Adventüden 2020 06-12 | 365tageasatzaday

06.12. – Die Überraschung | Adventüden

Triggerwarnung: Hinterhältig!

 

Das Etikett auf der Flasche verhieß nichts Gutes. »Wunschpunsch« stand da. Gitta las es, drehte die Flasche einmal im Kreis herum und las noch mal. Wunschpunsch. Gitta schob den Käsekuchen zur Seite.

Vermutlich ist es einfach nur Gin, dachte sie – aber wenn doch was dran war? In ihrem alten Märchenbuch gab es eine Geschichte, es war irgendwas mit: Wenn man trinkt, kann man sich etwas wünschen – aber was war die Bedingung? Es gibt immer eine Bedingung bei den Märchen, nichts ist umsonst.
Sie nahm die Flasche in die Hand. Kein Drehverschluss, ein seltsamer Korken, der nicht so aussah, als ob man ihn mit dem Korkenzieher herausziehen sollte.

Ich könnte mir wünschen, dass ich jetzt noch die Semmelknödel mit Gulasch essen kann, mir nicht schlecht wird und ich morgen trotzdem nicht zugenommen habe, dachte sie.

So ein Blödsinn. Sie sollte sich schon etwas Gescheites wünschen. Einen Lottogewinn oder eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann zum Beispiel. Und wenn sie erst beim Weihnachtsmann in der Kutsche saß, könnte sie ja direkt weiterwünschen. Der Weihnachtsmann und seine Wichtel erfüllen ja auch Wünsche.
Die Frage, wer ihr die Flasche vor die Tür gestellt hatte, war auch noch nicht beantwortet.

Ich wünsche mir einen Prinzen, der mein Herz mit Minnesang erobert, dachte Gitta, schenkte sich ein Glas halb voll und nippte. Mhm, lecker. Sie trank in kleinen Schlucken und wünschte sich den Prinzen. Dann trank sie ein zweites Glas und wünschte sich noch das Schloss dazu. Und noch ein Glas.
Ich wünsche mir die Schlittenfahrt. Gitta wurde schläfrig.
Sie ließ das Glas sinken und flüsterte: »Nein, viel lieber will ich ein Zugvogel sein und die ganze Welt von oben sehen.«

Das Glas fiel zu Boden.
Der Hausmeister fühlte Gittas Puls und wählte eine Nummer.
»Die Alte ist hin«, sagte er. »Die Wohnung wird frei.«

Autor*in: Carmen     Blog: Wortwabe

 

Adventüden 2020 06-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Über Träume | abc.etüden

Heute war der große Tag, an dem er 13 wurde, und heute würde ES passieren, er war so aufgeregt! Mit seiner Mutter ging Lukas auf den Korb des Heißluftballons zu, wo die anderen Passagiere schon warteten.

Der Mann stellte sein Stativ in einiger Entfernung auf, befestigte mit geübten Handgriffen die schwere Kamera mit dem dicken Tele und fluchte, weil sich ein Bein in den unbefestigten Boden bohrte. Egal, Fotos und ein kleiner Film waren das Mindeste, was er tun konnte, er würde es durchziehen, sein eigener Kindheitstraum war genau das, ein Traum, jetzt ging es um seinen Sohn, der vor Aufregung bestimmt die letzten drei Nächte nicht geschlafen hatte und diesem Sonnenaufgang entgegenfieberte, seit sie ihm gesagt hatten, was er zum Geburtstag bekommen würde. Natürlich hatte Lukas dann alles über Heißluftballons und Wetterbedingungen in sich aufgesaugt; er war in seinem Alter nicht anders gewesen.
Ach, so gern wäre er jetzt mit ihm in diesen Korb geklettert, aber er brauchte gar nicht damit anzufangen, irgendwelchem Stress in seiner gescheiterten Ehe nachzuspüren und die Schuld zu geben, er hatte schlicht und ergreifend schon immer diese verdammte Höhenangst, die so schlimm war, dass ihm sogar auf jeder Leiter schlecht wurde.
Und er hatte es vor Lukas nicht zugeben wollen, hatte aus abergläubischer Angst, ihn mit seinem Makel „anzustecken“, einfach geschwiegen. Später am Tag, wenn alles gut gegangen war, würde er ein Vater-Sohn-Gespräch mit ihm führen, das schuldete er ihm.

Als der Ballon majestätisch über seinen Kopf hinwegschwebte, entdeckte Lukas ihn und fiel vor Winken und Rufen fast aus dem Korb. Er war zum Glück zu weit oben und zu begeistert, als dass er gesehen hätte, dass seinem Vater dicke Tränen über die Wangen rannen.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 2 visitenkartemyblog 30.17 | 365tageasatzadayVisuals: lz. (ludwigzeidler.de)

 

Ich hätte da zum Thema Träume und nicht errungene Sehnsüchte noch einen Gedichtlink: Isolde Kurz, „Über ein Glück“.

Und dank des Kommentars von Frau dergl (s. u.) gibt es auch ein Lied zum Tag: Wolfsheim, Kein Zurück

 

Für die abc.etüden, Woche 30.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena (visitenkartemyblog.wordpress.com) und lauten: Stativ, Kindheitstraum, nachspüren.

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Über ein Glück – Samstag, 22. November 2014

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
Tröstet die alles heilende Zeit.
Aber die Träume, die nie errungnen,
Nie vergeßnen und nie bezwungnen,
Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

(Isolde Kurz, 1853 – 1944, aus „Singende Flamme“, Quelle)

Wieder eines jener Gedichte, welches ein „Rausschwimmen“ unter der Dusche mit zurück an Land brachte. Mir ist entfallen, woher ich es kenne, muss aber schon sehr lange her sein und mich sehr beeindruckt haben, denn mir war lediglich der Name der Autorin entfallen, zu der eine kleine Biographie hier zu finden ist.

Wobei ich befürchte, dass ich mir es eher wegen des „sehnenden Leides“ gemerkt habe als wegen des Glücks, und mich frage, wie man am besten mit Träumen umgeht. Erringen, okay. Aber vergessen? Bezwingen?
Okay, man merkt vielleicht irgendwann, dass man sich mit manchen Träumen verrannt hat (nicht alle erwachsenen Mädchen wollen immer noch Ärztin werden und ich nicht mehr Wanderschäferin), aber Träume zu unterdrücken, halte ich für eine ziemlich ungesunde Sache. Weil Träume einem sagen, wer man sein könnte, wie man vollständig ist, heil wird. Und wenn man das nicht wenigstens ein Stückchen weit ausprobiert, fehlt was. Und wenn was fehlt – dann fehlt was. Siehe das „sehnende Leid“ von oben.

Sehnsucht – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay