Ruhestörung | abc.etüden

„… ich nehm den Schmerz von dir, ich nehm den Schmerz von dir“, zerschnitt lauter männlicher Gesang die nächtliche Stille.
Sie fuhr hoch.
5:25 Uhr.
Himmelherrgott! Halt die Klappe, Adel Tawil! Wo ging das Scheißding bloß aus?
Ihre Hand ertastete auf der Oberseite des Brüllwürfels einen großen Button, den sie probehalber drückte. Ah! Erfolg! Paradiesische Stille. Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken.

Da hatte man schon mal das Privileg, dass einem die liebste Freundin das eigene Schlafzimmer abtrat, und dann hatte diese vergessen, den Wecker abzustellen. Am Wochenende! Gerade wollte sie sich wieder in die Kissen kuscheln und sich noch einige Stunden dem Genuss eines jetzt hoffentlich ungestört bleibenden Schlafs hingeben, als sie sich erinnerte, dass die Problemlösung „Snooze“ wohl maximal zehn Minuten vorhielt.
Mürrisch knipste sie das Licht an. Den Stecker herauszuziehen war leider keine Option, nur kannte sie sich mit Radioweckern im Allgemeinen und diesem im Besonderen nicht wirklich aus. Also untersuchte sie das antiquierte Teil skrupulös nach einem Schalter, der den Wecker deaktivieren würde. Bis sie ihn gefunden hatte, war sie endgültig wach. Großartig.

Jetzt schon die Freundin im anderen Zimmer zu wecken kam nicht infrage. Blogpflege auch nicht, dies war allein ihre Zeit. Offline. Entschlossen streckte sie sich wieder aus, zog die Decke hoch und forderte ihren Körper auf, sich zu entspannen.

Es gelang, ihre Gedanken beruhigten sich. Nicht mal die am Tag vorher müde gelaufenen Füße taten weh. Sie fühlte sich geborgen und sogar ziemlich fröhlich in ihrem fremden und doch von vorherigen Besuchen so vertrauten Schlafnest. Der Morgen wehte erste Straßengeräusche durch das gekippte Fenster herein.
Als es ihr endlich auffiel, lächelte sie. „Ich nehm den Schmerz von dir.“ Das war mal ein Versprechen, an das sie sich gern erinnern würde. Erneut glitt sie in das Reich ihrer Träume zurück.

298 Wörter

 

2018 41+42 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Woche 41/42.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Gerda Kazakou und lauten: Genuss, skrupulös, schneiden.

Das angesprochene Lied, das da aus dem Radiowecker quoll, ist übrigens „Vom selben Stern“ von Ich + Ich (Link zu YouTube), und ja, das ist wirklich so passiert.

 

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Vom selben Stern | abc.etüden

„Wir alle sind aus Sternenstaub, in unsren Augen war mal Glanz. Wir sind noch immer nicht zerbrochen, wir sind ganz …“
Wie sehr sie sich das wünschte, dass alles wieder gut werden würde! Dass sie seine hässlichen Worte nur geträumt hatte, sein Lachen über ihre Tränen, das sie schier wahnsinnig machte, wenn sie daran dachte. Immerhin war sie davongestürmt und hatte seine Autoschlüssel mitgenommen – er würde sicher von „klauen“ sprechen und sie als „hysterische Kuh“ beschimpfen –, sodass er ihr nicht folgen konnte, jedenfalls nicht schnell.

Um nicht in ihren Tränen zu ertrinken, war sie in die Stadt gefahren und schließlich in diesem Club gelandet, wo sie alte Sachen spielten und sich eine einsame Discokugel an der Decke drehte. Seitdem war sie auf der Tanzfläche, gefangen in ihrer eigenen Blase, das Herz voller Risse.
„Du bist vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hörn, du bist vom selben Stern wie ich.“
Ach, Illusion, all ihre Liebe nur Illusion, die Tränen liefen über ihr Gesicht.
Sie würde heute bestimmt nicht mehr zurückgehen, zu ihm schon gar nicht, aber sie wusste nicht, wohin mit sich.

 

2018_04_1 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

Für die abc.etüden, Woche 04.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von wortgeflumselkritzelkram und lauten: Discokugel, wahnsinnig, klauen.

 

Mir war grad so. Einer dieser Abende, um sich Heulfilme anzuschauen und an der Welt zu verzweifeln. Und ja, Gerda (und Ulli!), ein bisschen Sternenstaub ist auch für euch!  :-D

Wer das Lied dazu nochmals nachhören möchte: Ich + Ich – Vom selben Stern

 

 

Sternenstaub

Als ich mich gestern mit dem Zählen von Sternen und Sandkörnern befasst habe (okay, ich habe zählen lassen, sonst wäre ich bestimmt noch nicht fertig), erwischte mich plötzlich ein Ohrwurm. „Wir alle sind aus Sternenstaub. In unsern Augen war mal Glanz.“ (Ich + Ich, Vom selben Stern)

Klingt schön, dachte ich wie beim ersten Mal, aber wie ist das eigentlich gemeint?

Dass bei einem großen Blutbild nicht „Sternenstaub“ auf der Liste auftaucht, war ja selbst mir schon klar. Die Antwort lässt sich im Internet schnell heraussuchen: Die Erde (und alles, was auf ihr lebt, damit auch wir) besteht aus den Überresten vergangener Sterne, Supernova-Explosionen. Das wird dann unterschiedlich nett erklärt.

Die poetischste Antwort :

Atome ferner Sterne kommen zu uns. Sie sind Träger des Lebens.
Der Kohlenstoff deines Körpers war in der leuchtenden Atmosphäre eines Sterns.
Und er bestand nicht von Anfang an, der Kohlenstoff deines Körpers
formte sich in Sternen, die starben und auseinanderstoben
und ihn wie Pollen in den Zwischenraum streuten, und so kam er zur Erde.
Das Leben stammt aus dem Sterben der Sterne.
Das Eisen deines Blutes, vor Millionen von Jahren war es in einem riesigen Stern.
Oder das Gold der Goldschmiede: aus der Explosion von Supernovas.
Seen, Leguane, Teleskope, alles aus dem Sternenfeuer.
Wenn die Sterne auseinanderstieben,
streuen sie wie Sporen die Elemente des Lebens. Tod und Geburt.
Oder: Wiedergeburt aus dem Tod.
Sie sind wie Atomenergie – wie sehen sie dort oben -,
Energie, die die Rosen auf der Erde öffnet.
Welche Verwandtschaft gibt es zwischen den Sternen, den Blumen und deinem Gesicht,
freundliches Mädchen, weißt du es denn?
Noch das Gas zwischen den Sternen hat die gleiche Zusammensetzung
wie eine Bakterie und ein Mädchen.

(Ernesto Cardenal, aus Cántico cósmico, Quelle (ganz unten!))

 

Übrigens heißt es, dass auch schon Novalis davon gesprochen habe, wir seien „aus Sternenstaub“ oder nur „Sternenstaub“. Das Netz gibt dazu keine Quelle her, kennt jemand von euch eine?

Schließlich erklärt 3sat/nano die Sache anhand vom Plätzchenbacken (es war kurz vor Weihnachten), und sogar bei n-tv wurde die Frage aufgegriffen: Bestehen wir aus Sternenstaub?

 

Krebsnebel, Supernovaüberrest – 365tageasatzadayKrebsnebel, Supernovaüberrest, Quelle: Pixabay