Vom Herbstgefühl

Die bunten Astern

Die bunten Astern sind wie ein Regenbogen
In den nassen Garten eingezogen,
Wie Gesichter, die schon etwas frieren.
Die großen Äpfel an den Spalieren
Die hängen wie trutzige Köpfe dort;
Bald trägt sie mein Schatz in der Schürze fort.
Der Morgen ist kalt, und die Blätter sind alt;
Bald hat die Nacht ständig die Obergewalt.
Und wenn die Astern den Garten verlassen,
Wird der Winter die Menschen anfassen.
Trag jeder seinen Garten beizeiten ins Haus,
Bei einem Schatz geht der Sommer nicht aus.

(Max Dauthendey, Die bunten Astern, aus: In sich versunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 334)

Ein jedes Blatt zur Erde will

Es liegt ein Nebel im Morgen wie Schnee,
Er tut den Blättern an den Birken weh.
Sie fallen gelb und flattern still,
Ein jedes Blatt zur Erde will.

Wir gehen hinter flatternden Blättern drein,
Sie fliegen ins Unbekannte hinein.
So folg’ ich blindlings, Liebste, deinem Schritt –
O, nimm mich auch einst zum Sterben mit.

(Max Dauthendey, Ein jedes Blatt zur Erde will, aus: In sich versunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 334)

Jetzt ist es Herbst

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.

Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit,
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit.

Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muß gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküßt, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergißt.

(Max Dauthendey, Jetzt ist es Herbst, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 363)


Quelle: Pixabay

Er ist vielleicht kein großer Poet, der Herr Dauthendey. Aber immer wieder liebe ich, dass fast in jedem Gedicht, sein Schatz oder seine Hinwendung an die Zweisamkeit vorkommt – und dass ich nicht das Gefühl habe, dass der Mann unglaublich anstrengend gewesen sein muss 😉

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Kann übrigens jemand von euch Norwegisch (Bokmål)?


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Vom Herbst und dem Abschied

 

Jetzt ist es Herbst

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.

Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit,
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit.

Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muß gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküßt, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergißt.

(Max Dauthendey, Jetzt ist es Herbst, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 363)

 

Herbstschöne.

Nun sind im Jahresreigen
Verstummt die hellen Geigen
Mit ihrem Lustgetön.
Die glühen Sommerfarben
Sie welkten schon und starben,
Und dennoch ist es schön. –

Wenn auch das Sonnenprangen
Vom Wolkenflor verhangen,
Und wenn auch Nebel brau’n –
Du mußt es nur verstehen
Im Sterben und Vergehen
Die Schönheit noch zu schau’n.

(Heinrich Kämpchen, Herbstschöne, aus: Was die Ruhr mir sang, 1909, S. 159–160, Online-Quelle)

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)

 

Herbstliche Allee | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Allen, die über den Rilke meckern (wehe!), sei erzählt, dass ich auf diesem Ohr völlig taub bin – ich liebe dieses Gedicht seit meiner Jugend, die nun auch schon ein paar Tage her ist, und werde es zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zitieren, also mindestens einmal im Jahr. Oder so.

Zum Nachhören hätte ich hier den großartigen Otto Sander (Link zu YouTube) für euch, der mir sogar noch besser gefällt als die in den Kommentaren gepriesene Vertonung durch Oskar Werner.

Kommt gut in die neue Woche!