One, two, three, four, five …

Sollte jetzt irgendwer zu singen anfangen … NEIN. Auch wenn das 1999 der Sommerhit war und sämtliche Gehörgänge verstopfte, wenn man Radio hörte. Nein, der Anlass ist viel schlichter: Mein Blog wird heute fünf. Fünf Jahre. Die Zeit vergeht dann irgendwann ziemlich schnell, gerade wenn man gefühlt „nur“ von einem Projekt lebt. Oder eigentlich zwei, denn ohne die Gedichte könnte ich ebensowenig wie ohne die Etüden.

Kaum schreibe ich das, stocke ich. Könnte ich nicht? Doch, könnte ich. Manchmal hängt mir der Blog ziemlich zum Hals raus, da würde ich mich am liebsten für ein paar Wochen blogfern vergraben und/oder überlege mir, wie lange ich mich an regelmäßige Projekte binden möchte, vor allem, weil alles andere daneben fast zum Erliegen kommt, was ich sonst so gemacht habe, siehe mein zweites/drittes Jahr, also jedenfalls, bevor Ludwig die Etüden einfielen. Andererseits: Ich liebe die Etüden, und ich liebe es auch, mich um sie zu kümmern. Wenn man sich so was schon ans Bein bindet, dann sollte man der Typ sein, der eine gewisse Schönheit und Harmonie in regelmäßigen Abläufen sehen kann, sich dem unterwerfen kann und mag und gern relativ im Hintergrund bleibt, also als Person. Deshalb sind die Etüden so, wie sie sind, denn das bin ich. Leider und/oder zum Glück.

Bisher habe ich in jedem Rückblick ein bisschen Statistik betrieben, die kommt auch jetzt. Meine Follower-Zahl steht kurz vor 700, und das, obwohl ich meinen Blog in kein anderes „soziales“ Medium verlinke, dies hier wird mein 1009. Beitrag, letztes Jahr waren es noch 858, und die Zahl der Kommentare steht aktuell (vor diesem Eintrag) bei 34.851. Speicherplatz ist auch noch mehr als ausreichend da (ich habe von Anfang an meine Bilder immer recht klein gehalten, ich bin bei 7 %, aber ich habe ja auch keinen Fotoblog), also kann es ja weitergehen.

Ich habe im Sommer viel Spaß bei dem Etüdensommerpausenintermezzo gehabt, nämlich dabei, mir die Einträge mit den meisten Aufrufen anzusehen. Und dabei habe ich mich an eine Bloggerin erinnert, die eine Zeit lang zumindest Freude daran hatte, der Welt mitzuteilen, mit welchen (zum Teil richtig schwachsinnigen) „Top-Suchen“ die Welt auf ihrem Blog landete. Bei mir sind es … Gedichte. Und zwar ist der am häufigsten gesuchte und aufgerufene Beitrag (nach der Startseite und vor meinem „Über mich“(!)) ein Text aus dem Jahr 2015 über Hilde Domin: Ich setzte den Fuss in die Luft. Ein knappes Drittel Aufrufe davon hat Guten Morgen du Schöne, ein Text über die DDR-Autorin Maxie Wander, ungefähr ein Sechstel Barbara Allen, Text und knappe Erklärung zu der gleichnamigen Fontane-Ballade. Ich dachte immer, ich hätte einen Etüden-Blog, aber wenn ich mir das so ansehe, werden Gedichte kontinuierlich(!) echt stark nachgefragt. Ich bin überrascht und erfreut.

Ich habe meinen Blog zu einem Teil meines Lebens gemacht, und dazu gehört, dass ich andere Blogger treffen darf, wie es auch dieses Jahr wieder der Fall war und hoffentlich weiterhin sein wird. Es ist mir wichtig. Wirklich. Ich freue mich auf beides: Blogger*innen, mit denen ich schon Zeit verbringen durfte, wiederzutreffen, andere, bei denen ich lange und gern lese, kennenzulernen. Wenn man einander so lange liest, hat man (also ich) eine Vorstellung von dem oder der anderen, und ich bin überaus daran interessiert und dankbar für die Gelegenheit, meine Bilder im Kopf an der Realität überprüfen zu dürfen.
Daher mal kurz in die Runde gefragt: Buchmesse Frankfurt, anyone? Lasst es mich gern wissen.

Die Etüden starten am Sonntag wieder regulär mit einer Wortspende des Etüdenerfinders, die Wortspender für die neue Runde sind angeschrieben (ich erwarte noch Reaktionen, könnt ihr bitte mal in eure Mailaccounts schauen, die ihr für Kommentare verwendet?), die Adventskalenderetüden trudeln langsam ein, aber es dürften gerne noch ein paar mehr werden. Hallo Nachzügler: JETZT!!!

Macht es gut, ihr Lieben, wir lesen uns. Ich gehe jetzt Kaffee mit einer anderen Bloggerin trinken. Ja, an der Elbe. Mit dem gelben Ostfriesennerz als Erkennungsmerkmal. Bis später!

 

Auf dem Weg zur Badestelle Leuchtturm Westerheversand | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, mein erklärtes Lieblingsfoto dieser Tage

 

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Dem Vergessen entrissen

Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei
Nicht das Wort.
Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

(Hilde Domin, aus: Unaufhaltsam, gesamtes Gedicht hier)

Ich rege mich gerade mal wieder über die Copyrights auf, die es im Prinzip unmöglich machen, Gedichte, gerade Gedichte, legal zu zitieren, deren Autoren noch nicht vor mehr als 70 Jahren verstorben sind. Ich bin die erste, die jedem Autoren sein Scherflein Erlös gönnt, und gern mehr als das, aber fällt den Verantwortlichen nicht auf, dass sie damit die Dichter ein zweites Mal sterben lassen, indem sie jede wilde Veröffentlichung unterbinden?

Kein Wunder, dass Verkäufe zurückgehen. Kennt sie ja keiner mehr, die Autoren. Ruhet in Frieden, werte Nachlassverwalter, und … Wir leben aktiv vor, wie man Geschichte vergisst, und sägen die kulturellen Äste ab, auf denen wir sitzen. Bei aller Hochachtung für die Literatur (und Musik) von jenseits unseres regionalen Geistesraums, das kann es doch nicht sein.

Und 70 Jahre nach dem Todestag feiert dann der Kulturbetrieb die Wiederaufstehung einzelner Dichter und Dichterinnen und schwafelt von „dem Vergessen entrissen“, dem sie (streng nach Vorschrift) erst ausgesetzt  wurden. Na super.

 

 

Ich setzte den Fuss in die Luft

Ich setzte den Fuss in die Luft
und sie trug.

(Hilde Domin, Nur eine Rose als Stütze)

 

Dass ich dieses Zitat sehr mag, habe ich ja schon häufiger dokumentiert. Aber es hat einen ganz aktuellen Bezug zum heutigen Datum. Heute ist nämlich der neunte Todestag von Hilde Domin, die 2006 im Alter von 96 Jahren starb, und es war ihr so wichtig, dass sie es in abgeänderter Form zu ihrem Grabspruch machen wollte: „Wir setzten den Fuss in die Luft | und sie trägt.“ (Aussage aus dem Film „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“, im Trailer auf 1:54. Auf ihrem Grab steht dennoch „trug“ (Foto Grabplatte), warum auch immer.)

Da ich bin, wie ich nun mal bin, wollte ich wissen, woher das Zitat stammt und fing an zu graben. Es stammt nämlich NICHT aus einem Gedicht, sondern es ist das Motto des zweiten Teils „Nur eine Rose als Stütze“, ihrem gleichnamigen ersten Gedichtband von 1959.

Gibt es noch mehr Informationen dazu? Ja! Die Biographie von Marion Tauschwitz¹ belegt diesen Satz als aus einem Brief an ihren Bruder John Lorden stammend (vermutlich 1958) und taucht tief in ein dunkles Kapitel ihres Lebens ein.

Hilde Domins Briefe sind nur teilweise herausgegeben², sie war eine überaus ausdauernde Briefeschreiberin. In jenem (möglicherweise nicht abgeschickten Brief) gibt sie darüber Auskunft, wie sie 1951 aus einer tiefen inneren Krise heraus zum Schreiben kam. Ihre Mutter war gestorben (an Unterzuckerung, Hilde Domin begreift ihren Tod als Form von Selbstmord; eine Katastrophe), ihr Mann stand ihr nicht bei.
„Als Mutter starb und es das einzige Mal im Leben war, dass ich eine Stütze gebraucht hätte, statt zu stützen, dass ich der Empfangende hätte sein müssen, da verliess er mich. […] Ich fand mein Leben mit einem Schlage als widerlegt, wenn die Liebe diese einzige ihr auferlegte Probe nicht ertrug. […] Aber Leben mochte ich auch nicht mehr. […] Da wurden mir die Gedichte gegeben. Ich setzte den Fuss in die Luft und sie trug. Ich ging weg in eine eigene Welt.“

Später schreibt sie: „1951, als ich zu schreiben begann, wurde mir, wie jedem, der beginnt, alles bis dahin Getane zur Vorgeschichte. […] So ist es eine Tatsache, daß meine Gedichte zu den gelesenen gehören. In anderen Worten, sie werden ‚gebraucht‘. Dabei ist ein Gedicht, glaube ich, kein Gebrauchsgegenstand wie andere, es nützt sich nicht ab. Vielmehr gehört es zu jenen magischen Gebrauchsgegenständen, die, wie der Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen.“³

 

_zitat_domin

Quelle: Sämtliche Gedichte4

 

¹ Marion Tauschwitz: Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. TB. VAT Verlag Andre Thiele, Mainz 2011, S. 229

² Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm 1931–1959. Hrsg. v. Jan Bürger u. Frank Druffner unter Mitarbeit von Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 258

³ Hilde Domin: Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein Lebenslauf. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Auflage: 3 (15. März 2006), S. 29/30

4 Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Hrsg. v. Nikola Herweg + Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, S. 47

 

Ergänzend: https://365tageasatzaday.wordpress.com/tag/hilde-domin/

Warum man schreibt

Nur der kleine
zärtliche Abstand
zwischen dir und mir
den du nicht verminderst.

(aus: Hilde Domin, Alle meine Schiffe)

 

Ich lese die Hilde-Domin-Biographie und bin in ihren Santo-Domingo-Jahren (1940-51) angelangt. Was sich bereits in Italien angedeutet hat, tritt nun offen zutage: Sie hat sich einen Mann ausgesucht, den sie mehr liebt als er sie. Sie opfert sich auf für ihn, tut alles, um ihn zu stützen, arbeitet Tag und Nacht an dem gemeinsamen Ziel (nämlich seinem; und natürlich für das Überleben) – und er ist nicht vom gleichen Holz.

Aus der persönlichen Katastrophe entspringt ihr Schreiben, das ihr Leben verändert. „Ich hatte mir nichts vorgenommen, es passierte, wie wenn einer überfahren wird. Oder wie Liebe. Man handelt nicht, es passiert.“ (Hilde Domin, Ich schreibe, weil ich schreibe, aus: Gesammelte Autobiografische Schriften)

Ich bin sehr begeistert von der Akribie und dem Detailreichtum der Biographie (Marion Tauschwitz: Hilde Domin – Dass ich sein kann, wie ich bin, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2011, 2. (umfassend bearbeitete und aktualisierte) Auflage).

Wie ich spätestens aus dem Film weiß, haben sie sich nicht getrennt. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Nun, wo ich schon ein wenig darüber weiß, was alles in dem Film nicht zur Sprache kam (ich vermute allerdings sehr, auf Hilde Domins Wunsch), sehe ich wiederum auch den Film anders. Spannend.
To be continued.

Boote – 365tageasatzadayQuelle: pixabay

 

Nur eine Rose

Nur eine Rose als Stütze … ich lese und schaue Hilde Domin, der Film („Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“) ist eingetroffen. Ein sehr berührendes Portrait.

Daneben habe ich die letzte Strophe des Gedichtes in eines meiner Fotos integriert. Ich bin mir unsicher, wie die Copyrightbestimmungen für Hilde Domin aussehen, daher verweise ich für das gesamte Gedicht sicherheitshalber hierhin.

 

Nur eine Rose als Stütze – Hilde Domin – 365tageasatzaday

Quelle: ichmeinerselbst

 

Valentinstag, Fasching/Karneval … falls ihr irgendwo unterwegs seid, habt Spaß und passt auf euch auf!

 

Wenn man erregt ist

„Wenn man erregt ist, dann schreibt man, ja.“

(Hilde Domin im Trailer (unten), 0:56)

 

Ich nähere mich Hilde Domin. Gedichte, Autobiographisches, Biographie. Auf der Suche nach Blog-Kompatiblem habe ich den Trailer zu „Ich will Dich – der Film“ entdeckt und bin bezaubert. (Kann mir jemand sagen, was für ein Plugin (auf der Seite) man für den Trailer braucht?)

Unter anderem weiß ich jetzt auch, dass sie das von mir so geliebte Zitat „Ich setzte den Fuß in die Luft | und sie trug“ in ihren Grabspruch umgewandelt sehen wollte. „Wir setzten den Fuß in die Luft | und sie trägt.“ (Auf dem Grabstein steht „trug“.)

 

 

Wunder – 12. November 2014

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

(Hilde Domin)

 

Wenn man „Wunder“ als das Eintreten von etwas definiert, was man für schlichtweg unmöglich und völlig ausgeschlossen hält (Präsens, also: andauernd), dann glaube ich an Wunder. Schön, ich tu mich schwer mit den Naturgesetzen dabei, mir fällt es schwer, daran zu glauben, dass z. B. Elefanten ohne fremde Hilfe fliegen können. Aber vermutlich ist der Begriff in diesem Fall überstrapaziert.

Was mir an dem Gedicht gefällt, ist die Haltung. Nicht „müde“ werden, eingefahren, Tunnelblick, blind für alles, was abseits vom Weg passiert, im Kopf verschlossen. Sondern offen sein, sensibel, abwartend, als ob man einen Vogel locken will, der sich (vielleicht) entschließen wird, von der Handfläche Futter zu nehmen. Vertrauen.

Manchmal klappt das, manchmal nicht. Aber der Versuch lohnt immer. Nicht nur wegen des Wunders, das dann ganz bestimmt auch nicht blau sein muss …

 

Kohlmeise auf der Hand – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Vorwärtsgehen – Donnerstag, 25. September 2014

Ich setzte den Fuß in die Luft | und sie trug.

(Hilde Domin)

 

Manchmal geht es nicht anders, als etwas zu wagen, was man sonst nicht machen würde, die Angst zu überwinden und einfach … vorwärtszugehen. Manchmal ist es auch der einzige Ausweg. Manchmal hilft nur Vertrauen, dass es schon klappen wird, so eine Art von „Augen zu und durch“. Einfach das Hirn ausschalten. Ich tu mich schwer damit, aber es funktioniert … erstaunlich oft.

Hier ist etwas über Hilde Domin, und, wie ich gerade feststelle, etwas für meine Leseliste, weil ich wirklich nur dieses Zitat von ihr kenne. Unglaublich. Kennt jemand den gleichnamigen Film?

 

air-2716_640Quelle: Pixabay