Von der Zweisamkeit

 

Die Liebe war nicht geringe

Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blaß;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wußten noch immer was.

Sie mußten sich lange quälen,
Doch schließlich kam’s dazu,
Daß sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.

(Wilhelm Busch, Die Liebe war nicht geringe, aus: Kritik des Herzens, 1874, Online-Quelle)

 

Der andre Mann

Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu dir nett.
Er kann dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an …
Dann tritt zu euch beiden dein Mann.

Und du vergleichst sie in deinem Gemüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wie er schon dasteht – du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und du denkst bei dir so: »Eigentlich …
Der da wäre ein Mann für mich!«

Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
und guten alten Papa!
Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren
ständest du ebenso da!
Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;
dann kennst du ihn in Unterhosen;
dann wird er satt in deinem Besitze;
dann kennst du alle seine Witze.
Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,
von oben und unten, von hinten und vorn …
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier …
und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.

Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann!

(Kurt Tucholsky / Theobald Tiger, Der andre Mann, aus: Die Weltbühne, 21.10.1930, Nr. 43, S. 630, Online-Quelle)

 

Ehespruch

Jeder Mensch ist eine Melodie.
Lieben heißt: sie innehaben.
Ich bin für dich, du bist für mich ein Lied.
Geschlossenen Auges sing ich dich,
In meiner Seele mich an dir zu laben.

Doch wehe, wenn wir uns vergessen,
Fehlt Ton um Ton des Lieds, umsonst gesucht,
Dann ist die Liebe ohne Zucht,
Ein Zwang, der ichbesessen
Zwei Einsamkeiten ineinanderflucht.

(Franz Werfel, Ehespruch, aus: Gedichte aus dem Nachlaß, Online-Quelle)

 

Die kleinen Lieder für Irene

I

Gott hat uns leicht und schwer gemacht.
Du hast geweint. Ich hab gelacht.
Du hast gelacht. Ich hab geweint.
So Sonn und Mond am Himmel scheint.

II

Hingen  Wang an Wangen,
Hingen Blick an Blick.
Viele Frauen sind mit mir gegangen,
Und nur eine sah zurück.

Viele haben schön bei mir geschlafen,
Und nur eine ist erwacht.
Mein zerzaustes Segel fand den Hafen,
Und mein Tag fand seine Nacht.

(Klabund (Alfred Henschke), Die kleinen Lieder an Irene, aus: Die kleinen Lieder für Irene, in: Kleines Klabund-Buch. Novellen und Lieder, 1921, Online-Quelle, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Vom Liebeskummer der letzten Woche zur Zweisamkeit zurück … und den Wilhelm Busch hat schon mein Vater meiner Mutter zitiert. Hach ja. Ich musste sehr lachen, als ich ihn entdeckte.

Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf, wen ihr an euch heranlasst …

 

Von Taufe und Kindsein

 

Einleitung

Eh man auf diese Welt gekommen
Und noch so still vorlieb genommen,
Da hat man noch bei nichts was bei;
Man schwebt herum, ist schuldenfrei,
Hat keine Uhr und keine Eile
Und äußerst selten Langeweile.
Allein man nimmt sich nicht in acht,
Und schlupp! ist man zur Welt gebracht.

(Wilhelm Busch, aus: Die Haarbeutel, Einleitung, 1878, Online-Quelle)

 

III. Thalia. Die Bürger.

Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;
Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich.

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: Hermann und Dorothea, Online-Quelle)

 

Wollt ihr die Kinder treu behüten

Wollt ihr die Kinder treu behüten,
laßt eure Sorge Liebe sein,
gedeihen doch die zarten Blüten
nur in der Liebe Sonnenschein.

Heilt auch das Leben manche Wunden,
die erste schließt sich nimmermehr
und ganz wird nie das Herz gesunden,
war seine Kindheit liebeleer.

(Albert Traeger (Wikipedia), Wollt ihr die Kinder treu behüten, Online-Quelle)

 

VERSE AUF EIN KLEINES KIND

Dir wachsen die rosigen Füße,
Die Sonnenländer zu suchen:
Die Sonnenländer sind offen!
An schweigenden Wipfeln blieb dort
Die Luft der Jahrtausende hangen,
Die unerschöpflichen Meere
Sind immer noch, immer noch da.
Am Rande des ewigen Waldes
Willst du aus der hölzernen Schale
Die Milch mit der Unke dann teilen?
Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
Fast fallen die Sterne hinein!
Am Rande des ewigen Meeres
Schnell findest du einen Gespielen:
Den freundlichen guten Delphin.
Er springt dir ans Trockne entgegen,
Und bleibt er auch manchmal aus,
So stillen die ewigen Winde
Dir bald die aufquellenden Tränen.
Es sind in den Sonnenländern
Die alten, erhabenen Zeiten
Für immer noch, immer noch da!
Die Sonne mit heimlicher Kraft,
Sie formt dir die rosigen Füße,
Ihr ewiges Land zu betreten.

(Hugo von Hofmannsthal, Verse auf ein kleines Kind, Insel Verlag 1922, Online-Quelle)

 

Frisch getauft | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, mit Erlaubnis des stolzen Vaters

 

Ich bin in dem Alter, wo ich bei Mini-Zwergen voll sentimentale Anfälle bekomme. Nein, keine peinlichen, jedenfalls noch nicht. (Ist die nicht süüüüß?)

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Von den drei Königen

(als Ergänzung zur heutigen Adventüde)

 

Legende

Einst als am Saum der Wüsten sich
aufthat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkündet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Ueberall,
die zogen alle (überlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Betlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und Der auf einem Rappen ritt,
saß sammten und bequem.
Und Der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,
und Der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,
ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Ueberall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:
Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit magenkraft*,
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heidenhaft, –
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zu Haus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich Deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost für ihren Thron.
Doch mußt Du nicht gleich glauben: Bloß
ein Funkelfürst und Heidenscheich
sei Deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist groß.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schoß.
Und während hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit Deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende Du Dein Angesicht
nach Aufgang und Dein Kind;
dort liegt in blauen Linien
was jeder Dir verließ:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von Türkis.

*mittelhochdeutsch: «Macht» (RMR)

(Rainer Maria Rilke, Legende, aus: Das Buch der Bilder, 2. Buch Teil 1, 1906, Online-Quelle)

 

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand,
Als wie die drei Weisen aus Morgenland,
Und ließe sich dünken, er wär wohl nie
Dem Sternlein nachgereist wie sie;
Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
Fällt auch auf sein verständig Gesicht,
Er mag es merken oder nicht,
Ein freundlicher Strahl
Des Wundersternes von dazumal.

(Wilhelm Busch, Der Stern, aus: Schein und Sein, Online-Quelle)

 

Heilige Drei Könige | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Die letzte Woche vor Weihnachten bricht an, und ich vermute, dass so einigen von euch eher nach Zusammenbrechen ist. Also auch heute: Kommt gut in und durch die neue Woche, und gebt auf euch acht!

 

Von Dichtern und Gedichten

 

Unterthänigstes
Pro Memoria an die Constistorialrath Körnerische weibliche Waschdeputation in Loschwiz
eingereicht
von einem niedergeschlagenen
Trauerspieldichter.

Bittschrift.

Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tobaksdose ledig
Mein Magen leer – der Himmel sei
dem Trauerspiele gnädig.

Ich kraze mit dem Federkiel
auf den gewalkten Lumpen;
Wer kann Empfindung und Gefühl
aus hohlem Herzen pumpen?

Feur soll ich gießen aufs Papier
mit angefrornem Finger? – –
O Phöbus, haßest Du Geschmier,
so wärm auch deine Sänger.

Die Wäsche klatscht vor meiner Thür,
es scharrt die Küchenzofe –
und mich – mich ruft das Flügelthier
nach König Philipps Hofe.

Ich steige mutig auf das Roß;
In wenigen Sekunden
seh ich Madrid – am Königsschloß
hab ich es angebunden.

Ich eile durch die Gallerie
und – siehe da! – belausche
die junge Fürstin Eboli
in süßem Liebesrausche.

Jezt sinkt sie an des Prinzen Brust,
mit wonnevollem Schauer,
in ihren Augen Götterlust,
doch in den seinen, Trauer.

Schon ruft das schöne Weib Triumph
schon hör ich – Tod und Hölle!
Was hör ich? – einen naßen Strumpf
geworfen in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerey,
Prinzessin, Gott befohlen!
Der Teufel soll die Dichterei
beim Hemderwaschen hohlen.

gegeben
in unserm jammervollen Lager
ohnweit dem Keller.

F. Schiller
Haus- und Wirthschafts Dichter.

(Friedrich Schiller, Bittschrift, 1785, aus: Schiller’s sämmtliche Schriften. Historisch-Kritische Ausgabe. Vierter Theil. Arbeiten der Leipzig-Dresdner Zeit. Verlag der Cottaschen Buchhandlung, Stuttgart, 1868, Online-Quelle)

 

Die arme Frau

Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
Du lieber Gott, da seid mir still!
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter
Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern,
wieviele Frauen er geküßt;
von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,
Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst …

Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,
den anonymen Veilchenstrauß!
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.
Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig
ist er und immer indigniert,
Und dabei gluckert er unmäßig
vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter
von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!
Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern ja.
Im Leben: nein.

(Kurt Tucholsky, Die arme Frau, aus: Mit 5 PS, 1928, Online-Quelle)

 

Verzeihlich

Er ist ein Dichter, also eitel.
Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,
Zieht er aus seinem Lügenbeutel
So allerlei Brimborium.

Juwelen, Gold und stolze Namen,
Ein hohes Schloß im Mondenschein
Und schöne, höchstverliebte Damen,
Dies alles nennt der Dichter sein.

Indessen ist ein enges Stübchen
Sein ungeheizter Aufenthalt.
Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,
Und seine Füße werden kalt.

(Wilhelm Busch, Verzeihlich, aus: Schein und Sein, 1909, Online-Quelle)

 

Donner und Doria!

Das ist so heute der Herren Manier:
Man setzt sich ans Schreibpult wie an ein Klavier;
Vor sich drei Bogen gelbes Concept
Und kommt sich vor wie ein alter Adept.

Dann taucht man ins schwarze Gallelement
Sein Selbstberäucherungsinstrument,
Träumt sich nach Memphis, Korinth und Walhall
Und gebiert einen mächtigen Phrasenschwall.

Daneben spuckt man nach Recht und Pflicht
Der neuen Zeit in ihr Prosagesicht;
Und hat man sich dick mit Gefühlen beschwert,
Wird drüber der Thränenkübel geleert.

Dann druckt es der Drucker auf fein Velin,
Der Buchbinder bindet’s in Maroquin
Und schließlich schimpft’s die Kritik: „Poesie“ –
Blasphemie!!!

(Arno Holz, Donner und Doria!, aus: Buch der Zeit, 1886, Online-Quelle; DANKE, KARIN!)

 

Aufgeschlagenes Buch mit roter Gerberablüte | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Vom Herbst und dem Dank

 

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

(Wilhelm Busch, Im Herbst, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam]
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, 1889. Online-Quellen: Wikipedia, Wikisource), Link zur gesprochenen, ganz entzückend illustrierten Version auf YouTube, Link zur Homepage derer von Ribbeck)

 

Alle gute Gabe

Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand;
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen
und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
und Korn und Obst, von ihm
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

Er läßt die Sonn aufgehen,
Er stellt des Mondes Lauf;
Er läßt die Winde wehen
und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
Er macht uns frisch und rot;
Er gibt dem Viehe Weide
und seinen Menschen Brot.

(Matthias Claudius: Alle gute Gabe/Bauernlied; 1783 erschienen unter dem Titel „Bauernlied“ mit ursprünglich 16 Strophen, von denen acht zur heutigen Form zusammengestellt wurden (Online-Quelle). Mehr Infos: Wikipedia, Zeno.org für das Original, gesungene Version von „Das Solistenensemble“ auf YouTube, sehr hörbar)

 

Birnen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Erst als ich über dieses „Bauernlied“ gestolpert bin, wurde mir klar, dass ich einzelne Strophen daraus tatsächlich kenne, seit ich Kind bin, und es vermutlich auch schon selbst gesungen habe. Nur den Rest, den kannte ich nicht, daher war mir das eine wirkliche Freude, die Geschichte dazu zu entdecken.
Ähnlich geht es mir mit dem Ribbeck auf Ribbeck, den auch ich in der Schule auswendig lernen musste, was mir aber das Gedicht nicht sonderlich vermiest hat, bin ich doch auf dem Land aufgewachsen.

Und wir hatten es neulich davon: Wenn man die Erinnerung an die „ollen Kamellen“ nicht erhält, sind es irgendwann keine ollen, sondern nur noch vergessene Kamellen. Und Erinnerung kommt durch Wiederholung, es ist einfach so. Und der Wilhelm Busch, der fügte sich in die doch allesamt etwas bezopften Gedichte einfach gut ein …

Kommt gut in die neue Woche!

 

Winterkrankheiten

Es war einmal ein schlimmer Husten,
Der hörte gar nicht auf zu pusten.
Zwar kroch er hinter eine Hand,
Was jedermann manierlich fand.
Und doch hat ihn der Doktor Lieben
Mit Liebens Malzbonbon vertrieben.
Bemerkt sei noch: Für dies Gedicht
Bezahlte mich Herr Lieben nicht.

(Joachim Ringelnatz, Es war einmal ein schlimmer Husten, aus: Die Schnupftabaksdose, 1912, Quelle)

 

Der Einsame

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschützt vor fremden Späherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu töten,
Und laut und kräftig darf er prusten,
Und ohne Rücksicht darf er husten,
Und allgemach vergißt man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot,
Ich dachte längst, er wäre tot.
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
Läßt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.

(Wilhelm Busch, Der Einsame, aus: Zu guter Letzt, 1904, Quelle)

 

Wintergenesung | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Der eine oder die andere mag hier auch noch Christian Morgensterns Gedicht „Der Schnupfen“ („Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, auf daß er sich ein Opfer fasse“) erwartet haben. Ich auch. Bloß leider, leider hat das Suchen nach einer belastbaren Quelle den Hinweis ergeben, dass dieses Gedicht, welches aus einem Brief stammt, nach wie vor dem Urheberrecht unterliegt (es spricht nicht für das Projekt Gutenberg, das nicht zu wissen). Daher danke ich für die Quellenangabe zu diesem Gedicht Reinhard Röhrs, der es in seinem Abendprogramm hat und vermutlich dafür Tantiemen bezahlt, es zu nutzen. Das YT-Video dazu darf man allerdings verlinken: verkehrte Welt.

 

 

Ach so: Ja, ich auch. Husten und nachts Fieber. Noch kein Schnupfen, noch hoffe ich, dass ich drumherum komme.

Kommt ihr dennoch gut in die neue Woche!

 

Zum neuen Jahr

 

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

(Wilhelm Busch, Zu Neujahr, aus: Gedichte, Schein und Sein, in: Sämtliche Werke, herausgegeben v. Otto Nöldeke, Band 6, München 1943, S. 388. Quelle)

 

Zum neuen Jahr

Ich war wieder zu meinem kleinen Hause zurückgegangen und stand oben auf seinem Dach und wollte in dem allem ein gutes Ende sehen und einen guten Anfang in mir finden.
Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung; und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.
… Guten Neujahrsmorgen …

(Rainer Maria Rilke, aus einem Brief an seine Frau Clara, Capri, datiert auf den 1. Januar 1907, Quelle)

 

Das Leben

Von den Alten zu den Jungen
Muß das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich’s erfahre, muß ich die Hände falten,
Muß leiden, daß ich mich wandle, und laß es walten.
Das Leben — ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.

(Max Dauthendey, Das Leben, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 407)

 

Schneemännchen | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Nicht etwa, dass es in Hamburg schneien würde, aber ich bin an dem kleinen Kerl einfach nicht vorbeigekommen …  ;-)  Und wie passend ist das, das neue Jahr mit einem Stückchen Rilke begrüßen zu können, wo ich ihn ebenfalls aus einem Brief an seine Frau auch schon zu Weihnachten hatte …

Ihr Lieben, ein gutes neues Jahr 2018 wünsche ich euch, möge es möglichst viel von dem mit sich bringen, was ihr euch wünscht, und mögen es fruchtbringende Wünsche sein, die nicht nur eure Geldbeutel, sondern auch eure Herzen, Seelen und Geister weit werden lassen!
Danke, dass ihr es hier interessant genug findet, immer wieder bei mir vorbeizuschauen, dass ihr likt und euren Senf dazugebt und dadurch mit mir meine/n Blog/s am Leben erhaltet, das bedeutet mir viel.
Also, auf ein Neues, wir lesen uns!

 

Ich nicht.

Gedanken sind nicht stets parat, // man schreibt auch, wenn man keine hat.

(Wilhelm Busch, Quelle)

Ich nicht. Schreiben ohne Gedanken. Also, zumindest nicht gern. Wobei das ja gar nicht geht, keine Gedanken zu haben, meldet sich die Logik. Und woher kommt dann das Wort „gedankenlos“? frage ich zurück. Da ist sie still. Du willst doch nicht behaupten, dass das, was du so in den Medien liest oder schaust, gedankenvoll wäre, fragt der Verstand. Das hat mit Gedanken nichts zu tun, seufze ich, das ist viel zu häufig „Content“, der gefüllt werden muss, und für den ich genau deshalb nur dieses scheußliche Wort verwende, denn mit „Gedanken“, also mit Nachdenken und den hoffentlich zumindest ansatzweise tiefgründigen Ergebnissen hat das nichts zu tun. Opium für das Volk, zitiert der Verstand unverdrossen. Ja, sage ich, irgendwie schon.

Es ist trüb und kühl und für Sommer finde ich das Wetter suboptimal, obwohl das bisschen Regengefiesel, das vom Himmel kommt und den Fellträger veranlasst, mir doch lieber den Schoß zu wärmen, sehr willkommen ist … es ist zu trocken.

Heute also kein Gedicht, kein Lied und keine ansatzweise klugen oder gefühligen Gedanken dazu, nur ein Zitat. Heute möchte ich rumliegen und lesen, zu meiner Hesse-Biographie (von Gunnar Decker) hat sich eine zweite gesellt (von Heimo Schwilk), die laut nach mir ruft. Und außerdem muss ich jetzt endlich dringend wissen, was nun eigentlich dem verschwundenen und wiederheimgekehrten Christoph geschah, dass es ihn viele Jahre später so aus der Bahn warf. Und und und (schiefer Blick zu meinem SUB).

Ich bin dann mal weg. Habt einen schönen Sonntag!

 

Herzen – 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay

 

Angst

In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hat.
(Wilhelm Busch)

Ja, ich bin der Typ dafür, mich (manchmal, nicht immer) vor einem Schatten zu Tode zu erschrecken. Vor allem, wenn ich nicht weiß, ob es ein Schatten oder ein Berg oder der große, böse Mann ist. Ich weiß, dass Angst wichtig, aber kein guter Ratgeber ist, wenn es gilt, nach vorn zu schauen. Ich weiß auch, dass ich dann alles anzweifele. Neu ist, dass ich das körperlich spüre, und das macht mich auch nicht gerade ausgeglichener.

Na ja. Neuer Tag, neue Chance. Oder so. Mal sehen, was sich daraus machen lässt.

 

Kerze Schatten – 365tageasatzaday Quelle: Pixabay

 

Hast du eine Meise?

Ja! Mehrere sogar, aber nur diese Kohlmeise ließ sich gestern fotografieren, während sie überlegte, ob sie in der Vogeltränke baden gehen wollte :-)

Draußen ist Hochbetrieb, ich vermute, alles brütet. Was vor dem Fenster jetzt gerade dauerflattert, sind allerdings nicht die Meisen (weder Kohl-, noch Blau-, noch sonstige), sondern Amseln. Kein Wunder, dass der Fellträger sich kaum vor die Tür traut – der Lärmpegel schwillt innerhalb von Sekunden an und nervt ihn vermutlich tierisch.

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frißt,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

(Wilhelm Busch)

 

Nun, alles das trifft bei mir nicht zu. Dennoch habe ich mal den „Leim“ nachgeschlagen, auf dem der Vogel sitzt und auf den man ja sprichwörtlich gehen kann, Leimruten sind wirklich ekliges Zeug! Lest hier bei Wikipedia.

 

Kohlmeise – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Umtausch :-)

Ja, sprach sie, mit gelben Ranken! | Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht | Und muß sich auch noch bedanken.

(Wilhelm Busch, Die erste alte Tante sprach, aus: Kritik des Herzens 8, ganzes Gedicht hier)

 

Alle Jahre wieder kommt nach der Zeit der Geschenke die Zeit des Umtauschens. Ähnlich beliebt wie Geschenke machen auf Krampf ist es, unpassende Geschenke wieder loszuwerden. Was jedoch früher zumindest noch eine gewisse Sorgfalt und den Kassenzettel erforderte, geht inzwischen oft genug über das Internet.

Ich will das nicht bewerten, obwohl ich, was die Sache angeht, da einigermaßen schmerzfrei bin. Ich suche meine Geschenke mit Bedacht aus, nicht in Alte-Tante-Manier, und frage lieber vorher, auch als Beitrag zur Reduzierung des Konsumtrubels. Daher finde ich ritualisiertes Geschenkeaus- (und -um-) tauschen ziemlich bescheuert.
Allen also, die heute Geschenke umtauschen gehen (wollen oder müssen) oder Bares in Materielles verwandeln, wünsche ich einen entspannten Einkaufstag, freundliche Verkäufer|innen, passendes Wetter und gutes Gelingen! :-)

 

Geschenke – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Sonntag, 31. August 2014

Draußen schmeißt meine Walnuss im Spätsommerwind die ersten gelben Blätter und die ersten Nüsse. Werden sowieso nicht viele dieses Jahr, es gab kaum Blüten im Frühling. Ich begrüße jeden Tag begeistert meine/n Nüsseklauer (ich hab keine Ahnung, ob es nur einer ist, vermutlich eher nicht). Wenn draußen Alarm ist, weiß ich, dass Feind Nummer eins, mein Kater, gesichtet wurde. Er kann der Verlockung nicht widerstehen, dann mal schnell aufzuentern („Irgendwann krieg ich ihn!“), und ich kann der Verlockung nicht widerstehen, zur Kamera zu greifen. Meiner Meinung nach hat er nicht die geringste Chance, und das beruhigt mich um der fleißigen und ach so süüüüüüüüßen (‚Tschuldigung) Nüssesammler Willen.

 

Eichhorn im Baum – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Und eins noch zum Thema Nüsse – oder auch nicht ;-)

„Mein Kind, es sind allhier die Dinge, // Gleichwohl, ob große, ob geringe, // Im wesentlichen so verpackt, // Dass man sie nicht wie Nüsse knackt. // Wie wolltest du dich unterwinden, // Kurzweg die Menschen zu ergründen. // Du kennst sie nur von außenwärts. // Du siehst die Weste, nicht das Herz.“
Wilhelm Busch: Schein und Sein (Bd. 4, Historisch-kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Friedrich Bohne. 4 Bände, Wiesbaden und Berlin, 1960)