Adventüden 2020 13-12 | 365tageasatzaday

13.12. – Ein Anfang? | Adventüden

 

Sie schaut hinaus ins Lichtermeer der Stadt, die die letzten Tage unter Nebelschwaden verschwunden war.
»So, wie mein Leben.« Sie sagt es laut, denn niemand kann sie hören. Ja, ihr Leben ist verschwunden. Sicher, sie ist da. Sie lebt. Vorausgesetzt: Funktionieren zählt auch.

Von draußen dringt Kinderlachen herein. Sie hört Hufgetrappel, bevor sie die Kutsche mit dem Nikolaus sieht. Ach ja, es ist Advent. Früher hätte sie einen Adventskranz mit roten Kerzen gehabt und für die beiden Mädchen je einen Adventskalender. Sie hätten Spitzbuben gebacken, Lebkuchen und Linzer Torte. Sie hätten Weihnachtsgeschenke gebastelt und gelesen. Früher, da war der Advent voller Vorfreude und Geheimniskrämerei. Sonntags gab es Punsch. »Wunschpunsch« nannten das die Mädchen, weil sie sich Geschichten von Wichteln und Feen wünschen durften.

Sie verliert sich im Früher, bis Lärm von draußen in ihre Blase dringt und sie herausreißt. Es klingelt an der Haustüre. Sie denkt »Ich mache nicht auf«, aber da klingelt es wieder. Sie öffnet. Eine junge Frau steht draußen. An jeder Hand hält sie ein stummes Kind.

»Bitte«, sagt die junge Frau, »können Sie die Kinder zu sich nehmen? Ihre Mama hatte einen Unfall, ich muss sofort ins Krankenhaus.«
»Ich? Aber …«, stottert sie.
Die junge Frau nickt, drückt den Kindern einen Kuss auf die Stirn, verspricht »Ich melde mich« und verschwindet.
Sie seufzt. »Kommt herein«, bittet sie und bringt die Kinder in die Küche. »Wollt ihr einen Kakao?« Beide nicken.
»Bin gleich zurück«, sagt sie zu den Kindern. Sie geht in den Flur. Schließt eine Tür auf und betritt das Mädchenzimmer, zum ersten Mal seit neun Jahren. Mit zwei Schlafanzügen, Kuscheltieren, zwei Spielen und dem Heft, in dem sie ihre Wichtelgeschichten aufgeschrieben hat, kommt sie zurück.

Sie setzt sich und zündet den verstaubten Kerzenrest an, der auf der Fensterbank steht.
Es ist Advent.

Autor*in: Judith     Blog: Mutiger leben

 

Adventüden 2020 13-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Zaubertrank, Hamburg, Hilfe, sofort und dringend

Ihr Lieben (aus Hamburg und drumherum),

im Januar bereits habe ich euch um Hilfe für den Zaubertrank gebeten. Jetzt ist die Bombe geplatzt: Der Gerichtsvollzieher war da, sie werden geräumt, sie brauchen immer noch DRINGEND neue Räumlichkeiten, aber mindestens genauso dringend Möglichkeiten, Sachen irgendwo unterzustellen, und natürlich auch Hilfe bei Umzug. Wer etwas weiß, der möge bitte schnellstmöglich reagieren.

Hans-Georg schreibt:

„Jetzt am Sonnabend ab 07:30 Uhr will der Gerichtsvollzieher mit der Räumung unseren Ladens beginnen. Wenn Du Platz hast von mir Sachen bei Dir zu lagern, z.B.: Kisten, Fässer o.ä., dann melde Dich bitte sofort. Wenn Du mithelfen kannst, diese Dinge bei mir mit rauszuräumen ebenfalls.
Telefonisch erreicht Ihr uns wieder unter den Zaubertranknummern. Auch unter der Handynummer 0160/xxxxxxx.
Einige wichtige Dinge konnten wir mitnehmen und können die auch liefern. Telefonische Orts- und Zeitabsprache vorausgesetzt.
Wir brauchen für die Dinge in unserem Laden ab sofort etwa 400 qm bis 600 qm, je nach Raumschnitt und Deckenhöhe. Wenn es geht im Hamburger Stadtgebiet nördlich der Alster und nicht im Überschwemmungsgebiet. Und günstig sollte die Miete auch sein, nicht dass wir nach wenigen Monaten pleite sind.
Hoffentlich finden wir bald Räume, sonst gibt es den Zaubertrank bald nicht mehr und das wäre sehr schade.“

Der Zaubertrank (Link zur Homepage) ist erreichbar unter der Festnetznummer 040 22 00 60 4. Wer die Handynummer braucht, von der ich annehme, dass sie halb privat ist, melde sich bitte in den Kommentaren, damit ich die Mailadresse habe, ich bin heute und morgen viel unterwegs.

 

Zaubertrank Hans-Georg Schaaf | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, allerdings schon bisschen älter

 

Unbesungener Held

Ich kann jeden Tag auf das starren, was nicht okay ist, kann mich davon herunterziehen lassen und über das Leid auf der Welt verzweifeln, ohne es ändern zu können. Das „Böse“ ist da, es ist menschengemacht, Besserung scheint nicht in Sicht.
Ich kann mir jeden Tag Wolkenkuckucksheime bauen und ignorieren, dass in meinem Alltag um mich herum etwas nicht okay sein könnte. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit liegt allüberall der Fokus auf dem Familienglück oder zumindest auf der holden Zweisamkeit und dem Fest der Liiiiiiiebe. Alle anderen verschwinden in dem schwarzen Loch der Wahrnehmung, fallen der Wohlfahrt anheim und kommen in Spendenaufrufen vor.
Doch soll man, wie Maren es in ihrem Äthiopien-Reisebericht so treffend formulierte, niemandem helfen, weil man nicht allen helfen kann? Und worin könnte Hilfe bestehen?

Eine Antwort darauf gibt dieser Clip. Nur eine von vielen. Aber hübsch gemacht. (Man kann deutsche Untertitel einstellen. Sollte irgendwer dennoch eine Übersetzung der englischen Untertitel brauchen, lasst es mich wissen.)

Habt einen guten Tag!