Vom Herbstwerden und dem Nebel

 

Herbst

Astern blühen schon im Garten,
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

(Detlev v. Liliencron, Herbst, aus: Werke, Bd. 1, Frankfurt am Main, 1977, Online-Quelle)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, Online-Quelle)

 

Ich war wie die erfrorenen Bäume

Die Glocken läuten in den Stühlen, wenn sich der Mittag stolz erfüllt,
So läutet jubelnd mir mein Blut, wenn ich dich küsse und die Sehnsucht stirbt.

Ich war wie die erfrorenen Bäume armselig und blind vor der Sonne,
Doch als unsere Blicke sich kreuzten, rauchte mein Herz.

Wie ein Stahl steckt mir dein Blick in der Brust,
Ziehst du ihn aus, muß ich verbluten und sterben.

(Max Dauthendey, Ich war wie die erfrorenen Bäume, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 177)

 

Morgennebel | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Vom Herbst und dem Gefühl

 

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast Smaragden Schein.

Im Sommer gläntzt das reife Feld,
Und scheint dem Golde gleich zu seyn.

Im Herbste sieht man, als Opalen,
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Fluth und Land.

Ja kurtz, wenn wir die Welt aufmercksam sehn,
Ist sie zu allen Zeit schön.

(Barthold Hinrich Brockes, Die Welt ist allezeit schön, 1727, Online-Quelle)

 

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898 – 1903. Online-Quelle)

 

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

 

Herbstbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in die neue Woche (und in den Oktober)!

 

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Quelle)

 

Herbstbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Es ist kein Geheimnis, dass ich dieses Gedicht mag, und ja, Rilkes anderes allseits bekanntes Herbstgedicht (Herbsttag) liebe ich ebenfalls sehr.

Möge euch die neue Woche gut gelingen!

 

September, die Ersten

Septembertag

 

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz (1. Auflage 1902), Quelle

 

Berge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Herbst

 

Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?

Joseph von Eichendorff (Quelle)

 

Rose | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

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In den Frühherbst gesungen

Meistens gibt es einen Text, ein Gedicht, ein Zitat, für das ich ein Bild suche. Ab und an ist es umgekehrt. Ab und an ist zum Beispiel heute.
Ich glaube übrigens nicht, dass das Sentimental-Werden auf ältere Herren beschränkt ist, wie Tucholsky meint, ich glaube, es erwischt die Frauen auch – vielleicht anders, wir ticken ja da oft nicht so ganz gleich. Und ja, ich habe „Johannistrieb“ nachgeschlagen …  ;-)

 

Im Nolde-Garten – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Und dann geht etwas vor.

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

(Aus: Die fünfte Jahreszeit, Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631, Quelle)

 

(Mein herzlicher Dank an Elke auf wegpoesie.)

 

 

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Herbst

Na, kommt, ich habe mich bisher echt zurückgehalten. Ich habe nicht mal unser aller (also, okay, meins, ja, wirklich, eins davon) Lieblings-Rilkegedicht zitiert: Herbsttag. Das mit den Alleen. Unruhig wandern. Genau.
An diesem hier komme ich aber in diesem Herbst nicht vorbei, weiß auch nicht so richtig warum. Aber muss ich eigentlich auch nicht.

 

Herbstlaub – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, Quelle)

 

Wer lebensphilosophische Erörterungen zum Gedicht mag (besonders die Frage nach der „verneinenden Gebärde“), sollte hier nachlesen, ansonsten gibts jetzt was auf die Ohren, gesprochen von Otto Sander.

 

Bin für ein verlängertes Wochenende offline, habt eine gute Zeit!

 

Herbstimpressionen Oktober

Jetzt ist sie da, diese wunderbare Zeit, wo es nachts schon bitterkalt wird (also knapp Frost ;-)) und tagsüber die Temperaturen noch so sind, dass man gern sein Gesicht in die Sonne hält … Auch Draußensitzen geht kurz noch mit Decke, bevor endgültig alles für den Winter weggeräumt wird.

Die Bäume färben sich, manche langsamer, manche schneller. Der Fellträger macht seinem Namen alle Ehre und wird noch wuschelig-puscheliger. Wenn die nächsten Nebelmorgen kommen, ist bestimmt schon überall von Nässe und Glätte die Rede … und wenn der Wind pfeift, steigen die Grog- und Tee-mit-Rum-Einträge wieder überproportional … :-)

Herbst im Norden, wie ich das liebe. Und ich mit der Kamera auf kleinen und größeren Wegen unterwegs.

 

Quelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Herbst ist …

Rot wird das Laub am wilden Wein,
Die Luft geht schon so herbstlich kühl.
Das Eichhorn sagt: „Jetzt fahr‘ ich ein;
Schon lose wird die Nuß am Stiel,“

(aus: Johannes Trojan, Herbst, ganzes Gedicht hier)

Herbst ist, wenn die Nüsseklauer über den Walnussbaum toben, wenn es draußen keckert und Schalen auf den Boden knallen, wenn der Fellträger völlig irritiert und eingeschüchtert reingeflitzt kommt. Von Herbstfärbung kann hier noch nicht die Rede sein, aber die Eichhörnchen, oh ja, die sind sehr eindrucksvoll zu Gast. Eines hab ich mit der Kamera erwischt, ich hatte aber schon bis zu drei gleichzeitig hier …

Habt einen sonnigen Freitag und kommt gut ins Wochenende!

 

Eichhörnchen mit Walnuss – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Ich finde, es riecht schon nach Herbst

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September … Herbst:
diese großen weichen Wolken am Himmel,
diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne
und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen
der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer …
und diese süße weiche Müdigkeit und diese
frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder
diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft …
das ist nicht Sommer … das ist Herbst.

(Cäsar Otto Hugo Flaischlen, Quelle)

Weiß nicht, wie es euch damit geht, und/aber der September ist ja nicht mehr so weit weg … wo ist übrigens das Jahr hin, eben war doch noch Ostern?

Kommt gut in die Woche!

 

Sonnenblume mit Hummel – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst,vorgestern

 

Himmel – Freitag, 17. Oktober 2014

Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht.

(Søren Kierkegaard)

 

Ich meine das vielleicht nicht so wie Kierkegaard, aber ich kenne das Gefühl, ihr auch? Im Herbst, beim Spazierengehen über die offenen Felder, habe ich immer das Gefühl einer Richtung nach oben, es zieht mich sozusagen weg, mit. Drachensteigen, Zugvögel (Immer möcht ich auffliegen, | mit den Zugvögeln fort;), Sturm, schnelle Wolken – egal. Vermutlich ist das ein Grund, weshalb ich die Küste so mag, gerade dann, wenn es karger wird.

Im Frühling ist alles anders, inwärtiger, wie er schreibt, zu Boden gerichteter. Da feiere ich in jedem Schneeglöckchen, Huflattich oder Krokus, in jeder Tulpe oder Weidenkätzchen das Wieder-Sichtbarwerden des Jahreskreislaufs.

Aber jetzt ist Herbst. Ich freue mich auf Wolken, Wind – und Regen. Bunt atmen mit den Winden | In der großen Luft. (beides aus „Ein Lied“ von Else Lasker-Schüler).

 

drachen himmel – 365tageasatzdayQuelle: Pixabay

Herbsttag – Mittwoch, 24. September 2014

… wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben | und wird in den Alleen hin und her | unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

 

Ich liebe dieses Gedicht, seit ich es entdeckt habe, da war ich noch ziemlich jung. Schon damals hat mich die letzte Strophe beeindruckt und ein bisschen erschreckt. Auch das hat sich nicht geändert, obwohl ich inzwischen weiß, dass ich, wenn ich unruhig bin, nicht „wandere“, sondern mich eher zu Hause verkrieche. Und schon immer wollte ich es zum Herbstanfang (hab ich ja fast geschafft) irgendwo in die Welt setzen, eben weil es eines „meiner“ Gedichte ist.

Aber was für schöne Bilder dieses Gedicht kreiert! Sonnenuhren, die ihren Dienst einstellen, weil Schatten (also Wolken) auf ihnen liegt, Herbststürme (die mich immer Mitfliegen-Wollen lassen) und letzte reifende Trauben (als Metapher schon fast todessehnsüchtig, na gut, Rilke halt). Und dann dieser emotionale Umschlag in die letzte, einsame „Herbst (des Lebens)“-Strophe, sozusagen endgültig in Richtung Moll. Großartig.

 

Herbsttag

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Aus: Das Buch der Bilder)

 

Herbst – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Mittwoch, 3. September 2014

Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau, schließ die Augen und lauf einfach geradeaus.

(Peter Fox, Haus am See)

 

An Ohrwurm a day keeps the doctor away? Hoffentlich! Bin gestern über diesen Beitrag von inerlime gestolpert und sehr ins Grübeln gekommen, denn diese Fragen kenne ich auch. Natürlich hatte ich auch sofort Rilkes Herbstgedicht (hallo Maribey) im Kopf, das mich ebenfalls seit vielen Jahren begleitet.

Und dann dröhnte es in voller Lautstärke in meinem Kopf los: „Und am Ende der Straße steht ein Haus am See …“ und ich war ganz unverhofft glücklich. Ja. Leben passiert. Jeden Tag. Schönes und weniger Schönes. Es liegt (zu einem gaaaaaanz großen Teil) an uns, an unserer inneren Einstellung, wie wir es sehen, wie wir damit umgehen. Klingt vereinfacht, ist es aber gewiss nicht. Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau, schließ die Augen und lauf einfach geradeaus. Immer wieder und immer wieder. Und stolpere über die Katze. Klar. ;-)