Revanche | abc.etüden

 

»Na, wie ist er so, der neue Kollege?«

»Ein arroganter Affenarsch, wenn du schon fragst.«

»Huch? Was ist passiert?«

»Ich war in der Küche und musste an die Vorratsdosen mit dem Kaffee, die wieder mal jemand ganz oben hinten auf dem Schrank gestapelt hat, krabbele also über Stuhl, Tisch und Schrank hoch, kennst das ja. In dem Moment kommt er rein, beglotzt mich und erklärt großspurig, dass er mir selbstverständlich geholfen hätte, wenn Frauen nicht immer alles allein machen müssten, ich möge ihm doch den Kaffee mal anreichen. Glaubt der im Ernst, dass ich nicht gefragt hätte, wenn auch nur der Hauch von einem der Herren der Schöpfung zu sehen gewesen wäre? Ich meine, der ist bestimmt eins neunzig, für den ist das nichts, da mal eben hochzulangen. Und seitdem grinst er fett, wenn er mich irgendwo sieht.«

»Du gefällst ihm offenbar.«

»Ja, danke. Lukas ist mit ihm und den Kollegen, nur Männer natürlich, neulich nachts um die Häuser gezogen, auch über das Volksfest, wo die ganzen Fahrgeschäfte sind. Und da soll er den Spruch gebracht haben, er könne die ganze Schaukelei nicht ab, nix Schnelles, keine plötzlichen Richtungsänderungen, solche Sachen. So breit waren die angeblich nicht. Jetzt hat Lukas ihn für am Wochenende zum Segeln eingeladen. Er hat angenommen. Kommst du auch? Wäre viel netter mit dir.«

»Lukas. Dem du die Ohren vollgeheult hattest.«

»Logisch.«

»Liebes, ihr habt kein Boot, ihr habt einen Katamaran.«

»Stimmt auffällig.«

»Da traut der sich doch nie rauf.«

»Wenn wir beiden Mädchen dastehen und harmlos lächeln? Du groß und blond, ich klein und schwarz? Die Blöße gibt der sich nicht und kneift.«

»Und was machen wir, falls das Wetter plötzlich umschlägt? Ist immerhin vorausgesagt, du weißt.«

»Tja. Dann wird möglicherweise was passieren, was der feine Herr lieber totgeschwiegen hätte.«

»Du bist echt gemein.«

»Japp.«

 

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

 

Für die abc.etüden, Wochen 19/20.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Olpo Olponator und lauten: Katamaran, großspurig, totschweigen.

Ja, ich war ein bisschen ungnädig, ja, doch. Und meine Protagonistin fühlt sich doof angemacht. 😉

 

 

22 – Bescherung | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Bescherung (Nina, Das Bodenlosz-Archiv)

 

Langsam erhitzt sich das Wasser im Kessel. In der Teekanne warten die dreizehn Kräuter.

Bald schon wird er auf dem Bärenfell vor dem Kamin liegen. Nackt und weich wie eine Jungratte. Sie hat eine Tanne aufgestellt, die bis zur Decke ragt, über und über besetzt mit Schneeflocken und Eiszapfen. Soll sie es im Wohnzimmer schneien lassen? Entzückend würde das Zimmer mit einer flauschigen Schneedecke aussehen. Aber er würde frieren. Lieber die Wände mit Zucker glasieren und ein ordentliches Feuer im Kamin prasseln lassen. Er wird Nussplätzchen knabbern und genüsslich über seinen straff gewölbten Bauch streichen.

Sie mag die Gefährten füllig. Da besteht kein Zweifel. Und wenn sie weiß, was sie will, stellt sich der Richtige ein.

Der Kessel pfeift. Sie gießt das sprudelnde Wasser über die Kräuter. Es riecht nach Zimt und Nelken, aber auch nach gefrorener Erde, Moos und Salz. Wie es sich zur Wintersonnenwende gehört. Schon ihre Urgroßmutter hat diesen Tee gebraut.

Sie schließt die Augen, trinkt und wünscht.

Es klopft an der Haustür. Sie öffnet. Die Steinwüste ist von Glatteis überzogen, aber das hat den neuen Gefährten nicht abgehalten. Er trägt eine grüne Pudelmütze und ein breites Lächeln im Gesicht.

Sie ist erfreut.

Woher die Gefährten kommen? Sie hat keine Ahnung. Vielleicht trägt sie der Sturm herbei. Sie wünscht nur und ihre Wünsche werden erfüllt.

Das ist der Weihnachtszauber und es geschieht alle Jahre wieder.

 

Adventüden 2019 22 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

21 – Nobby | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Nobby (Bernd, Red Skies over Paradise)

 

Die längste Nacht des Jahres bricht an – Wintersonnenwende.

Er hat sich auf seinen einigermaßen trockenen Schlafplatz auf dem Hauptfriedhof zurückgezogen; seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen sitzt er auf einem alten, zerfledderten Bärenfell, das er nach einem Flohmarkt im Müll gefunden hatte.

Er nennt den Friedhof liebevoll ›seine Steinwüste‹, weil die meisten Gräber auf seinem Weg anstatt mit Graberde nur noch mit diesen hässlichen, aber pflegeleichten Steinplatten bedeckt sind.

Man sieht ihm seine Armut an, seine Kleidung ist verschmutzt, teilweise eingerissen, zwischen Sohle und Schuh klafft ein Spalt, seine Haare sind fettig, sein Bart ist ungepflegt, Haare wachsen aus seinen Ohren.

Ein Herbststurm kündigt sich an, es regnete schon den ganzen Tag, die Temperatur soll kommende Nacht unter null Grad fallen, es wird morgen früh sicherlich Glatteis geben und Verkehrschaos.

Aus der Ferne, hinter der Mauer, dringt Hundegebell an sein Ohr, eine agile Jungratte huscht raschelnd durchs Laub unter den Schuppen.

Er hat Hunger und wickelt aus einer alten BILD-Zeitung einen viertel Laib Brot aus; er liest die Schlagzeile »Herbstdepression!« und denkt: »Dass ich nicht lache – Herbstdepression –, meine ist ganzjährig.«

Die ersten Schneeflocken wehen und er holt aus seiner Manteltasche eine Tüte Studentenfutter, die er heute Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt gefunden hat; die Nüsse sortiert er aus, »scheiß Nussallergie«, wirft sie in Richtung der Stelle, an der die Ratte verschwand.

Er holt den Campingkocher aus seiner blauen IKEA-Tasche, zündet nur mühsam die Flamme, gießt Mineralwasser in die alte Teekanne aus roter Keramik, kocht das Wasser langsam auf und lässt einen Teebeutel »Weihnachtszauber« darin ziehen.

Er legt sich hin, deckt sich mit allerlei Pappen zu, es wird ungemütlich sein bei diesem Sturm, sein Kopf liegt auf einem Riesen-Teddybären, den er vor Jahren einmal auf dem Rummel geschossen hatte; schmunzelnd schläft er ein, als er denkt ›Friedhof der Kuscheltiere‹.

 

Adventüden 2019 21 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Wasser zum Zweiten

Lieder wollte ich singen über die Schönheit und die Bedeutung des Wassers. Dann sagt eine Stimme „Mittelmeer“ und ich verstumme, weil mir die Realität auf den Kopf fällt und in den Ferienbildern Ertrunkene treiben. Ich denke an den Zeitpunkt zurück, als der SPIEGEL mit „Festung Europa“ titelte (das ist lange her, ich weiß nicht mehr wann), und ich begriff, dass meine Ideen über Freiheit, Gleichheit, Mitmenschlichkeit ziemlich elitär sind, weil ich als Europäerin auf der reichen Seite des großen Zauns geboren wurde … und ja, ich weiß, dass es auch bei uns viele Zäune gibt, es muss mich keiner erinnern.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich kann irgendwie auch nicht nichts sagen. Weder Politiker zu beschimpfen noch Petitionen zu zeichnen erscheint mir als gangbare Lösung für ein Problem, um nicht zu sagen für eine Konstitution der Welt, das/die um vieles größer als mein Einzel-Ich, sogar als mein Einzel-Staat ist. Dennoch: es ist nicht richtig. Ich bin furchtbar unglücklich.

 

Sturm hoch am Abendhimmel,

Zornigen Meeres Gesang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Viele Gedanken, so bang –
Sturm auf dem Meer und Gedanken,
Schwellnder Gedanken Klang –
Schwarzen Gewölkes Gewimmel,
Zornigen Meeres Gesang.

(Afanassi Afanassjewitsch Fet)

 

Sturmfront Nordsee – 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst

 

Himmel – Freitag, 17. Oktober 2014

Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht.

(Søren Kierkegaard)

 

Ich meine das vielleicht nicht so wie Kierkegaard, aber ich kenne das Gefühl, ihr auch? Im Herbst, beim Spazierengehen über die offenen Felder, habe ich immer das Gefühl einer Richtung nach oben, es zieht mich sozusagen weg, mit. Drachensteigen, Zugvögel (Immer möcht ich auffliegen, | mit den Zugvögeln fort;), Sturm, schnelle Wolken – egal. Vermutlich ist das ein Grund, weshalb ich die Küste so mag, gerade dann, wenn es karger wird.

Im Frühling ist alles anders, inwärtiger, wie er schreibt, zu Boden gerichteter. Da feiere ich in jedem Schneeglöckchen, Huflattich oder Krokus, in jeder Tulpe oder Weidenkätzchen das Wieder-Sichtbarwerden des Jahreskreislaufs.

Aber jetzt ist Herbst. Ich freue mich auf Wolken, Wind – und Regen. Bunt atmen mit den Winden | In der großen Luft. (beides aus „Ein Lied“ von Else Lasker-Schüler).

 

drachen himmel – 365tageasatzdayQuelle: Pixabay

Kreise – Samstag, 27. September 2014

… und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm | oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

 

Nach der „ungebundenen Sehnsucht“ musste so was jetzt kommen, das war hoffentlich klar 🙂 Hier ist der ganze Text:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Quelle: rilke.de)

 

Auch eines „meiner“ ganz persönlichen Rilke-Gedichte. Okay, da ist natürlich das Wort „Gott“ drin, was die meisten zum Flüchten bringt, Entschuldigung, keine böse Absicht. Bleibt vielleicht noch ein bisschen.

Was wäre denn, wenn man jenen Begriff mal rauslässt, ihn also eben nicht religiös auslegt, sondern das Gedicht einfach so liest:
Jemand lebt sein Leben um einen gewählten Mittelpunkt herum, „in wachsenden Ringen“, wie Jahresringe eines Baumes, bis zum Lebensende.
Das machen viele. Künstler zum Beispiel, Menschen, die sich an etwas, was sie (meist? oft?) als größer als sie empfinden, hingeben.
Dieses Etwas wird als „uralt“ (also „ewig“?) empfunden, genauso wie die Bewegung, und der Sprecher zögert, seine Rolle gegenüber diesem Etwas zu definieren: ein Falke (der in dem Turm sein Nest bauen könnte, also daran teilhaben, eine Form von Kommunikation, ein Darin-Sein); ein Sturm (dessen Gewalten den Turm umschmeicheln, aber vielleicht auch beschädigen könnten, also eine ambivalente Haltung); oder ein „großer Gesang“ (über die Schönheit des Turms(?)), auf jeden Fall vermutlich eine zustimmende, wenn nicht sogar anbetende Haltung.

Das ist eigentlich genau die Haltung gegenüber etwas (und ich sage absichtlich nicht, gegenüber jemandem), das man liebt (oder ablehnt, ich bin der Meinung, dass Liebe und Hass beides Zeichen einer intensiven Hingabe sind, also zwei Seiten einer Medaille). Teilhaben, kaputtmachen, anbeten. (Wobei ich nicht glaube, dass ich dem Sturm gerecht werde.)

Ich mag meine Überlegungen nicht mit „Gott“ in Bezug setzen, das mag jeder selbst tun oder lassen. Ich kann nur sagen, dass ich in diesem Gedicht eine liebende (ja, Absicht) Ehrfurcht vor etwas sehr Großem fühle. Und ja, da bin ich dabei.

Übrigens gibt es dieses Gedicht auch im Rilke-Projekt, mit Mario Adorf und Montserrat Caballé.

Habt ein schönes Wochenende!

 

turm glastonbury tor – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay