Vom Herbst und dem Dank

 

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

(Wilhelm Busch, Im Herbst, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam]
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, 1889. Online-Quellen: Wikipedia, Wikisource), Link zur gesprochenen, ganz entzückend illustrierten Version auf YouTube, Link zur Homepage derer von Ribbeck)

 

Alle gute Gabe

Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand;
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen
und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
und Korn und Obst, von ihm
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

Er läßt die Sonn aufgehen,
Er stellt des Mondes Lauf;
Er läßt die Winde wehen
und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
Er macht uns frisch und rot;
Er gibt dem Viehe Weide
und seinen Menschen Brot.

(Matthias Claudius: Alle gute Gabe/Bauernlied; 1783 erschienen unter dem Titel „Bauernlied“ mit ursprünglich 16 Strophen, von denen acht zur heutigen Form zusammengestellt wurden (Online-Quelle). Mehr Infos: Wikipedia, Zeno.org für das Original, gesungene Version von „Das Solistenensemble“ auf YouTube, sehr hörbar)

 

Birnen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Erst als ich über dieses „Bauernlied“ gestolpert bin, wurde mir klar, dass ich einzelne Strophen daraus tatsächlich kenne, seit ich Kind bin, und es vermutlich auch schon selbst gesungen habe. Nur den Rest, den kannte ich nicht, daher war mir das eine wirkliche Freude, die Geschichte dazu zu entdecken.
Ähnlich geht es mir mit dem Ribbeck auf Ribbeck, den auch ich in der Schule auswendig lernen musste, was mir aber das Gedicht nicht sonderlich vermiest hat, bin ich doch auf dem Land aufgewachsen.

Und wir hatten es neulich davon: Wenn man die Erinnerung an die „ollen Kamellen“ nicht erhält, sind es irgendwann keine ollen, sondern nur noch vergessene Kamellen. Und Erinnerung kommt durch Wiederholung, es ist einfach so. Und der Wilhelm Busch, der fügte sich in die doch allesamt etwas bezopften Gedichte einfach gut ein …

Kommt gut in die neue Woche!

 

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