Nachruf | abc.etüden

Man vergleicht Erinnerungen mit einem Museum – und für mich fühlt sich das falsch an. Museum, das sind für mich hübsch kuratierte Ausstellungen, vielleicht gespickt mit Kärtchen mit biografischen und sonstigen Details, und mit viel Glück beschränken sie sich nicht nur auf ein Medium. Audioguide nicht zu vergessen.

Aber niemand hat mich auf den wirren Haufen Gefühle vorbereitet, in den ich trete: deine Klugheit, deine Wärme, deinen Humor, deine brüske Schale, die das berühmte große Herz verbarg. »Schwierig« nannten dich viele, aber du hättest dein letztes Hemd für deine Freunde gegeben, obwohl du nie Geld hattest. Ich habe deine Stimme im Ohr aus vielen Stunden am Telefon, dein Lachen, gefürchtet und geliebt, das plötzlich aus dir herausbrechen konnte, ich kenne dich andächtig, wütend und schwelgerisch. Wir wussten voneinander, worunter wir litten, einiges zumindest, und ich werde darüber schweigen, es hat unsere Freundschaft vertieft, natürlich. Erinnerst du dich, dass wir gemeinsam unsere Mütter begraben haben, jede zu ihrer Zeit?

Du bist weg, und ich bin erschüttert. Die Frage überfällt mich immer wieder, ob ich mehr für dich hätte tun können, hätte tun müssen, ob ich versagt habe. Ich war an meinen Grenzen und du nicht nebenan, alles wahr, und trotzdem …
Leb wohl.
Möge dort, wohin du gegangen bist und woran du glaubtest, dein Los leicht sein.

 

abc.etüden 2021 46+47 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Muesli on Unsplash, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 46/47.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lautet: Museum, biografisch, erinnern.

Autobiografisch? Ja und nein. Ich habe im Sommer wirklich eine Freundin verloren; aber getriggert wurde diese Etüde durch Gerda, die gestern auf ihrem Blog ebenfalls einen Verlust beklagt hat.

Ich finde es diesem Jahr angemessen, dass meine letzte »reguläre« Etüde einen Verlust beklagt. Möge das nächste wieder mehr Anlässe für fröhlichere Texte geben.

 

Adventüden 2020 22-12 | 365tageasatzaday

22.12. – Das Weihnachtsgeschenk | Adventüden

 

Es war dunkel. Tiefste Nacht. In den Häusern reihum blickten blinde Fenster auf die Straße, rollten sich kleine Kinder in ihre Kuscheldecken, umarmten ihre Teddybären und drückten Puppen eng an sich. Nur hinten, dort, wo die Gasse einen leichten Knick nach rechts machte, blitzte ein kleines Licht auf, als eine Tür sachte geöffnet und rasch wieder zugezogen wurde.

Eine schwer bepackte Gestalt huschte die Straße dorfauswärts. Dick eingehüllt in warme Kleidung verschwamm sie zu einem unförmigen Schemen. Niemand achtete in dieser Nacht vor Heiligabend darauf. Alle schliefen sie ihren Schlaf. Erschöpft die einen, sorgenvoll die anderen. Hoffend auf leichtere Zeiten die einen, fiebrig aufgeregt die anderen. Vergessend die einen, von einem schöneren Leben träumend die anderen.

Nebelschwaden zogen sich am Boden dahin bis zum kleinen Bach, der hurtig den Hang herunterhüpfte und vor sich hinmurmelte: »Schneller! Schneller!« So lauschte der Mann, der den Weg hinaus aus dem Ort und bergan davoneilte. Es war der alte Konrad, verschroben und nicht ganz hell im Kopf. Aus tiefstem Herzen friedfertig. Auch, wenn man nie so genau wusste, was in ihm vorging. Die Leute schüttelten meistens nur den Kopf über ihren Dorftrottel. Doch heute war er leise und heimlich davongeschlichen. Keiner nahm Notiz von ihm.

Am nächsten Morgen blickten die Dorfbewohner wie immer prüfend zum Berg, welches Wetter er bringen würde. Schnee vielleicht? Oder Regen? Eis? Lediglich die Kinder eilten hoffnungsvoll in die Wohnzimmer. Ob das Christkind vielleicht schon ein bisschen früher käme?

Da sahen sie am Nordhang des Berges den riesigen Stern glitzern. Ein wahres Lichtermeer aus Fackeln war es, das auf der oberen Alm leuchtete. Die Kinder jubelten begeistert. Nur die Erwachsenen schwiegen betroffen. Denn den alten Konrad fanden sie wenig später abseits im Schnee sitzend. Erfroren. Mit der letzten Fackel noch in der klammen Hand. Und einem Lächeln im runzligen Gesicht.

Autor*in: Veronika     Blog: vro jongliert

 

Adventüden 2020 22-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 10-12 | 365tageasatzaday

10.12. – Wenn die Zeit kommt | Adventüden

 

»Haben Sie schon geöffnet?« Eine junge, verfroren wirkende Frau hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt.
»Küche ist noch zu, aber Sie sehen aus, als könnten Sie einen Kaffee vertragen«, sagte ich und winkte sie herein.
»Kaffee wäre herrlich.« Die Frau wirkte ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Sie hatte lange, etwas strähnige blonde Haare mit Stirnband und eine Brille wie Janis Joplin.
»Hier wird Musik gemacht?«, fragte sie, auf die kleine Bühne mit dem Klavier deutend.
»Ach, früher mal«, antwortete ich und stellte eine Schale Lebkuchen neben ihre Kaffeetasse. »Der Laden war berühmt für seine Jazz-Sessions.«
»War?«, fragte die Frau.
»Ja, leider ist das Vergangenheit. Inzwischen beschwert sich der alte Herr von gegenüber ständig über den ›Lärm‹«. Ich deutete mit den Händen Anführungszeichen an. »Dabei soll er früher regelmäßig mitgejammt haben. Er war Jazztrompeter.«
»Und was ist passiert, dass er die Musik nicht mehr erträgt?«, fragte die junge Frau, während sie unserem Kater ein paar Streicheleinheiten zukommen ließ.
»Seine Frau ist gestorben, heißt es«, erklärte ich. »Danach war er nicht mehr derselbe. Er wurde immer bösartiger. Ich weiß, er ist unglücklich und einsam, aber bei allem Respekt: Er ist nicht alleine auf dieser Welt. Wenn er so weitermacht, kann ich hier bald dichtmachen.«

Die junge Frau hatte aufmerksam zugehört. Jetzt stand sie auf und sagte lächelnd: »Es wird Zeit, ich muss meinen Mann abholen.«
Nachdenklich blickte ich ihr nach, wie sie in den Nebelschwaden verschwand.

An jenem Abend verstarb unser alter Nachbar. Wir richteten auf Wunsch seiner Kinder den Leichenschmaus aus. Am Abend vorher kam der Sohn und brachte ein großes Foto, das auf der Theke stehen sollte.
»Meine Eltern bei ihrer Hippie-Hochzeit 1969«, erklärte er mit einem traurigen Lächeln. »Mein Vater hätte es so gewollt.«

Ich erkannte sie sofort an der Janis-Joplin-Brille.

Autor*in: Bettina     Blog: Wortgerinnsel

 

Adventüden 2020 10-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 01-12 | 365tageasatzaday

01.12. – Alice und die Schlittenfahrt | Adventüden

 

Die Sonne scheint auf den glitzernden Schnee. Während Alice sich in drei Schichten Unterwäsche quetscht, toben die Hunde schon an der Haustür. Gerd und Olav kommen gleich vorbei, dann soll es zur Schlittenfahrt auf die kleine Anhöhe gehen.

Morgens hatten noch Nebelschwaden über der Siedlung gehangen, doch ein gnädiger Wind blies sie bereits weg. Es klingelt, und sie wickelt den Schal um ihren Hals, bevor sie öffnet.
Olav begrüßt sie mit einem ungelenken Kuss auf die Wange, Gerd zieht grinsend die Augenbrauen hoch. Sie ziehen los, karawanengleich, jeder mit einem Schlitten im Schlepptau, kichernd und kicksend, wie sich nur erwachsene Kinder auf die seelischen Streicheleinheiten eines Tages im Schnee freuen können.

Alice stutzt, als sie um die letzte Ecke biegen. »Das darf doch nicht wahr sein!«

»Todesursache?« Mühlenbrock niest und zieht die Polizeiwollmütze tiefer in die hohe Stirn.
»Genickbruch, würde ich sagen.« Karl erhebt sich und tauscht die dünnen blauen Handschuhe gegen dicke Fäustlinge. »Sieht aus, als hätte er mit dem Streusalz gespart. Hier ist es spiegelglatt! Mehr …«
»… wenn du ihn auf dem Tisch hattest!« Der Kommissar nickt, niest noch einmal zur Bekräftigung und macht sich auf den Weg zurück ins warme Revier.

Er macht es sich am PC gemütlich, gießt sich eine heiße Schokolade aus seiner Thermoskanne ein und öffnet die Berichtsmaske. Das Telefon klingelt.
»Mühlenbrock? Ja, Karl? Eindeutig Unfall? Und die Spurensicherung hat im ganzen Haus kein Streusalz gefunden? Blöder Öko, das hat er jetzt davon.«
Er legt auf und schüttelt den Kopf.

Auf dem Hügel sitzen Alice und ihre Freunde und betrachten das abendliche Lichtermeer der Stadt.
»Hat alles auf unserem Rutschehügel verschwendet, der Idiot«, lacht sie, »da brauchten wir noch nicht mal nachzuhelfen.« Sie stößt mit den anderen an.

»Das scheint ein Wunschpunsch zu sein«, lächelt Olav und schaut ihr tief in die Augen.

Autor*in: Alice;     Blog: Make a Choice Alice

 

Adventüden 2020 01-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Freitag | abc.etüden

Wie eine flackernde Kerze, dachte sie beim Anblick der alten Dame erschrocken, die auf der Terrasse die spärliche Frühlingssonne genoss. Verfluchter Winter, er nahm so viel.

„Renate, bist du das?“ Suchend sah die alte Dame sich um.
„Nein, Frau Neumann, ich bin doch Milena vom Pflegedienst. Wie geht es Ihnen heute Mittag?“

Sie kam jeden Tag zweimal, um das zu erledigen, was es zu tun gab. Auch, weil sonst keiner mehr da war. Haare, Haut, Gesichtsfarbe, die viel zu oft gewaschene und jetzt schlotternde Kleidung der alten Dame erinnerten Milena an ein ausgebleichtes Foto.
Wie anders waren die Herzlichkeit und das laute Lachen ihrer eigenen Großmutter gewesen, die bis zum letzten Tag vor Leben gestrotzt hatte. Mit ihr zu knuddeln war wie ein Ringkampf mit einem Bären gewesen. Einem, bei dem man gern unterlag, weil dann die pure Liebe über einem zusammenschlug.
Angenehm war es in der Sonne. Milena seufzte.

„Könnten Sie mir meine Decke von der Couch holen? Mir wird kalt.“
„Wie lange sitzen Sie denn schon hier, Frau Neumann? Haben Sie zu Mittag gegessen? Sie sollten hineingehen und einen schönen, heißen Tee trinken, nicht, dass Sie sich noch eine Grippe einfangen.“
„Nein, ich möchte gern hierbleiben. Heute ist doch Dienstag, da kommt Renate mich nachmittags immer besuchen. Wer sind Sie noch gleich?“

Ihre Jugendfreundin war vor sechs Monaten gestorben. Letzte Woche hatte die alte Dame das noch gewusst.

„Sie ist bestimmt gleich da, Frau Neumann. Kommen Sie mit in die Küche, dann helfe ich Ihnen, Tee und Kuchen vorzubereiten. Das wird Sie aufwärmen.“
„Na gut.“

Sie stand auf und folgte Milena in die Küche.

Wenn sie weiter so abbaute, musste sie Meldung machen, das wusste Milena, dann würde die alte Dame nicht mehr lange allein leben können, ohne sich selbst zu gefährden.
Denn heute war und blieb Freitag.

 

abc.etüden 2020 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice und lauten: Grippe, gebleicht, knuddeln.

Nein, nein, nein! Ich bin okay! Ich habe höchstens ein bisschen Winterblues und leide an allgemeiner Lustlosigkeit, aber sonst ist nichts, wirklich nicht! Bei mir ist es diesmal das Wort „gebleicht“, das mich verfolgt und mir von Tod und Vergehen erzählt. Ich wollte mir eigentlich viel lieber was Schräges über „Bleaching“ (von Zähnen) aus den Fingern saugen, aber das Traurige wollte mich nicht loslassen …

 

17 – Auf das Leben! | Adventüden

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Auf das Leben! (Viola, viola-et-cetera)

 

Seit ich mit meiner Familie Weihnachten feiere, war kein Weihnachtsfest wie das andere. Meistens wurde im Familienkreis gefeiert. Manchmal waren auch Freunde der Familie dabei, die sich einsam fühlten. Und irgendwann mischte sich auch Hundegebell in die menschlichen Gespräche.

Traditionen gibt es nicht viele in meiner Familie. Das Zusammensein mit anderen ist wichtig. Nicht immer war das Fest harmonisch, vor allem Teenager-Viola hat alle deutlich wissen lassen, was sie davon hielt, ihr Bett eine Nacht der Oma überlassen zu müssen. Aber wir haben es zusammen durchgestanden. Weiße Weihnachten mit Glatteis und Schneeflocken waren genauso dabei wie grüne Weihnachtsfeiertage. Aber ausgefallen ist noch kein Weihnachtsfest, und das ist auch gut so, es hätte uns allen sehr gefehlt.

Leider mussten wir uns auch schon zwei Mal ganz kurz vor Heiligabend von Verwandten für immer verabschieden. Daraufhin hat meine Mutter den Brauch eingeführt, Weihnachten »auf das Leben« anzustoßen. Das beinhaltet Dankbarkeit, dass wir ein weiteres Mal im Kreise lieber Menschen feiern können, und es ist ein Gedenken an diejenigen, die nicht mehr dabei sind.

Mir hilft die Vorfreude auf Weihnachten immer aus der Herbstdepression, die sich gerne in mir ausbreitet, wenn die Tage kürzer werden. Geschenke müssen besorgt und eingepackt werden, Adventsgestecke verbreiten angenehmen Tannenduft, und oft steht abends eine Teekanne voll wohltuend warmem Gebräu auf dem Tisch. Und wenn der Weihnachtszauber vorbei ist und alles wieder in Dunkelheit und Matsch versinkt, kann ich mir einreden, dass die Wintersonnenwende schon vorbei ist und die Helligkeit wieder Einzug hält.

Euch allen frohe Feiertage, und feiert das Leben!

 

Adventüden 2019 17 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

14 – Auf der Jagd | Adventüden

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Auf der Jagd (Stepnwolf, Weltall. Erde. Mensch…und Ich.)

 

Das Kaminzimmer sah pittoresk aus. Zumindest aus dem Blickwinkel eines Jagdenthusiasten. Von den obligatorischen Jagdtrophäen und Wandgemälden über Vitrinen voller Pokale und Jagdflinten bis zum durchaus etwas überdimensionierten Bärenfell vor dem Steinkamin war dieser Raum vollends ein Jägertraum. Einzig die obere Galerie mit ihren unendlichen Bücherreihen widersprach diesem Bild ein wenig.
Und natürlich die wild im Zimmer verstreuten Leichenteile.

»Agent Luphes? Wir haben etwas gefunden.«
»Wo?«
»Auf der Veranda.«

Es hatte die ganze Nacht hindurch geschneit. Erst in den Morgenstunden ließ das Schneegestöber allmählich nach, bis nur noch vereinzelte Schneeflocken geschmeidig gen Boden rieselten, wo sie in einem Meer aus Weiß versanken. Das Dach der Veranda ragte weit hinaus, weshalb der Neuschnee gänzlich fehlte. Der Platz davor war mit Spuren übersät.

»Wir gehen anhand der Fußabdrücke von einer männlichen Person aus, circa eins neunzig groß und eher ein Leichtgewicht. Sieht nach Einbruch mit Todesfolge aus. Die zerfledderte Leiche könnte von den anderen Spuren herrühren.«

Agent Luphes’ Blick fiel auf ein Gewimmel wolfsähnlicher Abdrücke.

»Nach der übereilten Flucht des Täters hat sich anscheinend ein Wolfsrudel an dem noch frischen Fleisch satt gefressen. Wie pflegte mein alter Herr immer zu tönen: Ein Wolf ist kein Kuscheltier! Da kann man nur hoffen, dass der Baron zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.«

Agent Luphes nippte am Kaffee. Ihrem ersten an diesem frühen Morgen. Sie ging zurück zum Tatort. Vorbei an abgetrennten Körperteilen. Erklomm die Leiter zur Galerie. Schaute über die Balustrade und sah, was sie längst vermutet hatte. Die Leichenteile waren mitnichten wahllos verstreut. Verband man alle miteinander, bildeten sie vielmehr einen Buchstaben. Ein W.

Das war definitiv kein Raubmord, ebenso wenig ein Rudel ausgehungerter Wölfe. Sondern eigentlich nur ein Wolf. Allerdings ein ganz spezielles Exemplar.

Agent Luphes wählte eine Nummer auf ihrem Handy. Ihre Lippen murmelten nur einen Satz:  »Mein Bruder ist zurück.«

 

Adventüden 2019 14 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

03 – Spurlos | Adventüden

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Spurlos (Bettina, Wortgerinnsel)

 

Gestern in der Kantine hörte ich jemanden »Last Christmas« vor sich hin singen. Jemand anderes stöhnte laut und rief: »Bitte nicht, ich habe noch nicht einmal meine Herbstdepression hinter mir.«

Alle lachten. Ich natürlich auch, was hätte ich auch sonst tun sollen. Früher habe ich selbst oft genug solche oder so ähnliche Witze gemacht. Dabei wissen wir noch nicht einmal, ob es überhaupt die Depressionen waren. Es könnte ganz andere Gründe gegeben haben. Es muss nicht einmal freiwillig geschehen sein.
Aber darüber wollten wir nie ernsthaft nachdenken.
Damals nicht und heute auch nicht.
Wir reden allerdings sowieso nicht mehr oft darüber. Eigentlich nie, wenn ich ganz ehrlich bin. Jetzt wo ich darüber nachdenke, frage ich mich, wann wir zuletzt deinen Namen erwähnt haben.

Ich erinnere mich an das zweite Weihnachten danach. Es gab natürlich Onkel Sigis berühmten Rumstreuselkuchen. Da gehören eigentlich Nüsse rein. Aber du hattest diese Nussallergie, und deshalb gab es immer zwei Varianten vom Kuchen.
Schon im zweiten Jahr … nicht mehr.
Es gab Onkel Sigis Kuchen nur noch mit Nüssen.
Schon im zweiten Jahr gingen wir stillschweigend davon aus, dass es unter uns niemanden mehr gibt, der keine Nüsse verträgt?
Warum gingen wir so schnell zur Tagesordnung über? Zu welcher Tagesordnung kann man übergehen, wenn so etwas passiert?

Es ist noch viel zu früh für »Last Christmas« und den ganzen Weihnachtszauber.

Und es ist auch noch viel zu früh, um einfach weiterzumachen als sei nichts passiert.

Auch wenn wir nicht wissen, was passiert ist.
Auch wenn wir es vielleicht nie wissen werden.
Du bist weg.
Das müssen wir aussprechen.
Auch wenn es nicht auszudenken ist.
Aber das ist alles nicht nur dir passiert.
Es ist uns passiert.
Es passiert immer noch.
Es passiert jeden Tag.

 

Adventüden 2019 03 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

 

Von November und Vöglein

 

Vöglein mein Bote

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
flieg zu der Liebsten hin und setz dich nieder,
sieh’ was sie tut, ob sie dem Fernnen gut,
ob sie an mich gedacht, Vöglein gib Acht!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
trag zu der Liebsten hin all meine Lieder!
Sag’ „er ist dein, kann ohne dich nicht sein,
lebt nur allein für dich!“ Vöglein so sprich!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
nimm ihren Liebesgruß auf dein Gefieder!
Wenn sie dich fragt und dir viel Schönes sagt
bring mir’s in raschem Flug, Vöglein sei klug!

(Johann Gabriel Seidl, Vöglein mein Bote, Online-Quelle)

 

Zwei Vöglein

Zwei Vöglein hatten sich lieb einmal,
Sie fanden kein Nest im Heimatland.

Zwei Vöglein wollten in süßeres Land,
Sie flogen und flogen unverwandt.

Zwei Vöglein wurden die Flügel schwer,
Ertranken beide im wilden Meer.

(Ernst Goll, Zwei Vöglein, aus: Im bitteren Menschenland. Nachgelassene Gedichte, 1912, S. 162, Online-Quelle)

 

Vöglein Schwermut

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
das singt so todestraurig …
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
wer es hört, der tut sich ein Leides an,
der mag keine Sonne mehr schauen.
Allmitternacht, Allmitternacht
ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt’s leis und spricht ihm zu:
„Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!“
Und wieder fliegt’s flötend über die Welt.

(Christian Morgenstern, Vöglein Schwermut, aus: Auf vielen Wegen, Online-Quelle)

 

Möwe vor dunklen Wolken | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ihr Lieben, nein, ich bin weder in Schwermut versunken noch hat der Fellträger ein Weh noch ist sonst irgendwas, danke, ich möchte besorgten Anfragen nur vorbauen. Es ist nur so, dass ich über drei Gedichte mit „Vöglein“ gestolpert bin, kurz schockiert war und dann dachte, na, es ist eben nicht immer alles nett.

Das soll euch aber nicht hindern, gut und sanft in die neue Woche zu kommen!

 

Mit 66 Jahren …

Wer oft hier liest, der weiß, wie selten ich irgendwas reblogge. Und eigene Sachen eigentlich nie.
Bis jetzt.
Aus Gründen, wegen heute und so.

Alles Liebe zum Geburtstag, mein Lieber, du fehlst mir immer noch wie blöde, so oft, so unmittelbar, und ja, doch, anders als noch letztes Jahr. Ich weiß, du wärest erstaunt darüber, glaub mir, ich bin es auch, ich hab es weder gewollt noch damit gerechnet. Du auch nicht, ja, klar. Trotzdem.
Ach, Mensch, warum nur.

 

***

Adventszeit. Die Unruhe hatte sie nachmittags aus dem Haus getrieben. „Kommst du mit, Weihnachtsbäume zählen?“, hatte sie früher ins Telefon gerufen. Das Auto hatte wie von selbst die vertraute Route eingeschlagen. Es war schon dämmerig, und rechts und links blinkten immer wieder Nikoläuse und Rentiere an den Straßen. Und bunt beleuchtete Tannenbäume. Schön war das.
Wie so oft entspannte sie sich beim Autofahren. Schön und schrecklich und kitschig und doch auch ein bisschen feierlich. Sie spähte aufmerksam in eine Seitenstraße. Hatte dort hinten nicht immer dieses riesige Monster von einem Santa hervorgelugt, kletterte der dieses Jahr auch wieder die Hausfassade hoch? Ja, tat er. Vergnügt bog sie ab und passierte ihn kopfschüttelnd. Vielleicht hätte sie doch die Kamera mitnehmen sollen.

Der, mit dem sie am liebsten unterwegs gewesen wäre, war nicht mehr dabei. Ein Teil ihrer Freundschaft hatte daraus bestanden, dass sie miteinander im Auto durch die Stadt gekutscht waren, sie, die gern fuhr und ihre Stadt so liebte, er, der es genoss, etwas zu sehen, ohne sich großartig bewegen zu müssen und immer für eine dumme Idee zu haben gewesen war. An Gesprächsstoff hatte es ihnen nie gefehlt, auch wenn sie durchaus nicht immer einer Meinung gewesen waren. Rauchen durfte nur er in ihrem Auto, seine schmalen filterlosen Selbstgedrehten, er war sich der Ehre bewusst. Und wenn die kleine Karre noch eine Kaffeebar beherbergt hätte, wäre alles perfekt gewesen.

„Ach verdammt, warum bist du nicht hier“, sagte sie laut und erschrak über ihre eigene Stimme. Sie unterhielt sich in Gedanken öfter mit ihm, erzählte ihm, was los war, fragte ihn hin und wieder, was er davon hielt und versuchte zu erspüren, was er vielleicht geantwortet hätte. Manchmal hatte sie das Gefühl von Erheiterung, manchmal von interessierter Anteilnahme, meistens war da einfach gar nichts. Aber viel zu oft nagte dann einfach noch das Alleingelassensein an ihr und sie wütete in Gedanken und warf ihm vor, wie es ihm einfallen konnte, einfach so wegzusterben. Viel zu jung und so. Überhaupt, hatten sie nicht miteinander alt werden wollen?

Wie jedes Jahr hielt sie an einer bestimmten Straßenecke und betrachtete die Jugendstilvilla einer Immobilienfirma, die alle 15 Sekunden in einer anderen Farbe angestrahlt wurde. Rot-violett-grün-blau. Künstlerisch ohne Zweifel wertvoll. Sie hatten sich beide gefragt, wie man die Farbwechsel die ganze Nacht aushielt, ohne verrückt zu werden. Rot-violett-grün-blau. Au-gen-ter-ror. Aber vielleicht wurde das Teil ja später am Abend abgeschaltet.
Neben ihr schien der Schatten plötzlich dunkler zu werden. Als sie anfuhr, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht mehr allein war. Sie schüttelte den Kopf. Mach dich nicht verrückt.

Als sie auf ihrer Lieblingsstraße entlang der Elbe dahinrollte, riskierte sie erneut einen Blick auf die Beifahrerseite. Hm. Hier waren die Lichterketten der Weihnachtsdekorationen deutlich dezenter und seltener, die Gegend war erheblich teurer. Dafür waren die Ausblicke auf und über das Wasser Richtung Hafen bei jeder Tages- und Nachtzeit unbezahlbar schön. Sie stoppte in einer Parkbucht und blickte auf die schimmernden Lichter des Hafens, die niemals schliefen. Hier hatten sie öfter gestanden, gegessen, gelacht, diskutiert, meist tagsüber, wenn der Imbiss am anderen Ende aufhatte.

„Na?“ dachte sie. „Schön, dass du vorbeischaust. Wie geht es dir so?“
Ein Schwall von Liebe und Wärme traf sie völlig unvorbereitet. Für einen Moment meinte sie, seinen charakteristischen Geruch zu riechen. Eine Welle von Sehnsucht schwappte hoch und trieb ihr sofort die Tränen in die Augen. „Hab ich alles nicht so gewollt“, brummelte es in ihrem Kopf.
„Weiß ich doch“, schniefte sie und griff nach einem Taschentuch.

Vor ihr knallte es irgendwo. Zischend starteten ein paar Raketen. Über dem Hafen regnete es Licht. Idioten, die waren wirklich früh dran mit dem Feuerwerksgeballer dieses Jahr! Okay, dann war das wohl das Zeichen. Sie schob die trüben Gedanken weg und griff neben sich in die Tasche. Mit sicheren Handgriffen entkorkte sie die mitgebrachte Sektflasche und zog eine Handvoll Wunderkerzen hervor. „Komm mit raus“, bat sie sicherheitshalber.

Draußen hockte sie sich auf die Lehne einer Bank, entzündete nicht ohne Mühe die Wunderkerzen alle auf einmal und bewunderte ihre funkensprühende Faust. Sie nahm einen großen Schluck Sekt, verschluckte sich und trank noch mal. Er hatte keinen Sekt gemocht, aber sie vermutete, dass das jetzt eh egal war. Dann hob sie die Flasche, goss einen kräftigen Schluck auf den Boden, drehte sich in alle Himmelsrichtungen und prostete ihm zu.
„Happy birthday, Alter. Nur Gutes dir. Wo immer du auch bist.“

***

 

Dieser mein Text erschien am 10. Dezember letzten Jahres für und bei die/der überaus wertgeschätzte/n Frau Graugans im Rahmen ihres Projektes „Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.“. Beim Wiederlesen habe ich gemerkt, dass er immer noch verdammt gut passt und dass ich ihn sehr mag. Und vielleicht kennt ihn der eine oder die andere ja noch nicht. Und nein, Udo Jürgens ist gewiss keine Option, musikalisch gesehen. Mit 66 Jahren … tja. Verdammt.

Dieses Jahr hab ich die Runde durch die Stadt noch nicht gemacht.

Update: Ich glaube, ich muss aber noch was richtigstellen. Bei einigen scheint mein Text den Eindruck erweckt zu haben, wir wären noch ein Paar gewesen, er und ich, als er starb. Dem war schon viele Jahre nicht mehr so, unsere Beziehung war einer tiefen, starken Freundschaft (mit Höhen und Tiefen) gewichen, die – selbstverständlich – auch andere Partner zuließ. Er war zum Zeitpunkt seines Todes nicht alleine, und daher gebührt es mir einfach nicht, dass der Anschein entsteht, ICH sei zu jenem Zeitpunkt die Frau an seiner Seite gewesen. Seine Partnerin ist Social-Media-abstinent, liest, soweit ich weiß, auch meinen Blog nicht, hat ihre eigene Verbindung zu ihm und ihre eigene Art zu trauern, so wie ich meine habe. Das ist alles okay und gut so, aber, wie gesagt, die Federn der „Partnerin“ gebühren mir nicht (mehr).

 

wunderkerzen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

 

65 ist doch kein Alter

Adventszeit. Die Unruhe hatte sie nachmittags aus dem Haus getrieben. „Kommst du mit, Weihnachtsbäume zählen?“, hatte sie früher ins Telefon gerufen. Das Auto hatte wie von selbst die vertraute Route eingeschlagen. Es war schon dämmerig, und rechts und links blinkten immer wieder Nikoläuse und Rentiere an den Straßen. Und bunt beleuchtete Tannenbäume. Schön war das.
Wie so oft entspannte sie sich beim Autofahren. Schön und schrecklich und kitschig und doch auch ein bisschen feierlich. Sie spähte aufmerksam in eine Seitenstraße. Hatte dort hinten nicht immer dieses riesige Monster …

Klicken zum Weiterlesen!

 

Wunderkerze | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieser mein Text erschien gestern als Teil des großartigen 24-Tage-Projekts von Frau Graugans: Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Daher möchte ich euch bitten, den Rest meiner Geschichte bei ihr zu lesen. Liebe Margarete, vielen Dank für die Einladung, hat mich sehr gefreut.

Einen schönen 3. Advent euch allen!

 

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Lied der Woche

Aus Gründen.
Ihr kennt sie.

Das Ding wurde vorgestern auf der Beerdigung gespielt, und, ehrlich gesagt, habe ich schon sehr viel steifere und unpersönlichere Beerdigungen überlebt. Diese hier war ein Kerzenmeer, wir waren ein sehr kleiner Kreis Trauernder und der (nichtkonfessionelle) Trauerredner hat es wirklich gut gemacht.

Nein, für mich ist es kein Ende von irgendwas (was man immer von Beerdigungen hört), nein, ich fühle mich überhaupt nicht getröstet, aber es waren einige Leute da, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte und wir haben (beim „Leichenschmaus“, auch so ein Wort) viel über ihn gesprochen und WeißtDuNochs ausgetauscht, und das war auf eine traurige und berührende Weise schön.

 

Ach ach ach.

Ich komme im Moment seltener als üblich bei euch vorbei, seht es mir bitte nach.