Vom April

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)

 

Blühende Milchsterne neben Narzissen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß

 

Vor drei Jahren erhielt ich von einer gewissen Blumenfee im Tausch ein paar austreibende Milchsterne in einem Töpfchen. Sie erblühten und verblühten zur Freude aller Beteiligten, der Fellträger fraß sie nicht und ich durfte die Zwiebelchen auspflanzen und sich selbst überlassen. 2019 habe ich darüber berichtet, dass sie überlebt hatten, vom letzten Jahr finde ich nur ein eiliges Handypic im Vorübergehen, aber am Samstag habe ich sie bei schönstem Wetter blühen sehen und mich total gefreut.

Euch wunderbare Rest-Ostern! Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf euch auf! 😀

 

Von Frühling, Nacht und Wald

Nachts im Wald

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

(Christian Morgenstern, Nachts im Wald, aus: Melencolia, Berlin 1906, Online-Quelle)

Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer

Die Nacht macht alle Bäume gleich,
Sie stehen wie die dunklen Mauern
Von einem unterirdischen Reich
Und wie Gestalten, die am Wege kauern.

Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.
Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her
Und gehen abwechselnd am Wege mit,
Und sie verlassen dich nur schwer.
Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

(Max Dauthendey, Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 270–271)

Will Dir den Frühling zeigen

Will Dir den Frühling zeigen
Der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
Und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu Zweien gehn
Und sich bei den Händen halten –
Dürfen ihn einmal sehn.

(Rainer Maria Rilke, Will dir den Frühling zeigen, aus: Advent, 1898, Online-Quelle und Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, Klick macht groß

 

Kann mir vielleicht jemand erklären, woher/wie der bezaubernde Stern (zustande) kommt? 😉

Wie immer: Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Vom Vorfrühling (2)

Noch ist die Zeit der blauen Bäume

Noch ist die Zeit der blauen Bäume,
Sie schauen mit kahlem Geäst
Weit in die funkelnde Ewigkeit
Und halten sich kahl am Himmelsblau fest.
Und nur die Wolken, weiß und breit,
Bauen im blauen Baum ihr Nest.
Die Winde fegten fort verjährten Blätterrest,
Und dein Auge im Baum weiten Raum hat
Für der verliebten Gedanken luftige Lagerstatt.

(Max Dauthendey, Noch ist die Zeit der blauen Bäume, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 232–233)

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

(Rainer Maria Rilke, Vorfrühling, In: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, etwa 20. Februar 1924), Online-Quelle)

Vorfrühling

Leise tritt auf …

Nicht mehr in tiefem Schlaf,
in leichtem Schlummer nur
Liegt das Land:
Und der Amsel Frühruf
Spielt schon liebliche
Morgenbilder ihm in den Traum.

Leise tritt auf …

(Ferdinand Avenarius, Vorfrühling, aus: Stimmen und Bilder. Neue Gedichte, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Vom Winter und dem Eis

Nun kommt der Schnee angefahren in hellen Fuhren

Nun lassen Winterwolken auf Erden weiße Spuren,
Nun kommt der Schnee angefahren in hellen Fuhren.
Nun klingen die Wege im Frost versteint und metallen
Und sind vor Kälte bitter,
Als hätten viele Augen dort Salz geweint,
Als sei der kalte Mond in weiße Splitter zur Erde gefallen,
Als stünden im Blut die Tropfen still,
Und die Herzen, die feurigen Uhren,
Als ob keines mehr der Liebe Stunde schlagen will.

(Max Dauthendey, Nun kommt der Schnee angefahren in hellen Fuhren, in: Der weiße Schlaf, aus: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 426)

Eisnacht

Wie in Seide ein Königskind
schläft die Erde in lauter Schnee,
blauer Mondscheinzauber spinnt
schimmernd über der See.

Aus den Wassern der Rauhreif steigt,
Büsche und Bäume atmen kaum:
durch die Nacht, die erschauernd schweigt,
schreitet ein glitzernder Traum.

(Clara Müller-Jahnke, Eisnacht, in: Heimatklänge, aus: Mit roten Kressen, Online-Quelle)

Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr,
die fangen zu schmelzen an,
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

(Richard Dehmel, Winterwärme, aus: Lebensblätter, 1895, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt heil und gesund und guten Mutes in und durch diese Woche! 😀

 

Zwischen den Jahren

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph von Eichendorff, Wünschelrute, erschienen 1838 im Deutschen Musenalmanach, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, Nachlese, Die Feier, 1962, Artikel Wikipedia, Online-Quelle)

Regen weit und breit

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.

(Max Dauthendey, Regen weit und breit, aus: Gesammelte Werke, Bd. 2 „Aus fernen Ländern“, S. 588/589, Albert Langen, München 1925)

Die Nicht-Gewesenen.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
Tröstet die alles heilende Zeit.
Aber die Träume, die nie errung’nen,
Nie vergeß’nen und nie bezwung’nen,
Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

(Isolde Kurz, Die Nicht-Gewesenen., aus: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Aus tausend Quellen quillt die Nacht

Aus tausend Quellen quillt die Nacht
Und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
Dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
Wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
Mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
Und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

(Guido Zernatto, Aus tausend Quellen quillt die Nacht, entstanden 1942 in New York, aus: Die Sonnenuhr, Gesamtausgabe 1961, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ausnahmsweise gibt es zwischen den Jahren mal Lieblingsgedichte. Manche werdet ihr vielleicht kennen, andere nicht.

Genießt die hoffentlich ruhigen Tage und rutscht gut rüber, falls wir uns vorher nicht mehr lesen sollten!

 

Von November und Wandern

Das Leben

Von den Alten zu den Jungen
Muß das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich’s erfahre, muß ich die Hände falten,
Muß leiden, daß ich mich wandle, und laß es walten.
Das Leben — ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.

(Max Dauthendey, Das Leben, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 407)

Im Bozener Batzenhäusl
Otto Erich Hartlebens gedenkend

Heute tret ich diese Schwelle,
Die du gestern überschritten.
Morgen wird ein Dritter kommen,
Und ein Vierter folgt dem Dritten.

Jeder, der vorangegangen,
Wird Vergangenheit dem andern –
Und doch ist mir oft, als säh ich
Immerdar – DEN SELBEN wandern …

(Christian Morgenstern, Im Bozener Batzenhäusl, aus: Epigramme und Sprüche, Ausgabe 1922, Online-Quelle)

Einmal, am Rande des Hains

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen
fühlen: Alles ist Eins.

Halten uns fest umfaßt;
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.

Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.

Meine Seele spürt,
daß wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf..

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.

(Rainer Maria Rilke, Einmal, am Rande des Hains, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Quelle: Pixabay

Wie immer: Kommt gut, heiter und sicher in und durch die neue Woche!

Dürfte ich euch um eine Rückmeldung bitten, ob ihr im Reader die Zeilenumbrüche seht oder sich die Gedichte in Fließtext verwandelt haben?

Von Herbst und Gold

 

Es lacht in dem steigenden jahr dir

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

(Stefan George, Es lacht in dem steigenden jahr dir, aus: Das Lied der Seele, 1897, Info (Wikipedia), Online-Quelle)

 

Septembermorgen.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

(Eduard Mörike, Septembermorgen., aus: Die Gedichte (1838), entstanden 1827, Online-Quelle)

 

Meine Haare fliegen

Meine Haare fliegen,
Bin auf hellen Winden,
Bin auf Flügelfüßen
In die Lüfte gestiegen.

Und mein Haupt steht golden
In den Abendwolken,
Purpurn wanken die Dolden
Meiner Liebesgedanken.

(Max Dauthendey, Meine Haare fliegen, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 97)

 

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

(Georg Trakl, Rondel, aus: Gedichte (Ausgabe 1913), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche! (Kalendarischer) Herbstanfang ist dieses Jahr am Dienstag, 22. Spetember, um 15:31 Uhr MESZ. Genießt die Tage und bleibt heiter!

 

Von Spätsommer und Garten

 

Der Mond ist wie eine feurige Ros’

Der Mond geht groß aus dem Abend
Steht über dem Schloß und dem Gartentor
Und läßt sanft glühend die Erde los.
Der Mond ist wie eine feurige Ros’,
Die meine Liebste im Garten verlor.

Mein Schatten an den steinernen Wänden
Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
Ich werde den Mohren hinsenden,
Er hebe die Rose vorsichtig auf
Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

(Max Dauthendey, Der Mond ist wie eine feurige Ros’, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 312)

 

Mein Garten

Schön ist mein Garten mit den goldnen Bäumen,
Den Blättern, die mit Silbersäuseln zittern,
Dem Diamantentau, den Wappengittern,
Dem Klang des Gong, bei dem die Löwen träumen,
Die ehernen, und den Topasmäandern
Und der Volière, wo die Reiher blinken,
Die niemals aus dem Silberbrunnen trinken …
So schön, ich sehn mich kaum nach jenem andern,
Dem andern Garten, wo ich früher war.
Ich weiß nicht wo … Ich rieche nur den Tau,
Den Tau, der früh an meinen Haaren hing,
Den Duft der Erde weiß ich, feucht und lau,
Wenn ich die weichen Beeren suchen ging …
In jenem Garten, wo ich früher war …

(Hugo von Hofmannsthal, Mein Garten, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

 

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

(Rainer Maria Rilke, Archaïscher Torso Apollos, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle, Hintergrund)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

Update: Karin empfiehlt, sich den Rilke anzuhören, gelesen von Konstantin Wecker. Dem schließe ich mich gern an. Danke, Karin!

 

 

 

 

Vom Vergehen des Sommers

 

Des Sommers singende Häuser vergehen

Herbstwinde wehen durch das Gelände,
Die Hände der Bäume werden so schwach.
Wir sehen den gleitenden Blättern nach,
Des Sommers singende Häuser vergehen,
Wir schauen durch fallende Wände.

Auf leeren Wegen die Winde klagen,
Viel fortgetragen haben die Wege.
Und wo ich auch meine Wange hinlege,
Ich pflege nirgends der Ruhe mehr,
Wie der Baum ohne Blatt ist mein Tag lustleer.

(Max Dauthendey, Des Sommers singende Häuser vergehen, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 162)

 

Wie mein Aug’ am Sommer hängt

Alle Hecken stehn zerzaust
Und der Wind am Wege haust.
Tag und Nacht die Regentropfen
Auf die kahlen Steine klopfen;
Augen meine nimmersatten
Nie genug vom Sommer hatten.
Wie mein Aug’ am Sommer hängt,
So mein Mund zur Liebsten drängt.

(Max Dauthendey, Wie mein Aug’ am Sommer hängt, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 163)

 

Tage, wie Blätter still

Oft halten sich Tage wie Blätter still,
Der Himmel regnen nur regnen will.
Als wären die Häuser ganz menschenleer,
Es gehen die Menschen wie Schemen umher,
Und einem Verliebten trauern die Ohren,
Er horcht auf ein Lied hinterm Regen verloren.

(Max Dauthendey, Tage, wie Blätter still, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 156)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich frage mich, wann ich Landschaft oder Wetter als „herbstlich“ empfinde. Es hat auf jeden Fall etwas mit dem Geruch, dem Stand der Sonne und der Kühle des Morgens zu tun.

Kommt gut in und durch die neue Woche, mit Regen oder Sonne!

 

Vom Sommer und Gewitter

 

Vor dem Gewitter

Schwül drückte die Luft und der Tag versank,
Und die Lande lagen in Träumen,
Wie pochende Reue flüsterte bang
Der Thauwind in den Bäumen.

Kein Licht am Himmel, der Vollmond schlief
In dunklen Wolkengezelten,
Ein Vogel schwirrte, und geisterhaft rief
Sein Schrei durch die ängstlichen Welten.

Sonst hörtest du nichts; nur hier und da
Schwergehend ein Atemholen –
Wie Frauenhaarduft, betäubend und nah –
Von Rosen und Nachtviolen.

Zwei Fledermäuse flatterten grau,
Und hinter den thauwindgescheuchten,
Fliehenden Wolken, schweflig und blau,
Glühte ein Wetterleuchten.

(Carl Busse, Vor dem Gewitter, aus: Sommerlieder, Gedichte, 2. veränderte Auflage (vermutlich) 1894/1895, Online-Quelle)

 

Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen

Ein lechzend Gewitter durch den Nachmittag strich
Und krepierend hinter die Berge hinschlich.
Als lagen Drachen im Liebeskampf,
Umbrüllten sich Wolken mit dumpfem Gestampf.
Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen,
Sitzt grell der Tod in ihrem Lachen.
Jetzt atmet das Gras wieder hell und klar;
Kühl steht die Welt an alter Stell’
Und weiß kaum noch, daß sie voll Durstgefühl war.

(Max Dauthendey, Wenn die Wolken sich heiß den Liebeshof machen, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 262)

 

Nach dem Gewitter

Grell entfuhr der Blitz den umwölkten Höhen,
Und der Donner Wut übertönte, lange
Dumpf verhallend noch, den in schwarzen Strömen
Rauschenden Regen.

Nun ist alles stumm. – Nur wenn hin und wieder
Über Blum’ und Blatt ein geheimer Schauer
Huscht, fällt erdenwärts, wie in Träumen leise
Tropfen auf Tropfen. –

Unheil traf dein Herz, und am heitern Tage
Trat das Unglück wild in dein junges Leben.
Schlag traf schnell auf Schlag, und des Lebens Traum ist
Eilig zerstoben.

Ode ruht dein Herz. – Durch den müden Leib nur
Hin und wieder fliegt ein erinnernd Beben,
Und vom Auge rinnt, dem geschlossnen, leise
Tropfen auf Tropfen.

(Otto Ernst, Nach dem Gewitter, 1907, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche!

Update ADVENTÜDEN: Bisher sind erfreuliche 12 Texte da und 13 weitere sind versprochen. Danke an alle, deren Texte ich bereits habe!
Trotzdem wäre es toll, wenn bald noch ein paar mehr bei mir eintrudeln würden, Hitze hin oder her.

 

Vom Sommer und der Hitze

 

Hitze

Netz die Lungen mit Wein! Heiß über uns wandelt die Sonne schon,
Alles schmachtet und lechzt unter der Wucht drückender Jahresglut;
Schmelzend süßes Gezirp tönt aus dem Laub, wo die Zikade rasch
Ihre Flügel bewegt, denen der helltönende Sang entquillt.
Jetzt, zur Zeit wo die Golddistel erblüht, rasen die Weiber all,
Und die Männer sind schwach. Mark und Gehirn trocknet des Sirius Gluthauch.

(Alkaios (Wikipedia), Hitze, Online-Quelle (altgrch.), Online-Quelle (dt.))

 

Atemloser August

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum’, Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.

(Max Dauthendey, Sommermonde machen Stroh aus Erde, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 361)

(Sollte jemand Kometenfotos sehen wollen, dann möchtet ihr vielleicht bei dem Herrn astro- äh, autopict vorbeischauen (hier klicken), der diesen ganz frisch und allerfeinst abgelichtet hat.)

 

August

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, August, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, ein kühner Bogen 😉
Wie auch immer, kommt gut durch die Hitze und in die neue Woche!

Update ADVENTÜDEN: Bisher sind erfreuliche 9 Texte da und 14 weitere sind versprochen. Danke an alle, deren Texte ich bereits habe! Es wäre toll, wenn bald noch ein paar mehr bei mir eintrudeln würden, Hitze hin oder her.

 

Von Sommer und Sehnsucht

 

Sommernachtszauber

Einsam in der Julinacht bin ich träumend heimgegangen;
schmeichelnd hielt Resedenduft meine Sinne süß umfangen.
Durch die Lindenzweige ging flüsternd ein geheimes Sehnen,
von den Blüten fiel der Tau leis und lind wie Liebestränen.

Einsam durch die Julinacht irrten Mandolinenklänge,
ach, als ob aus Fernen weit deine Stimme zu mir dränge,
deine Stimme, die mir einst weich in wogenden Akkorden
wie Musik ertönt – und jetzt klanglos, unstet, fremd geworden …

Fern aus Süd ein Windhauch kam; heimlich durch das Lindendunkel
blitzte, deinen Augen gleich, träumerisches Lichtgefunkel.
Leuchtend fiel ein Stern herab – ach, wo mocht’ sein Strahl sich senken?!
Einsam in der Julinacht, weinend mußt ich dein gedenken. –

(Clara Müller-Jahnke, Sommernachtszauber, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

 

Im Sommerwald

Im Sommerwald, wo sich die Blätter drücken,
Liegt Sonnenschein in kleinen Stücken,
Drinnen die Mücken schweben und rücken.
Ich muß mich unter die Stille bücken.
Vor den finstern Tannenlücken
Sah ich einen Schmetterling weiß wie einen Geist aufzücken.
Der Wald riecht nach Kien und ist heiß.
Vielleicht hat hier ein Herz gebrannt und nur der Wald davon weiß.

(Max Dauthendey, Im Sommerwald, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 315/16)

 

Brief in die Sommerfrische

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.
Weil alles so gut steht
Auf unserem Gemüsebeet.
Und Du bist in England. Nicht hier
Bei mir.
Frau heißt auf Englisch „wife“;
Muß man, um das zu lernen,
Sich so weit und so lange entfernen?
Bei uns ist alles Gemüse reif.
Meinst du, daß ich das allein
Esse? Kommt gar nicht in Frage.
Und so vergehen die Tage.
Könnte doch zu zweit so billig sein.

Bis August und noch September vergeht,
Ist alles verfault auf dem Beet.
Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,
Das es schließlich auch in Büchsen gibt.
Und ich gönne dir das alles sehr. Grüße
Dich!
Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

(Joachim Ringelnatz, Brief in die Sommerfrische, aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Für die anbrechende Woche sagen die Wetterfrösche für Hamburg Höchsttemperaturen eher unter 20 °C voraus. Der Regen, so er fällt, ist willkommen und nötig, aber ach … manchmal könnte ich auch ein bisschen Meer (blau, blaugrün) vertragen …

Kommt gut in und durch die neue Woche! 🙂

In eigener Sache: WP scheint im Moment meine Kommentare zu fressen. So geschehen bei Arno, wortverloren, Anja (Annuschka). Könntet ihr bitte mal schauen, ob ich im Spam gelandet bin und mich freischalten? Danke! Veronika hat meine Kommentare aus dem Spam befreit, sie sollten also dort sein. Eigentlich.

Und könntet ihr bitte checken, ob beim Etüdensommerpausenintermezzo eure Kommentare alle da sind? Falls es ums Verplatzen nicht geht: Bitte per Mail und/oder über mein Kontaktformular. Danke euch!