Notlage | abc.etüden

CN: In dieser Etüde hat eine ältere Frau physische und psychische Gewalt in ihrer Ehe erlebt und reflektiert darüber. Keine explizite Schilderung.

 

»Du lieber Himmel, wie siehst du denn aus?«

Ihr Gesicht brennt. Sie weiß nicht, wie sie aussieht. »Bin gestolpert und die Treppe runtergefallen.«

»Und dann läufst du hier draußen rum? Du solltest zu Hause auf dem Sofa liegen!«

Schweigen. Die Freundin mustert sie. Sie kennen sich nun auch schon über 30 Jahre, die Männer waren Arbeitskollegen. Hanne ahnt etwas, vermutlich schon lange.
Was soll sie antworten?
Er ist kein schlechter Mann. Er ist oft ein bisschen grob, ja. Sie hat das nie weiter gestört, hat immer das gute Herz dahinter gesehen. Aber in den letzten Jahren hat er angefangen, sie anzuschreien, wenn ihm was nicht passte. Hat große Reden geschwungen und ist darüber immer griesgrämiger geworden. Hat mehr getrunken. Hat auf alle geschimpft, die Politik, die Nachbarn, die Tochter. Und sie. Am Anfang hat sie noch Widerworte gegeben, wie er es nannte, hat es dann aber ganz schnell gelassen und geschwiegen.
Was hatten sie sich auf seinen Ruhestand gefreut. Zusammen alt werden, das hatten sie einander versprochen, in gegenseitiger Liebe und Vertrauen.

Sie seufzt.

Vor einem Jahr ist ihm zum ersten Mal die Hand ausgerutscht. Der Stress der Vorweihnachtszeit. Er hat es nicht so gemeint, das denkt sie immer noch, das denkt sie immer, aber seitdem hat sich etwas verändert. In ihr Zuhause, die Quelle ihrer Freude, ist die Angst eingezogen.
Sie ist gestolpert und die Treppe runtergefallen, ja. Aber er hat sie gestoßen. Sie hat nach ihrer Jacke gegriffen und ist auf die Straße gerannt, obwohl sie den Schnee draußen hat stöbern sehen. Nur weg. Und jetzt hat sie nicht mal Geld für einen Kaffee. Und sie weiß nicht, wohin. Sie weiß gar nichts mehr. Bloß: Etwas muss passieren.

»Du kommst erst mal mit«, bestimmt Hanne. »Heinz ist beim Arzt, wir können offen sprechen.«

Sie nickt.

 

abc.etüden 2020 47+48 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 47/48.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulli mit ihren Blog Cafe Weltenall. Sie lauten: Quelle, griesgrämig, stöbern.

 

Am 25. November, das ist heute, ist der »Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen«. Dazu gibt es vielerlei Aktionen; ich habe in den letzten Wochen immer wieder Plakate gesehen, die auf die Situation von Frauen während Corona aufmerksam machen: Wessen Bewegungsspielraum aus welchen Gründen auch immer eh eingeschränkt ist, den treffen Kontaktbeschränkungen besonders hart.

Ich habe in einer Beziehung noch nie selbst körperliche Gewalt erlebt, wohl aber schon Angst gehabt. Gewalt hat viele Formen, die körperliche und sichtbare ist nur die offensichtliche.

Was mich jedoch aufgerüttelt hat, ist eine Pressemitteilung zur Situation älterer Frauen: »Partnergewalt an älteren Frauen ist keine Seltenheit: Jede siebte Frau über 60 Jahre erleidet schwere körperliche oder sexuelle Misshandlung und psychische Gewalt. […] Kennzeichnend für ältere gewaltbetroffene Frauen sind ein erhöhtes Schamgefühl sowie die Tabuisierung von Gewalt. Darüber hinaus befinden sie sich oft in Lebenssituationen, die geprägt sind von lang andauernder Gewalt und von erhöhten finanziellen und persönlichen Abhängigkeiten zum Misshandler.«

DAS ist ein Umfeld, in das ich passe, weil ich viele Frauen in diesem Alter kenne. Hier bin ich gefordert, die Augen offen zu halten und eventuell Hilfe anzubieten, in welcher Form auch immer. Ich möchte als Anlaufstellen hier auf zwei Internetseiten mit vielen, vielen Infos verweisen: hilfetelefon.de und die zum Thema »Häusliche Gewalt« vom Weissen Ring.

Wer vielleicht lieber guckt als liest, dem lege ich außerdem folgendes Video von FRONTAL 21 (ZDF) ans Herz:

Gewalt gegen Frauen: Wenn der eigene Mann zum Feind wird

Bedenkt, dass ihr möglicherweise einen Unterschied machen könnt. ❤