Von weihnachtlichen Gemütslagen

(als Ergänzung zur heutigen Adventüde)

 

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Kurt Tucholsky / Theobald Tiger, Großstadt – Weihnachten, aus: Die Schaubühne, 25.12.1913, Nr. 52, S. 1293, Online-Quelle)

 

Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: »Herein!«

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Joachim Ringelnatz, Einsiedlers Heiliger Abend, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Brennendes Teelicht im roten Halter mit Stern, feierlich | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Es ist mir egal, ob ihr feiert oder nicht, ich wünsche euch entspannte Tage. Kommt gut durch diese emotionsüberladene Zeit!

 

36 Kommentare zu “Von weihnachtlichen Gemütslagen

  1. Das erste Gedicht, von Kurt Tucholsky ( und Theobald Tiger?) spricht so unglaublich ehrlich aus, was von all den wirklich oft so ernsthaften Vorbereitungen auf das „Heilige Fest“ am Ende , nüchtern betrachtet, übrig bleibt bei all den Beschenkten. Sie fühlen sixh wohl in ihrer Haut, in ihrem Haus, in der bürgerlichen Mitte, und stapfen so, als ehrbare Bürger, in ein gutes neues Jahr.. Was kann da schon schiefgehen? Und nebenan , im Daxhstübchen oder einer Rumpelkammer, besäuft sich der Bettler umd beschenkt seinen Hund. Er öffnet dem Anklopfenden dje Tür nicht, der es sicher gut mit ihm meinte. Wer das liest, vor allem den Schlußsatz im 1.Gedicht, stellt sich darauf ein, daß alles nur ein Schauspiel ist und alle da mitmachen und es auch selbst angeblich wissen. Alles Strahlende und Schöne desWeihnachtsfestes als Ausdruck der „Frohen Botschaft“ kommt dabei in ein schiefes Licht. Ich möchte diese 2 „Welten“ voneinander trennen und lieber ehrlich sein. Was nur äußerer Schein ist, ist nicht wert, es, nur um der Tradition willen, es zu erhalten. Doch wenn es hilft, den Sinn der Weihnachten zu erschließen, ist es doch richtig und gut. ✨🌠Möge es doch wieder Weihnachten werden: in den Herzen!❤🎄🌟

    Gefällt 3 Personen

    • Weihnachten, so wie wir es feiern, hat viele Facetten, manche furchtbar oberflächlich, manche tief.
      Möge es Weihnachten werden in den Herzen, dem Wunsch schließe ich mich gern an, liebe Gisela.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁☕🍪🎄✨

      Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Christiane, auch wenn ich allein bin, ich freue mich auf die nächsten Tage: die Wohnung ist schon seit dem 1.Advent geschmückt, die Kerzen brennen ab Beginn der Dämmerung, es warten Schnuckeligkeiten im Kühlschrank auf mich und auch wenn es keine ganze Gans ist, so bereite ich mir am 1. Weihnachtsfeiertag eben eine Gänsekeule zu.
    Nichts von dem allseits beklagten Rummel habe ich mitbekommen, denn ich finde, jeder hat die Möglichkeit, wenn er plant, sich dem zu entziehen. Allerdings muß ich zugeben, dass ich noch nie die Erfahrung gemacht habe, wie es wäre, wenn eine ganze Familienhorde bei mir einfalllen würde und zu beschenken wäre -:)).
    Natürlich kommt ab und an auch Wehmut auf, weil mir mein/ein Gegenüber fehlt, dann tröstet mich Musik und das Abdriften in Bücher und das Bewußtsein, wie gemütlich es um mich herum ist und wie gut es mir geht.
    Ich wünsche Dir von Herzen mit dem Fellträger kuschelige Tage, Karin

    Gefällt 8 Personen

  3. Hallo Christiane,

    ich habe die Advents-Etwüden sehr aufmerksam verfolgt. Sie haben mir sehr gefallen.
    Die Gedichte im Anhang dazu sind die perfekte Ergänzung. Danke dafür. Ich freue mich schon, wenn es mit den Schreibetüden weiter geht.
    Ich wünsche auch dir frohe, besinnliche und ruhige Weihnachtsfeiertage.
    Bis bald.
    Liebe Grüße
    Monika

    Gefällt 3 Personen

    • Ich wollte was als Ergänzung zu Anna-Lenas Adventüde, und da passten mir die beiden Herren besser.
      Dauthendey kommt bestimmt, aber ob es unbedingt weihnachtlich ist … weiß ich jetzt noch nicht.
      Liebe Grüße auch hier 😁🐱🎄🌟✨

      Gefällt 1 Person

  4. Ach, was sind sie und schöööön, diese beiden und ich wüßte kaum, welchem ich den Vorzug geben würde, wollte ich das *g*
    Doch ein ganz klein wenig dem Einsiedler, da rührt sich mein Herz sehr und mehr…
    Ganz herzlich, Bruni

    Gefällt 1 Person

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