Von Herbstbeginn und September

 

Septembermorgen.

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

(Eduard Mörike, Septembermorgen., aus: Die Gedichte (1838), entstanden 1827, Online-Quelle)

 

HERBST

September sitzt auf einer hohlen Weide,
Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;
Die Sonne sinkt; aus brauner Heide
Steigt Ambraduft.

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle
Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,
Darüber schwebt in seidener Helle
Der Himmelssaal.

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,
Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.
Handörgelein und Baß und Geigen
Summt süß im Raum.

(Ricarda Huch, HERBST, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

 

Septembertag

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.

Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit …

(Christian Morgenstern, Septembertag, aus: Und aber ründet sich ein Kranz, 1902, Online-Quelle)

 

Waldlandschaft, Nebel, Morgenrot | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Heute um 9:50 Uhr (MESZ) ist Herbstanfang. Kommt gut in den Herbst – und in die neue Woche!

 

Vom Sommer und der Nachtigall

 

Am Sachsenplatz: Die Nachtigall

Es sang eine Nacht …
Eine Nachti..
Ja Nachtigall am Sachsenplatz
Heute morgen. – Hast du in Berlin
Das je gehört? – Sie sang, so schien
Es mir, für mich, für Ringelnatz.

Und gab mir doch Verlegenheit,
Weil sie dasselbe Jauchzen sang,
Das allen Dichtern früherer Zeit
Durchs Herz in ihre Verse klang.
In schöne Verse!

Nachtigall,
Besuche bitte ab und zu
Den Sachsenplatz;
Dort wohne ich. – Ich weiß, daß du
Nicht Verse suchst von Ringelnatz.

Und hatten doch die Schwärmer recht,
Die dich besangen gut und schlecht.

(Joachim Ringelnatz, Am Sachsenplatz: Die Nachtigall, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

 

Die Nachtigall

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Kind;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

(Theodor Storm, Die Nachtigall, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

 

Enttäuschung

Das Schönste, was die Liebe bietet,
Das ist der Liebe Poesie.
Wie süß die Nachtigall getütet
Im Haine, das vergißt man nie.

Doch sieht man später dann nach Jahren
Die Nachtigall, so denkt man: Wie?
Die ist’s, wodurch wir selig waren?
Dies ordinäre, graue Vieh??

(A. de Nora (Anton Alfred Noder), Enttäuschung, aus: Ruhloses Herz, 1908, Online-Quelle)

 

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

 

Nachtigall | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Sommerwoche, heiß oder nicht!

Ich bin übrigens keineswegs sicher, dass dies eine Nachtigall ist, kann das jemand bestätigen, der Ahnung hat?

 

Vom Regen und …

 

Regenwetter

Meinen Mantel umgeschlagen
Schweif’ ich einsam durch die Straßen.
Nebelgraues Regenwetter –
Grau der Himmel – grau die Gassen.

Nebelgraues Regenwetter –
Doch an Blumenfenstern lauschen
Lächelnd rosig schöne Mädchen,
Möchten nicht mit mir dort tauschen.

Und sie lächeln, und sie sprechen:
„Jener hat wohl einen Sparren,
Der im Regen dort umherläuft –
Seht den langen blassen Narren!“ –

Ei was kümmert mich der Regen!
Der ist minder mir beschwerlich,
Als das Blitzen eurer Augen –
Dieses wird mir sehr gefährlich.

Denn von eurer Augen Gluthen
Brennt mein Herz, das ohne Schutz ist,
Während gegen Regenfluthen
Mir mein Regenmantel nutz ist.

(Heinrich Seidel, Regenwetter, aus: Blätter im Wind, Online-Quelle)

 

Regen

Der Regen rinnt schon tausend Jahr,
Die Häuser sind voll Wasserspinnen,
Seekrebse nisten mir im Haar
Und Austern auf des Domes Zinnen.

Der Pfaff hier wurde eine Qualle,
Seepferdchen meine Nachbarin.
Der blonde Seestern streckt mir alle
Fünfhundert Fühler zärtlich hin.

Es ist so dunkel, kalt und feucht.
Das Wasser hat uns schon begraben.
Gib deinen warmen Mund – mich deucht,
Nichts bleibt uns als uns lieb zu haben.

(Klabund, Regen, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

 

Himmelsmärchen

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.

(Ricarda Huch, Himmelsmärchen, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)
(Schaut mal, Gerda, Bruni, ihr anderen, ich hab „Herbstfeuer“ (und mehr) von ihr online gefunden: hier.)

 

Sonnenuntergang | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Winter und dem Kummer

 

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus

Ein früher Abend schleicht im Haus herum,
Er löscht die Farbe deiner Wangen aus
Und hängt dir seine Blässe um.

Maibäume stehen im Regen gebückt,
Die Berge dampfend voll Wolken wehen,
Deine Brust ist dumpf wie der Abend bedrückt.

Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus,
Dein Gesicht allein leuchtet weiß hinaus
Und sieht starr wie die Maske des Kummers aus.

(Max Dauthendey, Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 263)

 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind heilbar, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, 1899, in: Das Buch vom mönchischen Leben, aus: Das Stundenbuch, Online-Quelle)

 

Steinlöwe | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, ich weiß, dass es noch nicht Mai ist. Kommt dennoch gut in die neue Woche!

 

Schmerz

 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind heilbar, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Denn wenn etwas uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen. Gott aber will, daß wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.

(Rainer Maria Rilke an die Prinzessin von Schönaich-Carolath, Paris, 7. Mai 1908, aus: Rainer Maria Rilke, Ruth Sieber-Rilke, ‎Briefe aus den Jahren 1907 bis 1914, Leipzig: Insel-Verlag 1933, Seite 33, Quelle)

 

Abend in Skaane

Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus
tret ich aus seiner Dämmerung heraus
in Ebene und Abend. In den Wind,
denselben Wind, den auch die Wolken fühlen
die hellen Flüsse und die Flügelmühlen,
die langsam mahlend stehn am Himmelsrand.
Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand,
das kleinste unter diesen Himmeln. – Schau:

Ist das ein Himmel?:
Selig lichtes Blau,
in das sich immer reinere Wolken drängen,
und drunter alle Weiß in Uebergängen,
und drüber jenes dünne, große Grau
warmwallend wie auf rother Untermalung,
und über allem diese stille Strahlung
sinkender Sonne.

Wunderlicher Bau,
in sich bewegt und von sich selbst gehalten,
Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten
und Hochgebirge vor den ersten Sternen
und plötzlich, da: Ein Thor in solche Fernen
wie sie vielleicht nur Vögel kennen…

(Rainer Maria Rilke, Abend in Skaane, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 57, 1906, Quelle)

 

So oder sonstwie: Kommt gut in die neue Woche!

 

Sonnenuntergang SPO | 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst, aber sowas von