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.“

(Johann Wolfgang von Goethe, Der Zauberlehrling, 1798, Quelle, Quelle)

 

Blog goes Ballade | 365tageasatzaday

Nun habe ich nicht vor, hier eine Gedichtinterpretation vorzunehmen, damit hat man mich schon in der Schule jagen können, und das ist inzwischen doch schon recht lange her. (Es ist ein Phänomen, dass Leute etwas gern zerreden und damit den Zauber kaputtmachen, selbst aus den besten Absichten. Wenn es nicht euer Ding ist, dann ist das eben einfach so.) Verweisen möchte ich aber gern auf den Artikel in der Wikipedia, der auch auf „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“, hinweist, was zumindest ich als geflügeltes Wort kenne. Und ansonsten hoffe ich, die Begegnung mit den Zauberlehrlingen amüsiert euch.

 

Natürlich gibt es massenweise Interpretationen des Zauberlehrlings. Zuerst habe ich Klaus Kinski für euch, der wirklich eine angenehme Abwechslung vom sonstigen Gesäusel ist.

 

 

Was womöglich viele von euch kennen, ist die musikalische Interpretation der „Jungen Dichter und Denker“. Die ist mir allerdings nach Kinski viel zu mainstreamig. Aber immerhin, die Idee ist gut. Nicht überzeugen konnte mich dagegen der ansonsten von mir sehr geschätzte Achim Reichel mit seiner Vertonung.

 

 

Das Osterei zum Schluss: Micky Maus als Zauberlehrling. Ein Ausschnitt aus „Fantasia“ von 1940. Ich muss immer wieder darüber lachen.

 

 

Na, hat es Spaß gemacht? Wenn ihr wollt, seid ihr jetzt dran. Füllt das Netz mit Balladen (und verlinkt mich gern. Auch das Bild oben ist dafür gedacht.). Gegen das Vergessen, gegen den alltäglichen mehr oder weniger großen Irrsinn!

Und schöne Rest-Ostertage euch allen!

 

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Das Herz der Dinge

Bei Gedichten scheiden sich die Geister. Die einen rennen (oder klicken) weg oder verdrehen in schlechter Erinnerung genervt die Augen, die anderen werden dann erst so richtig wach. Und alle die, die selbst welche schreiben, die nehme ich jetzt sowieso mal aus. Dass ich zur „Wachwerden“-Fraktion gehöre, habt ihr euch möglicherweise schon gedacht. Da es in meiner Familie völlig okay war, Gedichte zu mögen und ich früh lesen lernte, liebte ich viele, bevor ich in die Klauen eines rüpelhaften Deutschlehrers geriet, über den ich in der Erinnerung immer noch schaudere und der mir klarmachte, wie simpel man Lyrik (ach was, fast alles) ganz einfach kaputt bekommt.

Ich jedenfalls konnte sogar Gedichte aufsagen. Freiwillig. Dazu gehörte der Wedekind’sche Tanten-(Humor-)Tester „Der Tantenmörder“ genauso wie mein Lieblingskurzgedicht vom Bumerang. Aber zeitweise konnte ich auch weite Teile von „Die Füße im Feuer“ auswendig, Goethes „Zauberlehrling“ sowieso und von Fontanes „Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ brauche ich gar nicht erst anzufangen. Schillers „Glocke“, die ich verabscheut habe, war Gegenstand einer Wette zwischen mir und einer Freundin (die ich gewonnen habe, ich musste sie nicht auswendig lernen), und dabei habe ich Klassiker wie die „Bürgschaft“, die meine Oma noch zitieren konnte, oder „Die Kraniche des Ibykus“ (beides Schiller) noch gar nicht genannt.
Warum ich Balladen so lieb(t)e? Ich vermute, dass es etwas damit zu tun hat, dass es noch nicht in diesem Ausmaß die heutigen Actionfilme gab, als ich sie kennenlernte – ja, ich meine das ernst. „Die Füße im Feuer“ haben einfach eine andere Qualität als „Stirb langsam“. Mögen kann ich beide.

Bei Ingrid las ich, dass Antonia von „Lauter&Leise“ nach dem (klassischen) Lieblingsgedicht fragt, und das brachte mich dann ernsthaft ins Grübeln. Denn so sehr ich die Balladen mag: Lieblingsgedicht? Hm. Also doch wieder Rilke, von dem ich ja behaupte, dass er immer geht, wenn auch nicht in der Masse? Och neeee.

Irgendwann überfiel es mich und ich zuckte zusammen, denn ich weiß, für einige ist das Kitsch pur. Eichendorff, bitte so puristisch verstehen, wie man einen Romantiker nur verstehen kann.

 

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph von Eichendorff, Quelle)

 

Eigentlich mag ich inzwischen weniger die Formulierung, die durch das ständige Zitieren doch schon ziemlich überstrapaziert ist, als das Konzept dahinter. Das aber leidenschaftlich. „Die Vorstellung, durch Befreiung der Dinge könne das Eigentliche der Welt erfasst werden, ist […] weit älter und dem Pantheismus zuzuordnen“, sagt die Wikipedia. Und darum geht es mir. Das Herz der Dinge. Ich bin hartnäckig nicht davon abzubringen, dass das Leben schön ist. Grundsäzlich. Trotz allem. Ja.

Wie sieht es bei euch mit Gedichten aus? Wenn ja, warum, wenn nein, warum?

 

Calla – 365tageasatzadayQuelle & Bearbeitung: ichmeinerselbst

(Ist die nicht schön?)