Vom Sommer und Regen

 

Ich bin der Regen

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb’
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da
spiel’ ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand,
und es sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen, welche je
ein blasser Mädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt
bei schlanken Mädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen, und ich geh’
barfuß einher von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

8.3.1941

Selma Meerbaum-Eisinger, Ich bin der Regen, Online-Quelle, mehr über Selma

 

Regen

Die Sonne hat nur kurz das nasse Tal umschlungen,
Die Pappeln rauschen wieder, neckisch spielt der Wind.
Des Baches Schwermut hat gar lang allein geklungen,
Der Wind ist pfiffiger als ein vergnügtes Kind.

Die Wolken wollen kommen. Alles wurde rauher,
Die blassen Pappeln rascheln wie bei einem Guß.
Die nassen Weiden faßt ein kalter Schauer,
Gewaltig saust die Luft, beinahe wie ein Fluß.

Nun soll der Regen kommen! Und es gieße wieder!
Der Sturm ist kraftbegabtes Lautgebraus,
Der Regen bringt die Rhythmen heller Silberlieder,
Die Pappeln wissen das und schlottern schon voraus.

Dem nassen Tal entwallen kalte Atlashüllen,
Und auch die Nebelhauche tauchen raschelnd auf.
Der Wind beginnt die Flur mit Wispern zu erfüllen,
Die Pappeln biegen sich, das Grau nimmt seinen Lauf.

(Theodor Däubler, Regen, aus „Das Sternenkind“, 1916, Online-Quelle)

 

Des Narren Regenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

(Otto Julius Bierbaum, Des Narren Regenlied, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

Der Regen scheint besessen

Ich hör’ den Regen dreschen
Und übers Pflaster fegen.
Der Regen scheint besessen
Und will die Welt auffressen.

Ich muß mich näher legen
Ins Bett zu meiner Frauen.
Wird sich ihr Äuglein regen,
Kann ich ins Blaue schauen.

(Max Dauthendey, Der Regen scheint besessen, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 314)

 

Regentropfen auf einem Zweig  | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt (wie immer) gut in die neue Woche!

 

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Vom Sommer und dem Glück

 

Das Glück

Schlafen möcht’ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh’.
Weinen möcht’ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab’ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht’ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Das Glück, 18.08.1941, aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Online-Quelle)

 

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg’, ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.

(Clemens Brentano, Hörst du wie die Brunnen rauschen, aus: Das Märchen von dem Myrthenfräulein, in: Die Märchen des Clemens Brentano. Zum Besten der Armen nach dem letzten Willen des Verfassers. (Hrsg. Guido Görres) 2 Bände, Stuttgart und Tübingen 1846–1847, S. 485-86, Online-Quelle)

 

Ueber die Welt hin ziehen die Wolken.
Grün durch die Wälder
fliesst ihr Licht.

Herz, vergiss!

In stiller Sonne
webt linderndster Zauber,
unter wehenden Blumen blüht tausend Trost.

Vergiss! Vergiss!

Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel. . . .
Er singt sein Lied.

Das Lied vom Glück!

Vom Glück.

(Arno Holz, Ueber die Welt hin ziehen die Wolken, aus: Phantasus, I. Heft, Berlin, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das Bobby ist, Bobby der Bartkauz, der im Wildpark Lüneburger Heide lebt und dort im Frühling 30 Jahre alt geworden ist. Kann natürlich auch ein*e jüngere*r Kollege/Kollegin gewesen sein. Der Falkner hört allerdings sicher auf Michael Kirchner.  :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Sommerregen

Gestern kam er, Sommerregen, der seinen Namen verdient hat, nicht nur eben so ein Huscher. Uns ereilte er sanft und nachmittags, er vertrieb Anbieter und Käufer auf dem Flohmarkt/Stadtteilfest, über den/das ich gerade bummelte. Er machte nicht kalt, obwohl es natürlich (willkommen) abkühlte, er machte nur nass. Als ich ein paar Stunden später nach Hause kam, hörte ich ein erstes Grummeln. Und, oh Wunder, es brach nicht los, es regnete einfach klein und fein weiter, hörte auf, fing wieder an … und roch phantastisch nass …
Der Fellträger besah sich das alles draußen gemütlich auf seiner Lieblingsbank und wollte keineswegs den Rest des Abends drin verbringen.
Heute ist alles schon wieder anders. Die Sonne scheint, und verglichen mit den letzten Tagen werden die Temperaturen keinerlei astronomische Höhen erreichen.

 

Du gehst. Und der Asphalt ist plötzlich naß
und plötzlich ist das Grün der Bäume neu
und ein Geruch wie von ganz frischem Heu
schlägt dir in dein Gesicht, das heiß und blaß
auf diesen Regen wohl gewartet hat.

Die Gräser, welche staubig, müd und matt
sich bis zur Erde haben hingebeugt,
sehen beglückt die Schwalbe, welche nahe fleugt,
und scheinen plötzlich stolz zu sein.

Du aber gehst. Gehst einsam und allein
und weißt nicht, sollst du lachen oder weinen.

Und hier und da sind Sonnenstrahlen, welche scheinen,
als ginge sie der Regen gar nichts an.

Selma Meerbaum-Eisinger, Regen (*1924 – †1942)

 

Zu Selma Meerbaum-Eisinger ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. „Selmas Leben war kurz. 18 Jahre lang hat sie gelebt. Selma Meerbaum-Eisinger starb am 16. Dezember 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowska. Was übriggeblieben und auf abenteuerliche Weise gerettet worden ist, sind 57 Gedichte“ (Quelle), geschrieben an den/gewidmet dem Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben wünschte. Auch er kam um. Über ihre Freundin, Renée Abramovici-Michaeli, erreichten die Gedichte Israel und fanden schließlich ihre Öffentlichkeit. Hier gibt es die ganze Geschichte.

Einige ihrer Gedichte sind vertont worden. Nicht nur die wunderschöne Umsetzung von „Regen“ (mit Volker Baydar) ist hier nachzuhören.

 

Regen auf Asphalt – 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay

 

Sonne. Himmel. Frühling.

„Der Regen kann auch mal Schnee sein“, tönt die Stimme leicht fassungslos aus meinem Radio, „und nicht vergessen, heute ist der 31. März, das ist kein Aprilscherz.“ Aus Schleswig-Holstein meldet eine Anruferin eine sich schließende Schneedecke.
Nun, bisher kann ich sagen, dass es bei mir „nur“ regnet, und zwar ausdauernd, und zwar so sehr, dass der Fellträger, der die erste Türöffnung verpasst hatte, draußen Lärmterror anfing, um mir mitzuteilen, dass er 1. anwesend, 2. nass und 3. hungrig sei. So kanns gehen.
Aber die Vögel singen wie verrückt.

 

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh…

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee…

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Frühling)

 

Zu Selma Meerbaum-Eisinger ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. „Selmas Leben war kurz. 18 Jahre lang hat sie gelebt. Selma Meerbaum-Eisinger starb am 16. Dezember 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowska.“ Was übriggeblieben und auf abenteuerliche Weise gerettet worden ist, sind 57 Gedichte, geschrieben an den/gewidmet dem Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben wünschte. Auch er kam um. Über ihre Freundin, Renée Abramovici-Michaeli, erreichten die Gedichte Israel und fanden schließlich ihre Öffentlichkeit. Hier gibt es die ganze Geschichte.

Einige ihrer Gedichte sind vertont worden. Nicht nur die wunderschöne Umsetzung von „Frühling“ (mit Inga Humpe) kann hier nachgehört werden.

 

Frühlingsregen – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay