Adventüden 2020 05-12 | 365tageasatzaday

05.12. – Weihnachten für die Tonne | Adventüden

 

Sie warf die Lichterketten hinein und die Christbaumkugeln, ein Nikolausgeschenk, gleich hinterher. »Tschüss, ihr Semmelknödel«, sagte sie. Der Deckel der Mülltonne knallte zu.

»Weihnachten fällt aus!«
Sie schaute durch den Innenhof, die zwei Birken entlang, über die Balkone mit den nackten Stühlen und den Aschenbechern hin zu den Balkonen mit bunten Windspielen. Bald würde hier ein weihnachtliches Lichtermeer funkeln, doch nicht bei ihr. Sie suchte ihren Lieblings-Wichtel, Seitenhaus zweiter Stock, mit der übergroßen Brille und dem frechen Grinsen im grünen Gesicht. An seinem linken Zeh hing noch ein Etikett, wie bei den Leichen in den Krimis.

Ihr Blick ging nach ganz oben zu dem kleinen Austritt. Er wirkte wie einem Märchenbuch entstiegen. Als würde dort eine Prinzessin einsam dem Minnesang lauschen und auf die Prinzenrettung warten. Ihre Gedanken waren eindeutig zu adventlich. Ihr Freund hatte sie vor drei Monaten verlassen, ihr Vater wollte mit seiner Freundin feiern und ihre Mutter wollte nach Mallorca. Zugvögel soll man nicht aufhalten.

Die glitzernden Weihnachtsfeiertage versanken gedanklich in einem Meer aus Nebelschwaden.

Sie hatte beschlossen, den Lebkuchen gegen Eiscreme mit Käsekuchen-Geschmack einzutauschen und den Weihnachtsmann auf eine Schlittenfahrt zur Hölle zu schicken. »Sleigh ride to hell«, kicherte sie. In diesem Jahr würde es den Gin pur geben und keinen verdammten Wunschpunsch.

Als sie hineingehen wollte, vernahm sie ein Miauen. Sie lauschte der Nachmittags-Kakofonie des Innenhofs, bestehend aus verschiedenen Radio- und Fernsehsendungen, vereinzelten Rufen und dem Rattern einer Waschmaschine. Dann maunzte es erneut. Sie drehte sich um und sah ein dreifarbiges Kätzchen.

»Wer bist du denn?«

Sie nahm das Kätzchen auf den Arm. Unter ihren sanften Streicheleinheiten begann es wohlig zu schnurren. Sie freute sich bereits darauf, in ihre Kuscheldecke eingewickelt zu beobachten, wie es mit den Christbaumkugeln spielen würde. Sie erstarrte.
Christbaumkugeln!

Autor*in: Christian     Blog: Wortverdreher

 

Adventüden 2020 05-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, habe ich darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

11 – Schicksale eines Pudels | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Schicksale eines Pudels (Gerda, Gerda Kazakou)

 

Der Pudel Maximilian zog sich die Mütze über den kahlgeschorenen Schädel. Wütendes Hundegebell schlug ihm entgegen, wohin er sich auch wendete. Er fürchtete sich. Und er fror. Puh, diese Kälte! Sein armer nackter Leib zitterte, sein Schwanz baumelte, eine kahle Strippe, traurig hin und her. Was gäbe er jetzt um das Bärenfell, auf dem er bequem zu Füßen seines Großmeisters zu ruhen pflegte. Aber ach. Sein Großmeister wurde abgeholt und er selbst kahlgeschoren und in die üble kalte Welt gejagt. Nur die schäbige Pudelmütze wurde ihm, wie zum Spott, aufs Haupt gestülpt.

Das Geschrei der Männer, die seinen Herrn hinausschleiften, hallte noch in seinen empfindlichen Ohren nach. Zauberer hatten sie ihn geschimpft, Teufel gar.
»Mein geliebter Herr Mefi Stophel ein Teufel? Und ich sein Helfershelfer?«
Ach, diese grausamen Hände, diese brutale Schur! Maximilian schniefte. Vorsichtig tappte er über die Pfützen, die überfroren und spiegelglatt waren. Im Glatteis spiegelten sich bunte Lichter, denn Weihnachten nahte. Aber was nutzte ihm das Lichterspiel? Ach, wäre er, was sie sagten! Wüsste er einen Weihnachtszauber! Ein warmes Stübchen würde er sich herbeizaubern, vollgestopft bis oben mit Leckerbissen und Kuscheltieren!

Kaum gedacht, sah er eine junge bezopfte Frau mit einem schon ältlichen Mann, die ein Kind auf einem Schlitten hinter sich herzogen.
»Gretchen, schau, ein Pudel!« sagte der Mann, und die Frau nickte und wunderte sich. Seit wann interessierte sich ihr Mann Heinrich für Hunde?
Auch das Kind hatte den Pudel entdeckt und streckte begeistert seine Händchen aus: »Komm, Hundi, komm zu mir unter die Decke, da ist es schön kuschelig!«
Und eh die Eltern noch einen Einwand vorbringen konnten, sprang der gelehrige Pudel auf den Schlitten und kuschelte sich zitternd an das Kind. Eine Freundschaft fürs Leben war geboren. Niemand als der Tod würde sie wieder trennen können – das Kind Wolfgang und den Pudel Maximilian.

 

(c) Gerda Kazakou für die Adventüden | 365tageasatzaday© Gerda Kazakou für die Adventüden

 

Adventüden 2019 11 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir