18 – Nächtliche Gedanken | Adventüden

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Nächtliche Gedanken (Sabine, Wortgeflumselkritzelkram)

 

Heute Nacht treffen sich Weihnachtszauber und Wintersonnenwende, haben ein Stelldichein. Hundegebell höre ich von fern, Kinderlachen trifft mein Ohr.

Mein Gesicht recke ich in den Himmel, breite die Arme aus. Die Schneeflocken schmelzen auf meinen Augenlidern, rinnen herab.

Ich denke an Kaminfeuer und Bärenfell, bauchige Teekannen und Kerzenschein, wohlige Wärme. Ich höre Glockengeläut, rieche die Tannen, die am Waldesrand stehen.

Früher ließen wir uns fallen und warfen Engel in den Schnee.

Ein Gefühl von Frieden wird in mir wach.

Ich lausche, ich fühle – ich bin …

 

Adventüden 2019 18 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

04 – Wann ist Winter? | Adventüden

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Wann ist Winter? (Die Hoffende, ICH & MEHR)

 

Es ist Vorweihnachtszeit und wie immer im Advent wandern meine Erinnerungen zurück in meine Kindheit. Fast alle Menschen träumen von einer weißen Weihnacht und glauben, davon schon ganz viele erlebt zu haben.

Wie gut doch unser Gehirn zu uns ist, es schenkt uns das Vergessen. Nicht so schöne Begebenheiten existieren später nicht mehr für uns, es bleibt das feste Bewusstsein, dass die Feiertage fast immer weiß waren. Doch leider erlebten wir den Weihnachtszauber in unserer Vergangenheit meist grün, so grün wie den Baum im Wohnzimmer.

Die weiße Pracht kam erst später. Ganz selten steckten zu Silvester bengalische Feuer in Schneehaufen. Fast immer war es kalt, manchmal feucht, ab und zu sehr windig. So richtig schönes Feuerwerkswetter gab es genauso selten wie Schnee zu Weihnachten. Aber die kalte Jahreszeit rückte spürbar und unaufhaltsam heran.

Im neuen Jahr, wenn die Schule wieder losgegangen war, kam endlich auch der lang erwartete Winterzauber. In dieser Zeit träumte ich oft am Fenster, sah den Schneeflocken zu und beobachtete genau, ob sie groß oder klein waren, fing sie auf und besah sie – bis sie sich durch die Wärme meiner Hand auflösten.

Die schönsten Wintertage waren für mich jene, an denen ich aus der Schule kam, den Ranzen in eine Ecke warf, sofort die Hosen, Schuhe und Jacke wechselte, die Pudelmütze aufsetzte und den Schlitten holte. Dann rodelte ich bis zum Dunkelwerden mit den anderen Kindern aus dem Viertel. Abends kamen oft die Väter (und manchmal auch die Mütter) dazu. Dann wurde es zu einem großen Event für Familien, ohne dass es einer Organisation bedurft hätte.

Das Rodeln im Dunkeln, nur im Schein der Straßenlaternen, gehört zu meinen allerschönsten Kindheitserinnerungen.

 

Adventüden 2019 04 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

01 – Fräulein Honigohr und der Adventskalender | Adventüden

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Fräulein Honigohr und der Adventskalender (Tanja, Stachelbeermond)

 

Fräulein Honigohr schlägt die Bettdecke zurück, wirft ihre Strickjacke über und läuft auf nackten Sohlen zum Adventskalender. Die Dielenbretter sind eisig, aber für Socken hatte sie nun wirklich keine Zeit, der Adventskalender hat Priorität! Voller Vorfreude sucht sie nach dem Päckchen für heute, und da ist es auch schon: Klein, rund und in weißes Papier eingewickelt. Unspektakulär. Fräulein Honigohr betrachtet es neugierig. Auf dem Papier steht mit Bleistift geschrieben: »Was du nicht erwartest.« Aha?

Fräulein Honigohr tippt sich mit dem Finger an die Nase, dann wickelt sie das Papier auf. Zum Vorschein kommt ein rotes Bonbon, das nach Erdbeere duftet. Fräulein Honigohr probiert vorsichtig. Es schmeckt nach Kakao. Mit einem Hauch Zimt, wie früher.

Sie lutscht vor sich hin, während sie sich anzieht, in die Küche geht und Tee kocht. Ein guter Tagesbeginn, denkt sie, und hält versonnen die Teekanne über ihre Tasse. Es kommt allerdings kein Tee heraus. Zartes, weit entferntes Hundegebell fließt aus dem weißen Porzellan. Fräulein Honigohr starrt in ihre Tasse. Mit jeder vergehenden Sekunde wird das Gebell leiser und verstummt schließlich. Sie schenkt nach, lauscht den Hunden hinterher, verfolgt ihren wilden Lauf im Schneegestöber, während sie mit anderen Kindern zusammen über die frostigen Ebenen rennt, wild lachend, mit kalter, roter Nase und wippender Pudelmütze, glücklich bis in die Fingerspitzen, die Steinwüste bedeckt mit glitzerndem Eis, auf dem sie schneller als der Wind gleitet.

Fräulein Honigohr öffnet die Augen. Das Gebell ist verstummt. Versuchsweise hält sie die Teekanne noch einmal schräg, und dieses Mal schweben Schneeflocken heraus und wirbeln wie kleine nasse Küsse in ihrer Küche umher.

Fräulein Honigohr ist gerührt. Wintererinnerungen in ihrem Adventskalender. Herr Brummeck hat sich selbst übertroffen. Manchmal ist er grantiger als ein Bärenfell, aber tief drinnen hat er ein Herz aus Zimtkakao. Morgen ist sie dran. Sie wird sich ins Zeug legen.

 

Adventüden 2019 01 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Diese Etüde stammt von Tanja und ihrem Blog Stachelbeermond. Tanja wurde von mir nachnominiert, nachdem der Etüdenerfinder leider seine Teilnahme abgesagt hatte. Sie schreibt seit Herbst regelmäßig mit, und ich bin völlig von Fräulein Honigohr verzaubert.

 

Fernes Glockengeläut

Meine Kindheit weht zu mir herüber.
Fernes Glockengeläut …

(aus: Mascha Kaléko, Notizen, Quelle)

Okay, meine Übereinstimmung mit Mascha Kalékos Schicksal endet nach exakt diesen Worten, trotzdem musste ich daran denken, als ich dort stand und hinüber-/hinunterschaute und sentimental wurde. Schon komisch, alte Wege wiederzugehen, zu sehen, was sich alles verändert hat … und was nicht … Die Glocken läuten abends um halb sieben.

Und auch, alte Erinnerungen zu hinterfragen. Ich bin nun schon ziemlich lange von dort weg, der Lebensmittelpunkt, der es mal war, ist es lange nicht mehr. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mir in den letzten Jahrzehnten einiges schöngedacht/schlechtgedacht habe, einfach dadurch, dass ich die Kinderbrille nie ganz abgesetzt hatte. Ich habe mir den Luxus gönnen können. Ich bin anderswo erwachsen geworden, habe anderswo in vollerem Ausmaß begriffen, wie Leute ticken, bin anderswo über geistige Kleinhirnigkeiten gestolpert. Obwohl ich, wenn ich heute darüber nachdenke, immer öfter auf Erfahrungen/Erinnerungen aus meiner Kindheit zurückfalle. Gute und schlechte. Wehmütig. Interessant. Vermutlich werde ich einfach älter. 😉

Interessant (für mich) auch mein Stolz, als ich neulich festgestellt habe, dass bei der Landtagswahl vor gut zwei Wochen zwar auch in „meinem“ Dorf „Agitation Frustration Demagogie“ (danke dafür, Herr Ärmel) zur drittstärksten Partei geworden ist (aber unter dem Landesdurchschnitt; und es gab 5 NPD-Wähler, ich wüsste mal gern, ob das immer noch die sind, von denen ich das als Jugendliche schon annahm), das Dorf ansonsten aber immer noch mit fast absoluter Mehrheit rotsockig gewählt hat. Auch das hat sich seit vielen Jahren nicht verändert.

Ich glaube, ich habe einfach das Bedürfnis, im Dorf meiner Kindheit „alles in Ordnung“ zu wissen. Was es natürlich nicht ist und nie war … aber das steht auf einem anderen Blatt und soll ein anderes Mal erzählt werden … oder auch nicht.

 

Dorf mit Kirche – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, ja, Handy, ja, gegen Abend