Über das Liken | abc.etüden

Ich möchte mich mal kurz aufregen. Da berichten Blogger*innen über Themen und Ereignisse, die sie zutiefst bewegen und vielleicht sogar schmerzen (und ich meine damit Persönliches, explizit nicht Corona, die Impffrage oder Politik generell). Reaktion: Schweigen im Walde. Ein ergriffenes? Trauriges? Desinteressiertes? Tja. Wer weiß? Auf jeden Fall: Kein Like, kein Kommentar. Oder wenn ja, dann höchstens sperrig: »Tut mir leid, das ist ja sooo schlimm, das kann ich aber wirklich nicht liken.«

Hallo? Bitte, überlegt doch mal eins: Wie wollt ihr denn sonst öffentlich Unterstützung oder Teilnahme ausdrücken, wenn nicht – mindestens – über ein Like, das »Habs gelesen, ja, furchtbar« besagt? Es steht euch nicht auf der Stirn geschrieben, dass ihr vor Mitleid überquellt, ihr Geheimkünstler! Und wer, Charakterfrage, wenn wir gerade schon mal dabei sind, FREUT sich denn über etwas Fürchterliches, das ein anderer berichtet, sodass man das Like dann wirklich als ein klassisches »Gefällt mir« auffassen könnte? Glaubt ihr ernsthaft von euren Followern, die bei euch regelmäßig liken oder kommentieren, dass die so drauf sind?

Klar, es gibt Schadenfreude. Klar, es gibt Fehden (und man kann Likes nicht sperren), aber wer sich häufiger mit seinen Followern auseinandersetzt und Wert auf eine gewisse Gesprächskultur legt, der kennt (normalerweise) seine Pappenheimer und weiß, wo ein Like Unterstützung suggeriert und wo nicht.

Ja, manchmal lese ich bei anderen von Dingen und Ereignissen, die mir nicht gefallen und wofür ich keine Worte finde. Aber dann kann ich das transportieren, kann etwas kommentieren wie: »Ach, wie schlimm. Da fehlen mir die Worte.«
Denn ich denke immer, wenn jemand etwas Bedrückendes postet, dann soll das Aufmerksamkeit erzeugen. Und dann hilft mir persönlich eine Rückmeldung wie »Ich kann dir zwar nicht helfen, aber ich sehe dich und deinen Schmerz« schon weiter und trägt mich.
Oder einfach ein simples Like.
Alles ist besser als Schweigen.

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

Nach – wie heißt es so schön – einer wahren Begebenheit. Eigentlich sogar nach so einigen. Dieses: „Das kann ich aber nicht liken“, begegnet mir so häufig immer wieder, dass ich es echt schon ärgerlich finde, dass die Betreffenden nicht weiterdenken, warum jemand das wohl eingestellt hat.

Ja, ist auch mein persönliches Ding, meine Auffassung vom Bloggen, die nicht die anderer sein muss, schon klar 😉 Ich bin ein bekennender Hab-ich-gelesen-Liker. Mein Like muss NICHT zwangsläufig heißen, dass ich den gelikten Blogeintrag gut finde oder gar der dort vertretenen Meinung zustimme, sondern erst mal nur, dass ich anzeigen möchte, dass ich es gelesen habe. Okay, wenn ich eure Beiträge like und euch schon länger folge, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass ich eurer Meinung bin, aber das ist sekundär. Außerdem kann ich ja auch noch kommentieren 😉

Und ihr so?

 

Ein Geschenk | abc.etüden

Ich kenne den Blick. Er soll mir suggerieren, dass ich etwas unglaublich Wertvolles übersehe. Ich kenne aber auch den, der so guckt. Hm.
Außerdem ist es früher Morgen. Also, ziemlich früh.

Ein Geschenk? Bestimmt. Ist hier irgendetwas anders als sonst? Nein. Dann muss er es versteckt haben.

»Soll ich suchen?«, frage ich und sehe diesen erwartungsvollen Glanz in seinen Augen. Okaaaaay. Also mustere ich das Regal – nichts – und umrunde das sperrige Sofa. Bingo!

Da liegen sie: DREI Leichen in, äh, unterschiedlichen Zuständen der Vollständigkeit. Ich wusste es doch. Wahrscheinlich haben sie nicht geschmeckt.

Und das vor dem ersten Kaffee.

»Oha, da hast du heute Nacht ganz im Verborgenen aber eine ordentliche Strecke gemacht, mein Geheimkünstler«, lobe ich ihn. Schnurrend kommt er an, stößt seinen Kopf gegen mein Bein und streicht daran entlang. Ich kraule den getigerten Pelz. Ohne jeden Zweifel ist jetzt eine Belohnung fällig.

»Na, dann komm mal mit in die Küche, dann gebe ich dir was«, seufze ich und nehme auch gleich die Utensilien mit, um die Spuren der Großwildjagd zu beseitigen. Ich muss dran denken, fürs Erste die Katerklappe zu verriegeln, das war schon das dritte Mal in zwei Wochen, dass er etwas hereingebracht hat, und man weiß nie, ob nicht doch eine nur halb tote Beute dabei ist und demnächst in einer Ecke vor sich hin rottet.

Den Schrecken der Mäuseschaft (Vögel sind zum Glück meist zu schnell, er wird ja auch älter) interessiert das alles freilich nicht mehr. Er hat sich den Bauch vollgeschlagen und schläft auf dem Sofa den Schlaf des Gerechten.

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by krakenimages on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 40/41.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

Jaaaa, eine Kattitüde mal wieder! Die könnte sich sogar hier abgespielt haben, wenn 1. ich eine Katzenklappe hätte (aus den in der Etüde erwähnten Gründen nicht) und 2. der Herr Fellträger tatsächlich in einer derartigen Frequenz Mäuse erbeuten würde, aber momentan ist es nachts draußen eher ruhig und morgens steht nur ein hungriges Pelztier vor der Tür, das kräftig anfängt, Winterfell zu entwickeln.
Schlafen kann er allerdings wie gemalt.

Kleine Zwischendurch-Etüde ohne größeren Anspruch, ich hab einfach zu viel um die Ohren.

 

Schreibeinladung für die Textwochen 40.41.21 | Wortspende von umgeBUCHt

Es gibt Wortspenden, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, die passen in die Zeit wie der berühmte A… auf den nicht minder berühmten Eimer. So geschehen mit der Wortspende von Werner, als mir klar wurde, dass neben allem, wofür man Prophezeiungen verbraten kann, ja auch noch Bundestagswahl war. Und so verwundert es mich nicht, dass zwar weniger Blogs teilgenommen haben, aber insgesamt die Menge der eingereichten Etüden erfreulich in die Höhe geschnellt ist. Sehr schön! Weiter so, bitte! 😉

Daran kann ich dann jetzt nahtlos die Statistik anschließen: Insgesamt haben 28 Blogs 57 Etüden ins Rennen geschickt, das ist richtig schick und kann sich sehen lassen! Dieses Mal führen Maren und Christian die Liste mit jeweils 6 Etüden an, gefolgt von Werner und Gerhard mit jeweils 5. Nicht unerwähnt soll jedoch auch Ulrike mit ihren 4 Etüden bleiben. Herzlichen Dank!

Also: Danke an euch, die ihr mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert habt! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert/gelikt hat, und speziell an Werner Kastens, dem wir die Wortspende der letzten beiden Wochen verdankten und dem ich für ausdauerndes Kümmern und Kommentieren hiermit den Großen Etüdenorden am Bande verleihe.
Schaut bitte nach: Fehlt irgendwas, habe ich was übersehen, ist ein Link kaputt? Sagt Bescheid, es ist keine böse Absicht.

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt – und ich freue mich sehr, dass es teilweise auch wirklich geschieht.

Barbara von der Kulturbowle in meinen Kommentaren: hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier, hier, hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier, hier, hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Melina auf Innen-Reise-Wege: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Olpo auf olpo run: hier und hier
Fraggle auf Modern Wolfare: hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Lene auf HerzPoeten: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier und hier
Carmen aus der Wortwabe: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Torsten auf Wortman: hier
Doro auf DORO|ART: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier

Die Wörter für die Textwochen 40/41 des Schreibjahres 2021 stiftete Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten:

Geheimkünstler
sperrig
suggerieren.

 

Ihr fragt, was ein Geheimkünstler ist? Yvonne hat es mir nicht verraten … sagt ihr es mir! 😀

Wie ihr wisst, gilt der obligatorische Etüden-Disclaimer. Die bekannte Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst ja.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 17. Oktober 2021.

Habt weiterhin ein schönes Wochenende! Ich wünsche euch viele gute Einfälle und einen entspannten Feiertag (wo er halt ist, ansonsten einen schönen Sonntag)!

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by krakenimages on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Adventüden 2020 07-12 | 365tageasatzaday

07.12. – Verpunschunwunschung | Adventüden

 

Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.
Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.

Autor*in: Yvonne     Blog: UmgeBUCHt

 

Adventüden 2020 07-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, habe ich darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Im Blockhaus | abc.etüden

Okay, okay, nachdem René ein gutes Wort für Tante Kristina eingelegt hatte, hatte ich die Überleitung …

Also, Lumi (hier lesen) ist abgehauen in Richtung Wald. Sie will zur Familienblockhütte …

 

***

 

Sündig, pah! Die hatten Sorgen! „Das kann so nicht weitergehen!“, äffte Lumi ihre Tante im Stillen nach. Dabei gab es da wirklich jemanden, der ihr nicht aus dem Kopf ging. Aber nicht so!

Gelegentlich hatte Lumi beim Herumstreifen im Wald einen Mann gesehen. Groß, schlank und sofort wieder verschwunden wie ein Geist. Und er hatte lange Haare, die genauso waren wie ihre.
Alle mochten sie zu Hause, aber keiner sonst war so wie sie.
Sie musste unbedingt mit ihm sprechen, bloß wie?

Es dämmerte bereits. Sie zog den Schlüssel für die Hütte aus ihrer Tasche und erstarrte fast augenblicklich. ER lehnte an der vom Wind abgewandten Seite und beobachtete sie. Sie wusste nicht, ob sie schreien oder lieber weglaufen sollte. Er sagte irgendwas, was sie nicht verstand, und sie schüttelte langsam fragend den Kopf.
„Ah, sorry.“ Er sah sie entschuldigend an. „Ich hab dich wohl verwechselt. Darf ich näher kommen?“
„Klar.“ Cool bleiben, Lumi!

Sie stieß die Tür der Familienblockhütte auf und ging hinein. Als sie sich zu ihm umdrehte, stand er im Türrahmen. Abendlicht fiel auf sein Gesicht. Ein Schock durchfuhr sie so heftig, dass sie nach der Stuhllehne griff. Klargrüne Augen, weißblonde Haare, durchscheinend helle Haut. Maximal ein paar Jahre älter als sie. Ihr kam es vor, als ob sie in einen Spiegel schauen würde. Er hätte ihr Zwilling sein können.

„Wer bist du?“, keuchte sie.
„Keijo. Und du?“
„Lumi.“
Er nickte.
„Wir sehen voll gleich aus!“, platzte es aus ihr heraus.
„Ich bin möglicherweise dein Bruder“, sagte er aufreizend gelassen.

Verdammt, was? Bei dem Versuch, sich festzuklammern, verrückte sie den Stuhl ein Stück. Die ganze Lehne überzog sich prompt mit Raureif. Ihr neuestes Problem. Aber nicht mal das schien ihn zu irritieren.
„Sieht so aus, als hätte ich dich gerade noch rechtzeitig gefunden“, stellte er fest.

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 47/48.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Yvonne und lauten: Raureif, sündig, verrücken.

Ja, ja *kicher*, böser Cliffhanger, ich weiß. Nächste Woche geht es weiter!

 

Lumi | abc. etüden

„Es ist egal, wie du es entschuldigst, es ist sündig!“ Kristina sah ihre jüngere Schwester strafend an. „Ich bin sicher, dass es gottgefällig war, dass du sie aufgenommen hast, nur ist sie jetzt fast erwachsen. Das kann so nicht weitergehen!“

Hanna senkte den Blick auf den Küchentisch. Sünde war Quatsch, ihre Schwester lief zu oft in die falsche Kirche. Okay, das Mädchen, das vor Jahren plötzlich vor ihrer Tür aufgetaucht war, war tatsächlich besonders. Sehr helle Haare, ebensolche Haut, klargrüne Augen. Das einzige Wort, das sie beherrscht hatte, war „Lumi“ gewesen, worauf sie schließlich getauft worden war. Ihre ganze Familie hatte sie sofort in ihr Herz geschlossen und sich darum gerissen, ihr das Sprechen beizubringen.

Wenn da bloß nicht dieser Hang gewesen wäre, immer allein draußen sein zu wollen. Seit Neuestem bettelte sie ständig, im Familienblockhaus im Wald übernachten zu dürfen. Auch jetzt noch.
Im November.
In der ungeheizten Hütte.
Klar, dass Leute wie Kristina denken mussten, es stecke etwas anderes dahinter … oder jemand.

Vier Kinder hatten Hanna gelehrt, wie wichtig es war, die eigenen Grenzen regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls zu verrücken. Sie war überzeugt davon, dass Männer das Letzte waren, was Lumi interessierte. Ihr Geheimnis umgab sie, und Hanna war sich nicht mal sicher, ob ihre Ziehtochter selbst es kannte.

„Du musst sie einsperren, wenn sie mit dem Herumstreunen nicht aufhört“, befand ihre Schwester, „man hat sie spätnachts im Wald gesehen, die Leute reden schon.“
„Pst, sprich doch leise“, zischte Hanna, die genau wusste, dass Kristinas laute Stimme bis in Lumis Zimmer durchdringen würde, „sie kann uns …“

Aber es war bereits zu spät. Die Haustür krachte ins Schloss und sie sahen dem in Richtung der Bäume davoneilenden Mädchen nach. Jeder von Lumis Schritten hinterließ sekundenlang Raureifkreise auf der Wiese. Hanna lief es kalt den Rücken hinunter.

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier), Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 47/48.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Yvonne und lauten: Raureif, sündig, verrücken.

„Lumi“ ist ein finnischer Frauenname, der „Schnee“ bedeutet. (Hier nachlesen.) Daher habe ich mich auch mit den anderen Namen bisschen ans Nordische angepasst und meine Geschichte in einen nicht näher definierten Norden verlegt.

Nach all den „ernsthaften“ Geschichten der letzten Wochen musste eine mit einem „mysteriösen“ Touch jetzt mal dringend wieder sein …

 

Um Himmels willen | abc.etüden

Er ragte riesenhaft vor ihr auf. „Was willst du denn überhaupt, du hast mir gar nichts vorzuschreiben, du …“ brüllte er sie an, und für einen Moment geriet ihr Atem ins Stocken. Jetzt passiert es, jetzt schlägt er zu, jetzt, jetzt, jetzt.

Sie verstand nicht, was mit ihm los war. Etwas musste geschehen sein, etwas, das ihn immer öfter darüber schwadronieren ließ, sie sei nur ein sündiges Weib und die Frau dem Manne untertan. Er hatte seinen Job verloren, weil die Firma die Produktion ins Ausland verlagert hatte, und manchmal trank er zu viel, ja, trotzdem hatte sie sich noch nie vor ihm fürchten müssen. Bis vorhin, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass man sie in ihrem alten Job wieder nehmen würde, ob er ab Montag die Mädchen nachmittags von der Schule abholen könne. Da war er ausgerastet.

Sie verdrängte die Angst, die wie Raureif ihre Seele erstarren ließ. „Martin“, sagte sie eindringlich, aber so ruhig wie möglich, „du bist mein Mann und wir haben uns geschworen, dass wir zusammenbleiben, bis dass der Tod uns scheidet. Also muss ich doch helfen, wenn ich kann. Für uns und die Kinder.“

„Du denkst doch nur, du wärst was Besseres mit deinem Scheißbürojob“, knurrte er.

Oh nein, nicht schon wieder, darauf würde sie nicht eingehen. „Jesus sagt, wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen“, entgegnete sie. „Und wenn er mich an eine Stelle verrückt, wo ich in Zeiten der Not unserer Familie nützen kann, dann lehne ich das nicht ab.“

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihrerseits die religiöse Karte zog, und starrte sie verdutzt an. Brüsk wandte er sich ab und tappte leicht unsicheren Fußes ins Wohnzimmer. Kurze Zeit später dröhnten die 20-Uhr-Nachrichten bis in die Küche.

Puh, dachte sie, das war knapp. Lieber Gott, was wird aus uns.

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 47/48.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Yvonne und lauten: Raureif, sündig, verrücken.

Am 25. November 2018 ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Nun bin ich in einer Beziehung noch nie geschlagen worden, das heißt aber nicht, dass ich keine*n kenne, der es so geht/ging. Auch ich habe jedoch schon brenzlige Situationen erlebt.

Gewalt hat viele Formen, die körperliche und sichtbare ist nur die offensichtliche. Auch meiner Frau aus der Etüde würde ich sagen, hey, wenn das bei euch öfter so ist mit diesem brüllenden potenziellen Trinker, wenn du Angst hast, wenn du mal eine sachkundige Meinung zu deiner Situation hören willst, dann ruf da doch mal an. Es gab eine Zeit, da klebten die Aufkleber des Hilfetelefons innen an jeder Kneipenklotür. Ich möchte hier unter dem Hashtag #schweigenbrechen nur auf die Internetseite verweisen: hilfetelefon.de

dergl macht übrigens auf ihren „Tintenklecksen“ schon die ganze Woche Themenwoche, dorther habe ich das Setting für die Etüde. (dergl, wenn du den Verweis auf dich nicht willst, nehme ich ihn raus.) Sie hat Anfang des Monats dazu aufgerufen, sich zu beteiligen.

Und, bitte, es ist ein aktuelles Problem. In jeder Bevölkerungsschicht. Die dergl hat am Wochenende in ihrer Etüde dazu einen Beitrag aus Frontal 21 verlinkt, vielleicht mag der eine oder die andere mal reinschauen. Ich war erst mal ziemlich sprachlos.

 

 

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.18 | Wortspende von umgeBUCHt

Wie die Zeit rennt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, geht es euch auch so? Diesige graue Tage, gelegentlich auch klare, kalte Tage … und mit großen Schritten rücken die Wintervergnügen näher, als da als Nächstes natürlich erst mal die diversen Herbst- und Weihnachtsmärkte wären. Wohl dem, der nach Hause kommt und sich mit der berühmten Tasse Tee (oder Kaffee, oder Milchkaffee) am nicht minder berühmten Kamin einkuscheln und lesen oder schreiben kann … Die Ausflüge meines Fellträgers in die weite Welt werden zurzeit jedenfalls auch immer kürzer, und ich wette, das ist nicht das Alter, sondern die zunehmende Faulheit – warum soll Seine Puscheligkeit draußen frieren, wenn man auch drinnen gemütlich herumliegen kann?

Aber zur Statistik der letzten beiden Wochen: Sensationell! Wir haben 40 (lasst es euch auf der Zunge zergehen: VIERZIG) Etüden von 20 mitschreibenden Blogs, das ist, seit ich zähle (also seit dem Sommer), die einsame Spitzenposition.
Den Vogel hat im übertragenen Sinne dieses Mal Gerda abgeschossen mit unglaublichen sechs Etüden, dicht gefolgt von m.mama und Werner mit fünf. Agnes hat die Ferien beendet und ist erfreulicherweise wieder mit Märchenmotiven eingestiegen. Ach, und ich darf einen Neuzugang begrüßen: René vom Blog „From a friend of Friends or How Überweiss changed my life“ hat die Absicht geäußert, sich ab jetzt häufiger sehen zu lassen. Seine erste Etüde findet ihr in der Liste.

Ihr wollt jetzt endlich die Liste, um zu sehen, was ihr alles verpasst habt? Hier ist sie!
Irgendwas falsch? Hab ich wen/was vergessen? Bitte sagt Bescheid! (Ja, ich weiß, auf Wunsch nicht in der Liste berücksichtigt sind eine Etüde von Werner und eine Etüde, die bei dergl hinter Schloss und Riegel steht.)

 

dergl auf Die Tinterkleckse sehen aus wie Vögel: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier, hier und hier (Regen in Sonnengelb)
Gerda auf GERDA KAZAKOU: hier, hier und hier (Die Kauz-Kata-Strophen), hier, hier und hier (Der Knirps und der Zirkus)
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Werner Kastens hat in den Kommentaren mehrere PDFs eingeliefert: hier, hier, hier, hier und hier
Frau Flumsel auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
m.mama auf Mein Name sei MAMA: hier und hier (Amok), hier, hier und hier
Elke H. Speidel auf Transworte auf Litera-Tour: hier
Isabel auf Wortverzauberte: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Frau Vro auf vro jongliert: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier
Agnes auf Agnes Podczeck: hier, hier und hier
Petra auf Wesentlich werden: hier
René auf From a friend of Friends or How Überweiss changed my life: hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Rina auf Geschichtszauberei: hier

 

Vielen Dank euch allen!

 

Die neuen Wörter für die Textwochen 47 und 48 des Schreibjahres 2018 stiftete Yvonne von umgeBUCHt. Sie lauten:

Raureif
sündig
verrücken.

 

Der übliche Etüden-Disclaimer: Die neue Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die Liste, und das wäre doch schade, oder?
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Das ist echt wie ein Flow, wenn es gut läuft.
Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Oh, und die nächsten Wörter gibt es am 2. Dezember. Euch viel Spaß und zwei inspirierte Wochen!

 

2018 47+48 | 365tageasatzaday

 

2018 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay (hier und hier), Bearbeitung von mir

 

 

Junge Liebe | abc.etüden

„Ich weiß echt nicht, wo er bleibt, er wollte doch schon lange hier sein!“
„Auch wenn du es wahrscheinlich nicht hören willst, der lacht doch bloß über dich, dass du ihn so anbetest. Wenn der dir erzählen würde, dass sein pompöser Amischlitten mit Biodiesel fährt, dann würdest du ihm das doch auch noch abnehmen!“
„Gar nicht wahr, außerdem mag ich so alte Autos, das ist so voll oldschool, das ist richtig … ach, vergiss es.“
„Was habt ihr denn vor?“
„Bloß sonnenbaden und später vielleicht mit seinen Kumpels am Strand grillen.“

Wer’s glaubt. Ach, wie schnell die Zeit vergeht und die Kinder groß werden und unbedingt ihre eigenen Erfahrungen machen wollen.
Der Lauf der Zeit … sie gab auf und kehrte das letzte bisschen Autorität heraus.
„Aber um Mitternacht bist du daheim, klar?“

 

2018_30_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Für die abc.etüden, Woche 30.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Yvonne von umgeBUCHt und lauten: Biodiesel, pompös, sonnenbaden.

 

Schreibeinladung für die Textwoche 30.18 | Wortspende von umgeBUCHt

Eine geht noch, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, eine Woche haben wir noch vor uns, bis zur Sommerpause und den Etüdensommerpausenintermezzos. Nachdem in der letzten Woche unser aller Phantasie die Kerne schmelzen ließ, dürfen wir uns in dieser Woche in die Sonne legen – Creme nicht vergessen – aber nicht schlappmachen! Ich brauche euch alle!
Die Wörter der kommenden Textwoche 30.18 wurden uns dankenswerterweise von Yvonne von umgeBUCHt (umgebucht.wordpress.com) zur Verfügung gestellt. Sie lauten:

Biodiesel
pompös
sonnenbaden.

Ankündigung: Das Etüdensommerpausenintermezzo tobt ab NÄCHSTER WOCHE los und geht bis Anfang September. Habt ihr mir schon ein (Haupt-) Wort gespendet???? Nein? Dann aber los! Bis Dienstag habt ihr noch Zeit.

Etüden-Disclaimer: Nach wie vor gilt, dass diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterzubringen sind. Wie gewohnt stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Yvonne und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

2018_30_1_eins lz | 365tageasatzaday

2018_30_2_zwei lz | 365tageasatzaday