Vom Dezember und Advent

 

Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

(Theodor Storm, Weihnachtsabend, 1852, Online-Quelle)

 

Der Abend kommt von weit gegangen

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Der Abend kommt von weit gegangen, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne

Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne
Und beleuchtet grübelnd die Nacht und die Ferne.
Da sind Zimmer, in denen Weingläser lachen,
Zimmer, wo Gedanken sich zu Büchern machen,
Zimmer, wo Hände gerungen beten,
Zimmer, wo Füße das Leben zertreten.

Da leuchten Zimmer rot, als ob sie bluten,
Kahle, wo die Not pfeift mit eisigen Ruten,
Blaue, die unklar im Mondschein schweben,
Graue, die in Sack und Asche leben.

Still leuchten die Zimmerlaternen, die bunten,
Alle locken die Blicke herauf von unten;
Sie locken in des Lebens Gänge hinein,
Und alle wollen Bühnen zum Liebesspiel sein.

(Max Dauthendey, Jed’ Zimmer wird abends zu einer Laterne, aus: Der weiße Schlaf, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 415)

 

Verschneite Kleinstadt | 365tageasatzadaQuelle: Pixabay

 

Es ist ein Kreuz mit dieser Jahreszeit, also dem Advent und den Tagen vor Weihnachten, gedichtetechnisch gesehen. Entweder ist die Welt in den Gedichten schon fast unerträglich heil, oder es liegt Schnee. Letzteres ändert sich vielleicht vor Weihnachten zwar noch und macht damit den Kitschanspruch perfekt, ersteres ist heutzutage viel zu oft einfach unrealistisch und befördert nur den Weihnachtskitsch. Klar, mag ich auch. Manchmal. Ich blicke schließlich auch auf viele Kinder-Kitsch-Weihnachten zurück. Ich versuche hier also einen Spagat, und weiß eigentlich jetzt schon, dass ich meinen eigenen Wünschen nicht gerecht werden werde: Ich hoffe, ihr mögt meine Auswahl trotzdem. Die Verklärung ist in den modernen Gedichten übrigens längst nicht mehr so – aber die darf ich nicht zitieren, da ich hier ja auf die geltenden Urheberrechte achte, und deren Verfasser in der Regel noch keine 70 Jahre tot sind. Ja, phhhhh, genau.

Das Bild zeigt laut der Stichworte bei Pixabay übrigens Schiltach im Schwarzwald.

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Von Liedern und Wind

 

Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter

Ich setze mich hin untern nächstbesten Busch
Und sing’s Blau mir vom Himmel herunter;
Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter.
Aus dem Grautag, in welchen die Sorge öd weint,
Wird ein Blautag, sobald nur ein Lied hell erscheint;
Die verstockteste Wolke wird munter.
Wo ein Liebeslied rot wie die Sonne aufgeht,
Jede Wange frohleuchtend voll Herzblut dasteht.
So ein Rot geht dann schwer mehr herunter.

(Max Dauthendey, Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 253)

 

Merkspruch

Flamme, o Seele, und züngle empor,
lass dir vom Himmel die Antwort geben!
Horche dem Winde, lauschendes Ohr,
über die Welt weht Liebe und Leben!

Kommst du dann wieder zu Enge und Leuten,
sorge, dass nicht dein Sinn es vergisst:
auch in den Seelen hat nur Bedeuten,
was von Wind und vom Himmel ist!

(Georg Reicke, Merkspruch, aus: Winterfrühling, ersch. 1901, Online-Quelle)

 

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Frau vor Abendhimmel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mir ist gerade so. Nein, ich bin den Herbst nicht leid, trotzdem …
Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbstwerden und dem Nebel

 

Herbst

Astern blühen schon im Garten,
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen, die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

(Detlev v. Liliencron, Herbst, aus: Werke, Bd. 1, Frankfurt am Main, 1977, Online-Quelle)

 

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, Online-Quelle)

 

Ich war wie die erfrorenen Bäume

Die Glocken läuten in den Stühlen, wenn sich der Mittag stolz erfüllt,
So läutet jubelnd mir mein Blut, wenn ich dich küsse und die Sehnsucht stirbt.

Ich war wie die erfrorenen Bäume armselig und blind vor der Sonne,
Doch als unsere Blicke sich kreuzten, rauchte mein Herz.

Wie ein Stahl steckt mir dein Blick in der Brust,
Ziehst du ihn aus, muß ich verbluten und sterben.

(Max Dauthendey, Ich war wie die erfrorenen Bäume, aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 177)

 

Morgennebel | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbst und dem Abschied

 

Jetzt ist es Herbst

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.

Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit,
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit.

Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muß gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküßt, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergißt.

(Max Dauthendey, Jetzt ist es Herbst, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 363)

 

Herbstschöne.

Nun sind im Jahresreigen
Verstummt die hellen Geigen
Mit ihrem Lustgetön.
Die glühen Sommerfarben
Sie welkten schon und starben,
Und dennoch ist es schön. –

Wenn auch das Sonnenprangen
Vom Wolkenflor verhangen,
Und wenn auch Nebel brau’n –
Du mußt es nur verstehen
Im Sterben und Vergehen
Die Schönheit noch zu schau’n.

(Heinrich Kämpchen, Herbstschöne, aus: Was die Ruhr mir sang, 1909, S. 159–160, Online-Quelle)

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)

 

Herbstliche Allee | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Allen, die über den Rilke meckern (wehe!), sei erzählt, dass ich auf diesem Ohr völlig taub bin – ich liebe dieses Gedicht seit meiner Jugend, die nun auch schon ein paar Tage her ist, und werde es zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zitieren, also mindestens einmal im Jahr. Oder so.

Zum Nachhören hätte ich hier den großartigen Otto Sander (Link zu YouTube) für euch, der mir sogar noch besser gefällt als die in den Kommentaren gepriesene Vertonung durch Oskar Werner.

Kommt gut in die neue Woche!

 

Von Tag und Nacht und Herbstwillkommen

 

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

 

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.

(Richard Dehmel, Manche Nacht, aus: Weib und Welt, Berlin 1896, S. 25–26, Online-Quelle)

 

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)

 

Unterwegs am Teich | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Frühherbst und der Liebe

 

Der Zaubergarten

Herbstnebel dampft.
Aber ich stehe in meinem Zaubergarten.

Auf den mattbesonnten Terrassen
knien die Schleppenträger des Sommers.
Leichtbewegliche Pagen,
purpurn, prangend.

Bald wird die Nacht ihre seidnen Kehlen zerdrücken.

Aber wer wird trauern,
wenn Gottes Nachtigallen
in Rauhreif und blindem Strauchwerk wohnen.

Sie singen.
Oh, wie sie singen!
Tausendfarbig sprüht der wolkige Morgen auf.
Alle Goldaugen spiegeln sich ein in mein Herz.

O Himmelsbürde!
Gott, wie beschenkst Du mich!

Ich stehe im Himmel Deiner Liebe.

(Frida Bettingen, Der Zaubergarten, aus: Gedichte, 1922. Online-Quelle)

 

Herbstblumen.

In des Herbstes weicher Luft
Hab’ ich dir den Strauß gepflückt,
Auf der Schöpfung stiller Gruft
Noch mit Farben bunt geschmückt.

Alle Farben sind hier, schau,
Wie sie nur der Frühling bot,
Violet, gelb, weiß und blau,
Nur kein brennend-heißes Roth.

Mit der Sommerlüfte Glühn
Ist erloschen Rosenbrand,
Aber blassre Blumen blühn
Schön noch an des Lebens Rand.

(Friedrich Rückert, Herbstblumen, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)

 

Die Tage lassen keine Spur

O Regen sag, Du kommst so hoch daher,
Ist droben auch der Tag spurlos und leer?

Du fällst zum Fluß und schwimmst zum Meer,
Glaubst, Du enteilst dem Leid und suchst Genuß?

O wüßten alle nur, was doch ein jeder wissen muß:
Die Tage lassen keine Spur, so wenig wie der Regen auf dem Fluß, –
Die Liebe nur.

(Max Dauthendey, Die Tage lassen keine Spur, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 378/379)

 

Treibende Blätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Von Sommer und Sinn

 

Faunsflötenlied
(Für Peter Behrens.)

Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.

Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

(Otto Julius Bierbaum, Faunsflötenlied, in: Irrgarten der Liebe, Berlin/Leipzig 1901, Onlinequelle)

 

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

(Nikolaus Lenau, Die drei Zigeuner, in: Nicolaus Lenau’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Anastasius Grün. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 54, Onlinequelle, Onlinequelle)

 

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

(Max Dauthendey, Leben heißt Sehnsucht verehren, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 235, Onlinequelle)

 

Tränen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bin an dem Bild nicht vorbeigekommen, auch wenn es vielleicht nicht wirklich leicht passt.

Kommt gut in die neue Woche!

Von Farben und Blumen

 

Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an? Wer wusste auch,
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

(Rainer Maria Rilke, Rosa Hortensie, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, Herbst 1907, Paris, oder Frühling 1908, Capri, Online-Quelle)

 

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist gelb in ihnen violett und grau;

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

(Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, aus: Neue Gedichte, Juli 1906, Paris, Online-Quelle)

 

Die blaue Kornblum wohnt versteckt

Die blaue Kornblum wohnt versteckt,
So hab ich meinen Schatz entdeckt.
Sie kann nicht meinen Händen wehren,
Wiegt sie wie’s Sommerfeld die Ähren.
Die Ähren sind jetzt körnerschwer,
Als läg schon Brot mannshoch umher,
Und nahrhaft wie im Bäckerhaus
Sieht’s an der langen Landstraß aus.
Mein Schatz die Ähren streicheln tut.
„Nach Leben riechen sie so gut,“
Sagt sie. Und schau ich roten Mohn,
So fang ich auch sein Feuer schon.
Ich gäb gern alle Ähren her,
Und gern wär mir die Hand brotleer,
Blieb mir am Lebensend davon
Liebe betäubend wie der Mohn.

(Max Dauthendey, Die blaue Kornblum wohnt versteckt, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 151)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Sommer und Heimat

Beschlagnahmefreies Gedicht

Ich bin klein.
Mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen als nach Belieben auszufüllen allein.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
fest steht, daß Ponds Creme das beste für die Haut ist.
Hipp.
Wer seine Obrigkeit läßt walten,
der bleibet immer wohlbehalten.
Hipp, hipp.
Wenn ich nur meinen Adolf hab,
bis an mein schwarz-weiß-rotes Grab.
Hurra.
Ein Veilchen stund an Baches Ranft,
so preußisch-blau, so lind und sanft;
da kam ein kleines Schaf daher,
jetzt steht da gar kein Veilchen mehr,
Hurra.
Ein Richter steht im Walde,
so still und stumm.
Er war republikanisch bis zuletzt,
drum haben sie ihn in den Wald versetzt,
und da steht nun der Richter,
auf seinem linken Bein,
ganz allein.
Lieb Vaterland (siehe oben).
Siehst du die Brigg dort auf den Wellen?
»Rechts müßt ihr steuern!« hallt der Schrei.
Die Republik kann nicht zerschellen,
Frau Wirtin hatte auch ein Ei.
Die Zeiten werden schön und schöner.
Ich denk an Männer, kühn und barsch:
An Noske, Geßler und auch Groener.
Lieb Vaterland (siehe oben).

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger: Beschlagnahmefreies Gedicht, aus: Die Weltbühne, 29.03.1932, Nr. 13, S. 492, Online-Quelle)

 

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

 

Und einmal steht das Herz am Wege still

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,
Bäume und Hecken, die sich über viele Menschenalter strecken,
Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,
Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.
Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,
Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang
Kennen mich die Gelände und im Hohlweg die Felsenwände.
Viele Wünsche sind vergangen, die wie Sterne unerreichbar hangen,
Und einmal steht das Herz am Wege still,
Weil es endlich nichts mehr wünschen will.

(Max Dauthendey, Und einmal steht das Herz am Wege still, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 349)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

Vom Sommer und dem Fliegen

 

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum’, Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.

(Max Dauthendey, Sommermonde machen Stroh aus Erde, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 361)

 

Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal werde nicht mehr sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot…
Oh, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!

(Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken, aus: Flugzeuggedanken, Berlin 1929, S. 7, Online-Quelle)

 

Mondnacht.

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Aehren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph von Eichendorff, Mondnacht., 1835, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber mit Freuden!

 

Ich bin, ich muss es gestehen, ein Fan von Flugvorführungen. Also Greifvögel, dass wir uns richtig verstehen. Nein, ich besuche jetzt keine Tierparks extra dafür, aber wenn ich schon mal in die Nähe von so etwas Attraktivem wie der Adlerwarte Berlebeck gerate und genug Zeit habe, dann muss ich da rein. Und natürlich kommt die Kamera dann zum Einsatz, auch wenn leider Gottes (in diesem Fall) prallste Sonne ist und ich WEISS, dass alle weißen Stellen rettungslos überstrahlt und ausgefressen sind, weil die Biester halt verdammt nicht stillsitzen und ich nicht beliebig rumrennen kann und darf (bei Blümchen geht das ja meist noch) und ich einfach nur diese wunderschönen Tiere knipsen möchte. Gleiches gilt, mit Abstrichen, übrigens auch für die ebenso wunderhübschen Gaukelviecher, die ich Herrn Autopict versprochen habe (dieser unruhige Schmetterlingsflieder-Hintergrund killt mich, aber was solls).

 

Last but not least, mit Dank & zum Start für die neue Woche den Soundtrack des Tages, denn der wunderbare Tag wurde von einem ebensolchen Abend gefolgt:

Musik for the Kitchen: Ich steh mit Ruth gut!

 

Klickt rein, es lohnt sich!
Und kommt gut in die neue Woche! :-)

 

Regen und Sommer

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

(Max Dauthendey, Der Regen schlägt das Haus mit Ruten, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 255/256)

 

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

(Christian Morgenstern, Von den heimlichen Rosen, aus: Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin, 1900, Online-Quelle)

 

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen
geht sie zum Himmel der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber welche nichts gefunden
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …

(Rainer Maria Rilke, Einsamkeit, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 47, 1906, Online-Quelle)

 

Wann immer ich dieses Gedicht lese, habe ich die Stimme von Katharina Franck im Ohr. Da sich das zu einem Dauerzustand auswächst (interessant!), möchte ich euch das dazugehörige Video ans Herz legen: Klickt bitte hier für den Link zu YouTube.

Draußen ist in den letzten beiden Tagen doch erfreulicherweise recht viel Regen gefallen, zum Glück ohne größere Flurschäden anzurichten. Daher habe ich die Abkühlung genossen und gern unter dem rauschenden Regen geschlafen … bis ein gewisser Herr Fellträger verkündete, ER sei jetzt nass und hungrig, ob ich wirklich gewillt sei, damit zu leben, dass er unglücklich sei … undsoweiter :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst; Klick macht groß!

 

Im Frühling: Liebe

Unterm weißen Baume sitzend
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren; –
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon mit Schneegestöber
Hab’ der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freud’gem Schrecken;
Duft’ge Frühlingsblüthen sind es,
Die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maye,
Schnee verwandelt sich in Blüthen,
Und dein Herz, es liebt aufs Neue.

(Heinrich Heine, Unterm weißen Baume sitzend, 1844, aus: Neue Gedichte, Onlinequelle)

 

Liebesanfang

O Lächeln, erstes Lächeln, unser Lächeln.
Wie war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille hören – , plötzlich in einander
aufschaun und staunen bis heran ans Lächeln.

In diesem Lächeln war Erinnerung
an einen Hasen, der da eben drüben
im Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung eingegeben, den wir später
den Weiher teilen sahen in zwei Hälften
lautlosen Abends. – Und der Wipfel Ränder
gegen den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder gezogen gegen die entzückte
Zukunft im Antlitz.

(Rainer Maria Rilke, Liebesanfang, Frühjahr oder Sommer 1915, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 94. Onlinequelle)

 

Die Amsel

Da die Nacht mit Laternen noch draußen stand,
Der Schlaf und der Träume glitzender Fächer
Um Haus und Himmel ausgespannt,
Da sang an mein Bett weit über die Dächer,
Da sang vor der Stund’, eh’ mit bläulicher Hand
Der Morgen sich unter den Sternen durchfand,
Eine Amsel aus Finster und Fernen.
Eh‘ noch den Laternen das Licht verflackt,
Hat schon die Amsel die Sehnsucht gepackt.
Sie sang von Inbrunst aufgeweckt
Mit dem Herz, das ihr heiß in der Kehle steckt.
Sie sang von Lieb’, die sich aufgemacht
Und durch die schlafenden Mauern lacht.

(Max Dauthendey, Die Amsel, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 296. Onlinequelle)

 

Kann mir wer sagen, wer oder was sich da im Anflug befindet? Weiteres Fotomaterial auf Wunsch vorhanden. Ich komm und komm nicht drauf …

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Kommt gut in die neue Woche!