What a wonderful world

Der Mann mit der Trompete sah leicht fassungslos auf den Schein, den ihm der ältere Herr in den Hut gelegt hatte. Seit einer guten Viertelstunde hatten er und die Frau, die er zärtlich an sich gezogen hielt, ihm gelauscht. Auch nicht mehr häufig, dass sich jemand so lange Zeit für einen Straßenmusiker nahm. Er setzte das Instrument ab, um sich zu bedanken.
„Wir haben zu danken“, sagte die Frau, die sichtlich gerührt war.
Er lächelte sie an. „Es ist mir ein Vergnügen, solche Zuhörer zu haben. Haben Sie vielleicht einen speziellen Musikwunsch?“
Sie zierte sich nicht. „Kennen Sie ‚What a wonderful world‘?“
„Wer kennt das nicht?“ Er hob wieder die Trompete.

Peter sah Luise hinterher, die sich durch die Touristen an den Hamburger Landungsbrücken in Richtung der Toiletten schob. Er lächelte versonnen. Dass es das Leben noch einmal so gut mit ihm gemeint hatte! Er hätte sie sofort auf Händen getragen, wenn sie es sich von ihm gewünscht hätte, aber nein, sie war … einfach nur liebenswert. Und erstaunlich unkompliziert. Wenn er da an seine erste Ehe dachte … Seine Finger berührten das kleine Kästchen in seiner Jackentasche. Zusammenreißen! Schließlich hatte er einen Plan. Er wandte sich dem Trompeter zu.
„Könnte ich Sie vielleicht noch um etwas bitten?“
„Worum geht es?“
Er erklärte es ihm. Der Mann wiegte den Kopf.
„Und was ist, wenn es nicht klappen sollte?“
„Mein Risiko.“
Ein zweiter Schein wechselte den Besitzer. Danach warteten beide auf die Rückkehr der Dame.

„Und jetzt?“ Luise sah zu Peter auf. Der sah ihr tief in die braunen Augen und küsste sie.
„Peter!“ Sie tat entrüstet, obwohl sie sich geradezu unverschämt glücklich fühlte.
„Ja, Madame?“
Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte ihm nicht übelnehmen, dass er ausführte, woran sie dachte, oder? Unter vier Augen zu sein und noch ganz andere Dinge zu tun, wäre jetzt auch nett gewesen. Aber andererseits war es so schön hier draußen.
„Was machen wir jetzt?“ wiederholte sie.
„Ich habe gedacht, wir nutzen das gute Wetter aus und schauen uns den Hafen an. Vom Schiff aus.“ Er wies auf einen blau-weißen Raddampfer mit einem imposanten roten Schaufelrad, der an den Landungsbrücken lag und Passagiere für die nächste Hafenrundfahrt einsammelte.
„Louisiana Star“, las seine Angebetete vor. „Schaukelt das sehr?“ verlangte sie dann zu wissen. „Ich bin nämlich nicht besonders seefest.“
„Nein“, beruhigte er sie. „Nicht auf so einem großen Schiff. Und heute haben wir außerdem wenig Wind, also auch kaum Wellengang. Also, was sagst du? Hast du Lust?“
„Klar!“ Sie hängte sich bei ihm ein. Welche Freude er daran hatte, ihr alles zu zeigen! Gemeinsam gingen sie an Bord. In gebührendem Abstand folgte ihnen Pavlos, der Trompetenspieler.

Es lag etwas in der Luft, und es war nicht nur der Frühling. Luise hatte es die ganzen Tage schon ganz deutlich gespürt. Zuerst hatte sie es darauf geschoben, dass Peter endlich ihre Familie besser kennengelernt hatte – sie hatten Weihnachten zu zweit verbracht und mit allen ehernen Familienregeln gebrochen, aber zu ihrem Geburtstag vor einer guten Woche waren ihre Tochter mit Mann und Kind dann angerückt. Bei Peter!
„Du bist ja fast nie mehr zu Hause!“ Luise hatte zugeben müssen, dass sie sich seit Weihnachten fast durchgehend bei Peter aufgehalten hatte und es herrlich fand. Früher hatte man Herzklopfen, seinen Liebsten den Eltern vorzustellen und heute den Kindern. Manche Dinge schienen sich nie zu ändern. Aber abgesehen davon, dass Torsten Peter „vielleicht ein bisschen alt“ fand, hatte es keine ernsthaften Probleme gegeben, und die Kinder schienen bei dem Gedanken auch nicht allzu unglücklich zu sein, dass da jetzt wieder ein Mann war, der „auf Mama aufpasste“, wie Sandra es formuliert hatte. Luise hätte dazu einiges zu sagen gehabt, es dann aber um des lieben Friedens willen unterlassen. Schließlich kannte sie ihre Tochter. Und Peter war nur drei Jahre älter als sie. Torsten hatte keine Ahnung.

Luise und Peter hatten auf dem Freideck an einem kleinen Tisch an der Reling Platz gefunden, wo die Lautsprecher nicht so dröhnten. Begeistert lauschten sie den Worten des Fremdenführers, eines älteren Kapitäns, der ihnen allerlei Wissenswertes über den Hafen im Wandel der Zeiten, Containerschiffe, Anekdoten und typisches Seemannsgarn erzählte, während sie die Elbe hinauf und hinab und durch die Hafenbecken schipperten. Es war nur ein bisschen windig, und Peter fand, dass Luises Augen in der Sonne mit ihr um die Wette funkelten. Sie hatte mit ihrem geliebten Hütchen auch einen Teil einer gewissen Reserviertheit zu Hause gelassen und war unternehmungslustig und fast ausgelassen.

Schließlich kam der Moment, den Peter herbeigesehnt und gefürchtet hatte. Der Kapitän, der bisher neben ihnen auf dem Freideck hin- und hergegangen war und dabei fast ununterbrochen geredet hatte, schaltete sein Mikro aus, nachdem er etwas von „Stimme ölen müssen“ genuschelt hatte. Pause. Peter stand auf und deutete auf das Fenster, aus dem heraus alles verkauft wurde, was die Bordrestauration zu bieten hatte. Er sah, dass Pavlos ihn vom Ende des Decks her beobachtete und sich ebenfalls langsam erhob. Gut.
„Schatz?“ sagte er. „Ich dachte, ich hole uns was. Wie wäre es mit Kaffee? Butterkuchen?“
Sie legte den Kopf in den Nacken und blinzelte ihn an. „Gern“, antwortete sie.

Andere waren auf die gleiche Idee gekommen, Peter war der Letzte in der Schlange.
„Zwei Kaffee und zwei Butterkuchen“, sagte er.
„Mit Sahne?“
„Nein, danke.“
Peter zahlte. Vor den Augen der irritierten Verkäuferin legte er beide Stücke Butterkuchen aufeinander, reichte ihr den überschüssigen Teller zurück, steckte in den Kuchenstapel zwei herzförmige Wunderkerzen und stellte die beiden Pötte Kaffee rechts und links davon. Dann legte er das kleine Päckchen vor den Butterkuchen, strich die große, goldene Schleife glatt und zündete die Wunderkerzen an. Sein Herz pochte vor Aufregung so schnell, dass ihm beinahe schwindelig wurde. Er nahm das Tablett auf, drehte sich um und ging zu Luise zurück. Vorsichtig stellte er die kostbare Fracht vor ihr ab. Sie sah ihn mit großen Augen an. Er holte tief Luft.
„Luise“, sagte er, „ich bin bestimmt ein alter Esel, und bevor ich dich kennengelernt habe, hatte ich mir geschworen, mich nie, nie wieder aufs Eis zu wagen. Aber hier stehe ich und kann nicht anders, ich liebe dich, ich kann und will mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Möchtest du mich heiraten?“
Luise schossen die Tränen in die Augen. Ihr Herz stieg auf und jubilierte, sie war zum Zerspringen glücklich und der Kloß, der plötzlich in ihrem Hals saß, ließ sie nach Luft schnappen. Es gab kein Nachdenken. Sie sprang auf, lief um den Tisch herum und warf sich in seine Arme.
„Ja“, jauchzte sie, „ja, Peter, das will ich!“
Sie hätte ohne Zweifel noch mehr gesagt, aber da erklang schon die Trompete neben ihnen, und Peter küsste sie.
What a wonderful world.

Spätestens jetzt wurden alle Gäste auf dem Schiffsdeck darauf aufmerksam, dass hier gerade etwas Ungewöhnliches passierte. Alle Köpfe wandten sich ihnen zu, auch der Kapitän mit seinem Mikrofon kam angeschritten und besah sich das Paar, das sich immer noch küsste, und den Trompetenspieler, der sein Stück gerade beendet hatte.
„Sie, Musik machen ist an Bord nicht gestattet“, schnarrte er, „und darf ich fragen, ob es etwas zu gratulieren gibt?“
„Wonach sieht das denn aus, Herr Kapitän?“ gab Pavlos milde zurück. „Und an Ihrer Stelle würde ich mal fragen, ob die Kombüse zwei Sekt locker macht. Zur Feier des Tages.“
Der Kapitän besann sich auf seine gute Kinderstube. „Wissen Sie was, junger Mann, das ist mal eine Idee. Hören Sie, spielen Sie uns doch noch etwas.“

Und während Pavlos mit allem Schmelz, den er in seine Trompete legen konnte, „When a man loves a woman“ blies und der Kapitän zwei Gläser Sekt loseiste, öffnete Luise das kleine Kästchen mit der großen goldenen Schleife und ließ sich von ihrem Peter einen schlichten Diamantring an den Finger stecken. Er war ein bisschen zu weit, aber das würde sich richten lassen. Alles würde sich richten lassen, davon war sie plötzlich überzeugt. Zumindest heute. Heute war ihr Tag.

 

Louisiana Star Hamburg | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Gerade rechtzeitig zu Weihnachten hat Jutta ihren Geschichtengenerator angeworfen und gebeten, aus „Luise (ältere Dame mit Hut)“, „Schiffsdeck“ und „Butterkuchen?“ eine Geschichte zu stricken. Dies ist meine dritte Geschichte mit dieser Luise (ich habe zwei) als Hauptperson (hier und hier; in einer weiteren kommt sie vor), und ich wusste spontan, was geschehen würde.

Ich wollte die Geschichte eigentlich an Weihnachten spielen lassen, aber es ist einfach zu kalt (und zu windig), um auf der „Louisiana Star“ draußen zu sitzen, selbst wenn man Heizstrahler aufstellen würde, und die beiden müssen draußen sitzen, weil Peter doch den Butterkuchen holen und die Überraschung präparieren muss, und es sonst überall nur Tischservice gibt.
Hereingedrängelt hat sich dagegen Pavlos, der Trompeter, weiß auch nicht, warum.

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Mutter schmeißt den Laden

Luise stand herum und fühlte sich deplatziert und ein bisschen angetütert. Nicht, dass der Abend bisher nicht angenehm gewesen wäre und das Büffet bestimmt großartig sein würde, schließlich war die Location ja eine Kantine, deren Innenarchitekt schon Preise gewonnen hatte, nicht wahr? Die Lichtführung jedenfalls war aller Ehren wert, nach dem, was sie sah. Ihr verstorbener Mann war Elektromeister gewesen und Licht eines seiner Hobbys.

Also, nicht dass sie ihrer nach Höherem strebenden Tochter die Ehrung nicht gönnte. Aber ob sie, Luise, wirklich hierhin gehörte, unter all die Feingeister aus dem Verlag, die ihre Tochter „Kollegen“ nannte, das bezweifelte sie insgeheim dann doch. Die junge Frau, die sich während der offiziellen Feier so nett um sie gekümmert hatte, war ihr irgendwo abhanden gekommen, vermutlich fand sie sie zu langweilig. Menschen standen in Grüppchen zusammen, tranken und talkten. Luise sah sich suchend um. Wo war denn ihre Tochter geblieben? Sie hatte sie vorhin doch sogar ihrem Chef vorgestellt. Hm. Ob es ihr auffiel, wenn sie verschwand?

„Mama, was stehst du denn hier so allein herum?“ Da war ihre Tochter und wollte ihr ein weiteres Glas Sekt in die Hand drücken.
„Danke, Kind, aber ich brauche etwas zu essen, sonst merke ich den Alkohol zu sehr“, wehrte Luise ab. „Du weißt doch, Sekt.“ Sandra nickte gehorsam.
„Geht ja auch gleich los. Ach, wenn doch nur Papa hier sein könnte“, sagte sie.
Huch?
„Ist etwas passiert?“ fragte Luise vorsichtshalber.

Das Problem war, wie sich sehr schnell herausstellte, die ausgefallene Beleuchtung in der Ecke, wo gegessen werden sollte. Sandra, die ungern etwas dem Zufall überließ und sich für alles verantwortlich fühlte, nahm diese unverhoffte Misslichkeit persönlich. Und natürlich war um diese Uhrzeit weit und breit kein Hausmeister aufzutreiben.

Endlich ein handfestes Problem. „Ich seh mir das mal an. Wo ist der Sicherungskasten?“ fragte die Frau des Elektrikers.
„Im Treppenhaus. Mama! Und wenn dir was passiert?“
Aber Luise war schon unterwegs.

Am Sicherungskasten lauerte ein Kantinenmitarbeiter, der bisher nichts weiter getan hatte, als zu versuchen, die herausgeflogene Sicherung wieder reinzudrücken, was diese nicht zuließ.
„Es gab hier neulich schon Probleme nach dem Unwetter, wissen Sie?“, sagte er düster. „Ich glaube nicht, dass es die Sicherung ist. Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Kurzschluss. Da können wir uns tot suchen.“ Luise gab ihm im Stillen recht. Trotzdem griff sie nach der herumstehenden Taschenlampe.
„Was suchen Sie?“
„Die Zuleitung für die ausgefallene Beleuchtung da oben.“
„Als die Elektriker das letzte Mal hier waren, waren sie dort über der Tür zugange. Vielleicht fangen Sie dort am besten an.“ Er zeigte nach draußen. „Warten Sie, wenn Sie was sehen wollen, brauchen Sie eine Leiter.“

Ich bin verrückt, dachte Luise, als sie ihr Hütchen absetzte und aus ihren Pumps schlüpfte, die für das Klettern auf eine Leiter nun wirklich völlig ungeeignet waren. Ach, egal. Oben sah sie sich dann tatsächlich einer Verteilerdose gegenüber, die auch schon bessere Tage gekannt hatte und deren Deckel ihr nach ein wenig Rütteln entgegenfiel.

„Oh“, sagte sie.
„Ja?“
„Junger Mann …“
„Frank.“
„Frank, können Sie die Taschenlampe halten? Und gleichzeitig aufpassen, dass keiner an den Sicherungskasten geht, damit ich hier nicht tot herunterfalle? Hier ist etwas gar nicht in Ordnung.“ Der nickte.
„Und in meiner Handtasche muss ein Schweizer Messer sein. Geben Sie mir das mal.“
Eins musste man ihm lassen, er zickte nicht rum und versuchte nicht, sie davon abzubringen. Da war sie von ihrer Tochter Schlimmeres gewohnt.
„Können Sie das denn?“ versicherte er sich etwas lahm.
„Natürlich kann ich das!“ antwortete Luise und griff nach dem Offiziersmesser. Bloß Tatsachen schaffen, bevor ihm einfiel, dass er garantiert keinen Betriebsfremden an die Elektrik lassen durfte. Schon gar nicht eine ältere Dame ohne Hut mit Sekt intus.

Schweizer Offiziersmesser enthalten eine Menge nützliche Dinge. Viele Leute benutzen höchstens noch den Korkenzieher oder den Flaschenöffner, aber, wie Luise sehr genau wusste, gehörte zum Funktionsumfang ihres Messers auch noch ein Drahtabisolierer, eine Kombizange und mehrere Schraubenzieher. Fix beseitigte sie verschmorte Drähte, isolierte Adern neu ab, die zum Glück gerade noch lang genug waren, verband sie über die Klemmleiste neu und schraubte alles gut fest. Gelernt war schließlich gelernt. Ihr Mann hatte ihr vieles beibringen können und hatte ihr schließlich das Messer geschenkt. Man wusste ja nie.

Inzwischen umstand ein Pulk Menschen die Leiter, ganz nah bei ihr ihre aufgeregte Tochter. Als Luise die Arme sinken ließ und „Fertig, Frank“ sagte, reckte sie ihr die Hand entgegen, um ihren Abstieg von der Leiter zu sichern. Frank wartete, bis sie sicheren Boden unter den Füßen hatte, und betätigte die Sicherung. Es flackerte und wurde Licht.

„Aaaaaah“, erklang es andächtig aus der Menge. Jemand begann übermütig zu applaudieren, die anderen fielen ein. Luise lächelte, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und rückte ihren Hut zurecht.
„Sandra, ich könnte jetzt doch was zu trinken vertragen“, sagte sie schlicht. „Außerdem habe ich Hunger.“

 

Kabel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kinder! Zu Hause nicht nachmachen! :-D Ich hoffe doch sehr, dass diese Geschichte NICHT so in der deutschen Realität vorkommen kann, sondern nur meinem Kopf für Juttas Geschichtengenerator entschlüpfen durfte. Gegeben waren dieses Mal: Luise, Kantine und „Natürlich kann ich das!“

 

Und nicht einmal die Uhren bleiben stehn …

An der Wand tickte leise die Uhr. Zehn vor elf. Luise saß bei ihrem Vormittagskaffee am Küchentisch und starrte wie betäubt auf die aufgeschlagene Zeitung. Da stand es schwarz auf weiß. SIE war tot. Keine große Sache vielleicht, wenn eine Schauspielerin mit 91 Jahren stirbt, nicht so für Luise.

Geboren wurde sie als Renate Luise Schneider. In jenem Sommer waren Bombennächte in Deutschland noch nicht selbstverständlich häufig, aber Leben war bereits kostbar geworden. So gab ihr die Mutter die Namen von Zweien, die sie vor kurzem im Bombenhagel verloren hatte. Um die Erinnerung wachzuhalten. Ihre Mutter blieb traurig, wenn sie sie ansah, und das kleine Mädchen dachte, sie wäre schuld. Als sie später verstand, dass keiner ihrer Namen wirklich ihr gehörte, fühlte sie sich betrogen. Irritiert. Wer war sie?

Sie war 15einhalb, als sie sich ins Kino schlich und SIE zum ersten Mal sah. Ab heute wird alles anders? Ja, buchstäblich. Nachts schlief sie nicht, lag im Schein einer Kerze wach und starrte grübelnd an die Decke. Sie hatte gefühlt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmte, und nun wusste sie plötzlich einen Weg. Es war wie eine Befreiung. Am nächsten Tag eröffnete sie ihrer Mutter, dass sie das Elternhaus verlassen und auf die höhere Schule weggehen würde. Und dass alle sie von nun an „Luise“ nennen sollten. Ihre Mutter stimmte befremdet nach langen Wortgefechten zu, dachte aber bei sich, dass das Leben ihrer Ältesten schon die Flausen austreiben würde. Sie irrte sich. Luise hatte im Kino erkannt, was sie von ihren Eltern nicht lernen würde – vorwärts zu schauen.

Ihr Leben verlief nicht gradlinig, aber sie sah nicht zurück. Sie schaffte das Abitur und wollte Kunstlehrerin werden, heiratete aber dann noch während des Studiums und blieb zu Hause. Ein kleines Häuschen im Vorort, ein Garten, in dem sie Gemüse zog. Das erste Kind war ein Sohn, er gedieh gut und erwies sich als fleißig, sehr zur Freude seines Vaters. Die erhoffte Tochter starb kurz nach der Geburt, schwerstbehindert wegen Blutgruppenunverträglichkeit, zu spät erkannt. Jedes weitere Kind ein tödliches Risiko. Luise war untröstlich, ihr Mann niemandem eine Hilfe, auch nicht sich selbst.

Bleierne Tage, graue Zeiten.

Hin und wieder sah sie SIE im Kino, später im Fernsehen, und hielt mit ihr innere Zwiesprache. Das Gefühl der Nähe wich nicht. Feiertage für ihre Seele. SIE war und blieb für sie eine starke, unabhängige Frau, herzlich und wunderschön. Luise verachtete unterwürfig zur Schau getragene Bewunderung, aber sie verbarg eine Mappe im Schrank, in der sie Berichte über SIE sammelte, die sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Ihr ganzer Stolz war ein Autogramm von IHR, für das sie extra das Fernsehen anschreiben musste, und das sie wie ihren Augapfel hütete.

Sie wurden gemeinsam alt. In Würde. Längst war Luise mehrfache Großmutter, trug ihre weißen Locken ungefärbt und hatte ein künstliches Hüftgelenk. Zuletzt hatte sie vor fünf oder sechs Jahren eine Dokumentation über SIE im Fernsehen gesehen, SIE war mit Mitte 80 nach wie vor eine geistreiche Persönlichkeit und offensichtlich auch von anderen unvergessen. Sie hatte IHR anerkennend zugenickt.

Und nun war SIE tot. Ab heute würde alles anders sein. Irgendwie.

Das Radio fragte, ob denn Liebe Sünde sein könne. Ach Hilde, dachte Luise und stand auf. Die Hüfte schmerzte bei den ersten Schritten, aber das würde vergehen. Den Artikel konnte sie auch später noch aus der Zeitung ausschneiden. Sie machte das Radio aus, zog Schuhe und Mantel an, griff nach ihrer Handtasche und verließ das Haus. Ihr Mann war schon nach dem Frühstück in seiner Werkstatt verschwunden, wo er bestimmt wieder eine alte Uhr oder einen Wecker zum Leben erweckte. Hauptsache, er musste nicht mit Menschen sprechen. Er genügte sich selbst. Seine Leidenschaft gehörte allem, was tickend die Zeit maß.

Im Schaufenster des Blumengeschäfts an der Bushaltestelle musterte sie sich und korrigierte den Sitz ihres Hutes. Eine alte, kerzengerade aufgerichtete Frau mit traurigen Augen auf dem Weg zur Theaterprobe. Sie atmete tief durch.
Jeder hat so seine Träume.

 

Taschenuhr – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Anmerkungen:

  • Die Titelzeile ist der Schluss eines Gedichtes von Mascha Kaléko, Ein kleiner Mann stirbt (erwähnt hier, bitte nicht zitieren wg. Copyright).
  • Ja, es gibt den Film. Er kam Anfang 1957 in die Kinos.
  • Ja, es gibt die Schauspielerin. Sie ist im letzten Monat gestorben, ich bin sicher, der/die eine oder andere weiß, wen ich meine.
  • Ja, ich habe mit Luises Alter bisschen geschwindelt. Der Film war zwar ab 16 Jahren freigegeben, aber Luise konnte damals maximal 14einhalb sein, vor 1942 gab es keine größeren Luftangriffe auf zivile Ziele … oder?
  • Ja, auch dies ist wieder ein Geschichtengenerator-Beitrag zu Juttas aktuellem Aufruf, dieses Mal habe ich mir aus dem „Fundus“ noch den Satz „Ab heute wird alles anders“ geborgt.

 

Ein schönes Wochenende euch!

 

Mutter hat ein Date

„Ich muss dir etwas sagen. Ich glaube, ich habe mich verliebt.“
„Mama!“ Ihre Tochter legt den Eislöffel säuberlich auf den Rand ihres Bananensplits und sieht sie missbilligend an. Schon merkwürdig, denkt Luise, wie oft sie sie an ihre eigene Mutter erinnert. Der gleiche strenge Zug um den Mund. Von ihr hat sie den nicht!
„Du darfst mir gern gratulieren. Natürlich nur, wenn du möchtest.“
„Ach, Mama, selbstverständlich. Wie wunderbar für dich! Ich bin nur so überrascht. Wer ist es denn? Kennen wir ihn? Doch nicht etwa der Hansen aus dem Kulturverein, mit dem du schon öfter mal ins Konzert gegangen bist?“
„Manfred? Nein, nein. Außerdem hat der viel zu viel mit seinem Herz zu tun, der denkt nur noch an seine Gesundheit.“
„Ja, aber wer ist es dann? Wir haben dir ja immer gewünscht, dass du nach Papa noch einmal einen netten Mann treffen würdest, aber du hast doch dauernd gesagt, dass sich in unserem kleinen Städtchen nichts Passendes findet.“
Luise lächelt in sich hinein.
„Das stimmt auch, Sandra. Deshalb bin ich andere Wege gegangen.“
Ihre Tochter zögert. „Sag nicht, dass du auf so eine Zeitungsannonce geschrieben hast.“
Hat sie, aber das wird sie jetzt nicht erwähnen. Die Rückläufe waren enttäuschend.
„Nein. Na gut, du würdest bestimmt nicht darauf kommen. Ich habe ihn im Internet kennengelernt.“
„Mama!“ Jetzt ist Sandra wirklich entsetzt. „Im Internet? Mama, wie kannst du nur? Du weißt doch gar nicht, wie so was geht!“
Bei so viel gebündelter Ignoranz verliert Luise die Geduld. Angst vor Technik hin oder her, ihre Tochter ist erst Anfang vierzig, Herrgott!
„Darf ich dich daran erinnern“, sagt sie spitz, „dass ich dir erst neulich erklärt habe, wie du online herausbekommen kannst, ob der Film, den du sehen willst, auch läuft, und wie man im Kino einen Platz reserviert? Nicht etwa du mir? Damit wäre ja wohl geklärt, wer sich mit diesem Internet auskennt!“

Volltreffer. Ihre Tochter stochert regelrecht in ihrem Eis herum. Schade drum, sie treffen sich eigentlich immer in dieser Eisdiele, weil das Eis so gut ist. Luise trinkt noch ein Schlückchen Cappuccino und lässt Sandra in ihren Gedanken schmoren.
„Mir gefällt das nicht, Mama“, erwidert ihre Tochter schließlich. „Man hört so oft, dass so viele Betrüger im Internet unterwegs sind, sogar im Fernsehen kam das schon. Wie kannst du sicher sein, dass du keinem aufsitzt und der Typ seriös ist? Woher kennst du ihn denn?“
Luise seufzt. „Von dem Blog, den Johanna betreibt. Du erinnerst dich an Johanna aus Frankfurt, die mal bei uns war? Die hat vor ein paar Jahren einen Blog aufgemacht mit Themen für Leute über 60. Passt ja. Dort trifft man meistens Frauen, klar, bei solchen Sachen ist das normal. Und die paar Männer sind dann ganz schnell Hahn im Korb, manche nützen das richtig aus und flirten, was das Zeug hält. Aber mit ihm war das anders. Er schrieb dort immer sehr nette und sehr kluge Kommentare, wie ich fand, und war sehr distanziert. Mir fiel auf, dass wir eine ähnliche Meinung zu vielem haben. Ihm auch. Und dann hat sich langsam was entwickelt. Wir haben uns zuerst oft E-Mails geschrieben, haben Bilder ausgetauscht und irgendwann angefangen, stundenlang miteinander zu telefonieren. Er heißt übrigens Peter, ist geschieden und war Ingenieur bei VW in der Autostadt.“

Sie lehnt sich zurück und lächelt, tief in Gedanken versunken. Seit der Krebs ihr vor drei Jahren Sandras Vater genommen hat, war sie nicht mehr so glücklich und so sicher, das Richtige zu tun. Fast hatte sie vergessen, wie sich Schmetterlinge im Bauch anfühlen. Aber sie hat es geschafft. Den Verlust durchlitten, die Nächte durchgeheult, das Leben neu angepackt. Und jetzt hat sie ihre Tochter mit dieser Eröffnung überfahren, sie sieht es ihr an. Sie zuckt die Achseln und hat fast ein bisschen Mitleid. Alles gut. Umgekehrt würde sie sich bestimmt auch so fühlen.

„Und nun?“ fragt Sandra lahm. „Wie geht es weiter, wie denkt ihr euch das? Kommt er dich hier besuchen?“
Luise schüttelt den Kopf und setzt zu einer längeren Erklärung an. Da tritt die Bedienung an den Tisch und unterbricht sie.
„Entschuldigen Sie bitte. Hat eine der Damen ein Taxi bestellt?“
„Himmel“, sagt Luise, „ist es schon halb zwölf? Sagen Sie dem Fahrer, ich käme sofort, ja?“ Die Frau verschwindet.
„Mama!“ Es klingt nicht mehr drohend, es klingt hilflos. „Mama! Was hast du vor?“
„Das ist ganz einfach“, entgegnet ihre Mutter, die in ihrer Börse nach einem Geldschein sucht und ihn ihr zuschiebt. „Zahl du für mich mit, ja? Ich fahre nämlich jetzt mit der Bahn nach Hamburg. Ins Musical. Heute Abend König der Löwen, davor Romantic Dinner – guck nicht so, der Veranstalter nennt das so, nicht ich – danach vielleicht ein kleiner Absacker an der Hotelbar. Bevor du fragst, ja, er wohnt auch in dem Hotel. Entweder es funkt … oder nicht. Ich denke, dass ich übermorgen spätestens zurück bin, ich sag dir Bescheid. Wünsch mir Glück, ja?“
Luise steht auf, küsst Sandra auf die Wange und lässt ihre verdatterte Tochter sitzen. Sie weiß ja, dass die immer ein bisschen braucht.

Sandra sieht ihr nach, wie sie an der Garderobe in den leichten Mantel schlüpft, den Hut zurechtrückt und ein kleines Köfferchen aufnimmt, eine aufrechte, zierliche Person, die einem neuen Lebensabschnitt energiegeladen und mit offenen Armen entgegengeht. Ihre Mutter. Und plötzlich ist sie verdammt stolz auf sie.

 

Schmetterlinge – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Auch diese Geschichte verdanke ich einer Anregung durch den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt, den ich Schreibbegeisterten gern weiterempfehle.

Sollten wir uns vorher nicht mehr lesen: was auch immer ihr tut, 2016 steht vor der Tür, brecht fröhlich und ohne irgendwelche Katastrophen emotionaler und sonstiger Natur dorthin auf! Und möge das neue Jahr friedlich und gut für jeden Einzelnen und für uns alle werden, was auch immer „gut“ ist!