Kloß im Herz | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Sie stand hinter dem Fenster und blickte nach draußen. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die Decke mit der kleinen bepelzten Kugel sehen, die im Tiefschlaf pustete. Die Bank, auf der die Kugel lag, war eines der Dinge, die noch von zu Hause stammten, solides Holz, Fichte, glaubte sie, und erinnerte sich daran, dass sie ihrem Vater als Kind geholfen hatte, es abzuschleifen, bevor unter seinen Händen die Bank entstanden war, die später meist ihren Dienst in der kühlen, immer leicht feucht riechenden Waschküche verrichtete, durch deren winzige Fenster auch eine ebensolche Kugel aus und ein gegangen war.
Was nahm man mit, wenn man eine Wohnung, ein Haus, ein Leben auflöste? Wenn aus einer Gegenwart Erinnerungen wurden, unwiederbringlich, deren Gewicht für lange Zeit das Herz abschnürte?

Wir haben doch alles.

Sie hatte sich schweren Herzens nur für Dinge entschieden, die sie nicht so schnell loslassen konnte oder wollte, die halfen, die klaffende Wunde zu verpflastern. Wertgegenstände halt, auch wenn der Wert eher ideell als materiell war. Das geliebte Schränkchen. Bücher. Die Trauringe ihrer Eltern, die scheußliche goldene Kette, die die Mutter „für gut“ getragen und sehr in Ehren gehalten hatte. Küchenkram, na klar. Praktische Kleinigkeiten, die ihr später irgendwann ein Lächeln abringen würden, weil sie so sehr den Geist ihrer Mutter atmeten. Und vieles, was sie mit ihrer eigenen Kindheit verband.
Ach, dachte sie, mit der Zeit ist es wie mit einer Wanderbaustelle, irgendwann ist es vorbei. Und was wird dann von mir bleiben außer einem Namen auf dem Friedhof? Und ist es nicht gut so, wie es ist? Wer bin ich denn schon? „Mein Teil, es soll verloren gehen“, eine Zeile aus einem Bachmann-Gedicht, gelesen, zugestimmt, erschrocken ob der Endgültigkeit und nie vergessen.

Ihre Gedanken verweilten bei ihrer Mutter, die abends mit langsamen Schritten das Haus umrundet hatte, im Garten kontrollierte, ob etwa Erdbeeren oder Johannisbeeren so reif waren, dass sie gepflückt werden mussten, oder wie es um die Äpfel stand. Im Sommer kam es der Tochter manchmal so vor, als ob die Mutter bei den abendlichen Telefonaten nur von den Falläpfeln sprach: Apfelmus, Apfelpfannkuchen, Blechkuchen mit Äpfeln und Rosinen und Zimt zu allen Gelegenheiten, die sich nur ergeben konnten. Und Zwetschgen. Später im Jahr dann die Zeit, wo sie am Gartentor stand und das fliegende V hoch über ihr flüchtige Anzeichen von Heimweh auslöste: Graugans nach Graugans, nach Nordosten oder von dort zurück, Ostpreußen. Ferne, schöne Heimat, für immer überschattet von Krieg und Vertreibung.
Sie hatte über fast alles Schlimme geschwiegen, hatte ihre Lebensgeschichten ihrer Tochter nicht zumuten wollen, auch wenn die sich an Geschichten über Muckefuck und Ernteeinsätze und Badeausflüge zur Ostsee erinnerte, und dass sich die Mutter entgegen aller Flüsterpropaganda, was mit ihnen unter den Russen geschehen würde, geweigert hatte, ein Schiff zu besteigen, als alles verloren war: Wasser hat keine Balken! Wie war es wirklich, hatte sie gefragt. Furchtbar, hatte die Mutter gesagt und abwehrend den Kopf geschüttelt, aber es gibt gute und schlechte Menschen überall, ich glaube nicht, dass die deutschen Soldaten immer besser waren. Es gab so viel, was wir damals nicht wussten.
Dass ihr Volk, das der Dichter und Denker und der Waldeinsamkeit, dazu fähig war, Vernichtungslager zu bauen und zu betreiben, hatte ihren Glauben an die Welt nachhaltig erschüttert. Sie hatte als Jugendliche die dahinterstehenden Ideen unkritisch mitgetragen, ihre Tochter hatte sich manchmal gefragt, ob sie ihr Schicksal als eine Art Buße dafür angesehen hatte, so gutgläubig gewesen zu sein. Heute ist es leichter, sich zu informieren, dachte sie nun, aber die Schlüsse daraus sind genauso schwierig und oft nicht weniger falsch.

Draußen auf der Terrasse schwangen die solarbetriebenen Lampions im abendlichen Windhauch. Die Pelzkugel stand auf, machte einen Buckel, warf ihr einen langen Blick zu und ging gemessen ihrer Wege.

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem zweiten Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge einzubauen:
Flüsterpropaganda, Graugans, Holz, Johannisbeeren, Lampion, Muckefuck, Schritte, Waldeinsamkeit, Wanderbaustelle, Windhauch.

Gestern Abend habe ich mich mit Myriade darüber unterhalten, wie wir schreiben, da wir beide uns oft aus den Etüden einen Ausgangsbegriff herauspicken (ich oft unbewusst, wie mir aufgefallen ist), um den herum sich die Geschichte dann entwickelt. Dazu merkte sie dann an: „Na ja, ich denke es gibt verschiedene Herangehensweisen. Man kann die Geschichte um ein Wort bauen und die anderen hereinziehen oder zuerst eine Geschichte haben und die Wörter dann einbauen oder nur die Wörter irgendwie aneinanderreihen. Sehr spannend finde ich irgendetwas Persönliches zu schreiben und dann zu sehen, ob die Wörter irgendwelche zusätzliche Gedanken oder Themen eröffnen. Das ist dann so ähnlich wie ein Rohrschach-Test nur mit Wörtern. Das ist für mich ein Gewinn, ansonsten könnte ich ja genauso gut einfach irgendeine Geschichte erfinden oder Betrachtungen über irgendwas schreiben. Aber es würde mich sehr interessieren, wie andere an die Sache herangehen.“ (Originalkommentar hier.) Und ich dachte, oh, das probiere ich mal aus, mich anders zu nähern, denn mir war fast gleichzeitig der Eintrag von Petra Schuseil im Totenhemd-Blog ins Auge gesprungen, wo sie fragt, ob man schon mal eine Wohnung aufgelöst habe. Ja, musste ich, und es ist auch nicht mehr ganz frisch, also war es relativ leicht, daraus eine Geschichte zu spinnen …

 

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Nebelsee … äh, -teich

Der heutige Post geht nicht ohne den gestrigen, wenn ihr also die Bilder vom Sonnenuntergang am Teich nicht mehr präsent habt, dann könnt ihr hier nochmal schauen. Ja?

Okay, dann bitte, hier nochmal der Teich, wenn es dort nebelt. Die Bilder sind von gestern Mittag, High Noon sozusagen, ich war zufällig dort unterwegs (vergleicht das jeweils erste Bild, beinahe an derselben Stelle) und man sah fast die Hand vor Augen nicht. Unglaublich, oder? Also wieder das Handy gezückt und …
Das kleine Gedöns, die kleinen schmutzigen Punkte, sind Möwen oder Enten. Und ja, auch auf dem anderen Bild gibt es einen Übergang Luft-See …
Es nebelt immer noch, soll heute aber aufklaren. Heißt es.

Quelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß wie immer

 

Nebelland hab ich gesehen,
Nebelherz hab ich gegessen.

(aus: Ingeborg Bachmann, Nebelland, Quelle)

Es gibt Zitate, die begleiten einen durch die Jahre.
Und hört euch Ulrich Tukur an …