Von Erinnerung

Regen weit und breit

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.

(Max Dauthendey, Regen weit und breit, aus: Gesammelte Werke, Bd. 2 „Aus fernen Ländern“, S. 588/589, Albert Langen, München 1925)

Erinnerung

Einmal vor manchem Jahre
war ich ein Baum am Bergesrand,
und meine Birkenhaare
kämmte der Mond mit weißer Hand.

Hoch überm Abgrund hing ich
windbewegt auf schroffem Stein,
tanzende Wolken fing ich
mir als vergänglich Spielzeug ein.

Fühlte nichts im Gemüte
weder von Wonne noch Leid,
rauschte, verwelkte, blühte;
in meinem Schatten schlief die Zeit.

(Ricarda Huch, Erinnerung, aus: Gedichte, 1894, Online-Quelle)

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen/
Mein sind die Jahre nicht/ die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein/ und nehm’ ich den in acht
So ist der mein/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius, Betrachtung der Zeit, Epigramme. Das erste Buch, 1663, Online-Quelle)



Quelle: Pixabay

Wie jede Woche: Kommt gut und heiter in und durch diese Woche und diese merkwürdige Zeit!

 

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Von Verlust und Liebe

*Triggerwarnung: Verlust, Tod, Trauer*

 

NOVEMBER

Das Licht erlischt.
Die Nacht wird lang, es wachsen die Schatten,
Der Wald wird kahl, leer werden die Matten.
Wir essen Asche, ins tägliche Brot gemischt. –
Das Licht erlischt.

Das Licht ist tot.
Still sind die einst so fröhlichen Gassen,
Wieviel haben uns auf immer verlassen,
Die am Tisch mit uns saßen, mit uns brachen das Brot!
Das Licht ist tot.

Das Herz ist schwer.
Wo sind, die vor uns dahingegangen?
Das Licht am Himmel wird neu erprangen,
Die toten Menschen kommen nie mehr, – nie mehr. –
Das Herz ist schwer.

(Ricarda Huch, NOVEMBER, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Verlust

Dich noch verlieren,
Der ich dich schon verlor in mancher Mitternacht!
Dich noch verlieren,
Der ich dich scheiden sah so oft im frühen Fünf-Uhr-Licht!
Ich liebte dich,
Also starbst du mir stündlich.
Ich bin vertraut mit dem Schreck meines Erschreckens,
Vertraut mit meinem Wanken im Traum.
Noch glänzest du über den Weg dahin,
Ich aber sah dich sinken schon zur Seite.
Noch dämmst du wandelnd den Sommer mit deinem Sommer,
Ich aber saß schon an deiner Stätte.
Noch lachst du über die Treppe,
Ich aber füllte schon die öde Lampe auf.
Noch bist du da, noch schiedest du nicht ab, noch atmest du das liebe Zugeteilte,
Ich aber verlor dich oft in strengen Frühen, ich kenne mein Witwertum.
So überaus ertönst du mir noch,
Ich aber schüttete schon die Schale über dein Gras.

(Franz Werfel, Verlust, in: Gesänge, Erstes Buch, aus: Der Gerichtstag, 1919, Online-Quelle)

[Lied]

Du, der ichs nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?

***

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

***

Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Rainer Maria Rilke, [Lied], aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Paris, Dezember 1909, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 35; Online-Quelle (Malte))



Quelle: Pixabay

Nein, nicht ich, aber es ist November und eine gute Zeit, der Toten zu gedenken, wenn es draußen ruhiger wird. Und ich finde es auch nicht unziemlich, daran zu erinnern, dass wir alle den Weg in die große Stille gehen werden, früher oder später.

Nur das Zurückbleiben ist schwer.

Kommt alle gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Musik und Liebe

[MUSIK bewegt mich]

MUSIK bewegt mich, daß ich dein gedenke,
So will auch Meer und Wolke, Berg und Stern,
Wie anderer Art als du, dir noch so fern,
Daß ich zu dir das Herz voll Andacht lenke.
Kein edles Bild, das nicht mein Auge zwinge
Von dir zu träumen, kein beseelter Reim,
Der nicht zu dir Erinnern führe heim –
Geschwister sind sich alle schönen Dinge.

(Ricarda Huch, Musik bewegt mich, aus: Liebesgedichte, 1907, Online-Quelle)

Nun such ich …

Nun such ich immer den einen Klang
und find ihn doch nimmer mein Lebenlang.

Ich lausche, ob nicht ein Tönen erwacht,
das meine Lieder unsterblich macht –

ob heimlich nicht schon die Schwingen regt
ein Lied, das alle Herzen bewegt,

das fromm und rein in der Seele erblüht
und dennoch Funken und Flammen sprüht –

ein Lied, das den Schmerz zur Ruhe singt
und doch wie ein Schrei der Sehnsucht klingt!

Nun such ich und such ich mein Lebenlang
immer und ewig den einen Klang …

(Leon Vandersee (Helene von Tiedemann), Nun such ich …, in: Adagio consolante, aus: Heimatlied, 1900 (1903?), Online-Quelle)

Das Meer singt

Singe das Leben
Trunken und weit.
Rausche euch allen
Unendlichkeit.

Singe die Liebe
Grausam und groß.
Breit über alles
Mein Namenlos.

Gott tönt aus mir.
Dunkel und Glut.
Alles ist tödlich
Und alles ist gut.

(Francisca Stoecklin, Das Meer singt, aus: Die singende Muschel, 1925. Online-Quelle)


Quelle: Pexels


Ob mit Regen und Sonne oder ohne, kommt gut und warm und heil und sicher durch die erste Herbstwoche!

Und du, falls du das liest – ja, du, liebste Freundin – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zum Geburtstag! 🌻🦋🧡🌻


Von Göttern

Alles geben Götter

Alles geben Götter die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz
Alle Freuden die unendlichen
Alle Schmerzen die unendlichen ganz.

(Johann Wolfgang von Goethe, Alles geben Götter, aus: Briefe. 1777, 3/621. Aus einem Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg, Weimar 17. Juli 1777, Online-Quelle)

HIMMELSMÄRCHEN

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.

(Ricarda Huch, Himmelsmärchen, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt wär es Zeit

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Mißlingens…

(Rainer Maria Rilke, Die Welt steht auf mit euch, Muzot, Mitte Oktober 1925, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 173. Online-Quelle; Gedanken zur Interpretation im Rilke-Forum)


Quelle: Pixabay


Der obligatorische Wunsch: Kommt gut und heil und sanft in und durch die neue Woche!

Die Statue ist übrigens eine der acht auf der Schlossbrücke in Berlin (hier mehr lesen) und stammt von Gustav Blaeser (1853): Athena beschützt den jungen Helden.


Von September und Herbst

Das ist nicht Sommer mehr

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September … Herbst:
diese großen weichen Wolken am Himmel, diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer …
und diese süße weiche Müdigkeit und diese frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft …
das ist nicht Sommer … das ist Herbst!

(Cäsar Flaischlen, Das ist nicht Sommer mehr, in: Lieder und Tagebuchblätter, aus: Von Alltag und Sonne, 1897, Online-Quelle)

SEPTEMBER

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

(Ricarda Huch, September, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

SEPTEMBER

Herbstnebel hüllt die Höhen
und geistert um den Wald.
Vereinsamt starren Föhren.
Die Luft geht regenkalt.

Was sind im Wiesendunkel
für fahle Blumen erwacht?
Der Sommer ist versunken.
Es wird Nacht.

(Richard von Schaukal, September, aus: Herbsthöhe, 1933, Online-Quelle)


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Jede Woche der gleiche Wunsch, jede Woche anders aktuell: Kommt gut und heil in und durch die Woche!


Von Nacht und Nachtigallen

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

(Joseph von Eichendorff, Nachts, in: Wanderlieder, aus: Gedichte (1841), Online-Quelle)

Schöne Junitage

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

(Detlev von Liliencron, Schöne Junitage, aus: Neue Gedichte, 1895, Online-Quelle)

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Die Tauben schlummern im Hause:
Wo aber fliegen die Abendvögel hin?
Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:
Wo aber rinnen die Bäche hin?
Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:
Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?
Lichter stehen in tausend Gemächern:
Wo aber sinken die Sterne hin?
Immer indem wir liegen und schlafen
Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

(Albin Zollinger, Wo aber fliegen die Abendvögel hin?, aus: Gedichte, 1933. Beleg, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche!


Vom Herbstwillkommen

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

SEPTEMBER

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

(Ricarda Huch, September, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

(Rainer Maria Rilke, Jetzt reifen schon die roten Berberitzen, aus: Das Stundenbuch/Das Buch von der Pilgerschaft, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Es ist noch kein Herbst, nein, aber er kommt leise näher, vermutlich habt auch ihr ihn schon gespürt. Rilkes „Berberitzen“ stehen gefühlt immer im Schatten seines „Herbsttag“, deshalb dachte ich, ich ziehe sie mal vor …

Kommt gut in und durch die neue Woche und werdet oder bleibt heiter!

 

Vom Kuckuck und dem Frühling

Kuckuck! Kuckuck!

Kuckuck! Kuckuck!
Ruft’s aus dem Wald.
Lasset uns singen
Tanzen und springen!
Frühling, Frühling
Wird es nun bald

Kuckuck! Kuckuck!
Läßt nicht sein Schrei’n.
Kommt in die Felder,
Wiesen und Wälder!
Frühling, Frühling,
Stelle dich ein!

Kuckuck! Kuckuck!
Trefflicher Held!
Was du gesungen,
Ist dir gelungen:
Winter, Winter
Räumet das Feld!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Kuckuck! Kuckuck!, 1835, Online-Quelle)

Der Kuckuck

Der Wald ist still, der Wald ist stumm,
Es bebt kein Blatt, es nickt kein Zweig,
Ein Vogelruf von ferne schallt,
So voll und rund, so warm und weich.

Das ist der Kuckuck, der da ruft,
So laut, so laut im tiefen Wald,
An meine Schulter drängst du dich,
Und deine Hand sucht bei mir Halt.

Du bist so still, du bist so stumm,
Ich höre deines Herzens Schlag,
Du hältst den Atem an und zählst,
Wie oft der Kuckuck rufen mag.

Ich lächle deiner Kinderangst,
Du meine süße Wonne du,
Es blüht uns noch so mancher Mai,
Der Kuckuck ruft ja immerzu.

(Hermann Löns, Der Kuckuck, aus: Mein goldenes Buch, 1901, Online-Quelle)

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.
Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

(Ricarda Huch, Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

ABSCHIED

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr dem zuzuschauen
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wären’s alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes —, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

(Rainer Maria Rilke, Abschied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

Kuckuck
Quelle: Pixabay

 

Wie jede Woche, und wie jede Woche völlig im Ernst: Kommt gut durch die neue Woche, und möge sie für euch leicht sein.

Eben habe ich mit Werner in den Kommentaren darüber gesprochen: Was für Kuckucksrufbräuche kennt ihr? Kennt ihr das, worauf die Gedichte abheben, dass die Anzahl der Kuckucksrufe die verbleibenden Lebensjahre angibt?

Hier kann man etwas darüber lesen: HIER KLICKEN!

 

Von Gefühlen im Frühling

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898–1903, Online-Quelle)

XXXXVI

Das kannst du nicht zwingen:
daß die Knospen springen,
eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht!
Aber daß: was hinter dir liegt,
dich nicht schreckt mehr und unterkriegt:
was Winter in dir abzustreifen
in aller Stille … und Knospen zu reifen
und dich zum Frühling durchzuringen …
Das kannst du zwingen!

(Cäsar Flaischlen, Das kannst du nicht zwingen, aus: Jost Seyfried, Drittes Buch, „Lieder eines Schwertschmieds“. Online-Quelle)

IV.

Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!
Wer schweigt, dem tönt kein Echo hier auf Erden!
Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,
Und wer nicht liebt, dem wird nicht Liebe werden.

Was ist der Geist, der nie zum Geiste spricht,
Der selbstgefällig will in sich verwesen?
Was ist ein Gemüt, das nie die Rinde bricht?
Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

Es findet jeder Geist verwandte Geister!
Kein Herz, das einsam ohne Liebe bricht!
Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!
Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!

(Otto Prechtler, Wer keinen Frühling hat, aus: Ein platonischer Traum, in: Donaublumen, Wien 1847, Online-Quelle)

Unersättlich.

Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
Klang und duftendem Blüthenguß
Mein verlangendes Herz einmal
Füll mir, seliger Ueberfluß!

Gieb mir ewiger Jugend Glanz,
Gieb mir ewigen Lebens Kraft
Gieb im flüchtigen Stundentanz
Ewig wirkende Leidenschaft!

Aus dem Meere des Wissens lass’
Satt mich trinken in tiefem Zug!
Gieb von Liebe und gieb von Haß
Meiner Seele einmal genug!

Gieb, daß Thau der Erfüllung mir
In die Schale des Herzens fließt,
Bis sie, selber verschwendend, ihr
Ueberschäumendes Glück ergießt!

(Ricarda Huch, Unersättlich, aus: Gedichte, Leipzig 1894, Online-Quelle)

 

Magnolienbaum im Frühling | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß!

 

Ja, das ist tatsächlich derselbe Baum, ich wollte es zuerst auch nicht glauben.

Kommt gut in und durch die neue Woche, und haltet den Kopf oben!

 

Von November und Ewigkeit

 

Briefe | V.

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und der Berg des Himmels
Mit seinen steilblauen Wänden:
Ragt er nicht ewig
Vor dir auf?

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und das Meer des Himmels
Mit seinem tiefblauen Spiegel:
Wogt es nicht ewig
Vor dir hin?

Wie ein Knabe
Träumst du von Bergen,
Träumst du von Meeren …
So wirf den Nacken doch zurück
Und habe mehr denn Berg und Meer –
Hab’ – Ewigkeit!

(Christian Morgenstern, Briefe. V., aus: aus: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, 1899, in: Das Buch vom mönchischen Leben, aus: Das Stundenbuch, Online-Quelle)

 


Quelle: Pixabay

 

Noch eine Woche, dann ist der 1. Advent, dann starten die Adventüden, dann ist das Jahr gefühlt fast herum. Kommt gut und heiter in und durch diese neue Woche!

Von Gedanken zum Frühling

 

IV.

Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!
Wer schweigt, dem tönt kein Echo hier auf Erden!
Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,
Und wer nicht liebt, dem wird nicht Liebe werden.

Was ist der Geist, der nie zum Geiste spricht,
Der selbstgefällig will in sich verwesen?
Was ist ein Gemüt, das nie die Rinde bricht?
Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

Es findet jeder Geist verwandte Geister!
Kein Herz, das einsam ohne Liebe bricht!
Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!
Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!

(Otto Prechtler, Wer keinen Frühling hat, aus: Ein platonischer Traum, in: Donaublumen, Wien 1847, Online-Quelle)

 

XXXXVI

Das kannst du nicht zwingen:
daß die Knospen springen,
eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht!
Aber daß: was hinter dir liegt,
dich nicht schreckt mehr und unterkriegt:
was Winter in dir abzustreifen
in aller Stille … und Knospen zu reifen
und dich zum Frühling durchzuringen …
Das kannst du zwingen!

(Cäsar Flaischlen, Das kannst du nicht zwingen, aus: Jost Seyfried, Drittes Buch, „Lieder eines Schwertschmieds“. Online-Quelle)

 

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.
Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

(Ricarda Huch, Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Trust love | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, alle Fotos von letzter Woche, Anklicken macht groß

 

Passt eigentlich viel besser hierhin, aber das wusste ich Freitag noch nicht.

Kommt gut und gesund und wohlgemut in und durch die neue Woche!

 

Vom Bedrückenden

 

In dieser Welt, von Übeln krank, vom Blute rot,
Tut Geist und Schönheit, tut ein Flecklein Himmel not,
Ein Glücklicher, der nichts vom Pfuhl des Jammers weiß,
Ein Edler, rein von Schuld, ein Held, deß Helmbusch weiß.

(Carl Spitteler, In dieser Welt, aus: Olympischer Frühling, Zweiter Teil: Hera die Braut, Krieg und Versöhnung, 1920, Online-Quelle)

 

Priester, du willst die Seele erkennen,
Willst Gesundes vom Kranken trennen,
Irrt dein Sinn oder lügt dein Mund?
Was ist krank?! Was ist gesund?!

Richter, eh du den Stab gebrochen,
Hat keine Stimme in dir gesprochen:
Ist das Gute denn nicht schlecht?
Ist das Unrecht denn nicht Recht?

Mensch, eh du einen Glauben verwarfst,
Weißt du denn auch, ob du es darfst?
Wärest du tief genug nur gedrungen,
Wär dir derselbe Quell nicht entsprungen?

(Hugo von Hofmannsthal, aus: Sünde des Lebens, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

 

Das bist du

Aus geheimstem Lebensgrunde
Raunt es mahnend immerzu:
Schlag dem andern keine Wunde,
Denn der andre – das bist du!

Wie du kränkst, so mußt du kranken,
Unser Ich ist Wahn und Pein.
Schließ’ in deiner Selbstsucht Schranken
Alles, was da atmet, ein.

(Isolde Kurz, Das bist du, aus: Gesammelte Werke, 1. Band, 1925, Online-Quelle (fast am Ende))

 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch, Nicht alle Schmerzen sind heilbar, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich weiß, dass wir Ricarda Huch schon hatten. Aber ich mag das Gedicht so.
Kommt gut in und durch die neue Woche! Und – bleibt oder werdet gesund!