Adventüden 2020 24-12 | 365tageasatzaday

24.12. – Der Coup der Crew | Adventüden

 

Ziegenbart, Hinnak und Søren standen im Schnee. Hätten sie bei der Müllabfuhr gearbeitet oder im Krankenhaus, hätten sie vermutlich eine miteinander geraucht. Echte Mitglieder der Crew teilten stattdessen Lebkuchen.

»Meint ihr, der Chef zieht das wirklich durch?« Hinnak war der Jüngste, erst knapp zwanzig Jahre dabei.

»Ich weiß nicht, so habe ich ihn noch nie erlebt.« Ziegenbart, ursprünglich vom Stamm der Kellerwaldwichtel, nun aber schon seit 400 Jahren Mitglied der Crew, legte den Kopf auf die Knie. »Ewig schon betont er, niemand müsse brav für Geschenke sein, Mensch sein, Kind sein – das reiche.«

»Aber er hat recht«, warf der Elch mit sanft dröhnender Glockenstimme ein, »die Gletscher schwinden und mit ihnen unser Hauptquartier am Polarkreis. Lange wird die Magische Schlittenfahrt nicht mehr möglich sein … Und was könnte der Chef sonst tun?«

Ziegenbart seufzte. Rentierkrankheiten nahmen zu, wer wusste das besser als er, der Kutscher des Fliegenden Schlittens. »Dennoch, was den Menschen fehlt, ist die Freude, gerade in diesen Tagen, wenn die Weltengrenzen durchlässig werden und sie sich besinnen, was sie eigentlich sind.«

»Ein bisschen Magie haben wir Wichtel doch selbst …« Hinnak senkte die Stimme. »Meint ihr …«

Sie steckten die Köpfe zusammen.

 

Der Chef zog durch. Keine magische Reise 2020. Keine Geschenke, außer den Unmengen, die die Menschen sich gegenseitig machten, doch wenn sie erschöpft unter ihren Weihnachtsbäumen staubsaugten, fanden sie winzige Geschenkchen ohne Etiketten, die scheinbar nichts enthielten. Wer sie öffnete, roch Erinnerungen, die umhüllten wie wunderbarste Kuscheldecken, fand Halt, fand Klarheit, Mut. Selbst einem als unbelehrbar geltenden Präsidenten fielen solche magischen Streicheleinheiten zu. 2021 begannen die Dinge sich zu ändern, Monat für  Monat ungeheuerlicher. Besser. Heilend.

Niemand ahnte, warum.

Der Weihnachtsmann selbst erfuhr es nie.

Ziegenbart braute aus unverschenktem Gin ein wunderbar berauschendes Zimtgetränk, und die drei feierten ihren Coup.

Der Elch schwankte abends ein wenig.

Autor*in: Natalie     Blog: Fundevogelnest

 

Adventüden 2020 24-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Last but not least möchte ich mich bei euch bedanken. Bei den Schreibenden der Adventüden natürlich zuerst, aber ebenso bei allen, die jeden (oder fast jeden) Tag vorbeigekommen sind, die gelesen, gelikt und vor allem kommentiert und sich eingebracht haben, und die mir damit gezeigt haben, dass ihnen die Etüden etwas bedeuten – und die Arbeit, die ich hineinstecke. Das bedeutet mir mehr, als ihr vielleicht denkt, gerade jetzt.
Mir ist schon klar, dass einige von euch bereits in der Weihnachtspause sind, aber vielleicht lest ihr es ja trotzdem. Danke.

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 01-12 | 365tageasatzaday

01.12. – Alice und die Schlittenfahrt | Adventüden

 

Die Sonne scheint auf den glitzernden Schnee. Während Alice sich in drei Schichten Unterwäsche quetscht, toben die Hunde schon an der Haustür. Gerd und Olav kommen gleich vorbei, dann soll es zur Schlittenfahrt auf die kleine Anhöhe gehen.

Morgens hatten noch Nebelschwaden über der Siedlung gehangen, doch ein gnädiger Wind blies sie bereits weg. Es klingelt, und sie wickelt den Schal um ihren Hals, bevor sie öffnet.
Olav begrüßt sie mit einem ungelenken Kuss auf die Wange, Gerd zieht grinsend die Augenbrauen hoch. Sie ziehen los, karawanengleich, jeder mit einem Schlitten im Schlepptau, kichernd und kicksend, wie sich nur erwachsene Kinder auf die seelischen Streicheleinheiten eines Tages im Schnee freuen können.

Alice stutzt, als sie um die letzte Ecke biegen. »Das darf doch nicht wahr sein!«

»Todesursache?« Mühlenbrock niest und zieht die Polizeiwollmütze tiefer in die hohe Stirn.
»Genickbruch, würde ich sagen.« Karl erhebt sich und tauscht die dünnen blauen Handschuhe gegen dicke Fäustlinge. »Sieht aus, als hätte er mit dem Streusalz gespart. Hier ist es spiegelglatt! Mehr …«
»… wenn du ihn auf dem Tisch hattest!« Der Kommissar nickt, niest noch einmal zur Bekräftigung und macht sich auf den Weg zurück ins warme Revier.

Er macht es sich am PC gemütlich, gießt sich eine heiße Schokolade aus seiner Thermoskanne ein und öffnet die Berichtsmaske. Das Telefon klingelt.
»Mühlenbrock? Ja, Karl? Eindeutig Unfall? Und die Spurensicherung hat im ganzen Haus kein Streusalz gefunden? Blöder Öko, das hat er jetzt davon.«
Er legt auf und schüttelt den Kopf.

Auf dem Hügel sitzen Alice und ihre Freunde und betrachten das abendliche Lichtermeer der Stadt.
»Hat alles auf unserem Rutschehügel verschwendet, der Idiot«, lacht sie, »da brauchten wir noch nicht mal nachzuhelfen.« Sie stößt mit den anderen an.

»Das scheint ein Wunschpunsch zu sein«, lächelt Olav und schaut ihr tief in die Augen.

Autor*in: Alice;     Blog: Make a Choice Alice

 

Adventüden 2020 01-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.