Adventüden 2021 16-12 | 365tageasatzaday

16.12. – Stille Nacht | Adventüden

CN: Diese Adventüde geht nicht gut aus. Gar nicht gut.

 

Klaus legte die Aktentasche nahezu liebevoll auf den Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. Ab jetzt würde er seine freien Tage bis zum Jahresende genießen. Sich in die Geborgenheit seiner eigenen Wohnung zurückziehen, sich nicht länger mit stundenlangem Kopfzerbrechen herumplagen, sondern einfach alles um sich herum vergessen.

Manchmal wünschte er sich einen Doppelgänger, den er statt seiner hinausschicken könnte in die Welt, um sich vor all den Menschen zu verkriechen, die nicht seine Sprache zu sprechen schienen.

Es blickte versonnen aus dem Fenster. Das Sturmwolkenblau des Himmels kündigte ein Wetter an. Doch er nahm es gar nicht richtig wahr. Sein Herz quälte eine unbändige Sehnsucht: Bratapfel mit Marzipan als Füllung, Kekse auf dem Weihnachtsteller und Mutters Kartoffelsalat nach der Bescherung. DAS war für ihn Weihnachten.

Früher.

Schneeregen setzte ein.

Er bemerkte, dass er immer noch am Fenster stand, und gab sich einen Ruck.

Schritt zum Kühlschrank. Nahm sich einen Eistee. Hielt sich die kalte Plastikflasche an den Kopf.

Er hatte das Gefühl, innerlich zu brennen.

Dann ging er in den Abstellraum und holte den Weihnachtsbaum aus Plastik, den er jedes Jahr verwendete, und den alten Weihnachtsschmuck seiner Eltern, der eigentlich der seiner Großeltern war, hinüber ins Wohnzimmer und begann, das Zimmer mit ein wenig Glitzer zu verschönern.

Mit jedem Stück, das er in die Hand nahm, flossen Tränen über sein Gesicht. Erinnerungen drangen empor und die Gewissheit, dass mit ihm diese Geschichte, die Geschichte seiner Familie endete. Mit über sechzig hatte er keine Hoffnung mehr, dass er dies noch verhindern konnte.

Er legte Dvořáks Achte auf – eine Partitur, die er früher oft studiert hatte –, ging in sein Schlafzimmer, nahm die Tabletten mit hinüber, löste sie in dem Tee auf und trank ihn aus.

Von fern läuteten Kirchenglocken.

Jemand sang mit glockenklarer Stimme »Stille Nacht« auf dem Gehweg unter seinem Fenster.


Autor*in: Kain Schreiber                             Blog: Gedankenflut

 

Adventüden 2021 16-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Die Verzweifelte (Miniatur I/II) | abc.etüden

CN: Dies ist ein für mich unüblicher Versuch, eine Fingerübung (= Etüde). Lasst euch bitte versichern, dass das „Ich“ fiktiv ist und ich akut nicht in diesem Zustand bin, und seid gewarnt, falls ihr gerade auf Verzweiflung, Hilflosigkeit oder Traurigkeit empfindlich reagiert.
Morgen gibt es einen zweiten Teil.

 

Nein, nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, keinen Tag länger! Ich kann diesen Scherbenhaufen nicht mehr ertragen! Die Verzweiflung zehrt an meinen Kräften, ich will nicht mehr, ich will weg, will hier raus, will fliehen … doch wohin nur, wohin? Warum hilft mir niemand? Ach, es gibt keinen Ort, der mich aufnehmen wird, mein Zuhause ist zerronnen, ich bin heimatlos.

Glücklich heißen sie mich, die glatten Gesichter ohne Gefühl, ich habe doch alles, behaupten sie, ich solle nur mutvoll zugreifen, das Schicksal würde sich schon beugen. Vielleicht bei ihnen, es gibt solche Menschen, die nicht zaudern, mir sind sie fremd.

Nichts davon trifft auf mich zu, jetzt, wo das Wesentliche fehlt. Zerbrochen ist das Leben, das ich mir errichtete, versäumt habe ich die Entscheidungen, die es zu treffen galt, weil ich die Wahrheit nicht erkannte. Nirgendwo war Rettung, und die Gefahr kommt immer näher …

Ich ziehe mich zurück und bleibe für mich, allein und aller guten Geister ledig, selbst die Katze ist hinausgegangen. Draußen ist es sternklar, drinnen ist es finster. „Sie sitzt schon wieder ohne Kerze in ihrer Rumpelkammer“, flüstern sie und stoßen sich bedeutungsvoll an, und ich schweige dazu, sie wissen es nicht anders.
Fensterlose Wände, an denen sich mein Atem bricht.
Hier tut mir nichts weh, hier ist es sicher. Ich verriegele die Türen meines Herzens und schließe die Augen, will nichts mehr wollen, lasst mich in Ruhe, lass es einfach vorübergehen …

 

 

abc.etüden 2020 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und lauten: Rumpelkammer mutvoll, zehren.

OFF TOPIC: ACHTUNG, Etüdenschreiber*innen. Die Pings von WordPress kommen wieder mal nicht oder nur teilweise durch (Judith, deiner ist da), ich brauche von euch bei der Schreibeinladung einen Kommentar mit dem Link zu eurer Etüde! Danke!