Wider die Geister | abc.etüden

 

»Wie alt ist denn das Kind?«

Tja, das war die Frage. Sie stand vor dem Regal mit Nachtlichtern und hatte die herannahende Verkäuferin übersehen. Zu gebannt war sie von dem Angebot gewesen, das von allerlei mehr oder weniger bescheuert-lieblichen Figuren (für Babys, dimmbar, mit 16 Farben) bis hin zu einem coolen Sternbildprojektor reichte. Seit geraumer Zeit stand es schlecht um ihren Schlaf, und wenn sie nachts schweißgebadet aus einem ihrer Albträume emporfuhr, in dem sich gesichtslose Monster über sie beugten, half es nicht gerade, dass sich draußen der Baum knarrend im Wind wiegte und die Äste zuckende Schatten an die Wände warfen.

Sie wohnte noch nicht lange genug in der neuen Wohnung, um mit allen Geräuschen vertraut zu sein. Allerdings war sie überzeugt davon, dass jetzt alles besser werden würde. Würde es doch, oder? Und warum konnte sie dann nicht wieder einschlafen und reagierte mit Herzrasen wie nach zehn Tassen Kaffee? Es ist nur eine Panikattacke, beruhigte sie sich dann, reg dich nicht auf, es geht vorbei, niemand ist hier, dir kann nichts geschehen, du bist sicher …

Fernsehen half ihr nicht, nicht mal die langweiligsten Dokus der Öffentlich-Rechtlichen, sie hatte es versucht. Und ihr Leben mit einem Tier teilen, nur um nicht allein zu sein, wollte sie nicht. Sie musste es selbst schaffen. Ihr Leben wieder auf die Reihe bringen. Die letzten Jahre vergessen. Nach vorn schauen. Gut für sich sorgen.

Plötzlich sah sie sie: eine Einhorn-Lampe. Sofort fühlte sie sich in die Zeit zurückversetzt, in der sie Märchen gelesen und davon geträumt hatte, im Wald einem Einhorn zu begegnen. Als sie noch nicht gewusst hatte, dass das Leben Angst machen konnte.

Vermutlich war sie farbwechselnd, batteriebetrieben und hatte keinen Dämmerungssensor. Egal.
Die war es.
Sie seufzte und nahm sie vom Regal.

»Danke, ich weiß schon, was ich will.«

 

 

abc.etüden 2020 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 45/46.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten: Nachtlicht, lieblich, teilen.

 

Happy End mit Hindernissen | abc.etüden

CN: In dieser Etüde gerät jemand auf See in heftig schlechtes Wetter und bekommt einen Panikanfall. Keine detaillierte Schilderung, Happy End.

 

Firmenparty.

»Uuuuund, wie habt ihr euch kennengelernt? Ihr seid doch auch noch nicht so lange zusammen, oder?«

»Fang du an«, sagt sie. Beide grinsen.

»Also, zuerst war das alles gar nicht so einfach. Ich war neu hier, kam zwar aus der Mutterfirma, hatte mir das aber alles viel einfacher vorgestellt. Und dann lief ich auch noch Julia über den Weg und verknallte mich sofort. Natürlich habe ich erst mal die blödesten großspurigen Sprüche gebracht. Sie hat es mir auch prompt mächtig übel genommen und ständig herumgezickt.

Irgendwann lud sie mich zu einem Törn ein. Ihrem Gesicht nach hatte sie Hintergedanken, aber ich dachte, okay, irgendeine Seemannstaufe, was soll’s, ich geb mir bestimmt keine Blöße und lehn ab. Aber nein, es war viel hinterlistiger geplant! Das war kein Segelboot, sondern ein Katamaran, und wir fuhren zu viert ziemlich weit raus. Chilliger Tag. Bis die Wetterfront aufzog.«

»Wir hatten gedacht, mal sehen, ob wir ihn so weit kriegen, dass Superman hinterher was totschweigen muss«, übernahm Julia die Erzählung. »Womit keiner gerechnet hatte, war, dass er einen 1-a-Panikanfall bekam, so mit Kreislaufzusammenbruch und Schnappatmung, als wir Fahrt aufnahmen und die Wellen richtig hochschlugen. Ganz ungemütliche Hausnummer. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihn am Mast zu sichern, liegend, damit ihm der Baum nicht den Kopf abreißt, und zu sehen, dass wir allesamt heil heimkommen.«

»Als wir im Hafen waren, wusste ich, dass bei mir Flooding funktioniert. Ich kanns nicht erklären. Ich war völlig durch, zerschlagen und klatschnass, aber fühlte mich herausgefordert. Also hab ich mich zwei Tage später für einen Anfänger-Segelkurs angemeldet. Da, wo auch Julia unterrichtet, was ich aber vorher wirklich nicht wusste. Auf jeden Fall hatte ich damit ihren Respekt. Sie rumzukriegen war dann fast einfach.«

»Und dein Bruder?«

»Lukas? Zuckt die Achseln und sagt: ›Weiber!‹ Kennst ihn ja.«

»Na dann.«

 

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Olpo Olponator und lauten: Katamaran, großspurig, totschweigen.

Dies ist die Fortsetzung zu Revanche. Eigentlich hatte ich ja geplant, den Tag auf dem Wasser direkt zu schildern, aber trotz des freundlichen Hilfeangebots des Wortspenders (dem ich zumindest entnommen habe, wo der „sicherste“ Platz auf einem so kleinen Katamaran ist), sah ich keine Möglichkeit, das alles, speziell den Heimweg, in 300 Wörtern so hinzubekommen, dass es 1. sachlich korrekt und 2. zufriedenstellend gewesen wäre. Was ihr hier lest, ist also Plan B. Was bin ich froh, dass ich aus Lukas noch problemlos Julias Bruder machen konnte …