Tattoo: zweieinhalb Jahre danach

Heute vor zweieinhalb Jahren und einem Monat (Jan. 2017) habe ich mich tätowieren lassen. Mein erstes und bislang einziges Tattoo, einer von den „Signature“-Löwen von Melina Wendlandt (Vaders.dye, Hamburg, Website, seit ich sie verfolge, furchtbar gehypt). Kennzeichen: Ornamente; Punkte und unterschiedlich dicke, zum Teil sehr feine Linien. (Wer damals noch nicht mitgelesen hat: Hier ist die Berichterstattung.)

Wie ist es mir also ergangen mit meinem Tattoo? Mit einem Wort: gut. Es ist völlig problemlos abgeheilt, ich habe mich an sämtliche Anweisungen gehalten, was zu tun (cremen, cremen, cremen) oder zu lassen war (Sonneneinstrahlung, Bäder, Sport, Kämpfe mit rauflustigen Fellträgern) – und langsam ist es zu einem Teil von mir geworden. Am Anfang hat es sich angefühlt wie ein großartiges Abziehbild, falls ihr die Dinger noch kennt. Danach wurde es normal … und ich fing an, mit anderen darüber zu diskutieren, ob die Linien so dünn bleiben würden bzw. inwieweit sie dicker werden würden. Nein, schon klar, sie bleiben nicht SO dünn. Das war mir klar, mehr nicht.

Ich bin ein völlig alltäglicher Couchpotato. Schön, ich sitze nicht vorwiegend fernsehend auf der Couch (Dudendefinition), sondern tippend am Computer, aber mehr Sport speziell für die Arme treibe ich nicht, ich bin auch nicht der Typ, der sich in Körperlotion ertränkt – und meine Haut ist keine 25 mehr, sondern eher das Doppelte. Ich habe einen Fellträger, der es liebt, sich mit mir zu prügeln, wenn er seine drolligen zehn Minuten hat, und dann bekomme ich den Arm manchmal nicht schnell genug weg von seinen Krallen oder Zähnen, was WEHtut und zum Teil sichtbare Spuren hinterlässt. (Kleines Aas.) Abgenommen, und zwar einiges, habe ich in dem Jahr danach auch, was mit Sicherheit auf die Haut geht, vielleicht jedoch nicht primär am Arm. Normal also, oder? Leben halt. Also denke ich, was das angeht, bin ich ziemlicher Durchschnitt. Wobei so was wie mit den Linien last but not least auch individuell vom Typ abhängig ist, Stichwort Bindehaut und so.

Was findet man an Bildern im Internet? Meistens Fotos von frisch gestochenen Tattoos, erkennbar an der Rötung und einer leichten Schwellung um die frisch gestochenen Partien. Ein Tattoo wird ca. nach 6–12 Wochen als „geheilt“/“healed“ betrachtet; wer also unter diesem Stichwort sucht, findet meist Fotos mit Tattoos dieses Alters. Älter? Wenige, und davon überdurchschnittlich viele Katastrophen. Man kann es nicht oft genug predigen, dass ein Gang zum Tätowierer gut überlegt sein sollte, weil man das Ergebnis lebenslang mit sich herumschleppt, und dass man sich Arbeiten des-/derjenigen VORHER ansehen sollte. Die feinen Linien bei meinem Löwen hätten richtig schief gehen können, auch jetzt über die Jahre. (Wobei die Existenz von Fotofiltern selbst schon für das Handy die Glaubwürdigkeit von Fotos bei z. B. Instagram oder Facebook nicht wirklich steigert.)
Und was machen die Leute? Fallen bei einem Zug durch die Gemeinde oder im Urlaub besoffen im Tattoostudio ein, gern in Rudeln, und wundern sich danach. Tätowierer ist keine geschützte Bezeichnung. Jede*r Idiot kann sich im Netz eine Tätowiermaschine und Zubehör kaufen, ein paar YT-Videos gucken, sich einen Gewerbeschein zulegen und sich Tätowierer*in schimpfen. Und das Schlimme ist: Manche tun das auch.

Wo war ich? Ach so, das Foto. Als neulich Myriade in Hamburg war, habe ich sie gebeten, mein Tattoo zu fotografieren. Vergessen hatte ich, dass ich für das Vergleichsfoto damals stand – wenn man sich die Fotos ansieht, sieht der Löwe auf dem neuen etwas gestauchter aus, das kommt daher. Außerdem hätte ich mich besser um ähnliche Lichtverhältnisse bemüht, es ist draußen bei Sonne im Halbschatten entstanden, das erste indoor. Das Bild leidet daher leider unter schlechten Kontrasten, gerade an den Stellen, die mir wichtig sind: Ist da noch Weiß in den Augen? (Nicht auf dem Foto, aber ja: ganz schwach.) Berühren sich die Linien in dem Kopfschmuck des Löwen? (Hmmmmm. Auf dem Foto gibt es Stellen, wo man dran zweifeln könnte. Auf jeden Fall sind die Linien erheblich näher aneinandergerückt. ABER sie sind immer noch sehr erkennbar unterschiedlich dick.) Anyway, mea culpa, ich hätte vorher bisschen mehr darüber nachdenken können – über das Foto. So weit, dass die Linien mit der Zeit viel dicker werden könnten/würden und ich irgendwann „Matsch“ auf meinem Arm haben könnte, habe ich damals nicht gedacht, und das ist ganz allein meine Verantwortung.

Ganz wichtig: Ich will hiermit keinen in die Pfanne hauen, dies ist eher ein Service-Beitrag. Ich möchte die Veränderung meines Tattoos dokumentieren, weil ich solche Bilder nicht gefunden habe, als ich danach gesucht habe. Ich liebe diesen Löwen von Herzen und alles, wofür er steht.
Wie geht es euch mit euren Tattoos, über die Jahre gesehen? Hat schon mal wer ein Tattoo entfernen lassen oder gecovert – nicht, dass ich das vorhätte?

(Ob ich mit einem zweiten Tattoo liebäugele? Nicht mehr und nicht weniger als vor zweieinhalb Jahren, aber ich schließe es nicht aus und finde das Tattoo-Thema nach wie vor faszinierend.)

 

Tattoo: frisch vs. 2,5 Jahre | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, zumindest ist es mein Arm
UNBEDINGT groß klicken!

 

Update Adventskalender für die Etüden (danke, dergl): 15 Geschichten hüte ich bisher, inklusive meiner. Für drei weitere habe ich Zusagen, dazu gehört auch der Etüdenerfinder. Bisher schwächeln die Herren generell *tadelnden Blick in die Runde werf* (außer WERNER natürlich!), könntet ihr mal sagen, ob ich noch mit einer Einreichung rechnen kann? Wenn ihr mehr Zeit braucht, ist das okay, aber ich bräuchte eine verbindliche Ansage.

Wer von den Etüdenschreiber*innen bisher in der Sommerpause war und den Aufruf nicht mitbekommen hat: HIER NACHLESEN. Ihr habt regulär noch eine Woche.

 

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Tattoo: Mörder in spe

Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. […] Wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.

(Adolf Loos, Ornament und Verbrechen, 1908, Quelle)

Unveränderliche Kennzeichen: 1 Tattoo …  :-D
Ich habe also fertig (wer sich an die Vorgeschichte nicht erinnert, lese hier, hier und hier).

Seit Mittwochmittag lebe ich mit einem Löwenkopf auf meinem Unterarm. Wie kommt ein (relativ) introvertierter Couch-Potato (ich) auf einen Löwen, außer dass selbiger unbestritten auch ein Fellträger ist und ich Fellträger liebe? Nein, nicht der virtuelle Duft von Freiheit und Abenteuer, nein, keine Kompensation für nicht durchgeführte Safari-Pläne etc., echt nicht. Der Löwe hat für mich eine Bedeutung, die ich schlecht in Worte fassen kann, und die ich schon mal gar nicht öffentlich breittreten werde.

Gestatten ... | 365tageasatzaday

Wo? Linker Unterarm, Außenseite.
Wie groß? Längs vom obersten Punkt bis zur untersten Ornamentspitze 11,5 cm, quer (ca. bei den Augen) von der Mähnenspitze zur Mähnenspitze knapp 6 cm.
Wie lang hat’s gedauert? 1,5 Stunden auf dem Stuhl mit Vor- und Nachbesprechung etc. eine Dreiviertelstunde mehr.
Wo gestochen? Vaders.dye, Colonnaden, Hamburg.
Von wem? Melina Wendlandt (Instagram), von ihr stammt auch das Design, in das ich mich ursprünglich so verguckt habe, es wurde nach meinen Vorstellungen modifiziert.
Wie teuer? Sag ich nicht, aber es gibt sicher günstigere (und teurere) Tätowierer.
Bleiben die Linien so dünn? Hoffe ich doch. Fragt mich in ein paar Jahren noch mal.

Ablauf: Bei der Terminvereinbarung muss man bereits angegeben, was für ein Tattoo man möchte (und wie groß), denn auf der Basis davon wird der Zeitbedarf (und die Kosten) geschätzt. Als ich kam, hat Melina zuerst mit mir das Design besprochen, damit mein Löwe auch so aussah, wie ich es wollte, und das dann auf den Computer übertragen. Ich hatte mich schon von vornherein ziemlich festgelegt,  es war also einfach. Melina mag Verzierungen bei ihren Löwen, speziell auf dem Kopf, ich bin da geradliniger, der Kompromiss gefällt mir sehr. Das fertige Ergebnis wird dann ausgedruckt und auf der gewünschten Körperstelle platziert (und ggf. korrigiert). Das Ding färbt, und wenn alles okay ist, trägt eure Haut dann die Vorzeichnung, eine Vorlage, die „nur noch“ nachgestochen werden muss (siehe Bild). Dann ging es los. Ich durfte währenddessen fotografieren, deshalb steht der Löwe bei den „Bei der Arbeit“-Bildern kopf. Als wir durch waren (ohne Pause), musste das Ergebnis natürlich fotografisch festgehalten werden – vielleicht schafft mein Löwe es sogar irgendwann zu seinen Löwenverwandten auf ihren Instagram-Account.

Hat’s sehr wehgetan? Neee. Freundlicherweise nicht. Ich war reichlich verunsichert, weil sehr viele sich offensichtlich vor dem Schmerz, der mit einem Tattoo verbunden ist, fürchten und mir andererseits sogar Masochismus unterstellt wurde. (Ich meine, jedem das Seine, aber ich kann gut ohne Schmerzen.) Ich wusste irgendwann, dass die Außenseite des Unterarms bei Tätowierungen als relativ schmerzunempfindlich gilt (Thema Körperstellen hier nachlesen). Bleibt die Sache mit dem persönlichen Schmerzempfinden. Im Normalfall denke ich darüber nicht groß nach, was zwar heißt, dass ich mich nicht als super empfindlich ansehe, aber wissen tue ich es nicht, ich habe das immer als subjektiv angesehen (Thema Schmerzen beim Tätowieren hier nachlesen), und ich habe leider doch viel mehr Stress als ich möchte.
Bei mir fühlte sich das Tätowieren die meiste Zeit so an, als ob mir jemand mit einer Stecknadel mit Nachdruck über die Haut kratzt. Und selbst das eigentliche Stechen (die feinen Punkte) war nicht schlimm im Sinne von wirklich schmerzhaft. Kuschelig ist anders, okay, und dort, wo Melina die Linien ausgefüllt hat, war es unangenehmer, denn irgendwann ist die Haut echt gereizt. Als sie fertig war, war ich ziemlich froh, denn es schaukelt sich dann schon hoch. Ich kann mir daher durchaus vorstellen, dass, wenn bei einem Tattoo große Flächen ausgefüllt/schraffiert werden müssen, das kein Zuckerschlecken ist. (Ich werde Tribals ab sofort mit sehr viel mehr Respekt betrachten ;-) .) Melina erklärte mir aber auch, dass es beim Tätowieren unterschiedliche Techniken gäbe und sie ganz sicher nicht zu den „Bauarbeitern“ gehören würde.

Und danach? Danach brauchte ich erst mal einen Kaffee und was zu essen. Und irgendwann war ich tierisch platt. Immerhin kämpft(e) der Körper gerade mit der (übrigens veganen) Farbe.

Und gestern so? Ich schätze mich selbst als unkompliziert ein, was Allergien etc. angeht. Von daher behandele ich das Tattoo lediglich streng nach Pflegeanweisung und werde es weiter tun. Ihr seht auf den Bildern von Mittwoch noch eine ziemlich ausgeprägte Rötung, die sind direkt als Abschluss des Tätowierens entstanden. Das Pic von gestern ist bereits erheblich unaufgeregter. Mein Arm ist dort aber immer noch bisschen geschwollen und die Stelle ist viel wärmer als der Rest. Das Tattoo ist stoßempfindlich, und mit dem Fellträger werde ich mich die nächsten Tage auch nicht prügeln.
Ich glaube jedoch nicht, dass ich Grund zur Besorgnis habe, und wenn sich das ändern sollte, könnte ich jederzeit im Studio anrufen oder vorbeigehen und die Experten draufschauen lassen, was ich sowieso in etwa 4 Wochen machen soll, damit man sich dort überzeugen kann, dass alles okay ist. Ich habe alle, mit denen ich dort zu tun hatte, als ausgesprochen kompetent und freundlich erlebt, ich mochte die helle, professionelle Atmosphäre des Studios sehr (das ist eindeutig nicht die Klischee-Hinterzimmer-Butze, den Hamburgern wird allein die Adresse Colonnaden schon was sagen), und ich für meinen Teil kann den Laden weiterempfehlen. Okay, noch ist nicht aller Tage Abend, was mein Tattoo angeht, aber (Stand jetzt) sollte ich je über ein zweites Tattoo nachdenken, wäre Vaders.dye wieder meine erste Wahl.

Mein spezieller Dank geht schließlich an zwei meiner Freundinnen (die beide nicht bloggen), die extra einen Urlaubstag opferten, um zum Händchenhalten anzureisen, denn natürlich war ich überhaupt nicht aufgeregt. Danke, ihr Lieben, es hat viel mehr Spaß mit euch gemacht, es bedeutet mir viel.
Und selbstverständlich danke ich allen, die im letzten halben Jahr ihre Meinung zu diesem Thema mit mir geteilt haben und es noch tun werden.

Quelle: ichmeinerselbst, bzw. zumindest ist es mein Arm ;-)

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Das Löwentor

„Komm!“ hörte sie eine Stimme. Tief. Grollend. Lockend. Oder war sie nur in ihrem Kopf? Flo hielt sich am Türrahmen des Ateliers fest und spähte durch die offene Tür hinein. Keiner zu sehen. Ganz leise, damit die Dielen nicht knarrten und sie verrieten, schlich sie hinein. Bestimmt sollte sie nicht hier sein.

Wo war Hubert, der alte Mann, der hier oben immer malte und den sie oft abends mit ihrem Vater in der Gaststube beim Wein große Reden schwingen hörte? Egal. Sie sah sich um. Durch das große Fenster fiel Licht auf den abgescheuerten Teppich mit den vielen Farbflecken in der Mitte. An der Wand weggeräumt stand eine Staffelei mit einem Bild. Auf dem Teppich lag ein Buch.

So ein Buch hatte Flo noch nie gesehen. Es war groß und ganz sicher schwer, denn sein Einband war aus dunklem, dickem Leder. Die Ecken waren mit goldenen Ornamenten verziert und zwei Buchschließen hielten es geschlossen. Seltsam, nirgendwo stand ein Titel oder ein Verfasser. Aber in der Mitte des Buchdeckels prangte ein sehr großes rankenartiges Ornament, und darauf war ein fein gearbeiteter Löwenkopf aus Metall, der einen Ring im Maul hielt. Flo hielt den Atem an. Es war so schön!
Sie setzte sich davor auf den Boden und betrachtete das Buch, nicht sicher, was sie jetzt tun sollte. Weglaufen wollte sie nicht, obwohl sie von unten Türenklappen und Rufe hörte, die ihr verrieten, dass ihre Brüder aus der Schule gekommen waren. Bald würde es sicher Essen geben, und dann würde man sie vermissen.
Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und strich über eine Ecke. Plötzlich erschrak sie. Unter dem Löwenkopf öffneten sich zwei Augen! Sie sahen ein bisschen wie Katzenaugen aus und strahlten orange. Dann begannen sie, sich hin und her zu bewegen. Sie suchten sie!
Flo machte sich ganz klein. Vielleicht würden die Augen sie ja nicht finden. Gesehen werden war nie gut. Sie wollte nicht wieder Fragen beantworten müssen und Dinge erklären, die sie selbst nicht wusste.

„Hallo!“, sagte die ihr schon bekannte tiefe Stimme in ihrem Kopf. Flo schielte über ihre Knie. Die Augen waren auf sie gerichtet und sahen eigentlich ganz freundlich aus.
„Hallo“, flüsterte sie schüchtern. Sie konnte doch nicht mit einem Buch sprechen! Oder?
„Mach es wie ich. Du kannst auch nur die Antworten denken“, antwortete das Buch sofort. „Ich kann dich hören, wenn du mich direkt dabei anschaust.“
Flo nickte. Und jetzt? Was sollte sie sagen? Schließlich siegte die Neugier.

„Was für eine Art Buch bist du?“ dachte sie schließlich. „Ich habe so etwas wie dich noch nie gesehen.“
„Ah“, sagte das Buch und wirkte unerwartet vorsichtig. „Ich fürchte, ich muss dich etwas fragen, was du komisch finden wirst. Darf ich?“
Flo nickte zögernd.
„Wie sehe ich aus?“ fragte das Buch. „Und wo bin ich?“ Flo guckte erstaunt. „Ich erkläre es dir gleich“, sagte das Buch eilig. „Aber erst du.“
Flo fand es auf einmal gar nicht mehr merkwürdig, sich mit einem Buch mit Katzenaugen zu unterhalten, sondern ziemlich aufregend. Sie richtete sich auf und schlug die Beine unter.
„Also“, sagte sie, „du bist ein dickes, altes Buch mit einem Ledereinband. Du hast einen Löwenkopf mit einem Ring dran auf dem Deckel, und darunter sind deine Augen.“
„Halt“, unterbrach das Buch sie. „Kannst du mich aufschlagen?“
Flo schüttelte den Kopf und fasste an die Seite. „Da sind zwei goldene Buchschließen“, berichtete sie, „die sind aus Metall, und die sind fest zu. Vielleicht mache ich was kaputt, wenn ich versuche, die aufzukriegen. Übrigens siehst du richtig toll aus.“
„Das freut mich“, sagte das Buch und machte irgendwie, dass die Katzenaugen strahlten. „Und du magst Bücher, ja?“
„Oh ja. Ich lese eigentlich die ganze Zeit, wenn ich nicht in der Schule bin oder Mama helfen muss“, sagte sie eifrig. „Ich habe schon ganz viele dicke Bücher gelesen.“

„Flo! Mittagessen!“ rief eine Frauenstimme laut von unten. Flo erstarrte. Mist! Mist! Mist!
„Bist du Flo?“ fragte das Buch. Flo nickte bedrückt.
„Ich hab jetzt keinen Hunger“, rief sie. „Ich esse später was, okay?“
„Ich habe keine Lust auf deine Sonderwünsche, Florentine“, kam prompt von unten die gereizte Antwort. „Du kommst sofort essen! Auf der Stelle!“
Flo seufzte. Warum hatte ihre Mutter sie nicht vergessen? „Als nächstes wird sie was davon erzählen, dass ich mir bloß nichts einbilden soll. Aber für meine Brüder macht sie immer alles extra, das ist total ungerecht! Die dürfen essen, wann sie wollen!“
„Und wenn du nicht gehst?“ fragte das Buch.
„Dann kommt sie mich holen“, antwortete Flo. „Und meckert an mir rum, dass ich kein richtiges Mädchen bin, weil ich nicht bei ihr in der Küche sein und kochen lernen will. Und wenn sie richtig sauer ist, nimmt sie mir die Bücher weg und lässt mich putzen. Ich hasse Putzen! Oder Bügeln! Wenn das bedeutet, ein Mädchen zu sein, wäre ich viel lieber ein Junge geworden!“
„Florentine!“
„Ich geh besser runter“, sagte Flo unglücklich. „Ich komme wieder, sobald ich kann, okay? Bitte bleib hier, ich wäre sonst echt fertig!“
Das Buch lächelte.

Der Abend dämmerte schon, als Flo erneut über das Leder strich. Der Maler war nicht wieder aufgetaucht, und Flo hoffte, dass er bei seiner Freundin war und heute nicht mehr kommen würde. Sofort schlug das Buch die Augen auf und musterte sie.
„Du hast auch schon mal glücklicher ausgesehen. Entschuldige, ich weiß nicht, woher ich den Spruch habe.“
Flo war nicht zum Lachen zumute.
„Was ist los?“, fragte das Buch.
„Es ist so ungerecht! Immer muss ich all das machen, worauf die keine Lust haben. Ich hab nichts dagegen zu helfen, aber ich hab was dagegen, dass es von mir automatisch erwartet wird und mir auch noch Spaß machen soll! Meine Brüder können auch mal einen Teil übernehmen und die sind so ätzend zu mir! Immer ich! Und dann wirft sie mir vor, dass ich nicht normal bin, weil ich mich nicht wie andere Mädchen benehme. Wenn ich ihr aber dann sage, dass die Mädchen in meiner Klasse viel mehr dürfen, sagt sie, dass ich frech und egoistisch bin und ihre Arbeit nicht respektiere. Dabei tu ich das doch. Ich will bloß nicht so werden wie sie.“
Das Buch hörte zu.
„Ich glaube, das ist das Problem, dass ich nicht so bin, wie sie will. Ich wünschte, ich könnte einfach hier weg“, fuhr Flo nach einer Pause fort. „Irgendwo anders hingehen. Dort die Schule fertigmachen und dann was Sinnvolles. Mit Leuten, die mir helfen rauszufinden, wer ich bin und was ich kann. Ist nicht so, dass sie mich hier nicht lieben, ich weiß das, aber ich bin nicht so drauf wie die. Weißt du, ich hab dieses Leben so satt. Manchmal liege ich nachts wach und stelle mir vor, dass ich woanders wäre.“ Sie schwieg und legte das Kinn auf die Knie.
„Wirklich?“ fragte das Buch leise. „Bist du dir ganz sicher?“
Flo nickte.
„Dann“, sagte das Buch leise, „muss ich dir was erklären. Ich bin nämlich überhaupt kein Buch. Ich bin ein Tor. Eins von vielen. Das Löwentor, um genau zu sein. Wer eine große Sehnsucht hat, kann mich finden. Entscheide, ob du durch mich hindurchgehen willst. Wenn du es tust, wird sich alles ändern. Wenn du es nicht tust, bin ich morgen, wenn du aufwachst, nicht mehr da.“
Flo machte große Augen. Dann nickte sie langsam.
„Kann ich … kann ich eine kleine Tasche mit Sachen mitnehmen?“
„Musst du nicht. Alles, was du brauchst, wird da sein. Aber ja, kannst du.“
Flo rannte raus.

Eine knappe Stunde später war sie wieder da und schleppte einen unförmigen Beutel mit.
„Ich habe Angst“, gestand sie.
„Normal“, sagte das Tor. „Aber das Wichtigste ist, dass du willst, dass sich was Grundlegendes in deinem Leben ändert und dass du bereit bist, das Risiko einzugehen.“
Flo atmete tief durch. „Bin ich“, sagte sie. „Was muss ich tun?“
„Mein Löwe trägt einen Ring im Maul, richtig? Mit dem musst du dreimal klopfen und dich dabei darauf konzentrieren, dass sich das Tor öffnen soll. Der Rest ist meine Sache.“
„Okay.“

Flo konzentrierte sich wie sonst vorher höchstens vor einer schwierigen Tanzfigur. Dann griff sie nach dem Ring und ließ ihn wie einen Türklopfer dreimal fallen. Er war unerwartet schwer. Eins. Zwei. Drei. Das Klopfen schallte laut durch das ganze Haus. Plötzlich erstrahlte das ganze Atelier kurz und intensiv in rotem und weißem Licht. Tor und Mädchen verschwanden.

 

Löwentor – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Diese Geschichte hätte es in dieser Form nicht gegeben, wenn ich nicht dieses bezaubernde Bild dazu entdeckt hätte. Vorher war das Tor nämlich nur ein großes, altes Buch mit Messingbeschlägen …

Auch diese Geschichte verdankt ihren Anschub dem Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, und zwar dem aktuellen Aufruf. Gegeben waren „Flo“, das „Atelier“ und „Komm!“. Okay, es sind keine Vampire, aber es sieht so aus, als käme ich aus der Fantasy-Ecke so schnell nicht raus … es macht einfach zu viel Spaß. :-)

Euch einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Lesen!

 

 

Löwe und Schaf – Samstag, 18. Oktober 2014

Lieber ein Jahr wie ein Löwe als hundert Jahre wie ein Schaf.

(Italienisches Sprichwort)

 

Darüber gestolpert und angefangen, nachzudenken. Ist das so? Ich meine, klar, es gibt viele, die so leben. Nach mir die die Sintflut, ich lebe mich aus, ich nehme alles mit. Wild und gefährlich. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich geb Gas, ich will Spaß. (Ich fand und finde das Lied so bescheuert.) Und dann? Selbst das Sprichwort spricht von einer begrenzten Zeit, die die Herrlichkeit andauert. Was ist danach, wenn man von der Überholspur gefallen ist, man nicht mehr dazugehört, weil man vielleicht (körperlich, geistig, finanziell) nicht mehr kann. Dann willkommen bei den Schafen, von denen man vorher gelebt hat, abhängig vielleicht sogar von deren Freundlichkeit? Keine schöne Aussicht.

Nun will ich auch nicht unbedingt die Schafe schlechtreden. Das „normale“ Leben aufzubauen, einen Job und einen Partner zu finden, Kinder zu bekommen und zu erziehen, vielleicht auch ein Haus zu bauen, jedes Jahr in Urlaub zu fahren, alle paar Jahre ein neues Auto und zwischendrin sich immer was leisten zu können, kontinuierlich und geduldig – das ist nicht wenig. Das ist sogar verdammt viel. Man richtet sich ein. Es hört sich nur gegenüber dem „Löwen“-Leben leicht fad an.

Bestimmt träumen Schafe von einem Leben als Löwe, die Medien sind voll davon (und von dem Scheitern). Träumen die Löwen manchmal von einem Leben als Schaf? Ich bin sicher, sie tun es, zumindest von einer für sie passenden Adaption, auch das ist Stoff für die Medien.

Meine Sympathie gilt wie immer denen irgendwo dazwischen. Denen, die wissen, dass Wiederkommen nicht dasselbe ist wie nie gegangen zu sein. Denen, die aus Schaden klug (nicht „gerissen“ – Mascha Kaléko) geworden sind. Denen, die, weil sie nicht anders können, ihren eigenen Weg zwischen den Löwen und den Schafen suchen, meist leicht befremdet beäugt von beiden. Denen mit den Füßen auf der Erde und dem Kopf in den Wolken. Ja.

Löwe im Tierpark Hagenbeck – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

Mit freundlicher Genehmigung vom Tierpark Hagenbeck.

Große Tiere – Dienstag, 30. September 2014

Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.

(Maxim Gorki)

 

Wenn ich ehrlich bin, tue ich all das durchaus auch ohne vorherige Gespräche mit Menschen. Und natürlich spreche ich mit der Katze, die sich angewöhnt hat, mir zu antworten.

Neulich hatte ich auswärtigen Besuch und so kam es, dass ich nach drei Jahren oder so mal wieder im Tierpark Hagenbeck war. Zwei Weiber mit fetten Kameras. Ich gehe sehr selten in Zoos, sämtlicher fotografischer Begeisterung zum Trotz, aber wenn, genieße ich es dann doch. Leider konnten wir Hagenbecks ganzen Stolz, das kleine Walross, nicht besichtigen, das Becken wurde gerade frischgemacht.
Also habe ich hingebungsvoll und begeistert Elefanten gefüttert (da werde ich wieder Kind), Eisbären bewundert, die Walross-Fütterung mitgenommen, Pinguine begafft und Rosapelikane bestaunt. Meine absolute Entdeckung war der Kleine Panda, unter dem ich mir alles andere vorgestellt hatte als dieses entzückende rotbraune Tierchen, und der krönende Abschluss waren schließlich die Löwen. Erst die bereits erwähnte lächelnde Löwin, dann aber auch der überaus majestätische Herr des Geheges und seine Dame, beide jedoch nicht brüllend, sondern gähnend, ich gebe es zu.

Wie ebenfalls erwähnt, möchte Hagenbeck die Bilder sehen, bevor sie veröffentlicht werden. Bei mir waren es jetzt zehn Tage, bis die Freigabe kam. Also, für alle in diesem Posting gezeigten Bilder besitze ich die freundliche Genehmigung des Tierparks Hagenbeck.

 

Quelle: ichmeinerselbst, klar, oder?

 

Holzhacken II – Donnerstag, 18. September 2014

Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyū Sōjun) (Gedanken/Erklärung)

 

Ich mag diese lakonischen Zen-Sprüche und das Grübeln, zu dem sie mich verleiten – und den Humor, auf den man dann ab und an stößt. Mich bringt dieser Spruch jedes Mal zum Schmunzeln, er ist so praktisch.

Der Garten ist übrigens fertig, die Abfälle sind entsorgt und wir fußwund und glücklich aus Hagenbecks Tierpark zurück. Elefanten machen ein Geräusch wie ein Staubsauger, wenn sie einem das Automaten-Trockenfutter aus der Hand saugen und sabbern nur ein bisschen. Und Walrosse  sind so urviechartig hässlich, dass sie schon wieder hübsch sind. Löwen können lächeln :-) und Eisbären haben es echt drauf, wie Plüschbären auszusehen. Finde ich.

Morgen kümmere ich mich wieder um den Holznachschub.