24 – Die Cookie-Oma | Adventüden

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Die Cookie-Oma (Christiane, Irgendwas ist immer)

 

»Und vergiss nicht, Oma Anne zu sagen, wie toll du ihre selbst gebackenen Plätzchen findest!«

Melanie verabscheute die obligatorischen Verwandtenbesuche über Weihnachten. Von wegen Weihnachtszauber: Am ersten Feiertag kamen ihre Eltern von weit, das war ehernes Gesetz. Mit einem Berg Geschenke (nun ja, danke) und Plätzchen, die selbstverständlich bei ihnen blieben. Als ob sie, Melanie, nicht backen könnte! Als ob über Weihnachten in dieser Familie jemals jemand Hunger gelitten hätte!

Ihr Sohn maß sie im Vorbeilaufen mit dem eisigen Blick des Spätpubertierenden. »Wenn ich entscheiden müsste, was ich den Vögeln im Garten hinstreue, dann wäre das ganz sicher nicht Oma Annes Gebäck«, tönte er.

Ach, wo war die Zeit geblieben, als dieses Kind mit einem Kuscheltier zufriedenzustellen gewesen war? Da werkelte sie Stunde um Stunde in der Küche, um ihre Lieben mit Naschereien verwöhnen zu können, und was tat dieser Banause? Erzählte ihr was von vegan und Nussallergie.
»Wenn überhaupt, dann hast du eine Nussunverträglichkeit«, hatte sie gekontert, »wäre ja auch kein Wunder, wenn man sich die Menge Nutella anschaut, die du so in dich hineinschaufelst!«

Okay.

So unflexibel wollte sie nicht sein, obwohl Großmutters Lebkuchen immer die besten bleiben würden. Online hatte sie bei einer COOKIE-OMA angesagte Plätzchenrezepte gefunden. Aber Bananen-Tonka-Plätzchen, Früchtetaler und Schokoladen-Orangen-Riegel? Himbeer-Kokos-Herzen? War das wirklich die Alternative?
Sie hatte diesem gehypten Zeug dann doch nicht getraut, frustriert ihren ewig gleichen Zimtsternen, Vanillekipferl und Spitzbuben den Vorzug gegeben und sich ein wenig für ihre Feigheit geschämt.

Draußen hupte es. Bestimmt die Eltern.

Zwanzig Minuten später starrte sie fassungslos auf die mitgebrachten Weihnachtsplätzchen.

»Ich habe ein neues Projekt«, verkündete ihre Mutter fröhlich. »Seit Carl im Ruhestand ist, beschäftigen wir uns nämlich mit gesunder Ernährung! Vor Weihnachten fand ich Backen passend. Auf Instagram heiße ich übrigens ›Cookie-Oma‹, toll, nicht? Kind? Du sagst ja gar nichts? Ist dir nicht gut?«

 

Adventüden 2019 24 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Ich möchte mich bei euch bedanken. Bei den Schreibenden der Adventüden natürlich zuerst, aber ebenso bei allen, die jeden (oder fast jeden) Tag vorbeigekommen sind, die gelesen, gelikt und vor allem kommentiert und sich eingebracht haben, und die mir damit gezeigt haben, dass ihnen die Etüden etwas bedeuten – und die Arbeit, die ich hineinstecke. Das bedeutet mir etwas.
Mir ist schon klar, dass einige von euch bereits in der Weihnachtspause sind, aber vielleicht lest ihr es ja trotzdem. Danke.

 

FROHE TAGE EUCH ALLEN, ob ihr feiert oder nicht!

 

Dieser Blog geht heute irgendwann ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Habt eine gute Zeit und passt auf euch auf!

Oh, und wenn ihr morgen Zeit habt: Elke hat mir eine Nachzügler-Etüde versprochen, und ich freue mich schon darauf. Also schaut rein!

Coming up next: Auf jeden Fall ein Adventüden-Resümee, aber wann ist noch nicht sicher.

 

UPDATE: Elke hat eine Nachzügler-Etüde eingereicht und auf mein Bitten erst heute (25.12.) veröffentlicht. Wer also noch nicht genug „Adventüden“ gelesen hat, der findet sie hier:

https://transsilabia.wordpress.com/2019/12/25/nachhaltigkeitsmarkt/

Es lohnt sich!

 

Falls wen die Lust packen sollte … die Rezepte. Achtung, ich habe keins davon selbst ausprobiert! Und nein, das ist keine (unbezahlte) Werbung für die Zeitschrift, die hatten nur die schönsten Fotos.

 

Bananen-Tonka-Plätzchen (vegan)

Früchtetaler (vegan)

Himbeer-Kokos-Herzen (vegan)

Schokoladen-Orangen-Riegel (vegan)

 

Spitzbuben

Vanillekipferl

Zimtsterne

 

23 – Dem Leben auf der Spur | Adventüden

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Dem Leben auf der Spur (Anna-Lena, Meine literarische Visitenkarte)

 

Er war weder blaublütig, noch hatte er goldene Löffel in die Wiege gelegt bekommen, und trotzdem war er ein Kind aus bestem Hause, ein Einzelkind, dessen Eltern es mit viel Kraft und Elan, aber auch mit einer gehörigen Portion Arbeit zu Wohlstand und Reichtum gebracht hatten.
Hunger, Durst und Entbehrungen jeglicher Art waren ihm fremd, er hatte alles in seinem bisherigen Leben bekommen, was er wollte, und doch war er nicht glücklich – bis jetzt.

Es war an einem heißen Sommertag südlich von Kreta. Die Party auf der kleinen Segeljacht war in vollem Gang, als er die verzweifelten Hilferufe der Frau hörte. Immer wieder hielt sie ein kleines Bündel aus dem Wasser. Kurz darauf waren beide verschwunden. Alkohol und Koks hatten seine Sinne getrübt, und auch die anderen bemerkten entweder gar nicht oder zu spät, dass eine verzweifelte Frau mit ihrem kleinen Kind von einem Flüchtlingsboot ins Wasser gefallen und abgetrieben worden war und nun um das nackte Leben kämpfte.
Voller Entsetzen erinnerte er sich daran, dass sie irgendwann beide nicht mehr auftauchten und im weitläufigen Massengrab des Mittelmeeres versunken waren. Diese bitteren Erfahrungen holten ihn als nächtliche Träume immer wieder ein.

Das war die Wende in seinem Leben. Er hatte begriffen, dass er so nicht weiterleben konnte und wollte. Nach unsäglichen Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, die ihm bereits einen Studienplatz an einer Eliteuniversität in den Staaten besorgt hatten, zog er nach seinem Abitur durch die Länder Europas, immer wieder nach dem Sinn des Lebens suchend.

Und nun stand er hier in der Suppenküche in Berlin-Pankow und teilte eine heiße Kartoffelsuppe aus an alle, die mit frischen Schneeflocken auf ihren Haaren oder ihren Pudelmützen frierend in den adventlich geschmückten Raum kamen, gekennzeichnet von der bitteren Armut in ihrem Leben und doch lächelnd vor Dankbarkeit für diese Zuwendung.
Es war Weihnachten.

 

Adventüden 2019 23 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

20 – Endlich wieder Weihnachten | Adventüden

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Endlich wieder Weihnachten (Veronika, Vro jongliert)

 

Die Klimakrise hatte ihren Höhepunkt überschritten. Die Temperaturen sanken seit Jahren beständig. Nicht, dass die letzten Überlebenden sich groß darum gekümmert hätten. Sie waren auch weiterhin beschäftigt mit Überleben. Die Herbststürme hatten längst die wenigen verschrumpelten Äpfel von den Bäumen gefegt.

Die Dorfkinder balgten sich um die kleinen holzigen Früchte. Schmal und ausgezehrt waren sie, ein Anblick des Jammers. Die Armut traf sie am härtesten. Das Winterfest rückte näher. Früher einmal hatte es Weihnachten geheißen. Aber an Götter glaubte niemand mehr, nur noch an Mutter Erde. Und die war eine rachsüchtige strenge Frau, die keine Fehler entschuldigte. Wer Fehler machte, überlebte nicht.

Eliza sehnte sich nach Weihnachten. Sie hatte so viele Geschichten gehört. Heuer würde sie ihre Familie überraschen. Schon seit Wochen jagte sie allen möglichen Schätzen nach. Klaute Nüsse, raufte wie wild um die Äpfelchen, sammelte ein bisschen Moos und riskierte, von den anderen Kindern deshalb scheel angesehen zu werden. Jedes Mal bedankte sie sich bei Mutter Erde und flehte sie an, sie nicht dafür zu bestrafen, weil sie die Sachen in einem geheimen Versteck bunkerte und nicht mit der Gemeinschaft teilte.

Wenn sie nur sicher wüsste, wann genau das Weihnachtsfest stattfand. Das musste sie noch herausfinden. Dann würde sie nachts in den Gemeinschaftsraum ihrer Familie schleichen und auf dem Tisch ein Moosnest machen. Darin würde sie all die Nüsse und Früchte stapeln. Ihr ganz persönliches Weihnachten. Da würden sie alle staunen: Mama und Papa und die großen Brüder und Schwestern. Sie, Eliza, die Kleinste und Schmächtigste unter ihnen, der sie immer voraussagten, sie würde nicht lange genug leben, um erwachsen zu werden, und die trotzdem Jahr für Jahr überlebte.

Als an jenem Wintermorgen dichte Wolken aufzogen und das erste Mal seit Jahrzehnten wieder Schneeflocken vom Himmel fielen, wusste Eliza, ihr Traum vom Weihnachtsfest würde in Erfüllung gehen.

 

Adventüden 2019 20 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

17 – Auf das Leben! | Adventüden

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Auf das Leben! (Viola, viola-et-cetera)

 

Seit ich mit meiner Familie Weihnachten feiere, war kein Weihnachtsfest wie das andere. Meistens wurde im Familienkreis gefeiert. Manchmal waren auch Freunde der Familie dabei, die sich einsam fühlten. Und irgendwann mischte sich auch Hundegebell in die menschlichen Gespräche.

Traditionen gibt es nicht viele in meiner Familie. Das Zusammensein mit anderen ist wichtig. Nicht immer war das Fest harmonisch, vor allem Teenager-Viola hat alle deutlich wissen lassen, was sie davon hielt, ihr Bett eine Nacht der Oma überlassen zu müssen. Aber wir haben es zusammen durchgestanden. Weiße Weihnachten mit Glatteis und Schneeflocken waren genauso dabei wie grüne Weihnachtsfeiertage. Aber ausgefallen ist noch kein Weihnachtsfest, und das ist auch gut so, es hätte uns allen sehr gefehlt.

Leider mussten wir uns auch schon zwei Mal ganz kurz vor Heiligabend von Verwandten für immer verabschieden. Daraufhin hat meine Mutter den Brauch eingeführt, Weihnachten »auf das Leben« anzustoßen. Das beinhaltet Dankbarkeit, dass wir ein weiteres Mal im Kreise lieber Menschen feiern können, und es ist ein Gedenken an diejenigen, die nicht mehr dabei sind.

Mir hilft die Vorfreude auf Weihnachten immer aus der Herbstdepression, die sich gerne in mir ausbreitet, wenn die Tage kürzer werden. Geschenke müssen besorgt und eingepackt werden, Adventsgestecke verbreiten angenehmen Tannenduft, und oft steht abends eine Teekanne voll wohltuend warmem Gebräu auf dem Tisch. Und wenn der Weihnachtszauber vorbei ist und alles wieder in Dunkelheit und Matsch versinkt, kann ich mir einreden, dass die Wintersonnenwende schon vorbei ist und die Helligkeit wieder Einzug hält.

Euch allen frohe Feiertage, und feiert das Leben!

 

Adventüden 2019 17 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

10 – Blind | Adventüden

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Blind (Die Hummel, Hummelweb)

 

Nach den Herbststürmen und der Kellerüberschwemmung
(Jungratten hatten die Abflusskrümmung verstopft)
kamen die Herbstdepressionen.
Wir sind ihnen erlegen, bis wir uns gegenseitig genug bedauert hatten.
Nun tönt fröhliches Hundegebell durch die eisig-kalten Straßen
und Weihnachten steht bevor, wie schön!

Doch unsere Herzen gleichen Steinwüsten dieser Tage.
Steinchen für Steinchen sammeln wir,
wir planen und dekorieren und backen und verpacken.

DICH auf der Straße sehen wir kaum.
Die Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen
bleiben uns Armut und Hunger hinter Schneeflocken verborgen.

Wintersonnenwende und Weihnachtszauber
führen uns aufs Glatteis und allzu gern
nehmen wir mit Kuscheltier und Teekanne Platz auf dem Bärenfell
und suchen nach Plätzchenrezepten für Gäste mit Nussallergie.

 

Adventüden 2019 10 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

09 – Weihnachtsvorfreude | Adventüden

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Weihnachtsvorfreude (Corly, Corlys Lesewelt)

 

Ich dachte an die kalte Jahreszeit. Ich liebte diese Zeit. Bald war es wieder so weit und der Weihnachtszauber war wieder da. Immerhin hatten wir schon Oktober. Ich freute mich schon auf Weihnachten. Das tat ich immer schon Monate vorher. Denn Weihnachten war die schönste Zeit des Jahres.

Der Oktober ging in den November über und die ersten Schneeflocken kamen. Der Winter brachte noch mehr Weihnachtsfreude mit sich. Ich war schon jetzt total aufgeregt. Ich würde wieder Geschenke bekommen und die würde ich alle horten.

Besonders auf ein Kuscheltier hoffte ich. Ich liebte Kuscheltiere. Besonders Teddys. Oh, ja. Ein Teddy wäre wirklich klasse. Ja, so ein Kuscheltier unter dem Weihnachtsbaum wäre schon toll.

Aber erst mal lief ich im Wald durch Laub und freute mich auf den Herbst. Dennoch konnte Weihnachten für mich nicht schnell genug kommen.

 

Adventüden 2019 09 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

08 – Dieses Jahr wird alles anders … | Adventüden

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Dieses Jahr wird alles anders … (René, Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!)

 

Bereits im Juli dieses Jahres lud Christiane zu einer besonderen Aktion ein. Ein Adventskalender aus Etüden war wohl schon länger ihr Traum, und so lud sie … Vor allem lud sie uns ein, da mitzumachen. Sogar wir, die wir einige Zeit abtrünnig waren.

Das war mein Zeichen und Ansporn, wieder mitzumachen. Hintern hoch, Laptop auf, Geschichte via Gehirn in die Tasten und dann geht’s los. Ich hab doch noch so viel zu erzählen.

Die Form ist wieder die einer Etüde, also 3 Worte auswählen und damit einen Beitrag mit max. 300 Worten verfassen. Zur Wahl standen:

Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende

Also, hier dann mein Adventskalender-Beitrag zum diesjährigen Feste, den ich, man bemerke, am 30.08.2019 geschrieben habe/gerade schreibe. Ein Freitag, an dem es mehr als 30 Grad warm war/ist in Berlin, aber es noch keine Schokoweihnachtsmänner zu kaufen gab/gibt. Erstaunlich irgendwie, denn während ich mich beim Schreiben in die Zukunft versetzt fühlte/fühle, werde ich bei der Veröffentlichung in Erinnerungen geschwelgt haben/schwelgen … es ist kompliziert, aber:

[Adventüde an]

Dieses Jahr wird alles anders. Dieses Jahr war ich schlau. Penibelst habe ich meiner Frau im Laufe diesen Jahres zugehört. Alles was wie ein Wunsch oder auch nur ansatzweise wunschähnlich klang, peinlich genau in meine Notizbuch-App diktiert und für später festgehalten. Der Eintrag hat sogar den Namen »mögliche Geschenke« bekommen.

Und so hatte ich eine Liste von Dingen zusammengetragen, aus der ich einfach nur noch im richtigen Moment wie Geburtstag, Weihnachten, Hochzeits- und Namenstag die passende Wahl würde treffen müssen. Nichts leichter als das.

Der 1. Advent ist dieses Jahr ein Sonntag. Erstaunlich. Und noch 3 Wochen bis Weihnachten. Ich bin die Ruhe selbst und schaue in meine Notizen. Ich lege mich auf die Teekanne fest, die es dann zu Weihnachten gibt. Aber Moment. Da gab es doch ein paar Kleinigkeiten zu beachten. Glas? Porzellan? Goldrand, damit sie in die Sammlung semi-antiker Erbstücke passt? Das muss ich noch zu Ende denken. Denn dieses Jahr wird alles anders.

Der 2. Advent kam nun schneller als gedacht. Wieder Sonntag, aber das Denken noch nicht beendet. Dieses Jahr sollte doch alles anders werden … ich schaue erneut in die Hitliste. Ja, genau, eine außergewöhnliche Pudelmütze wird es sein, das mag sie. Muss ich nur zum historisch-authentischen Vegan-Weihnachtsmarkt nach Kreuzberg, da gibt es alles.

Am 3. Advent bekomme ich verspätete Herbstdepressionen. Mitte Dezember. In Kreuzberg war ich nicht, die Ideen in meinen Notizen sind doch irgendwie alle realitätsfern. Was soll ich denn nun, dieses Jahr sollte doch alles and… Mist. Und Panik.

Der 4. Advent. Sonntag. 2 Tage vor Heiligabend. Mein Geschenk … es sollte doch … glaub ich mir schon selbst nicht mehr.

Und so suche ich alle Artikel meiner Notizliste bei Amazon zusammen, erstelle einen Wunschzettel und eine Bestellung über einen 50-Euro-Gutschein.

Frohe Weihnachten.

Nächstes Jahr? Ja, da wird alles anders …

[Adventüde aus]

 

Wer diese Etüde in epischer Breite lesen möchte (René hat kein Faible dafür, sich kurz zu fassen, ein Wunder, dass er die Etüden schafft), der kann das tun. Er hat seine Geschichte in ein wunderhübsches E-Book (und TB) gefasst. HIER kann man mehr darüber lesen bzw. es KOSTENLOS downloaden, jawohl, wer es noch nicht hat, der bekommt heute was Amüsantes gratis obendrauf, na, ist das nichts?

 

Adventüden 2019 08 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

05 – Weihnachtszauber zur rechten Zeit – in Hongkong | Adventüden

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Weihnachtszauber zur rechten Zeit – in Hongkong (Petra Schuseil, Wesentlich werden)

 

Sie lebt schon viele Jahre in Hongkong. Hier beginnt der adventliche Weihnachtszauber erst Ende November. Darüber ist sie jedes Mal aufs Neue froh. Erst kurz vor dem 1. Advent werden Schaufenster und Läden geschmückt. Große Tannen werden auf Plätzen aufgestellt. In den ultramodernen Einkaufsmalls und riesigen Eingangsbereichen der Bürotürme stehen Kunstwerke aus filigranem Plastik oder Holz, die an Tannenbäume erinnern. Alle wunderschön dekoriert und sehr außergewöhnlich.

Die Tage sind nun seit Oktober trockener und sonniger geworden. Jetzt im Herbst liebt sie es zu wandern und draußen zu sein. Mit ihren Freunden trifft sie sich gern zum Essen auf der Terrasse. Sie wird die alte Teekanne aus dem Schrank holen und ihre selbst gebackenen Plätzchen offerieren. Für Stefan ohne Nüsse wegen seiner Nussallergie. Sie hat jedes Mal aufs Neue Angst, es könnten sich doch Wal- oder Haselnüsse in die Plätzchen verirren. Bloß nicht dran denken!

Manchmal schaut sie mit ihren Freundinnen Fotos aus früheren Zeiten an. Auf dem einen lächelt sie in die Kamera mit ihrer roten Pudelmütze auf dem Kopf. Schneeflocken zaubern ein Muster auf ihren dunklen Anorak. Sie liebt den milden Winter in der Megametropole. Ohne Glatteis! Ohne Kälte!

Ihr ist bewusst, dass sie ein privilegiertes Leben führt. Sie ist dankbar dafür. Die Armut winkt auch hier an jeder Straßenecke. Man muss nur die hektischen Einkaufsstraßen verlassen und in eine kleine Seitenstraße abbiegen. Schon befindet man sich in einer anderen Welt, mitten im chinesischen Viertel mit seinen verstaubten Tee- und Kräuterläden. Alte und Gebückte ziehen schwere Holzkarren. Der alte Schirmmacher repariert seit Jahr und Tag zerfetzte Schirme, die Wind und Regen mürbe machen. Er wird das chinesische Neujahr feiern. Das wird sein ganz persönliches Weihnachten sein, wenn seine Kinder ihn besuchen kommen.

 

Adventüden 2019 05 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Hongkong also. Da war doch was in den Nachrichten, sogar ziemlich viel, und jetzt ist es gerade wieder ruhiger, nicht? Per glücklichem Zufall bin ich über einen aktuellen Bericht eines Journalisten über seinen Hongkong-Aufenthalt gestolpert, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Ich war sehr davon angetan.

 

Hong Kong: von Hello Kitty bis Hallo Kotti

Vielleicht hat Petra auch noch neuere Infos, die sie teilen kann und mag.

 

Von Weihnachten zu Weihnachten

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff, Weihnachten, Erstdruck 1837, aus: Gedichte/6. Geistliche Gedichte, Online-quelle)

 

Weihnachten

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen; —
und Groß und Klein und Arm und Reich, —
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht’s in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Mähre.
Papa liest’s der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr…
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
dass es ihm hinterm Zaune nütze.

(Erich Mühsam, Weihnachten, Erstdruck in: Der Krater. Berlin (Morgen) 1909, Online-Quelle bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft)

 

Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!“

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Joachim Ringelnatz, Einsiedlers Heiliger Abend, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Weihnachtsbeleuchtung in Moskau | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe neulich den Satz gehört (nein, nicht in der Werbung), der alles für mich auf den Punkt brachte: Ohne Liebe ist es nur ein Fest.
Friedliche und fröhliche, stille, entspannte, harmonische Tage wünsche ich euch also. Nicht gleich abwehren, bitte! Eine Sehnsucht zu haben, in der man sich wiederfindet, ist wichtig.
Also: von Herzen. Mit Liebe.

 

 

 

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da hörst Du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen:
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da werden alle Kinderaugen groß,
als ob die Dinge wüchsen die sie schauen,
und mütterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden groß.
Da mußt du draußen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so mußt du draußen gehn im weiten Land.
Dort dämmern große Himmel über dir
die auf entfernten weißen Wäldern ruhen,
die Wege wachsen unter deinen Schuhen
und große Himmel dämmern über dir.
Und in den großen Himmeln steht ein Stern
ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle
und in den großen Himmeln steht ein Stern.
Für Clara Rilke. Weihnachten 1901

 

(Rainer Maria Rilke, Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr, 1901, Quelle)

Ich denke, es passt dazu zu erzählen, dass Rilke Mitte Dezember 1901 zum ersten Mal Vater (einer Tochter, Ruth) geworden war. Wenn es also in Rilkes Vorstellung ein „ideales Weihnachten“ (wir würden das heute vermutlich kitschig nennen) gab, dann war es vermutlich dieses. (Okay, er war erst Mitte 20. Was ich auch immer vergesse: Er ist nur 51 geworden, das ist nicht viel – wie man denkt, wenn man selbst älter ist.)
Wie man hier nachlesen kann, hat er es ziemlich inszeniert …

Friedliche und fröhliche, stille, entspannte, harmonische Tage wünsche ich euch. He – nicht gleich abwehren, ja, auch dir, falls du dich angesprochen fühlst. Eine Idealvorstellung zu haben, in der man sich wiederfindet, ist wichtig. Also: von Herzen.

 

Winternacht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich habe hier schon von Schwesterhochfünf geschwärmt. Nun, das folgende Stück ist auch auf der „Adventslieder“-CD.

 

 

Von Advent bis Weihnachten

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Rainer Maria Rilke, Advent, aus: Erste Gedichte, 1913, Quelle)

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff, Weihnachten, aus: Joseph Freiherrn von Eichendorff‘s sämmtliche Werke. 1. Band, 1864, Quelle)

 

Weihnachtsbaum | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dies sind zwei Gedichte, die ich seit meiner Kindheit kenne und schätze. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die beste Zeit dafür, sie auf den Blog zu stellen? (Ach, Anna-Lena, das sieht jetzt ja vielleicht so aus, als ob – nein, ich hatte dieses Gedicht schon Mitte letzter Woche für heute vorgeplant, nichts für ungut, ja?)

Kommt gut in und durch die letzte Vorweihnachtswoche, und wenn ihr irgendwie könnt, genießt die Tage, bevor sie schon wieder vorbei sind!