Tag und Nacht – Donnerstag, 9. Oktober 2014

Die Nacht war nur ein Teil des Tages. Und ebenso, wie sie sich durch das Licht beschützt fühlte, konnte sie sich durch die Dunkelheit beschützt fühlen. Die Dunkelheit hatte sie dazu gebracht, diese beschützende Gegenwart anzurufen. Sie musste ihr vertrauen. Dieses Vertrauen hieß Glaube. Nie hatte ihr jemand erklären können, was Glauben war.

(Paulo Coelho, Brida)

 

Kommt eine junge Frau zu einem Magier und möchte „Magie lernen“. Was heutzutage normalerweise entweder der Anfang einer Fantasy-Story oder eines Horrorberichts (über Sekten) wäre, ist der Beginn von Brida, einem Buch des brasilianischen Bestsellerautors Paulo Coelho. Der Magier macht sie mit der „Dunklen Nacht“ vertraut, letzten Endes wird sie aber bei einer Hexe namens Wicca lernen und eine „Einweihung“ erhalten.

Dies ist ein Frühwerk Coelhos. Da ich sowohl den „Alchimisten“ als auch sein „Jakobsweg“-Buch kenne und schätze, habe ich mich nach dem Lesen als erstes gefragt, wie mir DAS entgehen konnte. Obwohl es 1990 erschienen ist, scheint Diogenes es erst 2008 herausgebracht zu haben (?). Gut, da war der „Hexen“-Zug für mich lange abgefahren (die Lehrerin der jungen Frau heißt „Wicca“!), ich hätte es damals im Sog der „Nebel von Avalon“ (Mitte der 80er) gern gelesen. Aber das Erscheinungsdatum erklärt einiges – es gibt überall Trends, auch bei esoterischen/spirituellen Büchern, und damals hatten die Hexen die Literatur erobert, siehe Marion Zimmer Bradley.

Was ich von dem Buch halte? Ich kann einiges von dem, was da steht, beurteilen. Zum Beispiel die Tatsache, dass es wirklich, neben vielen Abgedrehten (sorry) im Eso-Markt, eine westliche spirituelle Tradition gibt, die sich (nicht als Teil der offiziellen Kirche, nicht buddhistisch etc.) seriös mit der spirituellen Weiterentwicklung des Menschen befasst. Das Ziel ist dabei, jedem Einzelnen Werkzeuge für die eigene Arbeit an sich selbst an die Hand zu geben, damit er/sie ausbalanciert und handlungsfähig sowohl seinen eigenen Alltag schmeißen kann als auch die offenen oder versteckten Wunder wahrnehmen … Spiritualität ist nicht (nur) für Mönche, ganz gewiss kein Spinnkram, und man muss es (was auch immer) nicht allein durchstehen.

Ein gutes Buch, ich habe es zu Unrecht übersehen. Kommt in mein Regal.

 

Tag und Nacht - 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

Samstag, 13. September 2014

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

(Franz Kafka)

 

Auf Facebook kursiert gerade ein Spiel, bei dem man 10 Bücher auflisten soll, die einen besonders beeinflusst oder beeindruckt haben. Oder so. Wobei ich die Anforderung ja schon mal hoch gegriffen finde. Ich bin in mich gegangen, habe mich an die Bücher meiner Kindheit und Jugend erinnert und war erstmal irritiert, dass spontan so viele Romane auftauchten. Dann habe ich beschlossen, mich auf Fiktion zu beschränken und meine Auswahl zu kommentieren.

Wer mitmachen möchte: bitteschön, herzlich willkommen, ich freue mich auf eure Kommentare und/oder Beiträge!

 

  1. Annemarie Selinko: Désirée
    Der erste historische Roman meines damals noch recht kurzen Lebens. Nein, ich habe mich nie in die Rolle von Napoleon Bonapartes erster Verlobter, Désirée, der späteren schwedischen Königin, hineinversetzt. Mir ist auch klar, dass das ein Roman ist, kein Tatsachenbericht, auch wenn die Figur historisch ist. Aber ich erinnere mich, dass dieses Buch in unserem heimischen Bücherschrank stand, und dass ich es viele, viele Male begeistert gelesen habe.
  2. Hermann Hesse: Narziss und Goldmund
    Ja, ich bin auch aus der Generation (oder kurz danach), wo man Hesse gelesen haben musste. Ich also auch. Allerdings muss ich sagen, dass ich mit dem ach so beliebten „Steppenwolf“ nie wirklich warm geworden bin, „Narziss und Goldmund“, „Siddhartha“ und das „Glasperlenspiel“ aber oft und gern gelesen und darüber gegrübelt habe.
  3. Thomas Mann: Die Buddenbrooks
    Es gibt Bücher, die werden einem von anderen nahegebracht. Ohne meine damalige beste Freundin hätte ich dieses Buch nie so schätzen gelernt. Heute bekenne ich, dass die Buddenbrooks mir (als Jugendliche auf dem Dorf) eine andere Welt eröffnet haben. Dass ich mich in Hamburg zu Hause fühlen kann, verdanke ich auch diesem großartigen Buch.
  4. J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe
    Mit diesem Werk wurde ich (mit 14) Fantasy-Fan. Ich habe erst später begriffen, dass ich mit Tolkien die Messlatte ziemlich hoch gelegt habe, aber bedauern kann ich das nicht. Ich erinnere mich: ich habe diese Bücher Tag und Nacht wie ein Verdurstender gelesen (Ferien!), dann war ich durch, schlief mich aus – und fing wieder von vorne an.
    Keine weiteren Fragen. Eben.
  5. Christa Wolf: Kassandra
    Zu den heißgeliebten Büchern meiner Jugend gehörten auch die „schönsten Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab. Ich war ein großer Fan griechischer Sagen. Kassandra passte, Kassandra war aber auch der Anfang meiner frauenbewegten Phase, was ebenfalls zum Geist der Zeit gehörte. Ich mag Christa Wolfs Art, Dinge zu beschreiben, auch heute noch, aber nach der Wende hat sie für mich an Relevanz verloren.
  6. Dorothy Sayers: Aufruhr in Oxford
    Eine Zeitlang habe ich die Sayers-Krimis verschlungen. Letzten Endes ist dies eine Liebesgeschichte und ein Buch über Selbstbestimmung; ich habe alle Lord-Peter-Wimsey-Krimis auch immer wegen der Unzahl an Zitaten geliebt. Dorothy Sayers ist mir sehr kostbar.
  7. Marion Zimmer Bradley: Die Nebel von Avalon
    Danach war meine Welt nicht mehr wie vorher. Heute sehe ich meine Begeisterung viel distanzierter, aber damals war es mein erstes „Hexenbuch“, und ja, es hat mir Wege geöffnet, die mein Leben zu dem gemacht haben, was es heute ist.
    An dieser Stelle muss ich mich auch als „Darkover“-Fan outen, auch eine wichtige Reihe, die ich zeitweise fast komplett in meinem Regal hatte.
  8. Fannie Flagg: Grüne Tomaten
    Ich kann das Buch vom Film schlecht trennen. Ich liebe beide. Warum gerade das? Keine Ahnung, ehrlich. Hat auf jeden Fall viel mit Humor zu tun. Kennt ihr übrigens „Schultze gets the Blues„?
  9. Paulo Coelho: Der Alchimist
    Und dann stolpert man über Bücher, wo man beim Lesen nickt und immer nur „ja, ja, ja“ sagt. Und so tief. Und in einer so schönen Sprache. Nein, ich habe nicht alles von ihm gelesen, manches tangiert mich nicht, aber er ist mehr als empfehlenswert.
  10. Patricia McKillip: Die „Riddle-Master“-Trilogie
    Neben Tolkien, der für sich allein steht, und vielleicht noch Terry Pratchett, dessen klugen Humor ich ebenfalls sehr schätze (Oma Wetterwachs!), ist Patricia McKillip so was wie ein Alltime-Favorit. Die „Riddle-Master“-Trilogie war ihr Erstlingswerk und ich liebe sie dafür heiß und innig, aber ich liebe auch fast alle ihrer späteren Bücher. Ich liebe ihre Beschreibung von Magie, die lebensbejahende Schönheit und Sanftheit ihrer Sprache – ich kehre so gern in ihre Welten zurück.

 

Ein Buch muss die Axt sein – 365tageasatzaday

 

 

 

Freitag, 5. September 2014

Sag ihm, dass die Angst vorm Leiden schlimmer ist als das eigentliche Leid. Und dass noch kein Herz gelitten hat, als es sich aufmachte, seine Träume zu erfüllen.

(aus: Paulo Coelho, Der Alchimist)

 

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Gestern lange mit einer Freundin gesprochen und lauter Ängste über Krankheit, Sterben und Verlassensein aufgeschnappt und vermutlich noch einen guten Teil eigene dazugepackt. Bin bedrückt.

Nachtrag: Meine Mutter hätte wahrscheinlich geseufzt und mir gesagt, ich solle mich nicht verrückt machen. „Wir müssen es alle nehmen, wie es kommt.“ Und dann hätte sie sich überlegt, ob es etwas gibt, das sie tun kann. Vielleicht sollte ich mich einfach daran halten.

Eben auf Facebook entdeckt: “Sorrow prepares you for joy. It violently sweeps everything out of your house, so that new joy can find space to enter. It shakes the yellow leaves from the bough of your heart, so that fresh, green leaves can grow in their place. It pulls up the rotten roots, so that new roots hidden beneath have room to grow. Whatever sorrow shakes from your heart, far better things will take their place.” (Rumi)

Na, dann! Euch einen sonnigen Tag, woauchimmer ihr dies lest!