Von Winter und Alleinsein

Die Überholten

Und Menschen triffst du, und dich stört ihr Reden,
Weil es nichts Neues dir enthüllt.
Du kennst all ihre Zellen, hast längst jeden
Gedanken überholt, der sie erfüllt.

Du willst durchaus nicht, daß sie näher kommen;
Du fürchtest, daß du überlegen siegst.
Doch schweigend dann besinnst du dich beklommen,
Wie du den Anfang so wie sie genommen,
Und daß du dankbar sein mußt, weil du stiegst.

Doch wenn du dich bescheiden an sie wendest
Und einfach sprichst, erfährst du, daß du störst.
Und einsam klingt der Satz, den du vollendest.
Weil du doch nimmer ihnen angehörst.

(Joachim Ringelnatz, Die Überholten, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Lebhafte Winterstraße

Es gehen Menschen vor mir hin
Und gehen mir vorbei, und keiner
Davon ist so, wie ich es bin.
Es blickt ein jedes so nach seiner
Gegebenen Art in seine Welt.

Wer hat die Menschen so entstellt??

Ich sehe sie getrieben treiben.
Warum sie wohl nie stehenbleiben,
Zu sehen, was nach ihnen sieht?
Warum der Mensch vorm Menschen flieht?

Und eine weiße Weite Schnee
Verdreckt sich unter ihren Füßen.
So viele Menschen. Mir ist weh:
Keinen von ihnen darf ich grüßen.

(Joachim Ringelnatz, Lebhafte Winterstraße, aus: Flugzeuggedanken, 1929, Online-Quelle)

Stille Winterstraße

Es heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er’s nicht etwa kann.
Ich stapse einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.

(Joachim Ringelnatz, Stille Winterstraße, aus: Flugzeuggedanken, 1929, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Kein Schnee in Hamburg, nirgends, aber als ich über den Winter nachdachte, fielen mir innerhalb kürzester Zeit drei mehr oder weniger melancholische Ringelnatze ins Auge, dann muss das wohl so sein.

Kommt wie immer gesund und heiter in und durch die neue Woche!


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Von Tanten und Verwandten

Verwandte

Ihr seid beleidigt, weil ich nicht
Gerührt in Eure Arme stürze
Und das Verzeihungs-Arangement
Mit keiner Reuescene würze.
Ich flehte nicht, Ihr selber seid
Nun plötzlich gnädig mir gewogen;
Doch legt die Gnadenmienen ab,
Schaut, welche Kluft Ihr einst gezogen.
Setzt nur herüber kühnen Sprungs,
Seid einmal menschlich-unbesonnen. …
Brecht Ihr auch das Genick dabei,
Hat Welt und Hölle nur gewonnen.

(Ada Christen, Verwandte, aus: Aus der Asche (Neue Gedichte), 1870, Online-Quelle)

Die erste alte Tante sprach

Die erste alte Tante sprach:
Wir müssen nun auch dran denken,
Was wir zu ihrem Namenstag
Dem guten Sophiechen schenken.

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
Ich schlage vor, wir entscheiden
Uns für ein Kleid in Erbsengrün,
Das mag Sophiechen nicht leiden.

Der dritten Tante war das recht:
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken!
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muß sich auch noch bedanken.

(Wilhelm Busch, Die erste alte Tante sprach, aus: Kritik des Herzens, 1874, Online-Quelle)

Überall

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben.
Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn Du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

(Joachim Ringelnatz, Überall, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Irrlichter

Wir haben einen alten Verkehr
mit den Lichtern im Moor.
Sie kommen mir wie Großtanten vor …
Ich entdecke mehr und mehr

zwischen ihnen und mir den Familienzug,
den keine Gewalt unterdrückt:
diesen Schwung, diesen Sprung, diesen Ruck, diesen Bug,
der den andern nicht glückt.

Auch ich bin dort, wo die Wege nicht gehn,
im Schwaden, den mancher mied,
und ich habe mich oft verlöschen sehn
unter dem Augenlid.

(Rainer Maria Rilke, Irrlichter, Muzot, Mitte Februar 1924, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 147)



Quelle: Pixabay

Jaaaa, der Rilke passt nicht so recht in die Reihe, zugegeben. Aber ehrlich gesagt dachte ich, wenn ich den jetzt nicht festhalte, dann finde ich ihn nieeee wieder …

Sind die (Kopfbedeckungen der) Tanten nicht großartig? Die scheinen auf der Insel Mainau zu stehen, tun sie das immer noch ;-)?

Kommt wie immer gut und heiter (und gesund) in und durch die neue Woche!


Von Zweisamkeit. Irgendwie

Eine Ehe

Sie konnten sich nie leiden
Und wurden doch ein Paar.
Sie dachten täglich ans Scheiden
Durch fünfundzwanzig Jahr.

Sie haßt ihn, der nicht minder
Von Schmähungen über sie strotzt.
Und beide haben neun Kinder
Einander abgetrotzt.

(Georg Bötticher, Eine Ehe, Online-Quelle)

Der Nachtschelm und das Siebenschwein
oder
Eine glückliche Ehe

Der Nachtschelm und das Siebenschwein,
die gingen eine Ehe ein,
o wehe!
Sie hatten dreizehn Kinder, und
davon war eins der Schluchtenhund,
zwei andre waren Rehe.

Das vierte war die Rabenmaus,
das fünfte war ein Schneck samt Haus,
o Wunder!
Das sechste war ein Käuzelein,
das siebte war ein Siebenschwein
und lebte in Burgunder.

Acht war ein Gürteltier nebst Gurt,
neun starb sofort nach der Geburt,
o wehe!
Von zehn bis dreizehn ist nicht klar; –
doch wie dem auch gewesen war,
es war eine glückliche Ehe!

(Christian Morgenstern, Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder Eine glückliche Ehe, aus: Galgenlieder, 1932, Online-Quelle)

VERSÖHNUNG

Es ließe sich alles versöhnen,
Wenn keine Rechenkunst es will.
In einer schönen,
Ganz neuen und scheuen
Stunde spricht ein Bereuen
So mutig still.

Es kann ein ergreifend Gedicht
Werden, das kurze Leben,
Wenn ein Vergeben
Aus Frömmigkeit schlicht
Sein Innerstes spricht.

Zwei Liebende auseinandergerissen:
Gut wollen und einfach sein!
Wenn beide das wissen,
Kann ihr Dach wieder sein Dach sein
Und sein Kissen ihr Kissen.

(Joachim Ringelnatz, Versöhnung, aus: Flugzeuggedanken, 1929, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Und wieder: Normalerweise veröffentliche ich keine zwei Beiträge an einem Tag, damit sie sich untereinander keine Konkurrenz machen, speziell bei den Adventüden möchte ich das nicht. Aber weil mein Herz daran hängt, will ich euch so ganz ohne Gedicht(e) dann doch nicht in/durch die Woche entlassen.

Mir fiel es heute schwer, der schrägen Adventüde etwas zur Seite zu stellen. Ich hoffe, ihr lasst euch dennoch berühren, nachdenklich machen … und lächelt.

Hier geht es zur Adventüde von heute.

 

Vom Miteinander (2)

WIE MACHEN WIR UNS GEGENSEITIG DAS LEBEN LEICHTER?

Wir haben zu großen Respekt vor dem,
Was menschlich über uns himmelt.
Wir sind zu feig oder sind zu bequem,
Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.
Wir träumen zu wenig im Wachen.
Und könnten so leicht das Leben uns
Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein
Aus tierisch frommem Gemüte. –
In dem pompösesten Leichenstein
Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust,
Dies Thema weiter zu breiten.
Wir tragen alle in unsrer Brust
Lösung und Schwierigkeiten.

(Joachim Ringelnatz, Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, Online-Quelle)

Es gehört nicht viel dazu

Es gehört nicht viel dazu
Einander glücklich zu machen:
Ein bißchen Liebe nur
Und ein befreiendes Lachen
Und die Klugheit, zu wissen,
Daß wir lauter Bettler sind,
Die von Pfennigen leben müssen,
Die man am Weg gewinnt.

(A. de Nora, Es gehört nicht viel dazu, aus: Hochsommer, Neue Gedichte. 1912, Online-Quelle, Quelle unbestätigt)



Quelle: Pixabay

Ich habe es letzte Woche schon geschrieben: Normalerweise veröffentliche ich keine zwei Beiträge an einem Tag, damit sie sich untereinander keine Konkurrenz machen, speziell bei den Adventüden möchte ich das nicht. Aber weil mein Herz daran hängt, will ich euch so ganz ohne Gedicht(e) dann doch nicht in/durch die Woche entlassen.

Hier geht es zur Adventüde von heute.

 

Vom Hund (und Katz)

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
Bei gesträubter Haarfrisur,
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld. Da geht es bumm!
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit,
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

(Wilhelm Busch, Hund und Katze, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Findling

Es war ein trüber Abend
Zwischen Herbst und Winter,
Regen strömte und strömte
Vermischt mit zerfließenden Flocken
Zeitigen Schnees,
Und eisiger windhauch klatschte
Das rotbraune Laub des wilden Weins
Ans Gittertor –
Da standst du vor meinem Hause,
Nachdem du mir lange nachgeschlichen,
Scheu und doch hoffend,
Stumm und doch bittend.
Ich nickte dir zu,
Ich blickte dich an,
Und sah einen schlanken, biegsamen
Schwarzen Jäger,
Stammend aus schottischem Hochgebirge,
Durchnäßt und erschöpft,
Niederkauern vor mir.
Vordringliche Rippen zeugten
Von schwerer Entbehrung
Und ich erwog:
Wie lange du schon so heimatlos
Umhergeirrt in den fremden Straßen,
Und sagte: Komm!
Und du kamst.

(Emil Claar (Wikipedia), Findling, möglicherweise aus: Weltliche Legenden, 1899, Online-Quelle)

FRAU WERNER HIESS DAS TIER

(22. Juni 1931)

Mein Hund, den ich einmal an Oertners gab,
Weil sie ihn überlieb gewonnen hatten,
Den mußten sie heute bestatten.
Betteten ihn in ein Hundegrab.

Eine Terrierhündin, die vierzehn Jahr
Alt wurde und Kriegskameradin mir war,
Ist sanft und rührend entschlafen.
Nun weinen die Oertners, die braven.

Mich tröstet traurig: So ging’s, so geht’s.
Hat Bug wie Heck seine Wellen. —
In meinem besten Erinnern wird stets
Etwas wedeln und etwas bellen.

(Joachim Ringelnatz, FRAU WERNER HIESS DAS TIER, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Nein, bevor irgendwer etwas denkt – der Fellträger erfreut sich bester Gesundheit. Natürlich gibt es einen Anlass für diese Gedichte, aber der ist ziemlich durch die Brust ins Auge … und fröhlicher, als es scheint.

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Adventüden: 22 sind da, eine fehlt entschuldigt, der Rest … *grrrrr*


Vom Lebensgefühl im August

AUGUST

Im Garten vor dem Pfarrhaus blühn
Veil, Sonnenblum und Rosmarin.
Vincula Petri geht alsdann
den Weizen mit der Sense an.
Die Traube kocht, es gilbt der Mais,
die Störche sammeln sich zur Reis‘,
und bleibn sie noch nach Barthelmä,
ein Winter kommt, der tut nicht weh.
Brachüber grast das Weidevieh,
und auf den Tennen schlagen sie
den Flegeltakt durchs ganze Land.
So geht das Ackerjahr zu Rand.

(Josef Weinheber, August, aus: O Mensch, gib acht!, 1937, Online-Quelle)

August

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, August, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

SCHWEBENDE ZUKUNFT

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewußt
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.

(Joachim Ringelnatz, Schwebende Zukunft, aus: Gedichte dreier Jahre, 1932, Online-Quelle)

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Adventüden: 20 bisher. Noch bis Ende nächster Woche. DANKE an die einen – und an die anderen: Hallo! Time is nearly over! NUR NOCH BIS ENDE NÄCHSTER WOCHE!

Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Von Liebe und Sommerfrische

ICH HABE DICH SO LIEB

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

(Joachim Ringelnatz, Ich habe dich so lieb, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Brief in die Sommerfrische

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.
Weil alles so gut steht
Auf unserem Gemüsebeet.
Und Du bist in England. Nicht hier
Bei mir.
Frau heißt auf Englisch „wife“;
Muß man, um das zu lernen,
Sich so weit und so lange entfernen?
Bei uns ist alles Gemüse reif.
Meinst du, daß ich das allein
Esse? Kommt gar nicht in Frage.
Und so vergehen die Tage.
Könnte doch zu zweit so billig sein.

Bis August und noch September vergeht,
Ist alles verfault auf dem Beet.
Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,
Das es schließlich auch in Büchsen gibt.
Und ich gönne dir das alles sehr. Grüße
Dich!
Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

(Joachim Ringelnatz, Brief in die Sommerfrische, aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

(Joachim Ringelnatz, Sommerfrische, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay

Auf der Suche nach „Sommerfrische“-Gedichten stellte ich fest, dass es mal wieder Zeit für einen Solo-Auftritt von Herrn Ringelnatz ist …

Bleibt im Schatten, wenn ihr könnt, und tut nicht zu viel! Und kommt – natürlich – gut in und durch die neue Woche!


Zum Thema Adventüden: 12 sind bisher bei mir eingetroffen, inklusive meiner. Wäre schön, wenn ihr langsam auch … Ist noch Zeit, ja, ich sags nur.


Von Freundschaft

Geschminckte Freundschafft

Hände küssen, Hüte rücken,
Knie beugen, Häupter bücken,
Worte schrauben, Rede schmücken,
Wer, daß diese Gauckeley,
Meinet, rechte Freundschafft sey,
Kennet nicht Betriegerey.

(Friedrich von Logau, Geschmünckte Freundschafft, aus: Salomons von Golaw Deutscher Sinn-Getichte erstes Tausend, Desz ersten Tausend sechstes Hundert, 25., entstanden 1640/41, Online-Quelle)

Dein wahrer Freund

Dein wahrer Freund ist nicht, wer dir den Spiegel hält
Der Schmeichelei, worin dein Bild dir selbst gefällt.
Dein wahrer Freund ist, wer dich sehn lässt deine Flecken
und sie dir tilgen hilft, eh Feinde sie entdecken.

(Friedrich Rückert, Dein wahrer Freund, 203., aus: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2, 1837, Online-Quelle)

Dem fremden Freunde

Es war Dein Wort ein blitzend Schwert,
Das für mich stritt;
Es war Dein Wort der Seele Schrei,
Die für mich litt.
Die herbe Thräne war Dein Wort,
Geweint um mich;
Ein guter Engel war Dein Wort,
Der nimmer wich!
Dein Wort, es gab mir neuen Muth,
Es drang befreiend stolz zu mir;
Du Fremder, sieh mein schlichtes Wort,
Es dankt zu tausend Malen Dir!

(Ada Christen, Dem fremden Freunde, aus: Aus der Asche (Letzte Lieder), 1870, Online-Quelle)

Sieh, ich war so oft allein

Sieh, ich war so oft allein,
Und ich lernte gleich den Zweigen,
Gleich dem Stein,
Träume wachen, Worte schweigen.

Denke, daß ich Dichter bin.
Eure Sonne ist nicht meine.
Nimm als Freund mich hin,
Wenn ich dir auch fremd erscheine.

Laß mich lauschen aus der Ferne,
Wenn ihr tanzend schwebt,
Daß auch ich das Schwere lerne:
Wie man narrenglücklich lebt.

(Joachim Ringelnatz, Sieh, ich war so oft allein, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Kommt alle gut und heil in und durch die neue Sommerwoche!


Von Tierischem

Giraffen im Zoo

Wenn sich die Giraffen recken,
Hochlaub sucht die spitze Zunge,
Das ihnen so schmeckt, wie junge
Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken.

Hohe Hälse. Ihre Flecken
Sehen aus wie schön gerostet.
Ihre langsame und weiche
Rührend warme Schnautze kostet
Von dem Heu, das ich nun reiche.

Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.

Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,

Hoheit. So, als ob sie wüßten,
Daß nicht Menschen, sondern daß ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.

(Joachim Ringelnatz, Giraffen im Zoo, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Der Igel

Der Löwe saß auf seinem Thron von Knochen
Und sann auf Sklaverey und Tod.
Ein Igel kam ihm in den Weg gekrochen;
Ha! Wurm! so brüllte der Despot,
Und hielt ihn zwischen seinen Klauen,
Mit einem Schluck verschling ich dich!
Der Igel sprach: verschlingen kannst du mich:
Allein du kannst mich nicht verdauen.

(Gottlieb Konrad Pfeffel, Der Igel, aus: Poetische Versuche, Zweyter Theil, Erstes Buch, entstanden 1780, Online-Quelle)

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.
Das Mondschaf.

(Christian Morgenstern, Das Mondschaf, aus: Galgenlieder, 1905, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Okay, wer die Etüden verfolgt, den wird das Thema dieser Woche jetzt nicht so wirklich wundern, und auch nicht, dass ich unbedingt schauen musste, ob es nicht doch ein Giraffengedicht von namhaften Dichtern gibt. Dass ich allerdings noch NIE die Gelegenheit gefunden habe, das Mondschaf zu zitieren, hat mich dann allerdings doch sehr gewundert. Und mit Nummer drei habe ich mich schlussendlich erwartungsgemäß schwergetan – da etwas zu finden, war nicht einfach.

Wie immer: Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche!


Von Vögeln und Hoffnung

Die Amseln haben Sonne getrunken

Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder;
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.

(Max Dauthendey, Die Amseln haben Sonne getrunken, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 122)

Nach einer Zeit

Der du unsrer so gedachtest,
Als uns alles sonst vergaß,
Soviel Glück, wie du uns brachtest,
Keine Wiese hat’s an Gras.

Wenn zwei Augen im Erblinden,
Wenn zwei Herzen ganz verzagt
Plötzlich Licht und Hoffnung finden,
Dann hat Gott etwas gesagt.

Lächelt jetzt ein Regenwürmchen,
Weil die Amsel vor mir flieht?

Hohe Türme sind nur Türmchen,
Wenn ein Adlerauge sieht.

(Joachim Ringelnatz, Nach einer Zeit, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Ich sah einen Adler …

Ich sah einen Adler sich wiegen
Hoch oben im leuchtenden Blau,
Er schaute aus ewigen Fernen
Herab auf mich einsame Frau.

Es standen so träumend die Felder,
So lockend die Berge umher,
Da flog meine Sehnsucht zum Adler,
Zog weitere Kreise als er.

(Anna Ritter, Ich sah einen Adler, aus: Gedichte, 1898, Online-Quelle)

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

(Albin Zollinger, Wo aber fliegen die Abendvögel hin?, aus: Gedichte, 1933. Beleg, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Der übliche Wunsch: Lasst uns alle sicher und friedlich in und durch die neue Woche kommen.

Ja, es ist dringend Zeit für meinen alljährlichen Lieblings-Dauthendey, falls sich jemand schon gefragt haben sollte. Ja, unbedingt. 😉


Von Phantasie

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Ideal und Wirklichkeit, in: Die Schaubühne, 05.11.1929, Nr. 45, S. 710, Online-Quelle)

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär’ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär’ erlogen.

(Joachim Ringelnatz, Nach dem Gewitter, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Zauberschwestern

Zwiefach sind die Phantasien,
Sind ein Zauberschwesternpaar,
Sie erscheinen, singen, fliehen
Wesenlos und wunderbar.

Eine ist die himmelblaue,
Die uns froh entgegenlacht;
Doch die andre ist die graue,
Welche angst und bange macht.

Jene singt von lauter Rosen,
Singt von Liebe und Genuß;
Diese stürzt den Hoffnungslosen
Von der Brücke in den Fluß.

(Wilhelm Busch, Zauberschwestern, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.

(Christian Morgenstern, Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt, aus: Galgenlieder (erw. Ausgabe 1932), Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es ist mir völlig egal, dass man „Phantasie“ inzwischen mit F schreibt. Zu der Zeit, als diese Gedichte entstanden, war dem jedenfalls noch nicht so.

Kommt jedenfalls bitte gut und heil und gesund in und durch die Woche!


Von grauen Tagen

Grauer Himmel trübe Tage …

Grauer Himmel – trübe Tage! –
Keine Lust und keine Plage! –
Weder Sturm noch Sonnenglanz! –
Grauer Stunden dunkler Kranz!

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr’ ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erbeben! –
Wie so öd’ ist sonst das Leben!

(Heinrich Seidel, Grauer Himmel trübe Tage, aus: Blätter im Wind, 1882, Online-Quelle)

Grau

I.

Ist denn mein ganzes Sein verwirrt,
Daß alles ich jetzt anders schau’;
Erscheint mir doch die ganze Welt
Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau.

Ich lebte gern und lachte gern
Wie sonst ein Menschenkind –
Doch alles glotzt so fratzenhaft –
Dies Grau, es macht mich blind.

II.

Ein trüber, grauer Regentag,
Kalt und unheimlich öd;
Der Himmel starrt so grau herein,
Die grauen Menschen so blöd.

Da schnell ein rothes Licht herein –
Den rothen Vorhang herab –
Das lügt dann wieder die Rosen mir
Die ich längst verloren hab’ …

(Ada Christen, Grau, aus: Lieder einer Verlorenen, 1873, 3. Auflage, Online-Quelle)

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich
Über mein inneres Grau.
Das ist kein Scharwenz um ein Liebedich. –
Gnädige Frau, seien Sie gnädige Frau.

Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer,
Und ich kann den Weg nicht mehr finden. –
Was ich erbitte, bemüht Sie nicht mehr
Als wenn Sie ein Sträußchen binden.

Es kann ein Streicheln von euch, ein Hauch
Tausend drohende Klingen verbiegen.

Gnädige Frau,
Euer Himmel ist blau!

Ich friere. Es ist so lange kein Rauch
Aus meinem Schornstein gestiegen.

(Joachim Ringelnatz, Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich, aus: aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

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Ihr ahnt es schon: Kommt gut (und heil) in und durch die neue Woche, sei sie bei euch grau oder nicht!

Gestern (ein ebenfalls sehr grauer Tag) startete der zweite Etüdendurchgang für dieses Jahr. Und was soll ich sagen: Bis abends 22:00 Uhr hatten sich sage und schreibe bereits 19 Etüden angesammelt. Am ERSTEN Tag. Klar, die Wörter sind prima, aber normal ist das nicht. Und jetzt kommt ihr … 😉