Weihnachtspause

Es ist passiert: Alle Türchen der Adventüden haben sich geöffnet, alle sind bejubelt und/oder beweint worden, haben Freude, Entzücken und Entsetzen ausgelöst, haben zu Gelächter und Nachdenken eingeladen. So unterschiedlich, so schön.

Und weil das so ist, gibt es jetzt hier noch mal die Liste zum Nachlesen, falls ihr was verpasst habt.

28.11. Mirakel
29.11. Trau, schau, wem …
30.11. Fahrt ins Ungewisse
01.12. Eistee statt Glühwein
02.12. Ein ganz besonderes Lachen
03.12. Die unergründliche Welt der Mathematik
04.12. C+M+B III
05.12. Marzipanschweine
06.12. Das erste Mal
07.12. Fernweh
08.12. Glitzerstadt
09.12. Vanillekipferlflocken
10.12. Seine Mutter
11.12. Monster-Weihnachten
12.12. Weihnachtskonzert
13.12. Ein unerwartetes Treffen im Park
14.12. Auf der Bank
15.12. der weg scheint weit
16.12. Stille Nacht
17.12. Das Wesentliche
18.12. Stille Nacht
19.12. Fräulein Honigohr und die Weihnachtsfeier
20.12. O du Schreckliche
21.12. Das andere Weihnachtsfest
22.12. Der Doppelgänger
23.12. Ich wollte doch nur den Baum holen
24.12. Nacht der Wunder

Ich danke allen, die Teil der Adventüden waren, aktiv oder passiv, als Schreiber*innen, Kommentator*innen, Leser*innen und Liker*innen. Schön, dass ihr da wart, für euch, für uns alle passiert das hier. Frische Begriffe für die Etüden gibt es wieder am 2. Januar 2022, ich zähle auf euch.


Mein Blog geht jetzt langsam in den Feiertagsmodus: Ich mache ihn nicht zu, auch zwischen den Jahren nicht, denn natürlich werde auch ich weiter durch die Blogs bummeln, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … ich habe ein großes Bedürfnis nach Wärme und Couch.

Kommt gut und heil und entschleunigt durch diese Tage, mögen sie bei euch stressfrei und geruhsam ausfallen, und passt auf euch auf.

 

Weihnachtskarte 2021 | 365tageasatzaday
Quelle: ich meiner selbst, aber so was von!

 

Adventüden 2021 23-12 | 365tageasatzaday

23.12. – Ich wollte doch nur den Baum holen … | Adventüden

Schaaa-haaa-tz?« echot es durch den Flur, als ich am 23. Dezember den Weihnachtseinkauf in drei Tüten aus recycelten Einwegflaschen umsichtig durch die Wohnungstür wuchte. Klar, dass ich vor lauter Bratäpfeln und Marzipan trotzdem irgendwie den Kartoffelsalat vergessen habe. Ob ich nochmal losgehen sollte? Oder müsste?
So ziehen die Gedanken durch mein Hirn, als ich mit der viel wichtigeren Frage konfrontiert werde: »Schaaa-haaa-tz? Kannst du dann bitte gleich mal den Baum aus dem Keller holen und aufstellen? Ach ja, und bring auch den Weihnachtsschmuck mit. Ja, alle einundzwanzig Kisten! Du wirst mehrmals gehen müssen!«

Ich ringe mir ein freundliches »Logisch, ich stelle nur kurz den Einkauf hin!« ab, und setze mich in Bewegung.

Aber an der Stelle, an der ich normalerweise die Taschen ablade, stehen vier unterschiedlich große Teller mit Weihnachtsmotiven und Katzenfutter. Vier! Vier? Warum auch immer. Na gut, räumen wir sie in die Spüle. Das geht nun nicht, denn diese ist voller Backutensilien, die nach dem Keksherstellungsgroßeinsatz auf die Waschung warten. Gut, räumen wir also zuvor die Küche auf. Die leere Packung Eistee in den gelben Sa… wo ist der Eimer dafür?

»Im Bad! Ich musste den auswaschen! Der roch nach Katzenfutterdosen! Wann holst du den Baum?«

»Halb-bald bis mittel-gleich!« antworte ich weise, um etwas Zeit und vorher den Eimer aus dem Bad zurückzugewinnen. Doch über den Eimer hat das Schicksal die Weihnachtstischdecke nach dem Schonwaschgang ausgebreitet, die dort trocknete und jetzt erst mal gebügelt werden muss. Wie lange war ich eigentlich einkaufen?

Um an das Bügeleisen zu kommen, muss ich noch flink das Regal im Flur durchforsten, aus der Kammer mit dem klemmenden Schloss die Verlängerungsschnur holen, dann außerdem … eine Stunde später liege ich aus unerfindlichen Gründen hinter dem Sofa mit einem Zollstock in der Hand und richte das Laminat.

Nur der Baum steht immer noch nicht.


Autor*in: René                                Blog: BerlinAutor

 

Adventüden 2021 23-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 21-12 | 365tageasatzaday

21.12. – Das andere Weihnachtsfest | Adventüden

Wir waren eingeladen wie die Jahre zuvor. Der begüterte Zweig der Familie lud zum piekfeinen Weihnachtsessen. Lustig und fein? Nein, vielmehr eine Zurschaustellung von Reichtum und Dekadenz, was die werte Verwandtschaft an den Tag legte. Die Tante hatte einen reichen Mann geheiratet, niederer Adel zwar, aber immerhin Adel. Die gesamte Familie sollte zusammenkommen, die Schwestern der Tante, es waren ihrer insgesamt drei, deren Kinder (dazu zählte ich), Partner, Kindeskinder. Es wuselte nur so. Die adelige Familie saß wie üblich im heimeligen Prunksaal, der Rest im angrenzenden Speisesaal, immer noch prächtig, aber längst nicht so gemütlich. Ein Unterschied musste schließlich sein. Sie hatte eingeladen, aber all diese Mäuler zu stopfen bescherte ihr Kopfzerbrechen, denn der reiche Onkel war längst nicht mehr so reich wie früher.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis irgendwer trockene Kekse herumreichte, das versprochene Festessen ließ auf sich warten. Keiner wusste, ob der unbezahlte Koch das Geschirrtuch hingeschmissen hatte oder etwas anderes schuld war. Die Kinder wurden quengelig und die Erwachsenen murrten.

Die Tante gab sich unbeirrt arrogant, beklagte Undankbarkeit, es wäre doch ein wunderbares Fest. Der Missmut nahm zu und lange schwelende Konflikte brachen hervor.

Ich, normalerweise die Vernünftige, hatte genug von dem Tamtam, verabschiedete mich und erklärte, dass ich nach Hause führe und den Grill anheizen würde. Es war Dezember, der Schnee lag hoch, man hielt mich für verrückt. Aber verrückter als die neureiche Tante konnte ich wohl auch nicht sein.

Der Großteil der Familie schloss sich an, wir verließen das Herrenhaus, es reichte uns. Jemand organisierte Kartoffelsalat, andere brachten Bratäpfel und Marzipan. Diverses Grillgut fand seinen Weg auf meine Terrasse. Sturmwolkenblau leuchtete der nächtliche Himmel über uns, die angezündeten Fackeln spendeten schwaches Licht, die Kinder tobten im glitzernden Schnee. Wir sangen Weihnachtslieder, zitterten dabei vor Kälte und tranken Glühwein.

Es war das allerschönste Weihnachtsfest aller Zeiten!


Autor*in: Veronika                        Blog: vro jongliert

 

Adventüden 2021 21-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 18-12 | 365tageasatzaday

18.12. – TRIGGERWARNUNG | Stille Nacht | Adventüden

CN: Tod; Gewalt; Missbrauch (nicht explizit).
Diese Adventüde geht nicht gut aus. Gar nicht gut.

 

24.12.2007, erster Ferientag in Berlin, Georgina wacht auf, der Duft warmer Bratäpfel steigt ihr in die Nase, ihre Oma ist schon lange in der Küche zugange, trifft die letzten Vorbereitungen zum Fest, sie sitzt am Küchentisch und bereitet den Kartoffelsalat zu, den es bei ihnen traditionell am Heiligen Abend gibt.

Ein Blech mit Omas Keksen, gefüllt mit Marzipan, steht schon bereit, in den Backofen zu wandern.

Georgina, das Nachthemd unter dem flauschigsten aller Bademäntel verborgen, holt die Partitur der 21 schönsten Weihnachtslieder aus der Aktentasche für die Klaviernoten, setzt sich ans Pianino und spielt das Gloria der Engel; sie freut sich so, Weihnachten hat, trotz ihrer beginnenden Pubertät, nichts von seinem Zauber verloren.

»Georgina, Liebes, sei so gut und hol den Weihnachtsschmuck aus dem Keller, ja!«, ruft die Oma aus der Küche.

Georgina schlüpft in die Puschen, läuft durchs Treppenhaus hinunter zur Hoftür, der Keller liegt auf der anderen Seite des Hinterhofes, sie blinzelt durch den leichten Schneeregen gen Himmel, der Sturmwolkenblau trägt, es wird heute draußen noch sehr ungemütlich werden.

Im Keller trifft sie Herrn Gennaro, ein Nachbar, den alle den stillen Herrn Gennaro nennen, ein ruhiger, freundlicher, kleiner, unscheinbarer, älterer Herr, er bittet Georgina, ihm eine Kiste von seinem obersten Regelbrett zu holen.

Sein Keller ist wohnlich eingerichtet, mit einem alten Sofa voller Decken und einem Couchtisch, auf dem eine Flasche Eistee steht; ruhig sagt der stille Herr Gennaro zu Georgina, dass sie sich ausziehen und aufs Sofa legen soll, in dessen Richtung er sie sanft drückt.

Als Georgina anfängt, kreischend um Hilfe zu rufen, legt Herr Gennaro seine Hände um ihren Hals und drückt zu.

Das Letzte, was Georgina fühlt, ist die Sehnsucht nach der Geborgenheit ihrer Oma, das Letzte, was sie »sieht«, ist eine Art Glitzer.

Ihr spurloses Verschwinden wird der Kripo 14 Jahre Kopfzerbrechen bereiten.


Autor*in: Bernd                              Blog: Red Skies over Paradise


Wesentliche Teile dieser Adventüde sind fiktiv, der Fall, der sie inspirierte, ist es nicht: Über ihn wurde bei Aktenzeichen XY berichtet. Der Link (hier klicken) führt zu einer XY-Seite einer Privatperson und bietet einen kurzen Abriss.

Nach dem großen Zuspruch zu Kains Adventüde hat Bernd mir eine Seite genannt, die Opfer aus dem Sexualstrafrecht unterstützt: Hier klicken. Ich wiederum möchte daran erinnern, dass ich in meinem unter jeder Adventüde verlinkten „Inhaltshinweise“-Eintrag (hier klicken) auch Anlaufstellen bei Problemen aufführe, nur falls ihr jemanden kennt … mensch weiß ja nie.

 

Adventüden 2021 18-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 11-12 | 365tageasatzaday

11.12. – Monster-Weihnachten | Adventüden

Sie wollen mich interviewen, für Ihren Artikel »Weihnachtliche Arbeitsbedingungen«? Da sind Sie bei mir genau richtig. Sie meinen also, dass unsereiner ohnehin nur rund zwei Wochen im Jahr arbeite und es daher keinerlei Anlass zu Klagen geben könne? Sie haben ja nicht die leiseste Ahnung von unseren Arbeitsbedingungen!

Als ich noch ganz jung war und keinerlei Erfahrungen hatte, landete ich in einem privaten Haushalt und dachte, ich hätte Glück gehabt und würde ein Minimum an Geborgenheit vorfinden. Was für ein Irrtum! Ich hatte ja keine Ahnung, aus welchen Monstern dieser Haushalt bestand.

Während der Weihnachtsfeier selbst war es noch nicht so schlimm, denn zu diesem Zeitpunkt standen meine Kollegen und ich nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber ab dem nächsten Tag war die Schonfrist vorbei. Die Kinder – das ist so eine Art kleinerer Monster – taten mit unsereinem etwas, das sie »spielen« nannten. Es handelt sich dabei um Beschädigungen bis zum Tod. Nein, ich bin nicht zu dramatisch, genügend Opfer habe ich gesehen.

Dann gab es da die Mutter, die Erzeugerin der kleineren Monster. Offiziell aß sie keine Schokolade, aber nachts schlich sie zum Weihnachtsbaum, riss die essbaren Teile herunter und verschlang sie vor unseren Augen. Grauenhaft!

Der größte Schrecken aber war ein weiteres Familienmitglied, das anders aussah als die übrigen, aber ebenso todbringend  war. Nach der ersten Begegnung hatte ich solche Angst, dass mein Glitzer speigrün wurde. Kein sehr erhebender Anblick. Dieses Wesen pflegte mit Körperteilen, die »Samtpfoten« genannt wurden, auf uns einzudreschen, dass uns Hören und Sehen verging. Die anderen Monster lachten dazu.

Nach diesem Arbeitsplatz musste ich mich sechs Monate lang in Behandlung begeben. Sie sehen, die zwei Wochen Arbeitszeit sind sehr relativ, wenn man bedenkt, dass wir an jedem einzelnen Tag Leib und Leben riskieren.

Deswegen bin ich heute auch Vorsitzende der Weihnachtsschmuckgewerkschaft, Abteilung Kugeln.


Autor*in: Myriade                         Blog: La parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

 

Adventüden 2021 11-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Vom Schenken und allerlei Festlichkeit

Die erste alte Tante sprach

Die erste alte Tante sprach:
Wir müssen nun auch dran denken,
Was wir zu ihrem Namenstag
Dem guten Sophiechen schenken.

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
Ich schlage vor, wir entscheiden
Uns für ein Kleid in Erbsengrün,
Das mag Sophiechen nicht leiden.

Der dritten Tante war das recht:
Ja, sprach sie, mit gelben Ranken!
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muß sich auch noch bedanken.

(Wilhelm Busch, Die erste alte Tante sprach, aus: Kritik des Herzens, 1874, Online-Quelle)

Bürgerliches Weihnachtsidyll

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannebaum! O Tannebaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund, Bürgerliches Weihnachtsidyll, aus: Die Harfenjule, 1927, Online-Quelle)

Weihnachten

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen; —
und Groß und Klein und Arm und Reich, —
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht’s in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Mähre.
Papa liest’s der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr…
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
dass es ihm hinterm Zaune nütze.

(Erich Mühsam, Weihnachten, Erstdruck in: Der Krater. Berlin (Morgen) 1909, Online-Quelle bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft)

Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So daß die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Daß dein Geschenk
Du selber bist.

(Joachim Ringelnatz, Schenken, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch zu Adventüden-Zeiten gibt es die Montagsgedichte! Heute mal eher die despektierlichere Variante zur Erinnerung daran, dass man sich (auch) zu Weihnachten eben oft nur aushält. Ich hoffe wie üblich, dass besonders die Autorin der heutigen Adventüde mit meiner Auswahl leben mag, und auch, dass ihr es gelungen findet …

Kommt gesund und sowieso heiter in und durch die Woche und habt gelungene, schöne und entspannte Tage, falls wir uns vorher nicht mehr lesen!

 

Adventüden 2020 21-12 | 365tageasatzaday

21.12. – Weihnachten mit Familie | Adventüden

 

Sanna hatte es sich mit Kuscheldecke auf dem Sofa ihrer Mutter bequem gemacht und knabberte Lebkuchen. Sie war schon seit gestern bei Heide und würde bis nach den Feiertagen bleiben. Sannas Freund rieb sich wie jedes Jahr zwischen den Patchworksträngen seiner Familie auf.

Sie hatten weder Wichtel-Geschenke noch ein großes Weihnachtsmenü mit Braten, Semmelknödeln und Zimt-Käsekuchen vorbereitet. Es gab etwas Leichtes, das auch ihre vegane Schwester Luisa essen würde. Ihr Vater würde auch ohne fettes Fleisch einen Grund finden, sich nach dem Essen einen Gin oder etwas ähnlich Widerliches zu genehmigen.

Sanna verdrehte die Augen beim Gedanken an den bevorstehenden Heiligabend. Wenigstens war Luisa nicht mehr mit diesem nervigen Typen zusammen, der jede Diskussion mit seinen Themen dominierte. Das Tischgespräch war dadurch oft zu einer unangenehmen Schlittenfahrt mutiert. Dieses Jahr würden sie wieder als vierköpfige Kernfamilie Weihnachten feiern, auch wenn ihnen das eigentlich allen herzlich egal war. Sie taten es nur für Heide, die sich nie damit abgefunden hatte, dass es diese Kernfamilie schon lange nicht mehr gab. Die Eltern hatten sich vor über zehn Jahren getrennt, Sanna und ihre Schwester waren nie wirklich Familienmenschen gewesen. Luisa war wie ein Zugvogel und wechselte viel zu häufig ihre Partner, als dass sie diese jemals in ihre Familie hätte integrieren, geschweige denn die Familie mit Enkeln bereichern können. Auch Sanna hatte das nie vorgehabt.

Sie würden ohne Weihnachtsbaum und Lichtermeer um den Tisch sitzen, sich unterhalten, essen, trinken, der Vater würde das Etikett jeder Weinflasche studieren, als suchte er darauf das Geheimrezept für den Wunschpunsch, Heide würde gelegentlich Nebelschwaden negativer Stimmung versprühen, Luisa würde aus ihrem Blog zitieren wie aus einem Märchenbuch und regelmäßig unterm Tisch verschwinden, um ihrer Hündin Streicheleinheiten zu verpassen. Solange sie sich auf die Töle fixierte und nicht wieder auf den Minnesang irgendeines Idioten hereinfiel, war sie okay.

Autor*in: Lea     Blog: Kommunikatz
Diese Etüde hatte einen Vorläufer, in dem es schon Infos zu den Personen gab: hier klicken!

 

Adventüden 2020 21-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2020 12-12 | 365tageasatzaday

12.12. – Dezember mit den Mos | Adventüden

 

Aufseufzend ließ sie sich auf ihren Einzelplatz im Großraumwagen sinken. Fast wäre sie noch zu spät am Bahnhof gewesen. Dicke Nebelschwaden hatten die Autofahrer gezwungen, sich nur langsam und vorsichtig durch die Watte zu tasten. Novemberwetter.
Sie holte ihre Kopfhörer heraus, startete ihren Lieblings-Weihnachts-Stream. »Driving home for Christmas« – wie passend. Entspannt lehnte sie sich zurück, schloss die Augen, ließ die Erinnerungen kommen.

»Die drei Mos« wurden sie genannt – unzertrennlich seit dem ersten Schultag. Keiner konnte mitreißendere Geschichten erfinden als Mohammed, keiner heckte so pfiffige Streiche aus wie Moses, und dank Monikas Findigkeit waren sie oft einer Strafe entgangen. Monika – ihre kenianische Mutter hatte auf diesem Vornamen bestanden, damit ihre dunkelhäutige Tochter es leichter habe.

Die drei liebten den Dezember, wenn sich die Feste in den Familien häuften. Ihre Geburtstage, Chanukka, Weihnachten, Silvester. Unübertrefflichen Käsekuchen naschen am 1. Dezember zum Geburtstag bei Mohammed, gemeinsames Backen fantasievoll verzierter Lebkuchen mit Monikas Eltern, Singen im Altersheim, gegenseitiges Wichteln zu Nikolaus, das Dekorieren des Weihnachtsbaums – das war ihr Dezember.
Das Jahr endete traditionell mit dem Silvester-Wunschpunsch bei Moses’ Familie.
Gut. Ihre Wünsche gingen nicht immer in Erfüllung. Das heiß ersehnte Einhorn blieb ein Bild im Märchenbuch. Doch es gab Geborgenheit, gemeinsam lachen, zusammengehören.

Monika seufzte. Die beiden anderen lebten noch immer in der Stadt. Nur sie selbst war ein Zugvogel, weltweit tätig als IT-Beraterin. Umso schöner war die Dezember-Auszeit, auf die sie immer bestanden hatte. Im Dezember nicht daheim? Undenkbar.

Ihre Musikliste dudelte in ihre Gedanken hinein. Musik. Sie war da breit aufgestellt, die Jungs eher weniger. Besonders der Song, der eben lief, war Streitthema. Um ihr das Lied madig zu machen, hatten sie es sogar umgetextet. Wie war das noch?
»Lars iss dös, der Stollen schmeckt gut, Lars iss dös, gleich packt mich die Wut …«
Monika giggelte.

Autor*in: Donka     Blog: onlybatscanhang

 

Adventüden 2020 12-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

24 – Die Cookie-Oma | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Die Cookie-Oma (Christiane, Irgendwas ist immer)

 

»Und vergiss nicht, Oma Anne zu sagen, wie toll du ihre selbst gebackenen Plätzchen findest!«

Melanie verabscheute die obligatorischen Verwandtenbesuche über Weihnachten. Von wegen Weihnachtszauber: Am ersten Feiertag kamen ihre Eltern von weit, das war ehernes Gesetz. Mit einem Berg Geschenke (nun ja, danke) und Plätzchen, die selbstverständlich bei ihnen blieben. Als ob sie, Melanie, nicht backen könnte! Als ob über Weihnachten in dieser Familie jemals jemand Hunger gelitten hätte!

Ihr Sohn maß sie im Vorbeilaufen mit dem eisigen Blick des Spätpubertierenden. »Wenn ich entscheiden müsste, was ich den Vögeln im Garten hinstreue, dann wäre das ganz sicher nicht Oma Annes Gebäck«, tönte er.

Ach, wo war die Zeit geblieben, als dieses Kind mit einem Kuscheltier zufriedenzustellen gewesen war? Da werkelte sie Stunde um Stunde in der Küche, um ihre Lieben mit Naschereien verwöhnen zu können, und was tat dieser Banause? Erzählte ihr was von vegan und Nussallergie.
»Wenn überhaupt, dann hast du eine Nussunverträglichkeit«, hatte sie gekontert, »wäre ja auch kein Wunder, wenn man sich die Menge Nutella anschaut, die du so in dich hineinschaufelst!«

Okay.

So unflexibel wollte sie nicht sein, obwohl Großmutters Lebkuchen immer die besten bleiben würden. Online hatte sie bei einer COOKIE-OMA angesagte Plätzchenrezepte gefunden. Aber Bananen-Tonka-Plätzchen, Früchtetaler und Schokoladen-Orangen-Riegel? Himbeer-Kokos-Herzen? War das wirklich die Alternative?
Sie hatte diesem gehypten Zeug dann doch nicht getraut, frustriert ihren ewig gleichen Zimtsternen, Vanillekipferl und Spitzbuben den Vorzug gegeben und sich ein wenig für ihre Feigheit geschämt.

Draußen hupte es. Bestimmt die Eltern.

Zwanzig Minuten später starrte sie fassungslos auf die mitgebrachten Weihnachtsplätzchen.

»Ich habe ein neues Projekt«, verkündete ihre Mutter fröhlich. »Seit Carl im Ruhestand ist, beschäftigen wir uns nämlich mit gesunder Ernährung! Vor Weihnachten fand ich Backen passend. Auf Instagram heiße ich übrigens ›Cookie-Oma‹, toll, nicht? Kind? Du sagst ja gar nichts? Ist dir nicht gut?«

 

Adventüden 2019 24 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Ich möchte mich bei euch bedanken. Bei den Schreibenden der Adventüden natürlich zuerst, aber ebenso bei allen, die jeden (oder fast jeden) Tag vorbeigekommen sind, die gelesen, gelikt und vor allem kommentiert und sich eingebracht haben, und die mir damit gezeigt haben, dass ihnen die Etüden etwas bedeuten – und die Arbeit, die ich hineinstecke. Das bedeutet mir etwas.
Mir ist schon klar, dass einige von euch bereits in der Weihnachtspause sind, aber vielleicht lest ihr es ja trotzdem. Danke.

 

FROHE TAGE EUCH ALLEN, ob ihr feiert oder nicht!

 

Dieser Blog geht heute irgendwann ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Habt eine gute Zeit und passt auf euch auf!

Oh, und wenn ihr morgen Zeit habt: Elke hat mir eine Nachzügler-Etüde versprochen, und ich freue mich schon darauf. Also schaut rein!

Coming up next: Auf jeden Fall ein Adventüden-Resümee, aber wann ist noch nicht sicher.

 

UPDATE: Elke hat eine Nachzügler-Etüde eingereicht und auf mein Bitten erst heute (25.12.) veröffentlicht. Wer also noch nicht genug „Adventüden“ gelesen hat, der findet sie hier:

https://transsilabia.wordpress.com/2019/12/25/nachhaltigkeitsmarkt/

Es lohnt sich!

 

Falls wen die Lust packen sollte … die Rezepte. Achtung, ich habe keins davon selbst ausprobiert! Und nein, das ist keine (unbezahlte) Werbung für die Zeitschrift, die hatten nur die schönsten Fotos.

 

Bananen-Tonka-Plätzchen (vegan)

Früchtetaler (vegan)

Himbeer-Kokos-Herzen (vegan)

Schokoladen-Orangen-Riegel (vegan)

 

Spitzbuben

Vanillekipferl

Zimtsterne

 

23 – Dem Leben auf der Spur | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Dem Leben auf der Spur (Anna-Lena, Meine literarische Visitenkarte)

 

Er war weder blaublütig, noch hatte er goldene Löffel in die Wiege gelegt bekommen, und trotzdem war er ein Kind aus bestem Hause, ein Einzelkind, dessen Eltern es mit viel Kraft und Elan, aber auch mit einer gehörigen Portion Arbeit zu Wohlstand und Reichtum gebracht hatten.
Hunger, Durst und Entbehrungen jeglicher Art waren ihm fremd, er hatte alles in seinem bisherigen Leben bekommen, was er wollte, und doch war er nicht glücklich – bis jetzt.

Es war an einem heißen Sommertag südlich von Kreta. Die Party auf der kleinen Segeljacht war in vollem Gang, als er die verzweifelten Hilferufe der Frau hörte. Immer wieder hielt sie ein kleines Bündel aus dem Wasser. Kurz darauf waren beide verschwunden. Alkohol und Koks hatten seine Sinne getrübt, und auch die anderen bemerkten entweder gar nicht oder zu spät, dass eine verzweifelte Frau mit ihrem kleinen Kind von einem Flüchtlingsboot ins Wasser gefallen und abgetrieben worden war und nun um das nackte Leben kämpfte.
Voller Entsetzen erinnerte er sich daran, dass sie irgendwann beide nicht mehr auftauchten und im weitläufigen Massengrab des Mittelmeeres versunken waren. Diese bitteren Erfahrungen holten ihn als nächtliche Träume immer wieder ein.

Das war die Wende in seinem Leben. Er hatte begriffen, dass er so nicht weiterleben konnte und wollte. Nach unsäglichen Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, die ihm bereits einen Studienplatz an einer Eliteuniversität in den Staaten besorgt hatten, zog er nach seinem Abitur durch die Länder Europas, immer wieder nach dem Sinn des Lebens suchend.

Und nun stand er hier in der Suppenküche in Berlin-Pankow und teilte eine heiße Kartoffelsuppe aus an alle, die mit frischen Schneeflocken auf ihren Haaren oder ihren Pudelmützen frierend in den adventlich geschmückten Raum kamen, gekennzeichnet von der bitteren Armut in ihrem Leben und doch lächelnd vor Dankbarkeit für diese Zuwendung.
Es war Weihnachten.

 

Adventüden 2019 23 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

20 – Endlich wieder Weihnachten | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Endlich wieder Weihnachten (Veronika, Vro jongliert)

 

Die Klimakrise hatte ihren Höhepunkt überschritten. Die Temperaturen sanken seit Jahren beständig. Nicht, dass die letzten Überlebenden sich groß darum gekümmert hätten. Sie waren auch weiterhin beschäftigt mit Überleben. Die Herbststürme hatten längst die wenigen verschrumpelten Äpfel von den Bäumen gefegt.

Die Dorfkinder balgten sich um die kleinen holzigen Früchte. Schmal und ausgezehrt waren sie, ein Anblick des Jammers. Die Armut traf sie am härtesten. Das Winterfest rückte näher. Früher einmal hatte es Weihnachten geheißen. Aber an Götter glaubte niemand mehr, nur noch an Mutter Erde. Und die war eine rachsüchtige strenge Frau, die keine Fehler entschuldigte. Wer Fehler machte, überlebte nicht.

Eliza sehnte sich nach Weihnachten. Sie hatte so viele Geschichten gehört. Heuer würde sie ihre Familie überraschen. Schon seit Wochen jagte sie allen möglichen Schätzen nach. Klaute Nüsse, raufte wie wild um die Äpfelchen, sammelte ein bisschen Moos und riskierte, von den anderen Kindern deshalb scheel angesehen zu werden. Jedes Mal bedankte sie sich bei Mutter Erde und flehte sie an, sie nicht dafür zu bestrafen, weil sie die Sachen in einem geheimen Versteck bunkerte und nicht mit der Gemeinschaft teilte.

Wenn sie nur sicher wüsste, wann genau das Weihnachtsfest stattfand. Das musste sie noch herausfinden. Dann würde sie nachts in den Gemeinschaftsraum ihrer Familie schleichen und auf dem Tisch ein Moosnest machen. Darin würde sie all die Nüsse und Früchte stapeln. Ihr ganz persönliches Weihnachten. Da würden sie alle staunen: Mama und Papa und die großen Brüder und Schwestern. Sie, Eliza, die Kleinste und Schmächtigste unter ihnen, der sie immer voraussagten, sie würde nicht lange genug leben, um erwachsen zu werden, und die trotzdem Jahr für Jahr überlebte.

Als an jenem Wintermorgen dichte Wolken aufzogen und das erste Mal seit Jahrzehnten wieder Schneeflocken vom Himmel fielen, wusste Eliza, ihr Traum vom Weihnachtsfest würde in Erfüllung gehen.

 

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17 – Auf das Leben! | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Auf das Leben! (Viola, viola-et-cetera)

 

Seit ich mit meiner Familie Weihnachten feiere, war kein Weihnachtsfest wie das andere. Meistens wurde im Familienkreis gefeiert. Manchmal waren auch Freunde der Familie dabei, die sich einsam fühlten. Und irgendwann mischte sich auch Hundegebell in die menschlichen Gespräche.

Traditionen gibt es nicht viele in meiner Familie. Das Zusammensein mit anderen ist wichtig. Nicht immer war das Fest harmonisch, vor allem Teenager-Viola hat alle deutlich wissen lassen, was sie davon hielt, ihr Bett eine Nacht der Oma überlassen zu müssen. Aber wir haben es zusammen durchgestanden. Weiße Weihnachten mit Glatteis und Schneeflocken waren genauso dabei wie grüne Weihnachtsfeiertage. Aber ausgefallen ist noch kein Weihnachtsfest, und das ist auch gut so, es hätte uns allen sehr gefehlt.

Leider mussten wir uns auch schon zwei Mal ganz kurz vor Heiligabend von Verwandten für immer verabschieden. Daraufhin hat meine Mutter den Brauch eingeführt, Weihnachten »auf das Leben« anzustoßen. Das beinhaltet Dankbarkeit, dass wir ein weiteres Mal im Kreise lieber Menschen feiern können, und es ist ein Gedenken an diejenigen, die nicht mehr dabei sind.

Mir hilft die Vorfreude auf Weihnachten immer aus der Herbstdepression, die sich gerne in mir ausbreitet, wenn die Tage kürzer werden. Geschenke müssen besorgt und eingepackt werden, Adventsgestecke verbreiten angenehmen Tannenduft, und oft steht abends eine Teekanne voll wohltuend warmem Gebräu auf dem Tisch. Und wenn der Weihnachtszauber vorbei ist und alles wieder in Dunkelheit und Matsch versinkt, kann ich mir einreden, dass die Wintersonnenwende schon vorbei ist und die Helligkeit wieder Einzug hält.

Euch allen frohe Feiertage, und feiert das Leben!

 

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