22 – Bescherung | Adventüden

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Bescherung (Nina, Das Bodenlosz-Archiv)

 

Langsam erhitzt sich das Wasser im Kessel. In der Teekanne warten die dreizehn Kräuter.

Bald schon wird er auf dem Bärenfell vor dem Kamin liegen. Nackt und weich wie eine Jungratte. Sie hat eine Tanne aufgestellt, die bis zur Decke ragt, über und über besetzt mit Schneeflocken und Eiszapfen. Soll sie es im Wohnzimmer schneien lassen? Entzückend würde das Zimmer mit einer flauschigen Schneedecke aussehen. Aber er würde frieren. Lieber die Wände mit Zucker glasieren und ein ordentliches Feuer im Kamin prasseln lassen. Er wird Nussplätzchen knabbern und genüsslich über seinen straff gewölbten Bauch streichen.

Sie mag die Gefährten füllig. Da besteht kein Zweifel. Und wenn sie weiß, was sie will, stellt sich der Richtige ein.

Der Kessel pfeift. Sie gießt das sprudelnde Wasser über die Kräuter. Es riecht nach Zimt und Nelken, aber auch nach gefrorener Erde, Moos und Salz. Wie es sich zur Wintersonnenwende gehört. Schon ihre Urgroßmutter hat diesen Tee gebraut.

Sie schließt die Augen, trinkt und wünscht.

Es klopft an der Haustür. Sie öffnet. Die Steinwüste ist von Glatteis überzogen, aber das hat den neuen Gefährten nicht abgehalten. Er trägt eine grüne Pudelmütze und ein breites Lächeln im Gesicht.

Sie ist erfreut.

Woher die Gefährten kommen? Sie hat keine Ahnung. Vielleicht trägt sie der Sturm herbei. Sie wünscht nur und ihre Wünsche werden erfüllt.

Das ist der Weihnachtszauber und es geschieht alle Jahre wieder.

 

Adventüden 2019 22 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

21 – Nobby | Adventüden

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Nobby (Bernd, Red Skies over Paradise)

 

Die längste Nacht des Jahres bricht an – Wintersonnenwende.

Er hat sich auf seinen einigermaßen trockenen Schlafplatz auf dem Hauptfriedhof zurückgezogen; seine Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen sitzt er auf einem alten, zerfledderten Bärenfell, das er nach einem Flohmarkt im Müll gefunden hatte.

Er nennt den Friedhof liebevoll ›seine Steinwüste‹, weil die meisten Gräber auf seinem Weg anstatt mit Graberde nur noch mit diesen hässlichen, aber pflegeleichten Steinplatten bedeckt sind.

Man sieht ihm seine Armut an, seine Kleidung ist verschmutzt, teilweise eingerissen, zwischen Sohle und Schuh klafft ein Spalt, seine Haare sind fettig, sein Bart ist ungepflegt, Haare wachsen aus seinen Ohren.

Ein Herbststurm kündigt sich an, es regnete schon den ganzen Tag, die Temperatur soll kommende Nacht unter null Grad fallen, es wird morgen früh sicherlich Glatteis geben und Verkehrschaos.

Aus der Ferne, hinter der Mauer, dringt Hundegebell an sein Ohr, eine agile Jungratte huscht raschelnd durchs Laub unter den Schuppen.

Er hat Hunger und wickelt aus einer alten BILD-Zeitung einen viertel Laib Brot aus; er liest die Schlagzeile »Herbstdepression!« und denkt: »Dass ich nicht lache – Herbstdepression –, meine ist ganzjährig.«

Die ersten Schneeflocken wehen und er holt aus seiner Manteltasche eine Tüte Studentenfutter, die er heute Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt gefunden hat; die Nüsse sortiert er aus, »scheiß Nussallergie«, wirft sie in Richtung der Stelle, an der die Ratte verschwand.

Er holt den Campingkocher aus seiner blauen IKEA-Tasche, zündet nur mühsam die Flamme, gießt Mineralwasser in die alte Teekanne aus roter Keramik, kocht das Wasser langsam auf und lässt einen Teebeutel »Weihnachtszauber« darin ziehen.

Er legt sich hin, deckt sich mit allerlei Pappen zu, es wird ungemütlich sein bei diesem Sturm, sein Kopf liegt auf einem Riesen-Teddybären, den er vor Jahren einmal auf dem Rummel geschossen hatte; schmunzelnd schläft er ein, als er denkt ›Friedhof der Kuscheltiere‹.

 

Adventüden 2019 21 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

16 – Die Eiligen Drei Könige | Adventüden

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Die Eiligen Drei Könige (Werner, Werner Kastens)

 

»Caspar?«

»Ja, Melchior, was ist?«

»Nimm endlich diese dämliche Pudelmütze ab! Wir sind doch die Drei Eiligen Könige und tragen Kronen!«

»Aber es ist doch nachts so kalt hier in der Steinwüste. Wenn die Sonne untergegangen ist, kühlt es sofort ab und ich friere an den Ohren!«

»Caspar, und wo bleibt eigentlich Balthasar? Warum ist er denn noch nicht zurück?«

»Der ist wieder einmal mit seinen Schnabelschuhen an einem Stein hängen geblieben. Dabei hat er die Teekanne umgestoßen. Jetzt muss er ihn neu aufbrühen! Und das dauert! Ich habe schon ganz klamme Hände.«

Melchior schüttelte den Kopf. Ihm wurde das Campieren mitten im Geröll der Jahrtausende auch langsam zu lang.

Er ermahnte Caspar, heute in dieser klaren Vollmondnacht besonders darauf zu achten, ob der in den alten Legenden angekündigte Stern auch tatsächlich aufgehen und ihnen den Weg zum Heiland zeigen würde.

»Und er wird tatsächlich von einer Jungfrau geboren?«, fragte Caspar unvermittelt.

»Ja, Maria soll sie heißen, und der sich als Vater ausgibt, Josef«, antwortete Melchior.

»Und wie sollen wir sie finden?«, fragte Balthasar mit dem Teekessel in der Hand.

»Gegen Ende des Jahres, so lautet die Prophezeiung«, antwortete Melchior. »Wenn im Abendland der weiße Schnee fällt! Was weiß ich, was damit gemeint ist. Lasst uns lieber etwas essen!«

»Ja, zum Tee gibt es heute von den neuen Navel-Apfelsinen«, frohlockte Balthasar. »Sehr lecker und keine Kerne mehr, auf denen man sich die Zähne ausbeißt.«

»Ich glaube wir sind schon im Gelobten Land. Wir müssen unsere Geschenke bereithalten!« Caspar sank plötzlich auf die Knie. »Da, zwischen den vielen Sternen glänzt der ganz helle, der uns führen soll! Ein Wunder ist geschehen!«

»Balthasar! Hast du wieder zu viel von dem Zaubertrank in den Tee gegeben? Ich habe es dir doch verboten!« Melchior war ganz außer sich. »Wie soll das nur enden?«

 

Die Heiligen Drei Könige für die Adventüden | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, gestiftet von Werner

 

Adventüden 2019 16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir