Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren | Myriades Impulswerkstatt

Noch ein Versuch, für Myriades Impulswerkstatt (März) Text und Bild miteinander zu verbinden. Dieses Mal habe ich mir eines der wohl bekanntesten Gedichte der Romantik herausgegriffen.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in’s freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

(Novalis (Friedrich von Hardenberg), Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, aus: Heinrich von Ofterdingen, Tiecks Bericht über die Fortsetzung, 1800, Online-Quelle, Interpretation bei Wikipedia)

 

Die Welt ist zu Novalis’ Zeit kein reines unbekanntes Wunder mehr, sondern »funktioniert« nach Gesetzmäßigkeiten, die beginnende Industrialisierung und das damit verbundene Nützlichkeitsdenken werden erlebt und diskutiert.
Die Romantik setzt die Möglichkeit einer Erfahrung der Einheit von Realität und Anderswelt dagegen, sie verbindet Diesseitiges und Mystik, überbrückt die Kluft zwischen Verstand und Empfindung. Zustande kommt diese Grenzüberschreitung durch vielschichtige Sinneswahrnehmungen: Synästhesien, Träume, Ahnungen etc. führen zu Bewusstseinserweiterungen.
Die Suche nach der (symbolischen) blauen Blume in der Natur (im Außen) wandelt sich zu einem Weg nach innen, zu einer Suche nach sich selbst; und wer begreift, was seine tiefste Sehnsucht ist, erkennt sich schließlich selbst. »Wichtig ist, dass diese Erkenntnis des Selbst ein Ergebnis von Gefühl und Reflektion ist und eben nicht von Rationalität und Wissenschaft.« (Quelle)

Nach dieser Definition hätte ich ziemlich viel von einem Romantiker, glaube ich. 😀

 

Novalis – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich;
Anklicken erhöht die Lesbarkeit um ein Vielfaches 😉

 

Die blaue Blume

 

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

(Joseph von Eichendorff, Die blaue Blume, 1818, Quelle)

 

Die blaue Blume ist ein Symbol, das sicherlich viele von euch kennen. Hier gibt es nicht nur das Gedicht, sondern auch noch Verweise dazu, hier ist der Wikipediaeintrag. Nicht fehlen darf an dieser Stelle dann auch der Verweis auf Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“, der Quelle der literarischen Darstellung der blauen Blume, denn eigentlich denkt man bei der blauen Blume an die Zeit der Romantik und an Novalis.
Novalis’ folgendes Gedicht gehört für mich schon seit sehr langer Zeit zu meinen „Sinngedichten“.

 

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in’s freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen sofort.

(aus: Novalis, Heinrich von Ofterdingen, 1800, Quelle)

 

Blaue Blume | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Kleine Dinge – Unbehaust

„Wo gehn wir denn hin?“ „Immer nach Hause.“

(Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Quelle)

Mir ist gerade entschieden unkuschelig zumute, ich vermute, vielen von euch geht es ähnlich. Bei den Anschlägen von Paris im Januar haben wir alle die Fahnen rausgehängt und öffentlich getrauert, inzwischen bemerke ich, dass neben der Trauer sehr viele sich fragen (und darüber bloggen), warum es so weit gekommen ist, dass Fanatiker unsere Art zu leben so sehr hassen, dass sie sie zerstören oder zumindest sehr nachdrücklich stören möchten. Es sind Stimmen wie diese hier von Jürgen Todenhöfer, die mich sehr nachdenklich machen.

Nichtsdestotrotz ist heute der dritte Montag im November und ich bin wieder dabei bei dem „Kleine Dinge“-Projekt (ohne Makro) von cubusregio.

Folgt mir also …

… zum Projektlogo und dem Kleingedruckten: Hier gibt es mehr: https://kleinermonat.wordpress.com/tag/kleinermonat/

Letzten Monat habe ich euch eine Lampionblume gezeigt, vor zwei Tagen, bevor es hier zu regnen anfing, bin ich nochmal bei ihr vorbeigekommen und habe ein schnelles Handypic geschossen. Da viele von euch mir genau von diesen filigranen Adern vorgeschwärmt hatten, wollte ich sie euch erneut zeigen. Bin nicht sicher, ob es dieselbe ist, war aber am gleichen Ort. Nein, ich habe sie nicht mitgenommen, bei mir lebt ein spielender Fellträger …

Kommt gut in die Woche!

Kleinigkeiten Physalis – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

Sternenstaub

Als ich mich gestern mit dem Zählen von Sternen und Sandkörnern befasst habe (okay, ich habe zählen lassen, sonst wäre ich bestimmt noch nicht fertig), erwischte mich plötzlich ein Ohrwurm. „Wir alle sind aus Sternenstaub. In unsern Augen war mal Glanz.“ (Ich + Ich, Vom selben Stern)

Klingt schön, dachte ich wie beim ersten Mal, aber wie ist das eigentlich gemeint?

Dass bei einem großen Blutbild nicht „Sternenstaub“ auf der Liste auftaucht, war ja selbst mir schon klar. Die Antwort lässt sich im Internet schnell heraussuchen: Die Erde (und alles, was auf ihr lebt, damit auch wir) besteht aus den Überresten vergangener Sterne, Supernova-Explosionen. Das wird dann unterschiedlich nett erklärt.

Die poetischste Antwort :

Atome ferner Sterne kommen zu uns. Sie sind Träger des Lebens.
Der Kohlenstoff deines Körpers war in der leuchtenden Atmosphäre eines Sterns.
Und er bestand nicht von Anfang an, der Kohlenstoff deines Körpers
formte sich in Sternen, die starben und auseinanderstoben
und ihn wie Pollen in den Zwischenraum streuten, und so kam er zur Erde.
Das Leben stammt aus dem Sterben der Sterne.
Das Eisen deines Blutes, vor Millionen von Jahren war es in einem riesigen Stern.
Oder das Gold der Goldschmiede: aus der Explosion von Supernovas.
Seen, Leguane, Teleskope, alles aus dem Sternenfeuer.
Wenn die Sterne auseinanderstieben,
streuen sie wie Sporen die Elemente des Lebens. Tod und Geburt.
Oder: Wiedergeburt aus dem Tod.
Sie sind wie Atomenergie – wie sehen sie dort oben -,
Energie, die die Rosen auf der Erde öffnet.
Welche Verwandtschaft gibt es zwischen den Sternen, den Blumen und deinem Gesicht,
freundliches Mädchen, weißt du es denn?
Noch das Gas zwischen den Sternen hat die gleiche Zusammensetzung
wie eine Bakterie und ein Mädchen.

(Ernesto Cardenal, aus Cántico cósmico, Quelle (ganz unten!))

 

Übrigens heißt es, dass auch schon Novalis davon gesprochen habe, wir seien „aus Sternenstaub“ oder nur „Sternenstaub“. Das Netz gibt dazu keine Quelle her, kennt jemand von euch eine?

Schließlich erklärt 3sat/nano die Sache anhand vom Plätzchenbacken (es war kurz vor Weihnachten), und sogar bei n-tv wurde die Frage aufgegriffen: Bestehen wir aus Sternenstaub?

 

Krebsnebel, Supernovaüberrest – 365tageasatzadayKrebsnebel, Supernovaüberrest, Quelle: Pixabay