Von den Qualen der Wahlen ;-)

Gänsezug.

Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich leite!«

Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: — Daß ich mich breite
So selbstbewußt, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Den Weg mir wähl’ nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!

(Marie von Ebner-Eschenbach, Gänsezug, aus: 1. Band: Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte, in: Gesammelte Schriften, 1893, Online-Quelle)

Der Esel des Buridan

Rechts Heu und Klee, links Heu und Klee!
Die allerfettsten Weiden –
Dem Esel tut das Wählen weh,
er kann sich nicht entscheiden.
Er schnopert rechts, er schnopert links
und dreht sich dreimal um –
O Buridan, o Buridan,
was ist dein Esel dumm!

Rechts Gras und Korn, links Gras und Korn,
wie knurrt es ihm im Magen!
Und immer wieder geht’s von vorn,
er mag die Wahl nicht wagen.
So zwischen beiden bleibt er stehn
und fällt vor Hunger um –
O Buridan, o Buridan,
was war dein Esel dumm! –

Rechts freie Presse, links Zensur,
rechts Wahrheit, links die Lüge –
Was stehen wir und grübeln nur
und haben’s nicht Genüge?
Wir horchen rechts, wir horchen links
und fragen fern und nah –
O Buridan, o Buridan,
wär’ doch dein Esel da!

Die Freiheit rechts, links Sklaverei,
wer könnt’ es sich verhehlen!
Wir aber stehn und stehn dabei
und wissen nicht zu wählen.
So sind wir doch weit ärger noch
und dummer noch fürwahr,
o Buridan, o Buridan,
als wie dein Esel war!

(Robert Eduard Prutz (Wikipedia), Der Esel des Buridan, aus: Gedichte (Erstdruck). Neue Sammlung, Zürich/ Winterthur (Literarisches Comptoir), 1843, Online-Quelle)
Mehr zu Buridans Esel: hier (deutsch) und hier (engl., wesentlich umfangreicher).

Nach den Wahlen

Es schreit nicht mehr in fetten Schriften
Das Für und Wider von der Wand.
So laßt uns alle Frieden stiften!
Ein jeder reiche seine Hand!

Zur Menschheit wird auf diesem Wege
Die heißentflammte Wählerschar;
Und wieder Nachbar und Kollege
Ist, wer noch gestern Schurke war.

(Ludwig Thoma, Nach den Wahlen, aus: Kirchweih. Simplicissimus-Gedichte, 1912, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Für all die, die es nicht wissen (wollen/können): Deutschland wählt nächsten Sonntag, am 26. September 2021, seinen neuen Bundestag. Dies ist also die Zeit, wo einen gefühlt Hunderte Köpfe von Plakaten anschreien, wenn man das Haus verlässt, und einem erzählen, dass sie doch der beste Freund sind, politisch gesehen …

Corona und die dazugehörigen Diskussionen machen den öffentlichen Ton nicht besser.

Kommt ihr alle dennoch gut und unbeschadet in und durch die Woche! Ich gehöre übrigens zu der stattlichen Zahl der Briefwähler, ihr vielleicht ja auch …