Figuren erfinden und ihnen Raum geben | Schreiben bei Jutta Reichelt, Tag 6/7

 

Wenn ich etwas von Jutta gelernt und auch immer wieder zitiert habe, dann ihr Credo: „Bringt eure Protagonisten in Schwierigkeiten!“ Denn ja, ohne Schwierigkeiten sind die meisten Geschichten so fade wie eine Suppe, der Salz fehlt. Also beginnt bei mir eigentlich jede Etüde und jede Geschichte damit, dass der*die Protagonist*in in einer Klemme steckt und zumindest versucht, irgendwie das Beste daraus zu machen bzw. weitere Schwierigkeiten zu vermeiden. Bücher, die ich mag, servieren oft ein kleineres Problem zum Einstieg (der klassische Tote am Anfang eines Krimis), und wenn man sich dann darauf einlässt, steigt man in ein ganz anderes Problem in einer anderen Größenordnung ein (der Tote musste sterben, weil er die Weltverschwörung aufgedeckt hat, und nun wird entweder der Protagonist von den Verschwörern als Mitwisser verfolgt oder er übernimmt die Rolle des Rächers und will seinerseits die Weltverschwörung zerschlagen). Klingt nach Schema F, muss es aber nicht sein.

Von allen Figuren, die ich im Laufe der Etüden erfunden habe, ist mir mein Wassermaler am meisten ans Herz gewachsen. Eigentlich war er das Produkt eines Etüdensommerpausenintermezzos, in dem es galt, 10 vorgegebene Wörter in einem Text beliebiger Länge unterzubringen, in dem Regen irgendeine Rolle spielen sollte. Ich liebe so was. Bei derartigen Schreibaufgaben geht es mir meistens so, dass sich ein Begriff herauskristallisiert, an dem ich die Geschichte aufhänge. Hier war es der Wassermaler, dessen Bild sich mir optisch aufdrängte und den ich wörtlich genommen habe: Ein älterer, hagerer Mann mit Nickelbrille, Rotweinaugen und maximal Dreitagebart, im Leben irgendwie gescheitert, der den Sommer malend auf einer Seepromenade an der Ostsee verbringt und seine Bilder dort auch an die Touristen verkauft. Da ich unter anderem auch noch Schwimmflügel und Sommersprossen unterzubringen hatte, war mir klar, dass in diese Geschichte auch noch ein Mädchen gehören würde.

Okay, was sollte es werden? Eine Lovestory mit der Mutter des Mädchens? Gähn. Zu vorhersehbar. Oder, besser, könnte das Mädchen vielleicht irgendwie in Gefahr geraten und er sie retten, und damit dann der Mutter näherkommen … Hmmm. Bringt eure Protagonisten in Schwierigkeiten, verdammt! Was ist mit dem Typ los, dass er keine Frau hat? Und dann war sie plötzlich da, die Büchse der Pandora, verlockend und zum Greifen nah: Seine eigene Tochter ist als Kind gestorben, die Ehe daran gescheitert, er hat es nie wirklich verarbeitet und ist nie darüber hinweggekommen.

Ja, herrliche Schwierigkeiten! Und so strickte ich dann meine leichte Sommergeschichte zurecht, nachdem ich mich intensiv und voller Freude dazu belesen hatte, wie das mit dem Rettungsdienst an der Ostsee so läuft, wenn jemand in Seenot gerät, und wie das Kind des Wassermalers hatte verunglücken können. Happy End mit Mama? Eher nicht, dazu war er zu beladen, mein Wassermaler. Schade.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass er ein ausgeprägtes Eigenleben entwickelte. Offenbar habe ich mit dem Wassermaler eine Figur entwickelt, die so eng an meinen eigenen Befindlichkeiten oder sogar Nöten entlangsegelt, dass er unglaubliche knappe anderthalb Jahre später in eine depressive Vorweihnachtsetüde schlüpfte – und dort prompt seiner geschiedenen Frau wiederbegegnete. Aber das reichte nicht. Die Geschichte gärte weiter und mein Wassermaler wurde willens, sich seiner Vergangenheit zu stellen und ins Leben zurückzukehren – er begegnete seiner Ex-Frau ein zweites Mal und entwickelte zögerliche Frühlingsgefühle. Neben erneuten Recherchen zu Zeit und Umständen war dies der Punkt, wo ich ohne psychologisches Feedback aus der Etüdenrunde aufgeschmissen gewesen wäre: Ticken Leute so, ist das glaubwürdig, kann da was gehen, wenn man ein totes Kind im geistig-seelischen Gepäck hat? Ich habe euch in den Kommentaren danach gefragt und bin speziell Gerda, Werner und Bernd für ihre Antworten immer noch dankbar, ich bin anfangs viel zu blauäugig gewesen.

Es brauchte wieder ein paar Monate, bis ich so weit war, den Wassermaler weiterschreiben zu wollen. Ich wusste, das wird länger, und war happy, als mir der Aufruf zu einer Halloween-Anthologie unterkam, in der ich meine Geschichte unterbrachte. Wie mehrere von euch bereits angemerkt haben, ist das keine Halloween-Geschichte, sondern der Teil der Wassermaler-Serie, der zufällig an Halloween spielt. Ich bin sehr zufrieden damit, ich habe das Gefühl, meinem Wassermaler und seiner Ex-Frau gerecht geworden zu sein, und es kann sein, dass er jetzt schlummert … zumindest im Moment tut er es. Aber es war so eine Freude, daran zu schreiben!

Eine unerwartete Freude waren die Recherchen. Plötzlich brauchte mein Wassermaler eine Vergangenheit und einen Broterwerb im Winter, also brachte ich ihn in einem (selbstverständlich existierenden) Museum unter. Da ich über Orte geschrieben habe, die ich nur teilweise kannte, habe ich lange über Karten gebrütet, mir Fotos, Straßen-, Fahr- und Speisepläne angesehen, einen Ort am Bodensee ausgemacht mit einer Bäckerei, die dann offen hatte, als ich es brauchte, und einem Friedhof in Laufnähe … ich könnte sogar mit einer Wohnadresse dienen. Wenn ich jemals etwas Größeres schreibe, werden meine Recherchen unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen und ich werde hinterher echt viel wissen, so viel steht schon mal fest. Ebenso halte ich es für absolut wahrscheinlich, dass ich zu den Plottern gehören würde. Der Wassermaler hat sich noch ohne großen Plan schreiben lassen, aber wenn ich etwas Komplexeres schreiben werde und würde, sehe ich mich vorher viele, viele Vorarbeiten leisten (und notieren), bis ich „nur noch“ schreiben darf*muss. Wenn ich also über Juttas Frage – „Was hat Euch in der vergangenen Woche (oder überhaupt in der Vergangenheit) schreibend am meisten Spaß gemacht?“ – nachdenke, dann muss ich sagen: das. Glaubwürdige Figuren in einem glaubwürdigen Umfeld glaubwürdig agieren zu lassen. Und dann eine Tür für das Magische zu öffnen – nur nicht beim Wassermaler, der kommt ohne aus, das tu ich ihm nicht an.

„Weiterschreiben ist oft leichter als anfangen“, schreibt Jutta. Das geht mir anders. Mich langweilen meine Figuren meist, wenn ich ihre Geschichte auserzählt habe, und sei es bloß eine Etüde, oder ich habe keine Idee für neue Schwierigkeiten, in die ich sie stürzen könnte. Oder aber das Weiterschreiben ist mit einer derartigen Menge an Aufwand verbunden, dass ich es mir echt zweimal überlege.
Denke ich darüber nach, wessen Geschichten noch offen sind, dann bleibe ich bei meiner Vampir-WG hängen (Jutta, ich sage nur: John, sehr blass), obwohl ich Vampire eigentlich nicht ausstehen kann und nicht noch eine Variante Vampirkitsch erfinden möchte, auch keinen Vampir-Porn oder so; und bei Lumi, in deren Geschichte man allerdings jede Menge aktuelle Bezüge unterbringen könnte, von Klimawandel bis … Andererseits ist Lumi, äh, nicht ganz menschlich, und damit fällt sie per Definition unter Fantasy. Kennt wer von euch Fantasy mit Umweltthriller-Einschlag? Gibt’s das überhaupt?

Wenn ich mir das so durchlese, dann ist das ein geschwätziger Bericht über meine Begeisterung für meine Wassermaler-Storys, garniert mit Gedanken dazu, was ich beim Schreiben über mich gelernt habe. Ich wollte das schon lange mal festhalten.
Also bleibt mir jetzt nur noch, euch darauf hinzuweisen, dass ihr die Wassermaler-Storys rechts in meiner Seitenleiste findet (unter der Liste mit den neuesten Kommentaren), bis auf den letzten Teil, der ist nicht online. Wenn ihr den lesen wollt, sagt bitte Bescheid, ich freue mich über euer Interesse.

 

Schreiben bei Jutta Reichelt Tag 6/7 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Schreiben mit der Hand – Schreiben bei Jutta Reichelt, Tag 5

 

Wer mir erklärt, ich möge doch jetzt bitte Das-und-das tun, ich hätte fünf/zehn/fünfzehn/dreißig Minuten dafür Zeit und es würde mir riesigen Spaß (ha!) machen, der riskiert in der Regel, dass ich die Augen rolle und frage, wo der Ausgang ist oder ob es noch eine andere Option gibt. Ich fühle mich dann gern unter Druck gesetzt, zaubere mir irgendeine Form von Brett vor den Kopf und bekomme nichts mehr zustande, ein Gefühl, das mir höchstes Unwohlsein verursacht und alles andere von einem entspannten Gefühl vermittelt. Ich ärgere mich zudem über mich selbst, was die Sache nicht besser macht, kann es jedoch dann erst recht nicht ändern. Als also Jutta zum Umgehen des inneren Zensors vorschlug, »fünf Minuten zu schreiben, ohne den Stift abzusetzen, ohne aufzuhören. Wirklich alles aufschreiben, was in den Sinn kommt – auch, wenn es unsinnig oder belanglos ist oder nicht mehr als der Ärger über diese saublöde Übung«, habe ich erst mal grimmig genickt und die Auseinandersetzung aufgeschoben. Schießen Sie sich bitte selbst ins Knie.

Andererseits hatte sie leider kurz davor die Begründung geliefert, die mich überzeugte, nämlich »dass Texte oft eine andere Tiefe und Qualität erreichen, wenn wir in ihnen einen künstlerischen Ausdruck finden für das, was uns ›umtreibt‹. Wenn wir uns auf die Suche gemacht haben nach den Geschichten, die nur wir erzählen können, vielleicht müssen.« Denn wenn ich etwas suche, dann ist das tatsächlich das: Die Geschichte(n), die nur ich (so) erzählen kann. Das »Wie« wird mir allmählich immer klarer, das beständige Etüdenschreiben und -lesen etc. trägt Früchte, ich habe eine gewisse Routine und ein Vertrauen entwickelt, die mir guttun. Also habe ich mir dann doch einen Zettel und einen Stift geschnappt, auf die Uhr geschaut, den nächstbesten Gedanken festgehalten und losgeschrieben. Scheiß drauf, egal auf was.

Ich habe irgendwann, so ungefähr zum Anfang meiner Unizeit, aufgehört, meine Notizen in Schreibschrift zu machen, ich weiß gar nicht mehr, wieso. Wahrscheinlich fand ich Druckschrift cooler. Und dann gab es irgendwann PCs, und ich tippte begeistert Notizen in den Rechner. Seitdem schreibe ich höchstens noch den Einkaufszettel und ab und an mal eine Postkarte mit der Hand, und zwar in Druckschrift. Längere Texte in Schreibschrift … wofür?
Aber: Druckschrift ist prima für Stichworte, für Listen, für kurze Notate. Für »Schreib mal eben flüssig einen Text« ist Druckschrift ziemlich großer Mist. Diese Tatsache und dass mir schon vor längerer Zeit aufgefallen war, dass ich dabei bin, Schreibschrift und damit meine Handschrift gründlich zu verlernen, führte dazu, dass ich den verlangten Fünf-Minuten-Text spontan nicht in meiner präferierten Druckschrift verfasste, sondern in Schreibschrift, und worum drehte er sich? Um genau diese Tatsache. Überraschung. Uff.

»Ich will nämlich, auch das eine erstaunliche Erkenntnis, meine Handschrift nicht verlieren.«

Uff? Ja, uff. Das Ergebnis war durchwachsen. Einerseits war ich sehr erschrocken (ich mochte meine Schrift mal, und das, was ich da gestern produziert habe, ist relativ weit weg davon), andererseits mochte ich das Gefühl, dass da irgendwas in meinem Kopf passierte, als ich mich beim Schreiben auch noch physisch mit dem Vorgang des Schreibens auseinandersetzen musste. Und drittens beschert mir das Experiment die Erkenntnis, dass es mir Spaß machen könnte, wieder mehr mit der Hand zu schreiben, dass ich, siehe oben, meine Handschrift nicht verlieren will, und dass ich eigentlich überzeugt bin, dass es sich nur um verloren gegangene Übung handelt, also um motorische Fähigkeiten, die dringend trainiert werden sollten. Natürlich bin ich dann anschließend zur Erholung durchs Internet spaziert (Stichwort: »Schreibschrift wiedererlernen«) und habe festgestellt, dass, nachdem die Malbücher für Erwachsene jetzt so langsam durch zu sein scheinen, Handlettering das große neue Ding ist. Hübsch, aber nein, danke, das ist momentan die falsche Richtung. Ich werde wohl öfter mit der Hand schreiben und versuchen, den Kopf abzuschalten. Was auch immer dann kommt, ich bin gespannt. Für mich aktuelle Themen werden sich bestimmt schon zeigen, aber ich bin durchaus nicht überzeugt, in welcher Form das Ganze Früchte tragen wird (die von mir zu erzählende Geschichte, siehe oben). Aber wer es nie versucht, kommt auch nicht vom Fleck.

Liebe Jutta, ich glaube, an dem, was du mit deiner Schreibanregung aufwirbeln wolltest (hier klicken zum Nachlesen), bin ich relativ weit vorbeigeschlittert – schade um das Zitat, dem ich sehr zustimme. Aber du wolltest auch wissen, wie es mir/uns damit so geht, und dies hier fällt eindeutig unter Feedback.

Ihr Lieben, die meisten von euch sind doch auch keine dreißig mehr. Schreibt ihr noch viel mit der Hand? Könnt ihr das noch – flüssig mit der Hand schreiben? Ist es euch wichtig?
Mein Beitragsbild zeigt übrigens ein euch möglicherweise bekanntes Gedicht in meiner damaligen Handschrift von ca. 1985, das war eine Chinakladde für besondere Gedichte …

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Das leere Nest – Schreiben bei Jutta Reichelt, Tag 4

 

Nun waren sie weg. Wirklich weg. Endgültig weg.

Sie kniff die Augen zusammen und lehnte sich nach vorn, in der Hoffnung, noch einmal das vollgeladene grüne Auto zu sehen, von dem sie wusste, dass es eilig den Hügel hinunterfuhr und den Ort bald hinter sich gelassen haben würde. Das ist der Lauf der Welt, ermahnte sie sich, reg dich doch nicht so auf, du hast doch gewusst, dass es eines Tages vorbei sein wird. Anstatt dass du dich freust, dass deine Tochter so einen guten Mann gefunden hat und in eine glänzende Zukunft aufbricht, nein, was machst du? Stehst am Fenster und jammerst vergangenen Zeiten hinterher. Schäm dich. Geh und kümmere dich um deine Aufgaben.

Sie trat zurück und verschränkte die Arme, blickte aber weiter nach draußen. Der Vormittag versprach sonnig zu bleiben, die Kinder würden eine gute Fahrt haben und bestimmt heil in der Stadt ankommen. Mütter sorgen sich schließlich immer. Und hatte Cilly nicht versprochen, sich sofort zu melden?

Es war egal. Wie sie es auch drehte und wendete: Nun war auch ihr zweites Kind endgültig ausgezogen. Das Nest war leer. Nie wieder würde sie für Robert und seine Freunde blechweise seinen heiß geliebten Pflaumenkuchen backen und Sahne schlagen, bis ihr der Arm wehtat, nie wieder würde Cilly ihre Freundinnen zu Pyjamapartys einladen und sie ihnen spätnachts Kannen voller heißer Schokolade bringen. Ach, das Gelächter, das durchs Haus geschallt war! Ach, die Feste, die sie hier gefeiert hatten! Sie waren so eine glückliche Familie gewesen. Vorbei.

Jetzt war sie wohl das Pflichtprogramm für den Besuch am Wochenende, für Cilly noch eher als für Robert. Aber so waren Jungs. Konnte sie ihm sagen, dass sie gern mehr Anteil an seinem Leben hätte? Schließlich ging er in seinem Arztstudium auf, so ein verantwortungsvoller Beruf, sie war so stolz auf seine Wahl. Nein, sie wollte nicht, dass er an ihren Schürzenzipfeln hängen blieb. Er sollte in die Welt hinausziehen, unabhängig und erfolgreich sein und irgendwann ein nettes Mädchen heiraten. Sie würde dem mit ihrer Gefühlsduselei nicht im Wege stehen, so wie sie auch Cilly und ihrem Thomas nicht im Wege gestanden hatte, obwohl sie ihre Tochter insgeheim für viel zu jung für einen Mann und eine eigene Familie hielt.

Es veränderte sich so vieles, wenn man Kinder bekam. Vor allem hatte man als Frau nie mehr Zeit für sich allein, das war die wichtigste Lektion gewesen, die sie gelernt hatte. Männer verließen das Haus und verdienten das Geld. Die Frauen regelten den Rest. Das konnte man konservativ nennen, aber sie hatte nie Geldsorgen gekannt, hatte es genossen und gern ihren Part zum gesellschaftlichen Aufstieg der Familie beigetragen, mit Empfängen und allem. Am Anfang hatte sie Nathan bei der Buchhaltung und den Geschäftsbriefen unterstützt, aber später, als die Kinder da waren und er größere Mandanten an Land gezogen hatte, waren zu dem Büro im Ort ein Partner und eine Sekretärin, Miranda, gekommen, und sie hatte gelegentlich abends repräsentiert. Sie hatte darauf geachtet, ihre schlanke Figur zu behalten, obwohl sie großartig kochte, wie Nathan bestätigte. Männern war eine attraktive Partnerin wichtig.
Manchmal im Bett fragte sie sich, ob es sein konnte, dass sie ein fremdes Parfüm an Nathan roch, aber dann schalt sie sich bösartig. Bestimmt täuschte sie sich. Sie waren ein gutes Team, Nathan und sie, er würde ihr gemeinsames Leben doch nicht für eine Affäre aufs Spiel setzen. Oder?

Das gnadenlose Sonnenlicht blendete sie und sie runzelte die Stirn. Das gab Falten, erinnerte sie sich, und daran, dass Falten hässlich machten, wenn man nicht mehr die Jüngste war. Energischen Schrittes ging sie in die Küche, räumte das Kaffeegeschirr zusammen, befüllte die Spülmaschine und nahm sich einen zweiten Kaffee mit in den Erker, von wo sie jedes Auto sehen konnte, das sich dem Haus näherte. Irrational, der Wunsch, das grüne Auto möge zurückkehren. Oder Nathans Limousine.

Ihre Hände zitterten leicht, als sie sie um die dampfende Tasse legte und den Geruch tief einsog.
Sie fühlte sich allein und verloren. Die Kinder waren aus dem Haus, Enkel noch nicht in Sicht, ihr Mann den ganzen Tag in seinem Büro, wo er Gott weiß was tat. Was war jetzt ihre Aufgabe? Wer war sie überhaupt? Was blieb ihr außer dem Warten auf das Alter? Was sollte sie tun? Mit Nathan reden? Konnte er verstehen, was in ihr vorging?
Sie verwarf den Gedanken. Sie verstand sich ja nicht mal selbst.
Sie zweifelte plötzlich an ihrem gesamten Leben.

 

Schreiben bei Jutta Reichelt 4 | | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir, unter Verwendung eines Werks von Edward Hopper

 

Ich muss zugeben, dass ich so ungefähr alle Klischees gestreift oder mitgenommen habe, die mir einfielen. Zu meiner Verteidigung möchte ich anführen, dass diese Geschichte ganz sicher nicht im Hier und Jetzt spielt, sondern weit eher zu der Entstehungszeit des Bildes (1950), zu der ich allerdings auch nicht sehr viel sagen kann, weil es mich da noch nicht gab, möglicherweise nicht mal als Idee ;-)

Was ich interessant fand, war, dass sich in meinem Kopf sofort die Sprache änderte, nachdem ich beschlossen hatte, dass diese Szene nicht in diesem Jahrtausend stattfindet. Die Frau übernahm, und ich war erstaunt, wie sie sich ausdrückte und was sie alles nicht als selbstverständlich ansah. Sie stellt sich selbst völlig zurück, lebt für die Familie und steht eines Tages (natürlich viel zu früh, es ist immer zu früh) vor den Veränderungen. Die Kinder sind aus dem Haus, sie wird eines Tages eine Rolle als Oma spielen, aber offenbar hat sie sich keinen Freundinnenkreis geschaffen (warum?), der sie jetzt auffängt. Ob die Ehe so gut ist, kann man nur mutmaßen, sie kann sich ebenso eine fette Naht vormachen und nicht sehen wollen, dass ihr Mann etwas mit Sekretärin Miranda (allein der Name! Der war plötzlich da) hat … Immerhin scheint der Mann erfolgreich zu sein und sie scheint ihren Traum wirklich gelebt zu haben – oder das, was sie leben wollte. Bis der Traum plötzlich verpufft und sie aus der Rolle fällt und es nicht fassen kann.

Dieser Text entstand nach einer Schreibanregung von Jutta Reichelt (Tag 4 – Schreiben zu Bildern). Vielen Dank, Jutta, hat mir sehr viel Spaß gemacht.

 

Die neuen Nachbarn – Schreiben bei Jutta Reichelt, Tag 2

 

„Und beinahe wären sie nicht gefahren“, sagte Frances. „Ich habe ja zuerst gedacht, sie würde ihn umbringen, so hat sie geschrien. Oder er sie.“

Rosi schwieg. Schweigen hatte sich als vorteilhaft herausgestellt, wenn man wollte, dass die Frances weitererzählte. Was sie auch meist tat. Frances war die klassische Frau am Küchenfenster, das immer zur rechten Zeit einen Spalt offen stand – rein zufällig natürlich. Wer wissen wollte, was sich in der Siedlung tat, ging bei ihr vorbei, rief ihr ein freundliches „Wie geht’s“ zu und wartete. Selbstverständlich waren die neuen Nachbarn ein besonders beliebtes Thema, vor allem, da diese ihre Terrassentür schlossen, wenn sie die Frances bemerkten. Man musste die Frances nur spitz „Na ja, Südländer eben“ sagen gehört haben, um zu wissen, woher der Wind wehte. Wobei die Barbara neulich gewusst hatte, die Neuen wären aus Norddeutschland gebürtig. Vorgestellt hatten sie sich jedenfalls nicht, bei keinem aus der Siedlung, was sicher darauf schließen ließ, dass sie kein Benehmen hatten.

„Und der Knall! Fast ist mir das Herz stehen geblieben, so laut war der. Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen deswegen und immer gedacht, gleich kommt bestimmt die Polizei!“
„Wie, was, Knall? Polizei?“, stammelte Rosi und ärgerte sich, dass sie nicht besser aufgepasst hatte.
„Aber heute ganz früh, da habe ich sie dann gesehen“, beschloss Frances ungerührt ihre Erzählung. „Ihn und sie. Haben Koffer ins Auto getragen und sind ganz klammheimlich weg.“
Rosi nickte bestätigend und wagte eine letzte Gegenfrage. „Ja, aber wieso wären die beinahe nicht gefahren?“
„Ach, du hörst mir nicht zu! Bis später, Rosi, ich muss zu meinem Kuchen, der muss aus dem Ofen. Du kommst doch nachher zum Kaffee zur Barbara?“

Rosi starrte auf das geschlossene Küchenfenster. Sie würde zu Hause erst mal Anna anrufen. Vielleicht wusste die, was los war. Frances wurde langsam alt.

 

Schreiben bei Jutta Reichelt 2 | | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Heute geht es bei Jutta Reichelt und ihren Schreibanregungen um „Erste Sätze“ (hier klicken zum Nachlesen). Sowieso ein unerschöpfliches Thema.

Gemocht habe ich alle drei Vorschläge, die Jutta gemacht hat, und ich fand keinen einfach. Schließlich habe ich mich für den ersten Vorschlag entschieden, obwohl ich im Nachhinein denke, dass ich damit eigentlich in meiner Komfortzone geblieben bin (und es sind 300 Wörter, woher das wohl kommt? ;-)). Es hätte eine wilde Geschichte von Mord und Totschlag werden können, aber ich hatte null Lust, die aufzuschreiben – und schon gar nicht, wo ich annehme, dass morgen (morgen? Jutta, das könntest du in deinen Posts vermerken, wie lange wir Zeit haben) die nächste Schreibanregung ins Haus steht. Ich bin kein schneller Schreiber, ich mag mir Zeit nehmen und auf meinen Sachen herumbrüten. Dies ist für meine Verhältnisse schon fast ein Schnellschuss.

Also habe ich mich für die Beobachterin entschieden, eine neugierige ältere Nachbarin. Übrigens habe ich keine Ahnung, wirklich keine, was im Nachbarhaus passiert ist, nur dass alle noch leben.

Ich habe schon was von Alice Munro gelesen, aber an eine Frances erinnere ich mich nicht …