Von Omen, Lieben und Stille

Leg du auf meine Lebensgeige

Leg du auf meine Lebensgeige
die Hände an des Schicksals Statt, –
daß ich vergesse, was für feige
Töne jede Saite hat.

Lehr mich ein Lied. Ein Lied das zage
wie Glückserinnerung beginnt.
Ein Lied für meine Feiertage,
die ohne alle Hymne sind.

(Rainer Maria Rilke, Leg du auf meine Lebensgeige, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Sei du mir Omen und Orakel

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
Die Flügel wieder fallen läßt.

Gib mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, –
mit einem Wiegen deiner Glieder,
Mit einem Blick für meine Lieder,
Mit einem Grüßen kannst du’s tun.

(Rainer Maria Rilke, Sei du mir Omen und Orakel, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Lieben

I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen-, ein Blütenschein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele …

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht …

(Rainer Maria Rilke, Lieben I/II, aus: Traumgekrönt, 1896, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 1, etwa 1900, Online-Quelle)

 

Quelle: Photo by Josh Boot on Unsplash

 

Nach der ganzen Hektik der letzten Wochen brauchte ich dringend was Unaufgeregtes. Ich bin beim Suchen wieder mal über das Rilke-Projekt gestolpert, und viel Zeit später stellte ich fest, dass ich den ganzen Abend nichts anderes gehört habe, und da wollte ich euch teilhaben lassen.

Für die beiden ersten Gedichte „Leg du auf meine Lebensgeige“ und „Sei du mir Omen und Orakel“ gibt es eine wirklich zauberhafte 2-in-1-Vertonung mit Xavier Naidoo und Yvonne Catterfeld, die unbedingt Ohrwurm-Charakter hat, und zwar aus dem Album „SYMPHONIC RILKE PROJEKT – Dir zur Feier“ (2015).

Hier ist der Link zu YouTube.

„Lieben“ stammt von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von Cosma Shiva Hagen (Link zu YT),

„Die Stille“ stammt ebenfalls von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von André Eisermann (Link zu YT mit Gudrun Landgrebe).

Kommt gut in und durch die neue Woche, Herbstferien oder nicht, vielleicht habt ihr ja Zeit.