Die Entscheidung | abc.etüden

Ich glaube, jede*r von euch, die*der selbst schreibt, kennt das: Manche Figuren entwickeln ein Eigenleben und möchten ihre Sicht der Dinge erzählen. Wie praktisch, dass gerade Extraetüden anstanden. Also waren nach zwei Kattitüden jetzt auch ein paar der beteiligten Menschen dran. Ich glaube allerdings, jetzt bin ich/sind wir durch.

Die empfohlene Lesereihenfolge:

  1. On the Road again?
  2. Sommerquartier
  3. Die Nachricht

Und dann diese hier. Man möge mir bitte verzeihen, dass ich die Zeit ein bisschen vorgedreht habe. Ich versichere, dass ich den endlich gerade eingetroffenen Sommer (oder so) noch lääääääääääääääängst nicht überhabe.


 

Anfang September.

»Hallo? Jemand zu Hause?«

Er sah von seinem Buch auf. »Schau mal, Leo, wir bekommen Besuch«, sagte er, als er sie erkannte, aber den Kater interessierte das nicht. »Kommen Sie rein«, bat er, »trinken Sie einen Kaffee mit mir?«

Sie nickte. »Gern.« Sie trat in die Schrebergartenbaracke und sah sich neugierig um. Ganz offensichtlich wohnte hier jemand, der organisiert war und Erfahrung damit hatte, mit wenig auszukommen. Sie sah dem alten Mann zu, wie er mit geschmeidigen Bewegungen den Kaffee zubereitete.

»Musterung beendet?«, erkundigte er sich, und sie lächelte ihn an. »Gut sehen Sie übrigens aus. Ich vermute, Sie hatten einen schönen Sommer? Was macht der Zwerg?«

»Sein Vater passt auf ihn auf«, berichtete sie stolz. Zweifel über ihr Glück schwangen in ihrer Stimme mit.

»Klingt nach einer Geschichte«, befand er und reichte ihr einen Becher. »Milch? Zucker?«

»Schwarz, danke.« Sie überlegte. »Ich habe zwar immer Kinder gewollt«, begann sie, »aber eigentlich nur in einer festen Beziehung, und so weit waren wir noch lange nicht. Wenn aber der Typ abtaucht und sich nicht mehr meldet, und man plötzlich feststellt, dass man schwanger ist, ungewollt, dann fragt man sich schon, wieso ausgerechnet einem selbst so was widerfährt.«

Sie pustete gedankenversunken auf ihren dampfenden Kaffee.

»Um es kurz zu machen: Er ist wiederaufgetaucht und hat sich erklärt, und wir sind zusammengezogen. Er lebt in einem alternativen Wohnprojekt am Stadtrand, da gibt es die Möglichkeit, dass ich mit dem Kind auch einziehe.«

»Mutig. Glückwunsch!«

»Ja, toll, nicht? Einziger Haken: Leo kann nicht mit. Sebastian mag keine Katzen.«

»Tja, danke fürs rechtzeitige Bescheidgeben. Wir hängen inzwischen ziemlich aneinander.«

Leo sprang prompt auf seinen Schoß und ignorierte seine ehemalige Dosenöffnerin komplett. Er kraulte ihn am Ohr.
Sie sah ein bisschen traurig drein.

»Darf ich fragen, wo Sie wohnen?«

»In den Plattenbauten. Sechster Stock. Geht schlimmer, aber kein Ort für einen Freigänger.«

»Was ich eigentlich sagen wollte: Ich suche einen Nachmieter.«

Sein Blick streifte ihr Gesicht. »Trinken Sie, sonst wird er lau«, fing er an und verstummte. »Wissen Sie«, meinte er schließlich, »ich bin irgendwann aus diesem Hamsterrad, diesem Korsett der ordentlichen Leute rausgeflogen. Ich bin ein bisschen wild. Sie haben es gesehen und es sich bestimmt gedacht: Ich besitze nicht viel. Dass mich jemand nimmt, wo ich nur vom Minimum lebe, ist unwahrscheinlich.«

»Ich könnte fragen. Ich habe eine kleine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss, nach hinten geht ein Garten raus. Wir sind im Haus fünf Parteien, und die sind alle eher ruhig. Die Hausverwaltung wäre übrigens heilfroh, wenn sie jemanden für den Garten hätten.«

»Hm.«

»Es gab mal die Idee für einen Blühstreifen, aber keiner wollte sich darum kümmern, weil alle noch arbeiten.«

Sie sah seine Augen aufleuchten.

»Wo wäre das überhaupt?«

»Das Viertel neben der Kirche.«

»Lebt der alte Bernd in dem Haus auf der Ecke noch? Wir haben früher miteinander Schach gespielt.«

»Tut er.«

Er lehnte sich in seinem Gartenstuhl zurück und streichelte den im Schlaf schnurrenden Leo. »Okay, fragen Sie. Ich habe immer schon geglaubt, dass rote Kater Glück bringen.«

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2021: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies over Paradise). Die möglichen Wörter lauten: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren. Diesmal habe ich (gern) auf rechtsdrehend verzichtet 😉

 

Die Nachricht | abc.etüden

Er hätte alles erwartet. Alles, aber nicht das. Er zog an seiner Kippe, um seine zitternden Hände zu beschäftigen, starrte noch einmal zum Parkplatz, wohin die blonde Frau verschwunden war, und griff erneut nach seinem Handy.
Es war ein lauer Frühsommerabend, aber er hätte auch im Sturzregen an der Kneipenbaracke lehnen können, aus der die Musik dröhnte, es wäre ihm nicht aufgefallen. Seine Welt war kurzfristig auf das Display geschrumpft, auf dem das Foto eines blauäugigen Babys zu sehen war.

Dein Sohn, Sebastian. Er heißt Jan. Melde dich, wenn du reden willst. Julia.

»Alter, was ist los?«

Das war Niklas, sein bester Freund. Wortlos hielt er ihm das Handy entgegen.

»Nicht dein Ernst.« Stocken. Schweigen. »Julia? Diese hübsche Blonde, mit der du so vor einem Jahr kurz was laufen hattest?«

Er nickte.

»Erzähl.«

»Ich weiß doch auch nichts. Ich war mit den anderen hinten, weil wir was dampfen wollten, als sie reinkam. Also bin ich hin und hab sie gefragt, ob sie mit mir was trinken würde, um bei der Gelegenheit zu erklären, warum ich mich bei ihr nicht mehr gemeldet hatte, und ihr von der ganzen Scheiße zu erzählen, die mir da passiert ist, Umzug und alles. Wir waren ja auch immer nur bei mir gewesen, ich weiß nicht mal genau, wo sie wohnt!
Eigentlich hab ich erwartet, dass sie mich voll fertigmachen würde, aber sie hat nur wissen wollen, warum ich sie nicht angerufen hätte. Da hab ich ihr dann noch schnell die Story mit der neuen Nummer gebeichtet und warum ich eine brauchte. Und sie, sie hat mich ganz komisch angelächelt und höflich gefragt, ob sie jetzt vielleicht meine Nummer haben dürfte. Wir haben die Nummern ausgetauscht, sie hat ›Danke‹ gesagt, sich umgedreht und mich stehen lassen. Und plötzlich krieg ich das Foto.«

»Ich mein, sorry, ich will nichts Falsches sagen, aber Vaterschaftstest und so? Nicht, dass du hinterher für irgendwas der Dumme bist.«

»Die ist nicht der Typ zum Rumvögeln, da ist die viel zu gut für. Glaub nicht, dass die schon mit vielen im Bett war.«

»Ach. Und wie man verhütet, dass wusste sie nicht?«

»Sie hat gesagt, dass sie die Pille nimmt«, verteidigte er sich, wohl wissend, dass er auf verlorenem Posten stand. »Lass mich. Ich muss nachdenken.«

»Seh schon, du hattest sie unterdessen nicht vergessen.«

»Hatte ich nicht.«

»Soll ich dir was mitbringen? Ich geb einen aus.«

Er nickte, in Gedanken immer noch ganz woanders. Ihm war leicht schwindlig zumute, als ob seine Welt durch jene Nachricht abrupt stillgestanden hätte und wieder durchgestartet wäre – und ob links- oder rechtsdrehend war ihm dabei ganz egal. Er war Vater!

Niklas kam zurück und balancierte zwei Schwenker mit einer dunklen Flüssigkeit, von denen er ihm einen in die Hand drückte.

»Trink, Alter, auf den Schock«, sagte er. »Da gibt es doch diesen Uralt-Spruch: Wenn einem so viel Gutes widerfährt …« Er prostete ihm zu. »Ist es das?«

»Gut? Weiß nicht.« Er kippte den Weinbrand auf ex und hustete. »Doch«, keuchte er. »Glaub schon.«

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2021: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies over Paradise). Die möglichen Wörter lauten: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren. Ich habe nur das Korsett nicht untergebracht.

Seit meiner letzten Kattitüde gehen mir die Protagonisten nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich entsprang der Vater des Zwergs, der letzten Endes dafür verantwortlich ist, dass Leo ausgerückt ist, meinem Kopf und wollte erklären, dass er sehr wohl einen Grund hatte, spurlos zu verschwinden, und kein kompletter Vollpfosten ist. Nun ja. Bitte schön.

 

Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden

Angeblich schlittern wir in der kommenden Woche ja endlich in den Frühsommer, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, weitaus sicherer ist jedoch, dass ich euch vorher zu den zweiten Extraetüden dieses Jahres aufrufen möchte. Heute ist nämlich der fünfte Sonntag im Monat Mai, und das bedeutet Extraetüden, bis es am nächsten (ersten) Sonntag des Monats Juni mit den regulären Wörtern weitergeht.

Gestern entschwebten hier jedenfalls schon so einigen Gärten dicke Grillrauchschwaden, alternativ brummten die Rasenmäher und die Radios dudelten, und diverse Menschen verschönerten (oder so) ihre Gärten, seien sie klein oder groß: Es gibt immer etwas zu tun, dem Glücklichen schlägt keine Stunde! Der Fellträger brachte eine höchst lebendige Maus mit durch die offene Außentür und wunderte sich, dass weder die Maus noch ich geduldig abwarten wollten, während er sein Futterschüsselchen inspizierte. Menschen (und Mäuse) sind da manchmal komisch. (Ja, die Maus hat überlebt, ich habe sie höchstpersönlich rausgetragen. Fragt nicht.)

Fertig für die Statistik? Ich habe 68 Etüden von 32 Blogs gezählt – ihr Lieben, es scheint gerade wieder mal öfter Probleme mit nicht durchkommenden Pings zu geben, mögt ihr bitte, wenn ihr Etüden einreicht, ein Auge drauf werfen, dass die Links/Pings zu euren Etüden auch tatsächlich in den Kommentaren der Schreibeinladung auftauchen? Danke.
Wenn irgendwas schiefgegangen ist, sagt Bescheid, ich trage nach! 😀

Ferner hat zum ersten Mal Barbara (kulturbowle.com) eine Etüde beigesteuert, was bedeutet, dass ich sie (erneut) im erlauchten Kreis der Etüdenverrückten begrüßen kann: Wie schön, dass du dich getraut hast, bitte gerne mehr von dir, und ja, auch gerne weiterhin in den Kommentaren, gar kein Thema.

Die Liste führt mit weitem Abstand diesmal Kain Schreiber an: 10 Etüden, davon gehören 9 zu einer Fortsetzungsgeschichte, die zwar nicht heiter, aber dennoch richtig gut ist: Lesen! Auf den Plätzen folgen die üblichen Verdächtigen: Gerhard mit 7 und Christian mit 6 Etüden, daraufhin kommen Jane und Ellen mit jeweils 4 Etüden.

Vielen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert/gelikt hat.

Kaffee und Keks parat? Hier kommt die Liste.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Barbara von der Kulturbowle in meinen Kommentaren: hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier, hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier, hier, hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier, hier und hier
Lene auf HerzPoeten: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Ellen auf nellindreams: hier, hier, hier und hier
Doro auf DORO|ART: hier
Resi Stenz auf Gschichtldruckerei Resi Stenz: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Donka auf onlybatscanhang: hier
Sofie auf Sofies viele Welten: hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier
Torsten auf Wortman: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier

Nachzügler:
Veronika auf vro jongliert: hier

Ihr wisst/erinnert euch, wie das mit den Extraetüden geht?! Ihr nehmt die Begriffe des abgelaufenen Monats, das sind sechs, sucht euch davon fünf aus und verpackt die in einen Text von maximal 500 Wörtern. Zeit: eine Woche!
Den Rest kennt ihr.

Die Wörter im Monat Mai spendeten Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies Over Paradise) Sie lauteten:

Korsett, rechtsdrehend, dampfen
Baracke, lau, widerfahren.

 

Dieses Mal gilt die Abwandlung des öden, blöden Etüden-Disclaimers: Die Headline für die Etüden heißt: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern.
Inhaltshinweise und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist diese hier), der kommt nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es schon am nächsten Sonntag, den 6. Juni 2021. Euch viel Schreiblust! Habt weiterhin ein schönes Wochenende und bleibt heiter!

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Sommerquartier | abc.etüden

Fortsetzung von On the Road Again?

 

Sie roch muffig, die bunte, abgewrackte Baracke, die er nach längerem Herumziehen durch die Schrebergartenkolonien entdeckt hatte, und er träumte immer noch vom Abenteuer. Aber sie war okay, hier würde er bleiben. Die Tage verbrachte er oft dösend auf dem Dach und beobachtete die Spaziergänger, die selten herübersahen. Bis der alte Mann plötzlich kam und blieb und am Abend Futter auf dem Boden stand.

Er näherte sich der Untertasse. Es roch gut. War das eine Falle? Er probierte vorsichtig. Essbar, aber nichts, was er liebte. Eigentlich. Er fraß weiter, und dann war der Teller leer.

Jemand lachte. »Na, Katze?«, fragte eine tiefe Stimme. »Hat es geschmeckt? Noch mehr?«

Er erschrak und sprang zurück, bereit, das Fell aufzustellen und zu fauchen.

»Lauf nicht weg. Ich will dir doch nichts Böses.«

Eine Hand wurde hingehalten. Geduldig. Irgendwann berührte ein Katzenkopf sie. Das war der Anfang.

***

Es geschah vier Wochen später, dass eine Kinderwagenschieberin stehen blieb, nach ihm rief und er hinsauste, ohne nachzudenken. SIE. Natürlich hatte er sie nicht vergessen. Er ignorierte die niedrige Karre, aus der es misstönend plärrte. Sie nahm ihn auf den Arm wie früher, er schnurrte und fand es herrlich.

»Ist das Ihrer?«, fragte der alte Mann, der hinterhergekommen war. »Ich hab mich die ganze Zeit schon gefragt, was dem wohl widerfahren sein mag.«

»Das Kind ist passiert«, antwortete sie und seufzte. »Ich war völlig konfus, und irgendwann ist er einfach abgehauen.«

Er musterte sie und dachte sich sein Teil. »Ich werde vermutlich hier sein, bis der Frost kommt und die lauen Nächte endgültig vorbei sind. Ich möchte ihn ungern unversorgt zurücklassen, er ist so ein feiner Kerl. Wollen wir uns vorher noch mal darüber unterhalten, wer sich um ihn kümmert?«

»Bis dahin bin ich definitiv sortierter.« Sie nickte. »Er heißt übrigens Leo. Ich melde mich. Danke.«

 

abc.etüden 2021 20+21 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Ilse Orsel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 20/21.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Bernd mit seinem Blog »Red Skies over Paradise«. Die Wörter lauten: Baracke, lau, widerfahren.

 

Schreck in der Abendstunde | abc.etüden

[Es klingelt. Sie reißt die Wohnungstür auf.]

Wo warst du? Ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen! Ich habe schon geglaubt, ich müsste die ganze Stadt nach dir absuchen. Und das, wo in deiner Gegend alles abgesperrt ist!

Nun lass mich doch erst mal rein! Außerdem hast du eine Weinfahne, es ist bestimmt besser, dass du nicht mehr gefahren bist.

Na und? Ich weiß genau, wie viel ich vertrage. Trotzdem hättest du dich melden können! Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht!

Was glaubst du denn, wo ich war? Ist ja nicht gerade ein lauer Frühlingsabend, an dem man zu Fuß in den übernächsten Stadtteil spazieren möchte, oder?

Und warum bist du nicht geblieben? Die Nachbarn hätten sich doch bestimmt um dich gekümmert!

Du glaubst doch nicht ernsthaft, ich würde mich mit den Roths oder den Schneiders in eine überfüllte Baracke setzen und warten, bis es geknallt hat? Um diese Uhrzeit? Bestimmt nicht. Außerdem hast du für alle Fälle eine gemütliche Couch, und warm ist es bei dir auch.

Dir hätte sonst was passieren können, wenn du so allein im Dunkeln durch die Stadt rennst. Ich habe wie bescheuert versucht, dich anzurufen, aber du bist ja mal wieder nicht rangegangen. Wo hast du eigentlich dein Handy?

Weiß ich nicht.

Typisch. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich darum kümmern musst, dass du dann auch erreichbar bist, wenn du jemanden brauchst. Oder ich dich.

Jaja.

Lass mich raten: Der Akku ist leer?

Kind, mir ist schon Schlimmeres widerfahren als so eine Evakuierung wegen einer läppischen Bombenentschärfung. Kann ich nun reinkommen oder nicht?
Ehe ich es vergesse: Ich muss sowieso noch mal raus, das Taxi bezahlen, der Fahrer wartet auf mich. Ich wusste ja nicht, ob du da sein würdest.

MUTTER!

 

abc.etüden 2021 20+21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 20/21.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Bernd mit seinem Blog »Red Skies over Paradise«. Die Wörter lauten: Baracke, lau, widerfahren.

Nein, nicht autobiografisch, nichts davon. Aber natürlich wird hier in Hamburg bestimmt jede Woche einmal irgendwo eine Bombe entschärft und dafür die umliegende Gegend geräumt …

 

Schreibeinladung für die Textwochen 20.21.21 | Wortspende von Red Skies Over Paradise

Ich glaube, ihr steht alle heimlich auf Korsetts, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, denn die Kälte bzw. das doch eher relative schlechte Wetter oder ein gewisses Virus, das euch zu Höchstleistungen beflügelt, kann es doch eigentlich nicht gewesen sein, oder? Ich bin hartnäckig geneigt zu glauben, dass eure Kinder, Gärten, Wohnungen etc. in allerbester Ordnung sind und ihr auch sonst nichts versäumt, trotzdem hält der Zustrom an Etüden in ungewöhnlicher Höhe (für die Jahreszeit) an. Herzlichen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben, sowie an die edle Wortspenderin! 😀

Wenn ich mich wie immer zuerst der Statistik widme, darf ich den Eingang von 79 Etüden von 37 Blogs verkünden, wie bereits erwähnt, ist alles über 70 sehr viel. Letztes Jahr um die Zeit hatten wir zwar unwesentlich weniger Mitschreibende, aber ca. 20 Etüden weniger. Das ist ein überaus signifikanter Unterschied!
Noch dazu freue ich mich, gleich zwei Neue in der Runde zu begrüßen: Lene von den HerzPoeten und Tom auf Flaschenpost: Nochmals herzlich willkommen in der Runde! 🙂

Die Liste führt dieses Mal Gerhard mit 8 Etüden an, gefolgt von Christian mit 6 Etüden und Puzzleblume mit 5 Etüden. Danke euch sehr!

Auch dieses Mal bitte ich euch, die Liste zu kontrollieren, ob jede eurer Etüden dort verzeichnet ist oder ob euch sonst was komisch vorkommt. Ich trage gerne nach, wenn irgendwas nicht stimmt, ihr wisst, es ist keine böse Absicht, und manchmal geht auch was mit den Pings/Verlinkungen schief …
Kaffee und Keks(e) zur Hand? Hier kommt die Liste.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Christa Hartwig (mit einer richtigen Etüde) in meinen Kommentaren: hier
Puzzleblume auf Puzzle❀: hier, hier, hier, hier und hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
TravelLiteratureandArt auf TravelLiteratureandArt: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Resi Stenz auf Gschichtldruckerei Resi Stenz: hier, hier, hier und hier
Fraggle auf Modern Wolfare: hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier, hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier, hier und hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier, hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Lea auf Kommunikatz: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Tom auf Flaschenpost: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier und hier
Ellen auf nellindreams: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier, hier und hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier, hier und hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier und hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier und hier
Donka auf onlybatscanhang: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Lene auf HerzPoeten: hier und hier
Torsten auf Wortman: hier
Doro auf DORO|ART: hier
Trina auf Trinas Welt: hier
Stepnwolf auf Weltall. Erde. Mensch … und Ich.: hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier

Nachzügler, bitte unbedingt beachten:
Natalie im Fundevogelnest: hier

Die Wörter für die Textwochen 20/21 des Schreibjahres 2021 stiftete Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Sie lauten:

Baracke
lau
widerfahren.

 

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 6. Juni 2021, aber zuvor könnt ihr euch schon auf eine Runde Extraetüden freuen, die starten am 30. Mai 2021.
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und genießt im Wonnemonat Mai, was es zu genießen gibt – Feiertage, Außengastronomie … ihr werdet schon was finden.

 

abc.etüden 2021 20+21 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Ilse Orsel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2021 20+21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

21 – Nobby | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Nobby (Bernd, Red Skies over Paradise)

 

Die längste Nacht des Jahres bricht an – Wintersonnenwende.

Er hat sich auf seinen einigermaßen trockenen Schlafplatz auf dem Hauptfriedhof zurückgezogen; seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen sitzt er auf einem alten, zerfledderten Bärenfell, das er nach einem Flohmarkt im Müll gefunden hatte.

Er nennt den Friedhof liebevoll ›seine Steinwüste‹, weil die meisten Gräber auf seinem Weg anstatt mit Graberde nur noch mit diesen hässlichen, aber pflegeleichten Steinplatten bedeckt sind.

Man sieht ihm seine Armut an, seine Kleidung ist verschmutzt, teilweise eingerissen, zwischen Sohle und Schuh klafft ein Spalt, seine Haare sind fettig, sein Bart ist ungepflegt, Haare wachsen aus seinen Ohren.

Ein Herbststurm kündigt sich an, es regnete schon den ganzen Tag, die Temperatur soll kommende Nacht unter null Grad fallen, es wird morgen früh sicherlich Glatteis geben und Verkehrschaos.

Aus der Ferne, hinter der Mauer, dringt Hundegebell an sein Ohr, eine agile Jungratte huscht raschelnd durchs Laub unter den Schuppen.

Er hat Hunger und wickelt aus einer alten BILD-Zeitung einen viertel Laib Brot aus; er liest die Schlagzeile »Herbstdepression!« und denkt: »Dass ich nicht lache – Herbstdepression –, meine ist ganzjährig.«

Die ersten Schneeflocken wehen und er holt aus seiner Manteltasche eine Tüte Studentenfutter, die er heute Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt gefunden hat; die Nüsse sortiert er aus, »scheiß Nussallergie«, wirft sie in Richtung der Stelle, an der die Ratte verschwand.

Er holt den Campingkocher aus seiner blauen IKEA-Tasche, zündet nur mühsam die Flamme, gießt Mineralwasser in die alte Teekanne aus roter Keramik, kocht das Wasser langsam auf und lässt einen Teebeutel »Weihnachtszauber« darin ziehen.

Er legt sich hin, deckt sich mit allerlei Pappen zu, es wird ungemütlich sein bei diesem Sturm, sein Kopf liegt auf einem Riesen-Teddybären, den er vor Jahren einmal auf dem Rummel geschossen hatte; schmunzelnd schläft er ein, als er denkt ›Friedhof der Kuscheltiere‹.

 

Adventüden 2019 21 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Dunkle Zeiten – der Mann | abc.etüden

Nach der Diagnose war es ums nackte Überleben gegangen. Peter hatte die toxische Krankheit besiegt, mit dieser wunderbaren Frau an seiner Seite, die Tag und Nacht an seinem Bett gesessen und ungezählte Ängste ausgestanden hatte. Es hatte lange gedauert. Jetzt lebte er sich in den Vorruhestand ein.

Sie brach auf zu Mimis Geburtstagsparty, und er neckte sie wegen ihres farbenfrohen „Hasch mich, ich bin der Frühling“-Fähnchens im November. Wollte er mit? Bloß nicht. Er fühlte sich nicht besonders, und auf Mimis Mann konnte er verzichten. Martin war und blieb ein Vollhonk. Über seine ehelichen Qualitäten würde er sich kein Urteil erlauben, wohl aber über die fachliche Eignung seines ehemaligen Dozenten-Kollegen. Er hatte dessen Tiraden zur intellektuellen Unbehaustheit des modernen Mannes nicht vermisst.
Seine Marker waren konstant niedrig, aber sie machte sich immer noch Sorgen um ihn, obwohl sie es nie zugab. Er wollte sie nicht beunruhigen. Trotzdem würde er seine Aversion gegen Martin und seinen schlechten Whisky nicht überwinden. Sollte sie ruhig den Abend mit den Freunden ohne ihn genießen, ihn erwartete das neueste Segelflieger-Magazin.
Er beobachtete sie, wie sie leichtfüßig zum Auto schritt, sich umdrehte, ihn bemerkte und wieder zurückkam.

„Komm schon, du schwermütiger Grantler. Lesen kannst du auch morgen. Wenn Mimis Mann dich volllabert, dann rette ich dich. Wäre doch gelacht, wenn du keinen findest, mit dem du dich sonst unterhalten kannst.“

Er schwieg.

„Ist was?“, fragte sie.

Keine Frau glaubt einem, wenn man „Nein, Schatz, alles gut“ sagt. Also entschied er sich für die Wahrheit.

„Ich fühl mich nicht.“

„Soll ich hierbleiben? Willst du den Arzt anrufen?“

Verdammt, er hatte es doch gewusst.

„Ich glaube, ich bekomme die Grippe.“

Sie lächelte schief.

„Echt jetzt? Männergrippe oder was Ernstes?“

„Geh du nur und lass mich hier einsam sterben.“

„Hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“

Dann war sie weg.

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 47/48.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Bernd und seinem Blog Red Skies over Paradise und lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen.

So sehr wie mich der Entwurf von Herrn autopict in den Kommentaren zu meiner letzten Etüde (hier lesen) inspiriert hat, so wenig habe ich in 300 Wörtern alles unterbekommen können. Vor allem nicht, als mir einfiel, dass und warum sie sich auch so verhalten könnte, wie sie es tut. Findet ihr das logisch so?

 

Dunkle Zeiten – die Frau | abc.etüden

Er sah von seinem Magazin auf und betrachtete die farbenfrohe Erscheinung vor ihm mit einer Mischung aus Bewunderung und Besorgnis.

„Muss ich mir Gedanken machen, ob du heute Nacht nach Hause kommst, Schatz?“
„Warum?“
„Na ja, ein bisschen ‚Hasch mich, ich bin der Frühling‘, dein Outfit, nicht? Du siehst schon aus, als ob du noch was vorhättest.“
„Ist doch Mimis Geburtstag. Ich hatte mein intellektuelles Schwarz plötzlich so satt.“
„Wenn du das sagst.“
„Du weißt, du kannst gern mitkommen. Mimis Mann freut sich bestimmt!“
„Ganz sicher, dann hätte er jemanden, den er mit Whisky abfüllen und mit seinen philosophischen Thesen zu Unbehaustheit und innerer Leere langweilen kann!“

Sie lächelte. So unrecht hatte er nicht.

„Du könntest widersprechen.“
„Darauf wartet der doch bloß. Auf ein Opfer!“
„Es ist sein Job, wofür ist er Dozent.“
„Schon richtig, aber ich gebe nicht seine Bühne.“
„Schade.“

Ein Kuss, dann verließ sie das Haus. Heute Abend würden sie Mimis 59. Geburtstag feiern. Schon klar, es war spät im Jahr und gefühlt nie richtig hell, aber manchmal verhielt sich ihr Lieblingsmann, als sei er schon jenseits der 80. Bisschen Frühling in seinem Kopf würde auch ihm guttun. Vitamin-D-Pillen. Sonne. Urlaub im Süden.
Sie stockte und drehte sich um. Er stand hinter der Gardine am Fenster und sah ihr nach. Sie winkte, dann ging sie zurück zu ihm.

„Komm schon, du schwermütiger Grantler. Lesen kannst du auch morgen. Wenn Mimis Mann dich volllabert, dann rette ich dich. Wäre doch gelacht, wenn du keinen findest, mit dem du dich sonst unterhalten kannst. Ohne dich macht es nur halb so viel Spaß.“

Schön, der letzte Satz war nicht mehr ganz wahr. Wahr war allerdings, dass sie nicht nachlassen würde, in ihn zu investieren. Bis dass der Tod … und so.

Sie schüttelte den Kopf über ihre Gedanken.
Verdammter November.

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 47/48.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Bernd und seinem Blog Red Skies over Paradise und lauten: Unbehaustheit, schwermütig, haschen.

Ich hatte keine Lust auf Katastrophen und Abgründe. Manchmal ist der Alltag schon genug, auch wenn scheinbar gar nichts ist.

Update: Hier gibt es die Geschichte aus seiner Sicht, inzwischen etwas ausgereifter.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.19 | Wortspende von Red Skies over Paradise

Der November hat mich fest im Griff, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, euch auch? Nun empfinde ich es nicht unbedingt als Bedrohung, wenn es mal ein paar Tage hintereinander freundlich vor sich hin regnet, und auch der Fellträger kommt damit bestens zurecht, wenn er nicht gerade hungrig ist oder friert, aber beides ist noch nicht zu seiner Unzufriedenheit eingetreten. Daher mag ich es ausgesprochen, wenn die Etüden uns die Möglichkeit bescheren, neben all dem Nonsens (er lebe hoch!) auch mal in die Tiefe zu gehen.

Mit dieser Wortspende endet das diesjährige Etüdenjahr, denn ab Sonntag, dem 1. Dezember, läuft hier ein Adventskalender. Credits für die Idee gehen an nach wie vor an dergl, ich war am Anfang gar nicht so überzeugt, dass es klappen würde. Ihr werdet euch vielleicht erinnern, dass ich den Aufruf dafür im Etüdensommerpausenintermezzo hatte (im Hochsommer!): Ja, es hat funktioniert!
Ihr, die ihr mitgeschrieben habt, habt in den letzten Tagen eine Mail mit dem entsprechenden Datum bekommen (mit der Bitte, euch dazu kurz rückzumelden, ich möchte gern das noch fehlende Drittel auffordern, das ebenfalls zu tun). Natürlich gibt es aber noch einen Abschlussbeitrag zu der letzten Etüdenrunde, bevor die Etüden in den Vor-Weihnachts-Countdown wechseln.

Schreiten wir also wie üblich zur Statistik. Eingereicht wurden 50 Etüden von 28 Blogs (Stand ohne Nachzügler). Die Liste führen die Fledermaus, die Puzzleblume und Katharina mit jeweils vier Etüden an. Monika von „Allerlei Gedanken“ hat ihre erste Etüde beigesteuert: Hallo Monika, nochmals herzlich willkommen bei den Etüden! Nach langer Abstinenz auch mal wieder mitgeschrieben haben die Findesatz-Marion ;-),  Sven und „das andere Mädchen“ worüber ich mich ebenfalls sehr gefreut habe.

Wie immer: Checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – ihr kennt das ja.

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Die Fledermaus auf onlybatscanhang: hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier, hier, hier und hier
Die Findevogelfrau aus dem Findevogelblog: hier
fraggle auf reisswolfblog: hier und hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier, hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Resi Stenz in meinen Kommentaren: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Martina auf Und sonst so?: hier und hier
Marion auf Findesatz: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier und hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier
Sven auf Svens kleiner Blog: hier
Das andere Mädchen auf Das andere Mädchen: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Nachzügler: Veronika auf vro jongliert: hier

Vielen Dank an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2019 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die neuen Begriffe lauten:

Unbehaustheit
schwermütig
haschen.

 

Und jede*r, der jetzt „oha!“ denkt, hat meinen vollen Beifall.

Natürlich darf der öde, blöde Etüden-Disclaimer nicht fehlen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Inhaltshinweise und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 5. Januar 2020, denn der Dezember gehört den Adventüden (siehe oben; eine Wortschöpfung von René). Und ja, das bedeutet, dass es im Dezember auch keine Extraetüden geben wird.
Habt noch ein schönes Wochenende!

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Tödliches Schweigen | abc.etüden

Mit dem Begreifen, was das bedeutete, was er fühlte, kam die Scham. So war man nicht. Krank. Pervers. Er gab sich selbst das Versprechen, ES nie auszuleben. Nie. Er hatte schließlich hohe Ansprüche an sich, auch moralische. Und wenn auch alles um ihn herum verderbt war, er würde standhalten.
An manchen Tagen rettete ihn nur Komasaufen. Er sprach niemals darüber, mit wem denn? Zum Glück gab es das Internet, aber war das wirklich Glück? Nein, musste er sich eingestehen. Das war wie Pizza-Werbung für Leute auf Diät.

Dann hatte er den Ruf verspürt. Sein Leben änderte sich. Lange Jahre war er mehr als froh, alle Energien in diese Richtung konzentrieren zu können. Er dankte Gott täglich inbrünstig, dass er ihm half, seine übermenschliche Last zu tragen.
Alle Freunde waren der Meinung, er hätte sein Schäfchen im Trockenen: Das Kirchenamt sei eine fette Pfründe, und solange man nicht versuchte, sich eine mondäne Hütte hinzustellen wie jener Scheinheilige, habe man ein gutes Auskommen, oder nicht? Allerdings gab es da einen Schönheitsfehler … obwohl von angenehmem Äußeren, blieb er ledig. Nun ja, leben und leben lassen war die einhellige Meinung in seiner Gemeinde, schließlich mochte man ihn.

Irgendwann geschah das, wovor er sich immer gefürchtet hatte: Ein bestimmtes Menschenkind trat in sein Leben. Die Versuchung war so massiv, dass ein einziger Blick reichte, ihn in Flammen zu setzen und tagelang zu verstören. Als er spürte, dass sein ehernes NEIN zu wanken begann, war das der Moment, wo er ernsthaft anfing, über Selbstmord nachzudenken.

Die Rettung nahte in Form eines Freundes, der eines alkoholreichen Abends wortlos einen Flyer des Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“ auf seinem Wohnzimmertisch hinterließ. Der Flyer sprach von Verantwortung, von Therapie, von Schweigepflicht und nannte eine Telefonnummer.
Am nächsten Tag schon nahm er allen verbliebenen Mut zusammen und rief an.

 

2018 43+44 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung von mir

 

Von allen Tabus in unserer nur scheinbar tabulosen Zeit ist das, eine Sexualität zu haben, die sich auf Kinder richtet, mit Sicherheit eines der schlimmsten, da es sofort Hass und Aggression auslöst. Ich bin selbst nicht frei davon.
Ich bin allerdings auch ein Verfechter der Ansicht, dass man sich nicht bewusst dafür entscheidet, wen man begehrt. Verantwortung setzt für mich in dem Moment ein, wo man beschließt, diese Veranlagung auszuleben – oder eben nicht, wie in meiner Etüde.

Die Etüde spielt mit dem gängigen Vorurteil, dass viele Priester/Pfarrer mit ihrem Kirchenamt nur pädophile Neigungen verdecken, um sie darunter ungestört auszuleben. Klar, die gibt es. Wir wissen aber auch, dass es überall egoistische, machtbesessene Vollpfosten beiderlei Geschlechts gibt, deren emotionaler Horizont bei ihrem eigenen Unterleib aufhört und denen alle anderen ziemlich egal sind. Diese Leute müssen aufgespürt und gestoppt werden, für unser aller Wohlergehen als Gesellschaft, und man muss sich nicht nur ausreichend(!) um die Opfer kümmern, sondern auch (überall) um die Strukturen, die den Missbrauch vereinfachen und verharmlosen – und darum, mögliche Täter gar nicht erst zu Tätern werden zu lassen.

Wen man nämlich meist nicht sieht, sind die, die verzweifelt darum ringen, kein Täter zu werden, weil sie wissen/fühlen, was Missbrauch bedeutet, und das keinem antun wollen, schon gar nicht einem Kind. Ein quälendes Leben, das häufig in absolutem Schweigen stattfindet. An diese Menschen (und an „Aussteiger“) wendet sich das erwähnte Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ (Link zur Homepage).

 

Für die abc.etüden, Woche 43/44.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Bernd und lauten: Pfründe, mondän, lassen.

Diese Etüde zu diesen Worten musste jetzt noch raus, sonst wäre ich geplatzt. Sorry, ich bin heute und morgen wenig online, nehmt es mir bitte nicht übel, wenn meine Kommentare auf sich warten lassen.

 

 

 

Heulen gilt nicht | abc.etüden

Jetzt liefen doch Tränen. Evi starrte auf den Karton hinab, der ihr Erbe enthielt. Es waren zwei Ringbücher mit handgeschriebenen Rezepten, sie wusste es genau, Aktenordner mit Zeitungsausschnitten und diverse Backformen.

Als Kind war sie quasi bei Oma Gerlinde in der Küche groß geworden. Mama arbeitete abends oft lang, vor allem, seit Papa weg war und sie in das Haus zu Oma und Opa Friedrich gezogen waren.

„Du wirst ja wohl auf das Kind aufpassen können, wenn ich Dienst habe!“ Nicht die allerbesten Voraussetzungen für Enkelin und Oma, die sich jedoch bald stillschweigend darüber einig wurden, wie man das erzwungene Beisammensein erfreulich gestalten konnte. Als Oma Gerlinde sich auf dem Dorf gelangweilt hatte, war sie nämlich nicht davongerannt, sondern hatte ein Talent genutzt, um unter Leute zu kommen: Backen. Sehr schnell lud man sie zu Dorffesten oder im Freundes- und Verwandtenkreis nur noch mit ihrem aktuellen Lieblingskuchen ein. Fortan wirbelte Oma Gerlinde durch die Küche und erschuf am Band phantasievolle, wohlschmeckende Kalorienbomben. Und wenn sie das nicht tat, durchforstete sie die Zeitschriften nach interessanten Rezepten. Es dauerte nur kurz, bis Evi es ihr nachtun wollte, und etwas länger, bis sie nicht mehr davon lassen konnte.

Okay, sie hatte später andere Wege eingeschlagen. Ob „Das große Backen“, „Tortenschlacht“, „Deutschland sucht den Superkuchen“ oder wie auch immer, mit dem Wissen, dass ihre Oma ihr die Daumen drückte, hatte sie sich in die richtig mondänen, aufgemotzten Shows getraut. Alles war ein großer Spaß gewesen. Bis der Anruf gekommen war.

Der Karton wurde schwer in ihren Armen. Waren dies Fußstapfen, in die es zu treten galt, eine Pfründe, die zu sichern war? Auf jeden Fall war dies ihre Vergangenheit, ein Schatz. Erinnerungen. Liebe.

Sie wischte sich entschieden die Tränen ab. Heulen galt nicht. Der Tag verlangte nach Apfeltorte mit Tiramisu. Weinen konnte sie später.

 

2018 43+44 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung: ich

 

Für die abc.etüden, Woche 43/44.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Bernd und lauten: Pfründe, mondän, lassen.