Winterblues | abc.etüden

CN: Wer gerade mit der/gegen die Einsamkeit (ob aufgrund der Coronamaßnahmen oder nicht) zu kämpfen hat, den könnte dieser Text triggern. Seid gewarnt.

 

Das Fenster der Dachkammer blockierte. Am Anfang hatte sie es persönlich genommen, hatte gedacht, jemand wolle sie hindern, hinauszuklettern oder sich hinauszustürzen, dann aber hatte sie herausgefunden, dass sie wohl nur einen schwergängigen Hebel würde umlegen müssen, denn es ließ sich kippen. Nun gut, auch so konnte man lüften. Das Öffnen würde sie wohl noch ein, zwei Wochen verschieben, denn solange ihr Arm immer noch so wehtat, war nicht daran zu denken, damit Druck auszuüben.

Überhaupt, wo war der Gedanke hergekommen, sie wolle sich umbringen? Der war neu, dachte sie kritisch und unangenehm berührt. Und nein, sie war ja auch nicht absichtlich gestürzt, DAS würde sie geschickter anstellen, auch wenn ihre Bodenstiege reichlich steil und zum Halsbrechen vermutlich durchaus geeignet war. Hm.

Sie seufzte. Jeder Winter nahm ihr ein bisschen mehr Substanz, dieser war keine Ausnahme, und die ganzen Beschränkungen machten es nicht leichter. Wer von so vielen Möglichkeiten für Kontaktaufbau sprach, der kannte keine Menschen wie sie. Menschen ohne großen Bekanntenkreis, die jetzt niemanden hatten, der sie besuchen und umarmen würde. Menschen, für die der Lebensmitteleinkauf der gesellschaftliche Höhepunkt war, weil alles geschlossen worden war, wo man andere treffen und sich ein bisschen unterhalten konnte. Sie hatte im Fernsehen einige Politiker gesehen, die sich zum Affen machten, und sich gefragt, ob sie in der gleichen Gesellschaft lebten.

Es war manchmal schwer, nach vorne zu sehen. Sie umarmte die Gleichgültigkeit, die sich wie eine warme, braune Decke um sie legte, gab den Widerstand auf und ließ die Tage auf der Couch verstreichen. Wozu sollte sie aufstehen, sich zurechtmachen, sich zusammenreißen? Früher hatte sie Antworten darauf parat gehabt, aber jetzt?

Okay. Sie war gesund. Alles würde enden, auch der Winter und die diversen Lockdowns, und sie würde die Fenster aufreißen, draußen sitzen und mit anderen lachen.
Wenn sie dann noch lebte.

 

abc.etüden 2021 06+07 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Torsten und seinem Blog Wortman. Sie lauten: Affe, neu, blockieren.

Diese Etüde wollte geschrieben werden, nachdem ich schon mal angefangen hatte, vom „Winterblues“ zu reden. Sollte irgendwer von euch der Meinung sein, dass da eine Triggerwarnung drüber gehört, lasst es mich bitte wissen. Ich hoffe, die nächste wird fröhlicher.
Nein, die ist nicht autobiografisch, aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass sie es vielleicht sein könnte, wenn ich, na, sagen wir mal, 20 Jahre älter wäre und NATÜRLICH auf keinen Fellträger aufzupassen hätte … 😉

Nachdem ich bemerkt habe, dass ich immer wieder ein gewisses Foto eines Dachfensters vor Augen hatte, habe ich überlegt, ob ich diese Etüde nicht auch Myriades Impulswerkstatt widmen soll, aber ich glaube, ich hebe mir das auf.

Update: Da Myriade meint, dass diese Etüde hervorragend zu ihrem Fenster passen würde, sei sie hiermit auch in die Liste der Beiträge zur Impulswerkstatt Februar eingereiht.

 

Copyright: Myriade

 

Blind Date | Myriades Impulswerkstatt

Achtung, Zielsubjekt im Radius, ich wiederhole, Zielsubjekt im Radius!« Ich fahre hoch. Die Stimme schnarrt und ist fast menschenähnlich – na ja, extra für mich Techniktrottel, sie haben sich bemüht.
Der Blechtopf muss sich trotzdem irren, vorausgesagt ist wesentlich später, es ist maximal Nachmittag.

Ich werfe einen Blick nach draußen. Nichts zu sehen, weder Mensch noch Tier, und alle Kontrolllämpchen auf der Konsole leuchten grün. Gut. Gestern Abend haben Hunde am Rand des Unsichtbarkeitsfeldes das Bein hochgerissen und markiert. Nein, ihnen ist nichts passiert, ich will ja kein Aufsehen erregen, aber einen Moment lang habe ich erwogen, die nächste Stufe einzuschalten.
Nun ja. Glück gehabt. Die Hunde.

Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich hier und heute auf dem Gelände eines Museums stehe und auf eine Frau warte, die ich noch nie gesehen habe, hätte ich mir nur an die Stirn getippt. Aber damals hat sich auch keiner vorstellen können, dass die Menschheit jemals die Ehre mit einer außerirdischen Spezies haben würde. Nicht ganz freiwillig natürlich, nein, man hat die Erde besetzt, als unser Klima endgültig ruiniert war und es gerade anfing, so richtig ungemütlich zu werden.
Plötzlich waren sie überall. Die Echsen. Entschuldigung, die Lacertaner. Raumfahrende Echsen. Von einem Planeten aus dem Sternbild Lacerta, das liegt neben dem Schwan. Mit einer Technologie, die der hiesigen so weit überlegen ist, dass wir uns vorkamen, als hätten wir bisher mit Lego gespielt. Haben uns den Strom abgeschaltet. Einfach so. Dauerhaft. Und dann mussten sie gar nicht lange warten, bis die ersten Regierungen und Großkonzerne unbedingt ihre allerbesten Freunde werden wollten. Der Rest ist Geschichte, und sie war, wie wir alle wissen, anfangs nicht sonderlich erfreulich.

Ich war zwölf, als sie kamen, und zwanzig, als sie mich mitnahmen. Jetzt bin ich siebenundzwanzig und immer noch dabei. Natürlich hatten wir eine irrsinnig schlechte Presse, Kollaborateure, Verräter, »Hängt sie höher«, all das. Wir waren nämlich gar nicht so wenige, die gern mitgegangen sind. Meist Übergebliebene wie ich und jung. Aufbruch zu neuen Ufern! The sky is (not) the limit!
Die Realität ist nüchterner. Ich arbeite in der interspeziären Verständigung, erkläre den Lacertanern unsere Welt und warum wir das tun, was wir tun. Liebe, Sex, das ganze Ding ist zum Beispiel ein Konzept, das ihnen fremd ist, denn sie sehen nicht nur ziemlich wie Eidechsen aus, nur halt auf zwei Beinen, sie kennen auch keine Partnerschaft, sie binden sich nicht. Sie legen jährlich Eier, wenn überhaupt. Die Befruchtung ist ein unromantischer Akt, der rein der Fortpflanzung dient.

Vor einiger Zeit haben sie beschlossen, mich zu belohnen, jedenfalls hoffe ich, dass es nett gemeint ist. Das zwischenmenschliche Angebot auf Lacerta ist sehr, ähm, übersichtlich, und ich habe aus meinem Frust keinen Hehl gemacht. Sie haben eine große Datenbank mit Menschendaten gescannt und nach Kriterien durchgesiebt, die ich nur zum Teil beeinflussen konnte, und mir dann erklärt, sie hätten DIE Frau für mich gefunden. Die Frau, mit der ich einen Score von 98 Punkten erreiche. 98 von 100. Diese Frau ist quasi ich. Will ich das? Ebenso sehr, wie ich eine Scheißangst davor habe, ehrlich gesagt. Denn wenn ich in diesem Leben überhaupt eine Familie gründen möchte, wird es so langsam Zeit. Nicht nur für ein paar mehr oder weniger vergnügliche Akte.

Deshalb also bin ich hier, in diesem Park, und starre aus dem getarnten Blechtopf, der ein komplexes Miniraumschiff ist – wovon ich null verstehe, ich kann gerade mal die Kindergartenversion bedienen –, auf diese hochkünstlerischen Stahlbögen und eine Baumreihe. Weil eine mir bestimmte Frau in ein paar Stunden hier spazieren gehen wird und ich sie ansprechen werde. Als Jugendlicher hätte ich übrigens gedacht, dass die runde Öffnung wie ein Dimensionstor aussieht, aber inzwischen weiß ich es besser. Wenn man ein Dimensionstor erkennt, ist es zu spät – ich bin nicht zum ersten Mal zwischen Lacerta und der Erde unterwegs.
Ob mir der Popo auf Grundeis geht? Und wie.

»Zielsubjekt im Radius!«, wiederholt der Blechtopf. Irgendwas läuft hier schief, die Echsentechnik irrt sich nie. Ich checke das, vertiefe mich in die Anzeige auf der Konsole und sehe jetzt, dass ein menschlicher Punkt in unmittelbarer Nähe ist und vom Museum her weitere folgen. Raus kann ich aber nicht sofort, ich brauche ein paar Minuten Vorlaufzeit, um den Blechtopf zu verlassen, und mache schon mal die Bildaufzeichnung scharf.

Als der Punkt wenig später in mein Gesichtsfeld stürmt, bekomme ich einen Schock.

Sie ist ein Kind! Ein kleiner Wirbelwind in Rosa mit Locken! Heilige Scheiße, die Frau meines Lebens ist noch ein Kind! Was haben sich diese blöden Echsen denn dabei gedacht?

Gar nichts vermutlich. So viel zu den Ergebnissen meiner interspeziären Arbeit, verdammt.
Ich mache einen letzten Check, um mich zu vergewissern.
»Computer, Datum und Uhrzeit!«
»Es ist jetzt 16:04 Uhr Irish Standard Time am Mittwoch, den 9. August 2017.«
WAS? Das ist nicht möglich.
»Computer, wiederhole!«
»Es ist jetzt 16:04 Uhr Irish Standard Time am Mittwoch, den 9. August 2017.«

Oh-oh! Ich lasse mich in den Sessel fallen, mir wird richtig komisch. 2017 war ich sieben! Der Hüpfer durch das Dimensionstor hat mich zwanzig Jahre in die Vergangenheit geschickt? Wie konnte das denn passieren? Ich schaue an meinem Körper hinunter. Siebenundzwanzig, sicher nicht jünger. Und jetzt? Die Echsen kommen 2022. Ich bin der Einzige, der weiß, was in fünf Jahren mit der Welt geschehen wird?!

»Nein!«, brülle ich voller Verzweiflung und haue mit aller Kraft auf den großen, roten Knopf am Rand der Konsole, der mich nach Lacerta zurückbringen soll, wenn meine Mission erfüllt ist.
Der Blechtopf beginnt zu summen und leicht zu rütteln.
Das Brummen steigert sich – und bricht dann jäh ab. Es wird still.
Die Aussicht aus meinem Fenster ändert sich nicht, und das Kind ist auch weg.

Ich glaube, jetzt bin ich endgültig ganz schön am Arsch.

 

Bernar Venet, 217.5° Arc x 12, IMMA, Dublin
Quelle und Copyright: Myriade

 

Gerne bin ich auch im Januar Myriades Einladung zu ihrer Impulswerkstatt gefolgt, auch wenn ich gefühlt Ewigkeiten gebraucht habe, bis sich der Nebel in meinem Kopf zu einem Text geklärt hatte.

Es wird wenige von euch wundern, dass ich versucht habe herauszufinden, was hier eigentlich zu sehen ist (ohne direkt nachzufragen, macht mehr Spaß). Ich möchte solche Infos haben, um zu sehen, was davon ich verwenden kann – als Ergebnis davon steht der Blechtopf jetzt da, wo er steht, und Myriade darf erklären, wie sie an Fotos aus der Raumschiffkamera kommt 😉

Der Künstler, der diese Bögen erschaffen hat, heißt Bernar Venet, das Werk trägt den Titel „217.5° Arc x 12“ und steht/stand auf dem Gelände des Irish Museum of Modern Art in Dublin. Hier ist ein Link zum IMMA, und wer sich wie ich über Himmelsrichtungen und genaue Lage klarwerden möchte, findet hinter diesem Link die Ansicht per Google Streetview vom Juli 2018.

Meine erste Assoziation zum Bild war „Dimensionstor“, danach wurde es bisschen bunter. Nein, es gibt keine Fortsetzung. Nein, ich habe keine Ahnung, wieso/ob die unfehlbare Technik versagt hat, ob das Absicht war oder, oder … 😉

Bin sehr gespannt auf eure Eindrücke.

 

Das Weihnachtsessen | Myriades Impulswerkstatt

Der Schnee fiel in dicken Flocken, und sie war so genervt, dass sie das schon fast als persönlichen Angriff empfand. Scheißkarre, warum musste die gerade jetzt verreckt sein, wo sie die ganzen Lebensmitteleinkäufe für Weihnachten zu erledigen hatte?

Sie hastete vom Supermarkt mit ihren prall gefüllten Taschen zur Bushaltestelle. Gott, sie würde drei Kreuze machen, wenn sie sicher zu Hause war, sie war das lange Schleppen einfach nicht mehr gewöhnt. Aufstöhnend setzte sie den schweren Shopper ab und türmte die beiden Plastiktüten obenauf. Das Wartehäuschen war voller wenig kunstvoller Graffitis und sie zog sich routiniert die sperrige Maske über die Nase. Alles gut. Die war inzwischen selbstverständlich, wenn sie einen Fuß vor die Tür setzte. Wenn sie sich ansteckte, wer würde sie pflegen? Die Kinder bestimmt nicht, die hatten ihr eigenes Leben.

Ihr Blick wanderte zu der Kirche jenseits der Kreuzung. Neben den Säulen am Eingang stand ein Pärchen, dem offensichtlich egal war, wer zusah, und sich innig küsste.

Gebt bloß acht, dass euch der Pfarrer nicht sieht! Der Gedanke entfloh ihr schneller, als sie ihn zu Ende gedacht hatte. Sie ärgerte sich. Es konnte ihr doch nun wirklich gleichgültig sein! Überhaupt, wer sagte denn, dass die da drüben nicht verheiratet waren? Nur weil ihr Tammo mit ihr nach der Heirat nicht mehr öffentlich geknutscht hatte, da er fand, dass das keinen was anging, was sie privat miteinander so trieben?

Ihnen war zu wenig gemeinsame Zeit vergönnt gewesen, aber vieles Schöne hatten sie miteinander geteilt, dachte sie versonnen, und für einen Moment wanderte unter der Maske ein Lächeln über ihr Gesicht. Und um die Familientradition hochzuhalten, hatte sie ja wohl ein Recht darauf, ihre Kinder zum alljährlichen Weihnachtsessen zu sehen zu bekommen, oder? Der erste Weihnachtstag gehörte der Familie, also jetzt ihr, wenigstens solange, bis die Jungs selbst eine hatten, das war ehernes Gesetz.
Hauke hatte sich schon frühzeitig abgemeldet. Vorgeblich, damit die anderen ihre Partnerinnen mitbringen konnten, regelkonform und so weiter. Aber er hatte wenigstens versprochen, am zweiten Weihnachtstag mit Christina vorbeizuschauen. Sie hatte nichts dagegen, dass dadurch die ewigen Sticheleien über Frauen zwischen ihrem Ältesten und dem Jüngsten entfielen. Männer! Friesische Dickköpfe wie ihr Vater eben, Gott hab ihn selig.

Sie würden doch kommen?! Nach Tammos Tod hatte sie das Kommandieren angefangen und das nervte die Kinder manchmal, okay, aber war ihnen klar, wie wichtig es ihr war, sie Weihnachten zu Hause zu haben, selbst wenn es nur für ein paar Stunden sein sollte? Erschrecken durchzuckte sie und fuhr ihr so heftig in die Glieder, dass sie froh war, sich für einen Moment auf einen gesprungenen Plastiksitz setzen zu können, bis sich ihr Puls beruhigt hatte.
Wo blieb überhaupt der Bus? Sie warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Noch sechs Minuten. Wind kam auf, der Schnee trieb in das Wartehäuschen. Ohne die Flocken wahrzunehmen, starrte sie auf die vierspurige Straße, auf der die Autos vorbeijagten, um noch bei Grün über die Kreuzung zu schießen.

Bisher hatten sie sich nicht getraut, zum Weihnachtsessen nicht zu erscheinen. Nicht Uwe und Kathrin mit den Enkeln, nicht Matthys, der wie in fast jedem Jahr mit einer neuen Dame auftauchen und wie jedes Mal schwören würde, dass das jetzt endlich die Frau fürs Leben sei.
Sie musste sie beide dringend anrufen. Gleich heute Abend.

Hoffentlich konnte sie das Auto morgen doch von der Werkstatt abholen und wenigstens die Getränke transportieren. Hoffentlich würden die Kinder nicht absagen. Das Jahr hatte schon genug Einschränkungen mit sich gebracht, aber bitte nicht auch noch das Weihnachtsessen!
Die Unruhe ließ sie aufstehen und ihre Taschen aufnehmen. Hoffentlich hatte der verdammte Bus keine Verspätung.

 

Quelle und Copyright: Myriade

 

Dies ist mein erster Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, und ja, ich bin spät dran, schließlich schleicht sich auch Weihnachten gerade davon. Aber entweder jetzt oder nie, und ich wollte nicht etwas versprochen haben und es schon wieder nicht halten.

Dank eines Textes von Myriade (glaube ich) habe ich erfahren, dass sich das Pärchen in/an/bei/neben der Gloriette küsst, für mich war es spontan ein Kircheneingang hier in der Nähe: ähnliche Farben, ähnliche Säulen. Nur den Schnee, den hätte ich noch gern, hier ist im Dezember nachts mal eine Flocke gefallen, aber das war es bisher …