Tag des Ohrwurms: Englishman in New York

Es gibt Lieder, die hört man und hört man und hört man … und hört sie sich über … und nach einer gewissen Zeit hört man sie wieder. Und wieder. Ich jedenfalls. Sting gehört für mich dazu, und einer seiner Klassiker ist Englishman in New York (Text hier, Übersetzung hier), dieses großartige Lied darüber, sich irgendwo fremd zu fühlen und Haltung zu bewahren.

Be yourself, no matter, what they say

(Sei du selbst, egal, was andere sagen) ist eindeutig eines meiner Lieblingsmusikzitate (Allgemeinplätze sind immer viel schöner, wenn sie jemand anders sagt), und

Manners maketh man

(Manieren machen den Menschen aus) musste ich erstmal nachschlagen (na schön, wer jemals in der Schule Shakespeare zu lesen hatte, dem dürfte „maketh“ nicht ganz fremd vorkommen), aber dass es noch älter ist und das Motto zweier Oxford-Colleges, nämlich des Winchester College und des New College, ist (deren Gründer der Zitaturheber, William of Wykeham (1324 – 1404), war), wusste ich auch nicht (mehr). Wobei man „Manners“ nicht mit „Tischmanieren“ gleichsetzen sollte, sondern eher mit „Kinderstube“, „Anstand“, (guten) „Umgangsformen“. Nachvollziehbar, gerade in England.

Für mich schlägt dieses Buch auch immer eine Brücke zu den von mir offen (und gar nicht verschämt ;-)) geliebten Lord-Peter-Wimsey-Krimis von Dorothy Sayers. Hach ja. Müsste ich auch mal wieder lesen, und sei es nur, um ein paar neue Zitate zu entdecken, mit denen Lord Peter seine Sentenzen immer spickt.

 

 

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Aufruhr in Oxford – Samstag, 8. November 2014

Eine der größten Versuchungen, denen ich bei einem Besuch in der Stadt ausgesetzt bin, ist regelmäßig der Grabbeltisch im Eingangsbereich der Buchhandlungen. Wer weiß, was er da sieht, kann unglaubliche Schnäppchen machen. Was habe ich von da schon für Bildbände nach Hause getragen!

Dieses Mal möchte ich aber eines meiner (älteren) Lieblingsbücher anpreisen. Die Autorin, Dorothy Sayers, ist vielleicht nur bedingt der Grabbeltisch-Kandidat, günstig sind ihre Bücher aber allemal. Ich muss gestehen, dass auch ich seit vielen Jahren ein Fan von Lord Peter Wimsey bin.

Bereit? Es geht los!

 

Dorothy L. Sayers: Aufruhr in Oxford

 

Wer hier den üblichen Krimi mit Kommissar, Leiche und Mörder erwartet, kann das Buch gleich wieder zuklappen. Auch wird nicht Lord Peter Wimsey, Dorothy Sayers‘ berühmter Amateurdetektiv, zum Schauplatz des Ärgernisses gerufen, sondern Harriet Vane – und obwohl Wimsey ständig über allem schwebt, tritt er erst in der zweiten Hälfte des Buches leibhaftig in Erscheinung.

Anlässlich einer Jahresfeier ihres alten College kommt Harriet Vane, die erfolgreiche Kriminalschriftstellerin, nach langer Zeit wieder nach Oxford. Als im Shrewsbury, das ein reines Frauencollege ist, kurze Zeit später eine anonyme Briefeschreiberin umzugehen beginnt, wird Harriet Vane gebeten, dort Ermittlungen anzustellen. Das College kann und will sich in Zeiten, wo das Frauenstudium noch nicht selbstverständlich ist, kein öffentliches Aufsehen leisten.

Harriet sagt mit sehr gemischten Gefühlen zu. Sie befindet sich in einer Krise; einerseits kommt sie mit ihrem neuen Buch nicht wie gewünscht voran, andererseits muss sie ihr Verhältnis zu Lord Peter Wimsey klären, der vor fünf Jahren ihre Unschuld bewiesen und sie damit vor dem Galgen gerettet hat. Seit damals weiß sie, dass er sie liebt und sie heiraten will. Er ist ihr nicht gleichgültig, aber sie wird nicht mit dem Gefühl fertig, ihm für seine damalige Hilfe dankbar sein zu müssen – und damit abhängig und ihm keineswegs gleichgestellt zu sein. Als Alternative bietet sich ihr nur ein Rückzug in ein „Leben des Geistes“.

Im Shrewsbury begegnet sie einem anderen Aspekt ihres eigenen Problems. Die obszönen anonymen Briefe müssen von einer „Giftspritze“ innerhalb des Colleges stammen, die anscheinend über das „Leben des Geistes“ eigene Bedürfnisse verdrängt hat. Die Vorfälle häufen sich, Sachbeschädigungen steigern die Verunsicherung. Alle Bewohnerinnen sind verdächtig, besonders die Professorinnen. Nur der Zusammenhalt des Colleges verhindert den gefürchteten öffentlichen Skandal. Als die Situation zu eskalieren droht, weil eine labile Studentin einen Selbstmordversuch unternimmt, ruft Harriet ziemlich spät Wimsey zu Hilfe. Aber auch er kann den Anschlag auf sie nicht verhindern …

Als Kriminalroman kann man die Story als dürftig bezeichnen, denn Lord Peter kommt, sieht und siegt fast im Alleingang. Beim Showdown zieht er die Lösung wie ein Kaninchen aus dem Hut.
Wirklich großartig finde ich das Buch wegen der liebevollen und scharfsichtigen Charakterisierung von Personen und Situationen. Dorothy Sayers hat selbst in Oxford studiert und ihre detailreichen Schilderungen belegen, dass sie sich dort wohlgefühlt hat. Bekanntlich hat sie später, als sie in einer unglücklichen Ehe lebte, Harriet Vane als ein literarisches alter ego erschaffen. Es liegt nahe, auch Lord Peter Wimsey (der nicht mehr die anfängliche Karikatur der früheren Werke ist: reicher, gebildeter Amateurdetektiv mit Monokel) als ihren „idealen Mann“ zu verstehen.

Finde heraus, was du wirklich willst und tu es! Das ist das eigentliche Thema, und es geht weit über den Aufruhr im College und die Liebe zwischen Lord Peter und Harriet hinaus. Ich denke, dass von allen Wimsey-Krimis dieses Buch die Einstellung der Autorin am unverhülltesten wiedergibt, die (1935!) damit eindeutig und engagiert Stellung bezieht.

 

Zu Aufruhr in Oxford gibt es eine direkte Fortsetzung: Hochzeit kommt vor dem Fall, in der Wimsey und Harriet heiraten und in ihrem Flitterwochenhaus die Leiche ihres Hauswirts finden. Inhaltlich schließt daran ein  wiederentdecktes, ursprünglich Fragment gebliebenes Buch an, das von der englischen Autorin und Sayers‘-Fan Jill Paton Walsh vollendet wurde: In feiner Gesellschaft, in Deutschland im Jahr 2000 erschienen.
Dorothy Sayers, der Lord Peter so gegenwärtig war, dass sie gesagt haben soll, sie hole vor jeder Entscheidung seinen Rat ein, beabsichtigte offensichtlich, mit diesem Krimi all die zufrieden zu stellen, die wissen wollten, wie denn Lord Peter und seine frischgebackene Lady Harriet im Alltag zurechtkommen. Natürlich gibt es wieder einen Mord aufzuklären, Lord Peters diplomatisches Geschick wird vor dem Hintergrund des drohenden Zweiten Weltkriegs benötigt, die Wimseys müssen die Kinderfrage klären und Bunter will heiraten …
In feiner Gesellschaft versorgt seine Leser mit allen nötigen Informationen zu den längst vertrauten Protagonisten. Am Ende ist nichts mehr offen, es gilt, Abschied zu nehmen.
Wehmut über den Verlust lieb gewonnener Helden und tiefes Bedauern, dass jetzt nichts mehr kommen kann, bleibt.

 

Oxford – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay