Adventüden 2021 09-12 | 365tageasatzaday

09.12. – Vanillekipferlflocken | Adventüden

Eigentlich könnte sie einfach das Fenster offen lassen, um die Kekse zu backen. Es war fast Mitte Dezember und dreißig Grad im Schatten. Julia liebte es, hier in Kolumbien zu leben, aber den Schnee in der Weihnachtszeit vermisste sie. Ihr liefen Schweißperlen die Stirn hinunter, als sie das Marzipan ausrollte. Sie war sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, bei der Hitze Marzipan-Schoko-Kekse zu backen, aber dann musste sie sie eben im Keller essen.

Die Eieruhr bimmelte. Die Vanillekipferl waren fertig. Jetzt kam die heiße Phase, denn sie musste die noch heißen Kekse mit Zucker umhüllen, ohne dass sie zerbröselten. Vorsichtig schubste sie die Kekse vom Backblech auf den Teller, auf dem sich bereits das Zuckergemisch befand. Nur einer ging dabei kaputt. Dann nahm sie den Becher, in dem sich der restliche Zucker befand, und streute ihn gleichmäßig über die Kipferl. Es sah aus wie Schneefall und glitzerte so wundervoll, dass Julia voller Sehnsucht an den Schnee in den Bergen dachte.

Als sie mit Ergebnis zufrieden war, riss sie sich von ihrer Vorstellung los und warf einen Blick nach draußen. Sie konnte es kaum glauben – Schnee! Kleine Flöckchen tanzten zu Boden und legten sich auf die Dünen. Julia stürmte hinaus auf den Strand. Für einen Moment vermutete sie, verrückt geworden zu sein, doch auch andere Menschen starrten in den Himmel.

Die Flocken wurden immer größer und es vergingen nur wenige Minuten, bis die ersten Kinder Schneeengel am Strand machen konnten. Julia lachte und tat es ihnen gleich, dann verteilte sie die nun abgekühlten Vanillekipferl am Strand. Erst als der letzte Keks in dem Mund eines kleinen Jungen verschwunden war, hörte es auf zu schneien, und Julia ging glücklich zurück in ihr Haus, um die Marzipan-Schoko-Kekse fertig zu machen. Was wohl dabei passieren würde?


Autor*in: Katha                               Blog: Katha kritzelt

 

Adventüden 2021 09-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

24 – Die Cookie-Oma | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Die Cookie-Oma (Christiane, Irgendwas ist immer)

 

»Und vergiss nicht, Oma Anne zu sagen, wie toll du ihre selbst gebackenen Plätzchen findest!«

Melanie verabscheute die obligatorischen Verwandtenbesuche über Weihnachten. Von wegen Weihnachtszauber: Am ersten Feiertag kamen ihre Eltern von weit, das war ehernes Gesetz. Mit einem Berg Geschenke (nun ja, danke) und Plätzchen, die selbstverständlich bei ihnen blieben. Als ob sie, Melanie, nicht backen könnte! Als ob über Weihnachten in dieser Familie jemals jemand Hunger gelitten hätte!

Ihr Sohn maß sie im Vorbeilaufen mit dem eisigen Blick des Spätpubertierenden. »Wenn ich entscheiden müsste, was ich den Vögeln im Garten hinstreue, dann wäre das ganz sicher nicht Oma Annes Gebäck«, tönte er.

Ach, wo war die Zeit geblieben, als dieses Kind mit einem Kuscheltier zufriedenzustellen gewesen war? Da werkelte sie Stunde um Stunde in der Küche, um ihre Lieben mit Naschereien verwöhnen zu können, und was tat dieser Banause? Erzählte ihr was von vegan und Nussallergie.
»Wenn überhaupt, dann hast du eine Nussunverträglichkeit«, hatte sie gekontert, »wäre ja auch kein Wunder, wenn man sich die Menge Nutella anschaut, die du so in dich hineinschaufelst!«

Okay.

So unflexibel wollte sie nicht sein, obwohl Großmutters Lebkuchen immer die besten bleiben würden. Online hatte sie bei einer COOKIE-OMA angesagte Plätzchenrezepte gefunden. Aber Bananen-Tonka-Plätzchen, Früchtetaler und Schokoladen-Orangen-Riegel? Himbeer-Kokos-Herzen? War das wirklich die Alternative?
Sie hatte diesem gehypten Zeug dann doch nicht getraut, frustriert ihren ewig gleichen Zimtsternen, Vanillekipferl und Spitzbuben den Vorzug gegeben und sich ein wenig für ihre Feigheit geschämt.

Draußen hupte es. Bestimmt die Eltern.

Zwanzig Minuten später starrte sie fassungslos auf die mitgebrachten Weihnachtsplätzchen.

»Ich habe ein neues Projekt«, verkündete ihre Mutter fröhlich. »Seit Carl im Ruhestand ist, beschäftigen wir uns nämlich mit gesunder Ernährung! Vor Weihnachten fand ich Backen passend. Auf Instagram heiße ich übrigens ›Cookie-Oma‹, toll, nicht? Kind? Du sagst ja gar nichts? Ist dir nicht gut?«

 

Adventüden 2019 24 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Ich möchte mich bei euch bedanken. Bei den Schreibenden der Adventüden natürlich zuerst, aber ebenso bei allen, die jeden (oder fast jeden) Tag vorbeigekommen sind, die gelesen, gelikt und vor allem kommentiert und sich eingebracht haben, und die mir damit gezeigt haben, dass ihnen die Etüden etwas bedeuten – und die Arbeit, die ich hineinstecke. Das bedeutet mir etwas.
Mir ist schon klar, dass einige von euch bereits in der Weihnachtspause sind, aber vielleicht lest ihr es ja trotzdem. Danke.

 

FROHE TAGE EUCH ALLEN, ob ihr feiert oder nicht!

 

Dieser Blog geht heute irgendwann ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Habt eine gute Zeit und passt auf euch auf!

Oh, und wenn ihr morgen Zeit habt: Elke hat mir eine Nachzügler-Etüde versprochen, und ich freue mich schon darauf. Also schaut rein!

Coming up next: Auf jeden Fall ein Adventüden-Resümee, aber wann ist noch nicht sicher.

 

UPDATE: Elke hat eine Nachzügler-Etüde eingereicht und auf mein Bitten erst heute (25.12.) veröffentlicht. Wer also noch nicht genug „Adventüden“ gelesen hat, der findet sie hier:

https://transsilabia.wordpress.com/2019/12/25/nachhaltigkeitsmarkt/

Es lohnt sich!

 

Falls wen die Lust packen sollte … die Rezepte. Achtung, ich habe keins davon selbst ausprobiert! Und nein, das ist keine (unbezahlte) Werbung für die Zeitschrift, die hatten nur die schönsten Fotos.

 

Bananen-Tonka-Plätzchen (vegan)

Früchtetaler (vegan)

Himbeer-Kokos-Herzen (vegan)

Schokoladen-Orangen-Riegel (vegan)

 

Spitzbuben

Vanillekipferl

Zimtsterne

 

13 – Das Geschäftsmodell der Mitzi-Tant | Adventüden

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Das Geschäftsmodell der Mitzi-Tant (Myriade, la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée)

 

Um die Weihnachtszeit geht doch nichts über Vanillekipferl. Es gibt sie zwar im Handel schon fast zu jeder Jahreszeit, aber die ab Mitte Dezember hausgemachten sind nicht zu übertreffen. Vor allem die von der Mitzi-Tant nach dem alten Familienrezept. Die Mitzi-Tant, eine in vielen Sparten erfolgreich tätige Dame, betreibt mit ihren Vanillekipferln einen blühenden Handel ohne irgendwelche Berührungsängste mit »Weihnachtszauber« genanntem Kitsch.

Ihr Verkaufsstand auf dem im Advent ungemein beliebten Wiener Spittelberg gehört zu den angesagten, denn sie hat es irgendwie geschafft, in einem Christkindlmarktführer für Touristen erwähnt zu werden. Den Spagat zwischen den angepriesenen klassischen Vanillekipferln nach ererbtem Rezept und dem Massentourismus schafft die Mitzi-Tant spielend. Die Qualität ein bisserl senken, den Preis ein bisserl anheben und geht schon, wie man in Wien sagt.

Die Vanillekipferl liegen in Blechdosen, die mit weihnachtlichen Motiven geschmückt sind, also Tannenzweigerl und Kerzerl und Glockerl und Engerl. Rentiere und der Cola-Mann kommen der Mitzi-Tant nicht auf die Dosen, sie bevorzugt althergebrachte Motive. Die verkaufen sich auch wunderbar. Dazwischen weihnachtliche Teekannen mit besonders barocken Engerlfiguren oder etwas Ähnlichem, die eine ihrer weniger künstlerisch begabten Freundinnen mit einer Vorliebe für Botero getöpfert und bemalt hat. Hin und wieder verkauft sich auch eine von den Kannen. Wenn die Künstlerin es nicht hören kann, bewirbt die Mitzi-Tant die Teekannen auch als Vasen oder Luftbefeuchter. Man kann ihr nicht vorwerfen, sich nicht um ihre Freundinnen zu kümmern.

Auch ihre Kunden sind ihr durchaus nicht egal. Hiobsbotschaften kommentiert sie immer sehr mitfühlend:
Was? Ein Stück Holz im Kipferl? Zahn ausgebissen? Das tut mir aber wirklich leid!
O je! Nussallergie? Erst 37? Wer hätte das geahnt?!
Echt, der nette Herr von vorhin? Zuckerschock? Wie schrecklich.

»Weihnachten ohne Vanillekipferl, undenkbar« sagt die Mitzi-Tant und lässt sich ein tatsächlich von ihr selbst nach dem alten Rezept produziertes Vanillekipferl auf der Zunge zergehen.

 

Adventüden 2019 13 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir