Wurzeln und Flügel – 27. Oktober 2014

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.

(Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben)

 

Grundsätzlich ist es egal, wer die Idee hatte, und es wäre verwunderlich, wenn unser Dichterfürst diesen Ausspruch als erster geprägt hätte: Er war es wohl nicht.

Nachdem sich alle möglichen Institutionen diese Aussage auf die Fahne schreiben, scheint reger Bedarf sowohl an Wurzeln als auch an Flügeln zu sein. Klingt also so, als ob Eltern in schwindendem Maß damit Erfolg hätten.

Ich habe keine Kinder, damit redet hier der Blinde von der Farbe. Was ich aber beurteilen kann, ist, ob und dass und wieviel meine Eltern mir Wurzeln und Flügel mitgegeben haben. „Wurzeln“ kann ich spontan bejahen. Ich wuchs mit und neben einer buntgemischten MENGE Bücher auf (alles zwischen Konsalik und echter Weltliteratur), und ich hatte einen Vater, der sich Mühe gab, die Fragen seiner kleinen Tochter zu beantworten. „Werte“ mussten nicht mal erwähnt werden. Meine Mutter war die, die dafür sorgte, dass Essen auf den Tisch kam und dass ich lernte, wie man Erdbeeren von Radieschen unterscheidet – wir hatten einen Gemüsegarten 🙂

Mit den Flügeln ist es schon schwieriger. Mein Vater war ziemlich introvertiert und kam mit den Anforderungen seines Berufs nicht gut klar. Meine Mutter hatte schwere Zeiten durchmachen müssen, und heute würde ich sagen, sie war, trotz aller lebenspraktischen Offenheit, traumatisiert. Flügel zu entwickeln wird dadurch schwerer, man hat, um in dem Bild zu bleiben, Klötze am Bein, die man erst mal als nicht-die-eigenen erkennen muss, um sie loszuwerden und starten zu können. Letzten Endes versuche ich mich auf ihre Zähigkeit zu besinnen: besser spät als nie, aber manchmal ist früher einfacher.

 

vogel wolken – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay