Schicksal to go | abc.etüden

Und hier ist unser Halbstarken-Rudel«, verkündete der Tierheimmitarbeiter, stieß die Tür auf und ging mit ihr hinein. O ja: In dem großzügig gestalteten Areal bewegte sich eine Gruppe offensichtlich noch nicht allzu alter Katzen, die voller Inbrunst einander überfielen, einander mit Pfotenhieben traktierten, bissen, kratzten, fauchten, verfolgten, die davonrasten, die Klettermöglichkeiten erklommen und im hohen Bogen wieder heruntersprangen oder -plumpsten. Wer langsam war, hatte verloren und wurde getriezt, bis es einen anderen traf und/oder er/sie sich dem entziehen konnte.

»Passiert da nie was Ernstes?«, fragte sie.
»Selten«, gab er zurück. »Sie sind in dem Alter, wo sie die Rangordnungen klären müssen, und da gibt es keine schwammigen, politisch korrekten Ansagen, da gehen die Herren und Damen Katzen etwas handfester vor.«

Hoppla, dachte sie.

Sie sah sich um und entdeckte in einer Katzenhöhle auf einem Kratzbaum eine schmale getigerte Katze, die aus gelben Augen flüchtig zu ihr herübersah, dann aber weiterhin gebannt die wilde Jagd beobachtete. Sie kannte den Blick. Diese Katze hatte Angst.

»Und was ist mit der da?«
»Ach, die. Lieschen. Gesund ist sie, aber sie integriert sich nicht, trödelt rum und versteckt sich immer. Die hat natürlich keinen leichten Stand, aber wir können sie nicht separieren, dann ginge es ihr noch schlechter. Katzen brauchen den Umgang mit Artgenossen.«

Ja, bei Katzen ist das scheinbar wie bei Menschen, dachte sie. Was bist du nur für ein ignoranter Trottel.

Sie ging zu dem Kätzchen und strich ihm vorsichtig über das gesträubte Fell. Es zögerte zunächst, dann sah es sie an und stupste leicht den Kopf gegen ihre Hand. Mach weiter, Mensch!

»Wie sieht es aus?«, fragte der junge Mann. »Möchten Sie eine Katze kennenlernen?«

Sie entschloss sich spontan und kraulte selbstvergessen das getigerte Katzenkinn.
»Diese hier«, sagte sie und übersah seinen überraschten Gesichtsausdruck. »Ich konnte Klassenkeile früher auch nie ab.«

 

abc.etüden 2021 10+11 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay; Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 10/11.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von René und seinem Blog BerlinAutor. Sie lauten: Klassenkeile, schwammig, trödeln.

Ich bin sicher, dass ich nicht darauf herumreiten muss, dass eine Entscheidung für ein Tier eine Entscheidung fürs Leben ist – meist für das Leben des Tiers. Aber nicht jede*r hat das Glück, von einem Fellträger ausgesucht zu werden, manche müssen selbst tätig werden. Daher möchte ich bekennen, dass ich bisher nur zwei Tierheime von innen gesehen habe und nie selbst die Suchende war, und dass ich einfach nicht weiß, ob die oben beschriebene Szene so passieren könnte.

Was ich weiß, ist, dass man Tiere kennenlernen kann (und sollte), bevor man sie aus der Obhut der Tierheime mitnehmen darf.
Was ich ebenfalls weiß, ist, dass es auch unter Katzen Rüpel gibt; dass man dabei sogar tatsächlich von Mobbing spricht, war mir neu (hier nachlesen).
Wer sich genauer informieren möchte, wie die Adoption eines Tieres im Detail vor sich geht, sollte mit seinem örtlichen Tierheim Kontakt aufnehmen. Und was unter Corona-Bedingungen überhaupt noch möglich ist, wissen eh nur die Götter. Oder auch nicht.

 

On the Road Again? | abc.etüden

Ihm klingelten immer noch die Ohren von dem Zetermordio, das sie geschrien hatte, und von dem Tränenausbruch, der unweigerlich gefolgt war. Irgendetwas war gar nicht in Ordnung in der letzten Zeit.
Sie aß komische Dinge! Sie roch fremd! Sie war anders mit ihm! Okay, er hatte ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit und war viel unterwegs, aber offenkundige Respektlosigkeit konnte er nicht tolerieren, sie kannte ihn schließlich gut, das musste er sich nicht bieten lassen.
»Tja, Griff ins Klo, was? Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dir ein Ei auf den Kerl zu backen«, hatte ihre Freundin gesagt und böse geschaut. Besser war es aber dennoch nicht geworden, auch wenn ihre Hand wie üblich zu ihm gewandert war. Und was hatten die Frauen überhaupt mit »sitzen lassen« gemeint? Er hatte jedenfalls nichts falsch gemacht, da war er sich sicher, und wenn er sie auf der Couch heulen sah, dann hielt das sein weichmütiges Herz kaum aus.
»Ich habe Sorgen«, hatte sie ihm neulich gestanden, »und eigentlich habe ich ziemlich Angst vor dem, was da auf mich zukommt.« Er hatte sie zu trösten versucht, aber es war nicht genug gewesen. Er hasste es, hilflos zu sein.

Sie war hektisch. Sie räumte die Wohnung um. Sie kümmerte sich noch weniger um ihn. Sie machte die Schlafzimmertür zu, was er als Affront empfand. Außerdem wurde ihr Bauch immer dicker und ihre Laune meistens noch schlechter.
Er verstand nicht, was geschah, er fühlte sich unerwünscht und zog seinerseits die Reißleine.

Nun lag er gemütlich auf einer Veranda in der Schrebergartenkolonie, hörte den Regen auf das Dach trommeln und schlug die Pfoten unter. Mäuse gab es genug, für Essen war also gesorgt. Sie fehlte ihm trotzdem. Er wollte, dass alles in Ordnung war. Morgen würde er mal vorbeischauen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche. Bestimmt.

 

abc.etüden 2021 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen.

 

Auch ich, ich gestehe es, treibe mich gelegentlich im Netz auf Katzenseiten herum, nicht nur der Fellträger hinter meinem Rücken 😉 Es gibt nichts, was einem so schnell bessere Laune bescheren kann, aber auch nichts, wo einem so schnell das Herz zerfließen kann, man muss also durchaus vorsichtig sein. Zum Glück passt meiner auf mich auf, dass ich nicht aus Versehen das »Catlady-Einstiegsset« ordere und er demnächst seinen Schlafplatz mit ein paar Katzenkindern teilen muss …
So landete ich jedenfalls auf einer Seite über »Wie geht die Katze damit um, wenn ein Baby ins Haus kommt?« (hängt sehr von der Katze und ihrer Menschbezogenheit ab, aber man kann was machen), und dachte, dass das ein prima Thema für eine Etüde/Kattitüde sei, wo die Situation wirklich aus dem Ruder gelaufen ist und »der Katz« mal nicht automatisch alles unter Kontrolle hat …

Kennt sich jemand von euch damit aus? Katha, habt ihr euch schon Gedanken dazu gemacht, falls du dies hier liest?

Dass dabei dann zufällig gerade Willie Nelson aus dem Radio tropfte und mir mit »On the Road Again« den Etüdentitel (+ Ohrwurm) bescherte, war Zufall. Hier, falls ihr auch wollt – ja, gut aussehender Mann, zumindest auf dem Pic (ich weiß, wie alt er ist, aber mich würde interessieren, wie alt er da war 😉 ):

 

 

Schönen Sonntag zusammen!

 

Update! Bekommt noch jemand seine Mails/Benachrichtigungen über GMX? Ich kann seit 9:00 Uhr Mails zwar verschicken, aber nicht mehr empfangen, und wüsste gern, ob es noch jemandem von euch so geht …

 

Fortsetzung: Sommerquartier

 

Adventüden 2020 20-12 | 365tageasatzaday

20.12. – Unverhofft kommt oft | Adventüden

 

»Was soll das heißen, du hast einen Wegwerf-Kater?«, fragt sie ihre Freundin ungläubig, als sie im Wohnzimmer bei Kaffee und adventlichen Lebkuchen beisammensitzen.
»Oh, seine Besitzerin wollte ihn einschläfern lassen, weil er sich eine Pfote gebrochen hat. Stell dir das vor! EINSCHLÄFERN! Sie meinte, sie holt sich dann lieber einen neuen. Klein, stark, schwarz und noch kein Jahr alt. Wir haben ihn ihr weggenommen und verarztet.«
»Und was macht die mit ihren Kindern, wenn die krank sind? Ins Heim geben?«
»Ich hoffe, sie hat keine.« Miri, Herz und Kopf einer Tierarztpraxis, seufzt. »Viele Leute drehen dieses Jahr am Rad, aber derart krasse Fälle sind zum Glück selten. Ich suche jetzt eine Pflegestelle, sonst muss er ins Tierheim. Hättest du nicht Lust?«

Sie überlegt. Platz genug wäre. Nüchtern betrachtet wird sie zu Weihnachten allein sein. Zur Tochterfamilie gehören nämlich nicht nur zwei wilde Enkeljungs im Kindergartenalter, sondern auch ein ungeplantes Corona-Kind, vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen. Zum Glück alles okay.
»Viele Frauen nehmen vom Käsekuchen zu, ich hatte andere Gründe. Na ja, was soll man auch sonst machen, wenn man den ganzen Tag zusammen ist. Außer essen«, hatte ihre Tochter gesagt und gezwinkert, als sie das Enkelmädchen angekündigt hatte. Sie hat darauf lieber nichts geantwortet.
Vorsorglich haben sie Weihnachten mit Oma auf einen kurzen Weihnachtskaffee mit Geschenkeaustausch reduziert, sie ist nicht mehr die Jüngste und sowieso Risikogruppe und so.

Nun. Sie betrachtet nachdenklich ihre bunte Kuscheldecke. Logisch, die Tochterfamilie ist nicht aus der Welt, aber ihr ist bewusst, dass jemand fehlt, der ihre Einsamkeit teilt und ihre Streicheleinheiten zu würdigen weiß. Ob sie sich die Verantwortung aufladen soll?

»Ach, bring ihn her«, hört sie sich sagen. »Erst mal über Weihnachten, und im neuen Jahr sehen wir weiter.«
Aus dem Augenwinkel sieht sie Miri lächeln, als habe sie es gewusst.

Autor*in: Christiane     Blog: Irgendwas ist immer

 

Adventüden 2020 20-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Eins noch: Die Geschichte mit dem Kater ist wahr. Seine Besitzerin brachte ihn in eine Tierarztpraxis zum Einschläfern, weil er sich die Pfote gebrochen hatte. Man nahm ihn ihr weg, das ist auch wahr, und entweder die Tierärztin selbst oder eine Helferin regte sich (bei Twitter) tierisch (zu Recht) darüber auf. Das war irgendwann 2019.
Dass er bei mir gelandet ist, stimmt natürlich nicht, da hätte ein gewisser Herr Fellträger einen gewissen Unmut geäußert – genauso, wie der Rest der Geschichte frei erfunden ist.

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 11-12 | 365tageasatzaday

11.12. – Streicheleinheiten | Adventüden

 

Sie hätte sich ja denken können, dass ihre Freundin mal wieder alles andere einem Treffen mit ihr vorziehen würde. Prioritäten eben.

Wer war sie denn auch? Alleinstehend, mit Katze, ohne großartige soziale Kontakte und immer noch im Selbstfindungsprozess, wo andere ihr Studium wuppten, irgendeine Ausbildung meisterten und mit dem eigenen oder dem Geld der Eltern Spritztouren wer weiß wohin unternahmen. Und sie? Ihr bereitete die bloße Vorstellung Panik, Fahrstunden nehmen zu sollen.

Da saß sie nun auf ihrer Couch, die Kuscheldecke über den Füßen und die Fernbedienung vor sich liegend. Andere verlustierten sich wohl gerade bei Lebkuchen und Glüh-Gin auf dem Weihnachtsmarkt, während sie sich mal wieder von Netflix berieseln ließ.

So sehr sie selber das vorweihnachtliche Lichtermeer auch mochte, mit wem hätte sie sich hineinstürzen sollen?

Das Leben war kein Wunschpunsch …

Sie hörte ein leises Miauen. Ihr Kater Seppel machte sich an der Terrassentür bemerkbar. Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, gesellte er sich schnurrend zu ihr auf das Sofa. Die Streicheleinheiten für ihn taten auch ihrer Seele gut.

Autor*in: Ellen     Blog: nellindreams

 

Adventüden 2020 11-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 05-12 | 365tageasatzaday

05.12. – Weihnachten für die Tonne | Adventüden

 

Sie warf die Lichterketten hinein und die Christbaumkugeln, ein Nikolausgeschenk, gleich hinterher. »Tschüss, ihr Semmelknödel«, sagte sie. Der Deckel der Mülltonne knallte zu.

»Weihnachten fällt aus!«
Sie schaute durch den Innenhof, die zwei Birken entlang, über die Balkone mit den nackten Stühlen und den Aschenbechern hin zu den Balkonen mit bunten Windspielen. Bald würde hier ein weihnachtliches Lichtermeer funkeln, doch nicht bei ihr. Sie suchte ihren Lieblings-Wichtel, Seitenhaus zweiter Stock, mit der übergroßen Brille und dem frechen Grinsen im grünen Gesicht. An seinem linken Zeh hing noch ein Etikett, wie bei den Leichen in den Krimis.

Ihr Blick ging nach ganz oben zu dem kleinen Austritt. Er wirkte wie einem Märchenbuch entstiegen. Als würde dort eine Prinzessin einsam dem Minnesang lauschen und auf die Prinzenrettung warten. Ihre Gedanken waren eindeutig zu adventlich. Ihr Freund hatte sie vor drei Monaten verlassen, ihr Vater wollte mit seiner Freundin feiern und ihre Mutter wollte nach Mallorca. Zugvögel soll man nicht aufhalten.

Die glitzernden Weihnachtsfeiertage versanken gedanklich in einem Meer aus Nebelschwaden.

Sie hatte beschlossen, den Lebkuchen gegen Eiscreme mit Käsekuchen-Geschmack einzutauschen und den Weihnachtsmann auf eine Schlittenfahrt zur Hölle zu schicken. »Sleigh ride to hell«, kicherte sie. In diesem Jahr würde es den Gin pur geben und keinen verdammten Wunschpunsch.

Als sie hineingehen wollte, vernahm sie ein Miauen. Sie lauschte der Nachmittags-Kakofonie des Innenhofs, bestehend aus verschiedenen Radio- und Fernsehsendungen, vereinzelten Rufen und dem Rattern einer Waschmaschine. Dann maunzte es erneut. Sie drehte sich um und sah ein dreifarbiges Kätzchen.

»Wer bist du denn?«

Sie nahm das Kätzchen auf den Arm. Unter ihren sanften Streicheleinheiten begann es wohlig zu schnurren. Sie freute sich bereits darauf, in ihre Kuscheldecke eingewickelt zu beobachten, wie es mit den Christbaumkugeln spielen würde. Sie erstarrte.
Christbaumkugeln!

Autor*in: Christian     Blog: Wortverdreher

 

Adventüden 2020 05-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, habe ich darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Das Schöne vom Tag

Wer hier länger liest, kann sich vielleicht an die stetig wiederkehrende Lobrede erinnern: Heute vor inzwischen neun Jahren stand ein gewisser Fellträger zum ersten Mal vor meiner Tür und fragte höflich nach Futter – ich habe es mehr als einmal hier auf dem Blog erzählt (zum Beispiel hier). Das war der Beginn einer großen Katzenliebe, und sie hält an.

Da ich aber also leider auch nicht weiß, wann er geboren ist, nur dass die Tierärztin ihn damals auf „den Herbst davor“ schätzte, feiere ich heute seinen Geburtstag mit. Happy birthday, kleiner großer Tiger, auf die nächsten 10 Jahre, mögest du sie in Ruhe und Gelassenheit und bei bester Gesundheit verbringen können!

Und ja, bei ihm ist entweder ein Maine Coon oder eine Norwegische Waldkatze durch den Stammbaum gelaufen – irgendwas Halblanges.

Fotos von gestern und von innerhalb der ersten zwei Monate, nachdem er zu mir kam.

 

 

 

Das Schöne vom Tag

Alice schreibt einen Monat lang jeden Tag auf, wofür sie dankbar ist, und sucht noch Mitstreiter. Ich finde die Idee großartig und hatte so was Ähnliches schon mal angedacht, aber hätte ohne ihren Anstoß wohl noch ewig nicht damit begonnen. Ich werde vermutlich nicht jeden Tag etwas posten, dafür werde ich das Projekt aber auch nicht zeitlich befristen.

Hier hinein sollen die kleinen Freuden kommen, das Lächeln des Tages oder oder oder. Ich bin ganz gut darin, das Schöne im Alltäglichen zu sehen, ich übe es mit Begeisterung. In diesem Zusammenhang nehme ich auch Wörter wie Dankbarkeit oder Demut in den Mund – ich bin nicht der Mittelpunkt des Universums, es funktioniert auch ohne mich ganz hervorragend, ich empfinde mich als Teil eines großen, harmonischen Ganzen (okay, abgesehen von Politik und ihren Verwerfungen etc. etc., da gibt es genug) – ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.

So, das war die Vorrede. Das Schöne vom Tag (gestern), der auch bei uns sehr heiß war, ist das Foto eines gewissen gähnenden Fellträgers (entstanden ca. 19 Uhr), dem die Hitze anscheinend nicht die Bohne ausmacht, obwohl er draußen die ganze Zeit herumliegt. Ich dachte ja, die Haltung sei selten, bis ich per Mail eines Besseren belehrt wurde … (das zweite Foto ist witzigerweise zur etwa gleichen Uhrzeit bei noch höheren Temperaturen aufgenommen worden.)

Kommt gut durch die Hitze!

 

 

Cat-Lady | abc.etüden

Ich geh schon nicht weg, Katzenkind, sagt sie, als sie aufsteht und aufstöhnt. Die Hüfte. Der Rücken. Man wird nicht jünger. Sie hört, dass er schnurrt, streicht ihm über den Kopf, was das Schnurren verstärkt. Die Katzenaugen schließen sich.

Du hast es gut, denkt sie, als sie in die Küche schlurft und ihre eigene Unbeweglichkeit beklagt. Manchmal beneidet sie ihn, wenn sie ihn abends sieht, wie er auf dem Zaun balanciert und dann mit einem großen Satz in der Dunkelheit verschwindet, unterwegs auf seinen eigenen magischen Katzenwegen. Wobei die offensichtlich auch ziemlich angsteinflößend sein können – wer ist vorhin an ihr vorbeigeschossen, als sie die Tür geöffnet hat, als würde er verfolgt? Und wer ist eben eindeutig Schutz suchend auf ihren Schoß geklettert, damit sie die blutigen Risse in den Ohrmuscheln inspizieren konnte? Nachdem man sich den Bauch vollgeschlagen hat, natürlich, first things first. Nein, nicht tief, nur Kratzer, scheinbar nichts weiter passiert, aber glücklich, glücklich sah dieses zusammengekauerte Wesen heute früh nicht aus. Das wird ein Tag, an dem sie ihren Katzenkönig behüten muss, sie kennt das schon.

Sie gießt sich Kaffee ein und geht mit der Tasse zurück in ihr Wohnzimmer. Auf der Couch liegt ihre Strickjacke, die er in den letzten Tagen zu seinem Lieblingsplatz erklärt hat. Vermutlich, weil sie nach ihr riecht, sie mag es sich nicht anders erklären. Sie lässt sie für ihn dort liegen, sie kann sie später waschen. Er hat sich darauf zusammengekringelt und erwartet offensichtlich, dass sie sich wieder zu ihm setzt und die Zeitung liest. Sie kennen einander zu lange, als dass sie es nicht wüsste.

Schlaf ruhig, sagt sie. Ich bin ja da. Er reagiert nicht.

Sie betrachtet ihn versonnen und seufzt. Wie ging der Spruch? Das letzte Kind hat Fell? Sie nickt.

Kurios? Ihr doch egal.

 

abc.etüden 2019 19+20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt und lauten: Katzenauge, kurios, balancieren.

Neulich erklärte Myriade, dass sie vorhabe, im Alter eine Frau mit vielen Hüten zu werden, woraufhin ich entgegnete, ich strebte eine Karriere als Cat-Lady an. Nun denn. Hier ist ein Vorgeschmack.

Der Fellträger besteht darauf, dass alles fiktiv ist und er nur zu dekorativen Zwecken auf meinem Schoß sitzt. Ich lass das mal so stehen.

 

 

Schondeckchen | abc.etüden

Ich mache mir Gedanken. Ich spreche nicht gerne darüber, aber nun ja, ich muss es wohl eingestehen: Man wird älter und nutzloser. Also ich.
Nein, keine Sorge, es ist schon noch alles okay, ich fange nach wie vor diese pelzigen Dinger, die ich nicht mit reinbringen soll zum Essen, besonders nicht, wenn sie noch leben.
Mäuse, das war das Wort.
Ich werde auch dafür gelobt und gekrault.
Sogar nachts.
Okay, es sind nicht mehr so viele wie früher, aber die haben bestimmt auch abgenommen, natürlicher Schwund, Klimawandel, was weiß ich, man hört ja so einiges.

Was diese krakeelenden Flatterviecher angeht, muss ich allerdings zugeben, dass ich früher mal schneller war. Ihr ist das ganz recht, wenn ich die in Ruhe lasse, sagt sie, auch wenn ich immer noch wie ein junger Gott (ihre Worte, ist sie nicht nett?) auf einem dünnen Ast balanciere und die Bäume hoch und unter runter jage.

Alles wäre ziemlich gut, hätte sie nicht neulich in so einer Frauenzeitschrift einen Artikel gelesen, dass man Haustierhaare zu Wolle verarbeiten und verstricken kann. Danach hat sie mich so lange komisch angeschaut, dass ich mich auf ihren Schoß gelegt habe, um selbst einen Blick drauf zu werfen.
Ich solle mir keine Sorgen machen, hat sie plötzlich gesagt, sie fände derartige Ideen reichlich kurios.
Aber heute kam ein Paket mit einer Spezialbürste, und sie weiß genau, dass ich Bürsten hasse! Okay, ich bin eine gesunde, ausgewachsene Katze mit Krallen und Zähnen, sie kommt mir so schnell nicht an meine Unterwolle, auch wenn sie traurig guckt, mein Fell verwuschelt, etwas von „zu deinem Besten“ und „Och, armes verfilztes Wuschi-Puschi-Katzi“ säuselt! So heiße ich übrigens nicht, nur um das mal klarzustellen.

Also, Kollegen, es ist was im Busch. Katzenauge, sei wachsam! Falls ich mich nicht mehr melde, dann wisst ihr Bescheid.

 

abc.etüden 2019 19+20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Katharina und ihrem Blog Katha kritzelt und lauten: Katzenauge, kurios, balancieren.

Darf ich bitte deutlich klarstellen, dass die erwähnte Katze fiktiv ist, bis auf die Tatsache, dass sich mein Fellträger tatsächlich nicht gerne bürsten lässt und definitiv nicht „Wuschi-Puschi-Irgendwas“ heißt? Es gab keinen Artikel irgendwo, aber ich weiß, dass man Haustierhaare zu Wolle verspinnen (lassen) kann, finde das bei normalen Katzen allerdings tatsächlich bisschen – äh – kurios. Besitzer von langhaarigen Hunden sehen das vielleicht anders.

 

Schnurr um dein Leben | abc.etüden

Beim Öffnen der Wohnungstür unverhofft auf die ältliche Madame von der Hausverwaltung zu treffen war erheblich unangenehmer, als wöchentlich im Beichtstuhl erfundene Sünden zu gestehen.

„Frau Neumann, es heißt, Sie hielten eine Katze, Sie wissen …“

Zuerst war ihr erster Impuls, alles abzustreiten, aber das Kätzchen machte ihre Bestrebungen zunichte, indem es sich zwischen ihrem Bein und dem Türrahmen hindurchdrängte und sich vor ihr auf die Fußmatte setzte. Marie nahm es sofort auf den Arm, wo es kräftig nieste und prompt durchdringend zu schnurren begann.

„Sie lag fast verhungert unten in einer unserer Mülltonnen!“

Mehr sagte sie nicht, mehr war auch nicht nötig, die Anklage gegen die Welt reichte aus. Fasziniert beobachtete Marie die Verwandlung im Gesicht der plötzlich sehr mütterlich wirkenden Verwalterin von Haus und Hof, die vorsichtig einen Zeigefinger ausstreckte, um das schwarz glänzende Geschöpfchen hinter den Ohren zu kraulen, was mit noch lauterem Schnurren und behaglich zusammengekniffenen Augen quittiert wurde. „Was für eine Knutschkugel“, seufzte sie schließlich, „nein, die Kleine konnten Sie unmöglich sich selbst überlassen, die ist ja höchstens acht Wochen alt!“

Sie gab sich einen Ruck und gewann einen Teil ihrer gewohnten Strenge zurück: „Okay, sehen Sie zu, dass sie ruhig bleibt und keiner der Nachbarn sich beschwert. Was mich angeht, ich war offiziell nie hier, ich werde so lange wie möglich tun, als wüsste ich von nichts.“

 

2017_37.17_zwei_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 37.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von lz. und lauten: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

 

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Abgehauen | abc.etüden

Mari lehnte sich schwer atmend an die Hauswand, ihr Atem und ihr Herz rasten, als ob sie um ihr Leben gerannt wäre. Ihr Zorn auf diesen … diesen … Mann war immer noch so uferlos, dass sie am liebsten laut geschrien hätte. Stattdessen hatte sie die Tür mit der albernen Milchglasscheibe zugepfeffert und war auch nicht stehen geblieben, als sie das Klirren gehört hatte. Die lag jetzt wohl in Scherben, in Fragmente zersprungen, so wie ihr gemeinsames Leben, so ein Pech aber auch.

Sie spürte eine Berührung am Bein und erschrak: „Mau“, sagte eine entschiedene Stimme, die zu einer schmalen, schwarzen Katze gehörte. Gedankenverloren nahm sie sie auf den Arm und kraulte sie, bis das pantherhafte Wesen laut schnurrend die prüfenden Augen schloss und sie trotz allem lächeln musste.
„Komm mit, wenn du magst“, sagte sie nach einer gefühlten Ewigkeit und stellte sie wieder auf die Füße, „etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ So war das eben mit ihr: Andere zitierten den Zauberer von Oz, sie die Bremer Stadtmusikanten.
Mari stieß sich von der Wand ab und brach auf in eine ungewisse Zukunft. Die Katze reckte den Schwanz wie eine Fahne in die Luft und folgte ihr.

 

abc.etueden schreibeinladung 09.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Ohne Etüde fehlt mir was! Nun war ich diese Woche ja wirklich nicht untätig, aber was sprang mir gestern Abend in den Kopf? Eine kleine, feine Kürzestgeschichte für den Textstaub’schen Aufruf der KW 9/ 17, zu dem die famose Poeta Sandra Blume die wunderbaren Worte Atem, uferlos und Fragment beigesteuert hat. Vielen Dank!

 

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Ubi bene, ibi Fellträger

Wer jemals Latein hatte oder in Sprichwörtern bewandert ist, wird jenes „Ubi bene, ibi patria“ („Wo es mir gut geht, ist das Vaterland“) kennen, über das man mit Sicherheit lange und gerechtfertigt diskutieren könnte. Heute will ich aber auf etwas anderes hinaus, das man auch mit „Eine Katze gibt dem Haus eine Seele“ (Urheber: möglicherweise Jean-Paul Clébert) umschreiben kann.

Ziemlich widrige Umstände (ein Wasserschaden) trieben mich die letzten 6 Wochen außer Haus, quasi ein Teil-Umzug/-Auszug. Nun kann man mich in ein 1-Zimmer-Apartement stecken, ich würde das überleben, sofern es Internet-Anschluss hat. Wer es nicht überleben würde, ist das felltragende Biestie, das Biestie ist Freigänger. Wenn der gesund und munter und länger als 24 Stunden eingesperrt ist, geht er die Wände hoch, und ich mit ihm, falls ich in dem betreffenden Raum sein muss. Meine größte Sorge war also: Was passiert mit dem Fellträger, wenn ich hier raus muss? Trennung, er also in ein Tierheim/Katzenpension? Abgesehen von den Kosten: NEVER EVER. Geht gar nicht, er hat es nicht so mit Artgenossen, das ist nur Stress.
Schließlich hatten wir wahnsinniges Glück, wir durften für die Zeit in ein ruhiges, leerstehendes, großes Haus mit einem echt fetten Garten mit vielen Bäumen.

Aber mit der Freude kamen auch die Bedenkenträger: Du willst den doch nicht etwa dort rauslassen? Ähm, doch, deshalb ja das Theater. Ja, und wenn er dir abhaut? Katzen sind doch standorttreu, der läuft bestimmt wieder zurück, wirst du ja sehen. Lass sicherheitshalber schon mal deine Telefonnummer da. Gut, das ist eh keine schlechte Idee, die Nachbarn zu bitten, mal aus dem Fenster zu schauen, ob da ein quakender hungriger Fellträger sitzt. Und den Rest … werden wir ja sehen.

Zwei Nächte dauerte es, bis er anfing, richtig zu nerven und ich dachte, okay, jetzt ist Training angesagt. Also ging ich mit ihm ein paarmal rein und raus, zeigte ihm den Garten, zeigte ihm seinen Eingang und bewies ihm im nächsten Schritt, dass ich angerast kommen würde, wenn er an der Tür stehen und maulen würde. Jederzeit. (Ich schlief nämlich im Zimmer neben besagter Tür.) Und abends entließ ich ihn zum ersten Mal in die Dämmerung mit klopfendem Herzen und der Angst, ab dem nächsten Tag vielleicht doch mit Suchzetteln die Laternenpfähle zupflastern zu müssen.
Unbegründet. Nachts um 3 schrie es vor der Tür. Man war hungrig, fraß sich satt und ging wieder raus. Ein oder zwei Nächte später kamen die ersten Mäuse mit. Ein „Mau“ klingt deutlich anders, wenn man den Mund nicht aufbekommt, weil eine lebende Maus drinsteckt 😉

Und so pendelte es sich ein. Er war kürzere Intervalle draußen als normal und, meiner Meinung nach, viel schreckhafter. Aber er blieb bei mir (von wegen abhauen, und es wäre nicht sooo weit gewesen) und kam nachts so regelmäßig, dass ich die Uhr fast danach stellen konnte. Tagsüber freute ich mich, in mein Interims-Zuhause zu meiner wartenden/dösenden Katze zu kommen, denn wo die Katze ist, da geht es mir gut, siehe oben. Er ist meine Katze, er ist eine überaus menschbezogene Katze. Ich bin sein Mensch, den er sich ausgesucht hat. Wir sind füreinander megawichtig 🙂
Jenes denkwürdige Ereignis jährte sich gestern, um auch das Thema noch mal aufzuwärmen. Katzenliebe: Was für ein Geschenk das ist!

Nachspann: Wir sind zurück. Er hat den Rückzugsstress ängstlich, aber gelassen ertragen und verschwand nach kurzer Inspektion neuralgischer Punkte (wer hat in meiner Abwesenheit denn da alles gegengestrullt?) nachts zu ausgedehnten Katzengeschäften. Nicht ohne um 3 Uhr maulend auf dem Dach zu sitzen: Kannst du vielleicht mal aufmachen, ich hätte jetzt gern was zu essen. Alles beim Alten also. Abenteuer bestanden. Ich bin so froh.

 

katze im garten – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst und der Tiger meines Herzens