Adventüden 2021 04-12 | 365tageasatzaday

04.12. – C+M+B III | Adventüden

B.: »Melchior, seit Monaten lösen wir uns dabei ab, den Himmel zu beobachten, um vergeblich den vorausgesagten Stern zu entdecken. Wollen wir nicht langsam das Projekt ›Geburt des Heilands‹ zu den Akten legen?«

M.: »Nein, Balthasar, unsere Mission ist niemals zu Ende! Aber die Geborgenheit der Höhlen, in denen wir untergekommen sind, werden wir verlassen müssen. Aber sag, wo bleibt eigentlich Caspar? Er wollte doch nach einer Auszeit wieder zu uns stoßen! Hat er denn keine Sehnsucht nach uns? Das macht mir echt Kopfzerbrechen.«

B.: »Melchior, eigentlich sollte es vertraulich bleiben. Caspar wollte in Wirklichkeit Kontakt suchen mit Händlern, welche die geheime Handelsstraße von Oman über Jemen, den Hedschas und Gaza nach Damaskus für allerlei Tauschhandel benutzen.«

M.: »Balthasar, was sagst du da! Das ist doch die Straße des Bösen, wo sie mit einem geheimnisvollen Harz handeln. Wenn man es anzündet, soll es einen Rauch entwickeln, der die Sinne verändert! Mein Gott, er wird doch nicht unsere geheimen Aufzeichnungen, die ich ihm mit der roten Aktentasche anvertraut habe, gegen solches Zeug eingetauscht haben?«

B.: »Schau nur, Melchior, gerade kommt er um die Ecke. Oder sollte es ein Doppelgänger sein? Nein, er ist es! Welch Freude, Caspar!«

C.: »Grüß euch, werte Freunde! Ich bin zurück mit froher Botschaft!«

M.: »Erzähl, Caspar, was hast du zu berichten?«

C.: »Ich habe unten im Tal einen weisen Mann getroffen, der mich mit in sein rauchverhangenes Zelt genommen hat. Er hat mir seine Vision offenbart, dass in weniger als zwei Monden in einem kleinen Dorf in Galiläa der Welt ein neuer Herrscher geboren werde, dem alle Menschen huldigen sollten. Er rät deshalb, allem Mammon zu entsagen und uns all unseres Goldes und der Juwelen bei ihm zu entledigen, damit wir dem Retter rein und unbefleckt entgegen treten können.«

M.: »Auf was warten wir denn noch!«


Autor*in: Werner                           Blog: Mit Worten Gedanken horten

Die Vorgänger dieser Etüde finden sich in den Adventüden der letzten Jahre:

C+M+B I (2019) und C+M+B II (2020)

 

Adventüden 2021 04-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 03-12 | 365tageasatzaday

03.12. – Die unergründliche Welt der Mathematik | Adventüden

Im Saal herrscht hohe Konzentration. Jede Bewegung wird durch das Holz der schon in die Tage gekommene Bestuhlung knarrend übertragen. Von der untersten bis obersten Sitzreiche sind die Körper über ihre Tische gebeugt. Die Köpfe rauchen, die Stifte kratzen eifrig über das Papier. Kaum einer der Kommilitoninnen und Kommilitonen wagt es, sich vom Blatt zu lösen. Das mathematische Ergebnis scheint greifbar nah.

Dabei fing alles so harmlos an diesem Montagmorgen an. Ein Temperatursturz verwandelte das trübe Feucht in Schneeregen mit Aussichten auf späteren Schnee. Die Mathematikstudentinnen und -studenten flüchteten gerne in die Geborgenheit ihres Hörsaals. Ihr Professor erschien in bester Laune und zog nach einem herzlichen »Guten Morgen« Bögen weißes Papier aus seiner Aktentasche.

Die in ihren Rängen Sitzenden stöhnten in düsterer Vorahnung auf, waren doch die Aufgabenstellungen des Professors sehr gefürchtet.

Die Papierstapel wanderten die Stuhlreihen entlang und verteilten sich fliegend. Ein listiges Lächeln im Gesicht des Professors verhieß nichts Gutes, so die Einschätzung der Studierenden.

Gleichzeitig wurden die Blätter umgedreht und …

Erstaunen, Erleichterung, ein entspanntes Rekeln von der oberen Sitzreihe, hier ein Gelächter, dort schwollen Gespräche an, es wurde »Jingle Bells« angestimmt, übermütige vorweihnachtliche Stimmung drohte auszubrechen und wurde von ein paar wenigen mit beklommener Erwartungshaltung unterdrückt.

»Nehmen Sie es bitte ernst«, meinte der Professor, dem der Schalk selbst schon im Nacken saß, und tippte auf die Uhr am Handgelenk, »Sie haben eine Stunde Zeit.«

Seitdem geistern Knoten, Kanten, Linien, Graphen in den Köpfen herum, um schnell an die Lösung der Aufgabe zu kommen. Es wird gerechnet, kombiniert, logisch geschlussfolgert, ausprobiert. Die Ersten stehen auf, geben erleichtert ihre Blätter ab.

Eines rutscht vom Tisch und so können wir die Aufgabe, die für ein wenig Kopfzerbrechen gesorgt hat, lesen. Sie besteht aus einem Satz: »Wie viele Möglichkeiten gibt es, das Haus vom Nikolaus in einem Zug zu zeichnen?«


Autor*in: Doro                 Blog: Doro|Art

 

Adventüden 2021 03-12 | 365tageasatzaday
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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 02-12 | 365tageasatzaday

02.12. – Ein ganz besonderes Lachen | Adventüden

Schon als Neugeborene hatte Lilo ein Lächeln, das die Welt erhellte. Lilo lachte immer. Und wer ihr Lachen sah, wurde angesteckt von Fröhlichkeit. Sie war das pure Glück.

Irgendwann begannen die Sorgen. Lilo war so ganz anders als andere Kinder. Mit eineinhalb noch kein Sprechen, kein Laufen. Kein Blick für Spielzeug oder Glitzer. Oder Süßigkeiten.

Aber dieses unglaubliche Wunder-Lachen.

Das unnormale Verhalten ihrer Tochter machte Dora Kopfzerbrechen. Sie konsultierte etliche Spezialisten. Schließlich entschied sie sich, die Kleine für drei Monate in eine Spezialklinik zu bringen. Von Besuchen wurde abgeraten, damit die Kinder nicht zurückfielen in ihr zu kindliches Verhalten.

Die Klinik hatte einen hervorragenden Ruf. Alle wirkten sehr nett und kompetent auf Dora. Sie versprachen, dass Lilo nach dem Aufenthalt genauso würde laufen und sprechen können wie normale Gleichaltrige.

Als Dora sich von Lilo verabschiedete, klammerte diese sich erst an ihr und dann sogar noch an ihrer Aktentasche fest, bis diese ihr behutsam aus der Hand genommen wurde. Und erstmals lachte die Kleine nicht.

Dora hatte vom ersten Tag an Sehnsucht nach ihr und ihrem Lachen. Sie würde ihr so viel Geborgenheit geben, wie nur ging, sobald sie wieder da war.

Kurz vor Weihnachten war es endlich so weit.

Lilo lief und sprach. Viel. Zu Hause verlangte sie sofort nach Unmengen Keksen, Marzipan und Schokolade. Sie riss den von Dora liebevoll dekorierten Weihnachtsschmuck vom Baum und trampelte darauf rum. Sie weinte und schrie.

Und wenn sie lachte, war es nie dieses Wunder-Lachen von früher.

»Es ist, als hätte ich ein Kind im Regen in diese Klinik gebracht – und ein anderes Kind, einen Doppelgänger, im Schneeregen wieder abgeholt: Bitte, Lilo, lach doch wieder so wie früher!«, dachte Dora verzweifelt.

Eine kleine Stimme in ihrem Kopf antwortete: »Ein Kind wie andere Kinder … War das nicht dein Wunsch?«


Autor*in: Maren                        Blog: Ich lache mich gesund

 

Adventüden 2021 02-12 | 365tageasatzaday
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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 01-12 | 365tageasatzaday

01.12. – Eistee statt Glühwein | Adventüden

Es gab Tage, da hatte sie wirklich Sehnsucht nach ganz normalem Vorweihnachtsstress. Kekse backen, zu viel Marzipan naschen, einen Bratapfel auf dem Weihnachtsmarkt genießen. Der Gedanke daran weckte in ihr ein Gefühl der Geborgenheit, und die Sehnsucht nach zu Hause ließ sich nicht verdrängen. Sie seufzte hörbar auf.

»Was ist los?«, fragte Tom, der in dem Moment von draußen hereinkam, verschwitzt und eingestaubt, weil er den Vormittag auf den Weizenfeldern verbracht hatte und gerade von einem Kollegen für seine Pause abgelöst worden war.
»Ach, alles gut … Daheim würde ich jetzt auf Weihnachtsmärkte gehen«, antwortete Lisa.
»Traurig?« Tom blieb auf dem Weg ins Bad am Tisch stehen, wo sie die Schilder für den Hofladen beschriftete. Mangos, Trauben, Tomaten, Melonen – Lisa liebte diese Fülle.
»Ach, traurig nicht unbedingt. Aber in dieser Hitze kann ich einfach keine Plätzchen backen. Dort trinkt man Glühwein, hier ist mir eher nach Eistee«, antwortete sie lächelnd. »Und ehrlich gesagt fehlt mir der eklige Schneeregen überhaupt nicht. Den gab es nämlich viel öfter als richtigen Schnee.«
»Da bin ich ja beruhigt«, antwortete Tom. »So ein langes Jahr auf einer australischen Farm ist vermutlich das krasse Gegenteil zu deinem Bürojob von früher, so mit Aktentasche durch Schnee und Regen.«
»Ich bin freiwillig hier und ich genieße es, das kannst du mir glauben!«, erwiderte Lisa. »Wir werden schon unsere richtige Christmas Party haben, nicht wahr? Ohne Kartoffelsalat, aber mit viel Glitzer und Weihnachtsschmuck.«
»Und ziemlich viel Alkohol vermutlich«, ergänzte Tom zwinkernd.
Lisa zog die Augenbrauen hoch. »Was an Bier weihnachtlich sein soll, kann ich ja nicht nachvollziehen. Heute Abend höre ich mir jedenfalls das Weihnachtsoratorium von Bach an. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe die Klavier-Partitur hierher mitgebracht. Die Chöre konnte ich mal auswendig …«
»Ich kann es kaum erwarten«, flachste Tom. »Die anderen sicher auch.«


Autor*in: Ellen                 Blog: nellindreams

 

Adventüden 2021 01-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 30-11 | 365tageasatzaday

30.11. – Fahrt ins Ungewisse | Adventüden

Wie hatte Tante Rosemarie gesagt? »Mir zwickt es schon den ganzen Tag in meiner Hüfte! Das Wetter wird schlechter! Das ist immer so! Willst du nicht doch die eine Nacht noch bleiben und morgen erst heimfahren?«

Ich wusste, dass ihr Zwicken in der Hüfte ein wirklich verlässliches Zeichen war. Dennoch schüttelte ich den Kopf und erklärte ihr, dass ich zwar gerne noch eine Nacht bei ihr bleiben würde, aber ich musste bis Ende November mein Buchmanuskript abgeben und das bereitete mir noch einiges an Kopfzerbrechen. Also fuhr ich am späten Nachmittag doch noch heim. Da begann es schon neblig zu werden und das Sturmwolkenblau am Himmel sah bedrohlich aus. Ich versprach Tante Rosemarie mich zu melden, wenn ich daheim angekommen war.

Dann stieg ich in mein Auto und fuhr los. Auf dem Verkehrsfunk im Radio brachten sie, dass auf der Autobahn, die ich eigentlich nehmen wollte, ein riesiger Stau wäre. Also beschloss ich, auf der Bundesstraße weiterzufahren. Wohl war mir nicht dabei, denn der Nebel wurde immer dichter. Dennoch blieb ich auf der Bundesstraße. Nach einer Weile kam aus dem dichten Nebel heraus Schneeregen. Das war echt unangenehm zu fahren. Ich hätte doch auf Tante Rosemarie hören sollen! Und nun?

Wie es der Zufall wollte, kam gerade auf der rechten Seite ein Parkplatz und ich nutzte diese Chance, um eine kurze Pause zu machen. Vielleicht würde das Wetter ja doch etwas besser werden. Ich stellte den Motor ab, schloss meine Augen. Nach einer Weile öffnete ich meine Augen wieder. Das Wetter schien etwas besser zu werden, immerhin kam kein Schneeregen mehr herunter. Aber die Person da vorne? War das der Doppelgänger der »weißen Frau«? Mein Herz blieb fast stehen!

Aber beim Näherkommen sah ich es: Es war nur eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi ging.


Autor*in: Heidi                Blog: Erinnerungswerkstatt

 

Adventüden 2021 30-11 | 365tageasatzaday
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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Adventüden 2021 29-11 | 365tageasatzaday

29.11. – Trau, schau, wem … | Adventüden

»Ich steh mit beiden Beinen fest im Glitzer«, sagte ich und sah auf die traurig-braune Aktentasche in seiner Hand. Irgendwie passten wir nicht zusammen, fand ich, aber dieser Mann war offenbar der Meinung, ich wäre seine Traumfrau. Ich, Mia Glitz, wie meine Freunde mich nannten. Er neben mir, das war in etwa wie Kartoffelsalat neben pinkem Weihnachtsschmuck. Das eine ist traditionell und gutbürgerlich, das andere ist schön und schreit: »Schau mich an!« Auf dem Foto in der Dating-App hatte er ganz anders ausgesehen, hatte er vielleicht einen Doppelgänger? Ich sah mich suchend um, ob irgendwo derselbe Typ mit verwuscheltem Haar und Dreitagebart rumstand.

Er fragte: »Stimmt etwas nicht?«
»Auf dem Foto hast du völlig anders ausgesehen!«, bekannte ich rundheraus.

Er wurde rot und stammelte irgendetwas.

»Was hast du gesagt?«
»Das ist mein Bruder«, antwortete er daraufhin etwas lauter und verständlich.

Ich war sprachlos. »Du stellst ein Foto von deinem Bruder in dein Profil?« Ich schüttelte den Kopf und trank einen großen Schluck Prosecco, in der Hoffnung, dass das half. »Das heißt«, fuhr ich fort, »ich bin eigentlich mit deinem Bruder verabredet.« Er nippte aus Verzweiflung an seinem Eistee und ich überlegte: Das sollte dir schon zu denken geben, Mia. Ein Typ, der sich mit dir auf dem Weihnachtsmarkt verabredet und Eistee aus dem mitgebrachten Tetrapak trinkt.

»Von der Mittagspause übrig«, hatte er mir erklärt.

Mia Glitz, so groß kann deine Sehnsucht nach Kuscheln unterm Weihnachtsbaum gar nicht sein. Außerdem hat er ja schon beim Profilfoto gelogen, wie soll das denn weitergehen, fragte ich mich.

»Also, ich muss dann mal«, sagte ich knapp, drehte mich um, rempelte den Nebenmann an, hatte ein Glas Glühwein auf der Jacke, und als ich eben loskreischen wollte, sah ich, wem ich gegenüberstand. Da stand der Bruder und grinste mich an.


Autor*in: Carmen           Blog: Wortwabe

 

Adventüden 2021 29-11 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

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Adventüden 2021 28-11 | 365tageasatzaday

28.11. – Mirakel | Adventüden

In der Bürotür stand eine Frau im Jackett, die Haare kinnlang geschnitten.

»Melitta Krampus«, sagte sie. »Ich arbeite seit gestern in der Buchhaltung. Sagen Sie Melitta.«
»Gerne. Ich heiße Klara.«

Aus der Ferne hörte man Johlen. Wahrscheinlich spielten sie Scharaden. Klara schauderte. Melitta verzog schmerzvoll das Gesicht.

»Du magst auch keine Weihnachtsfeiern?«
»Ich verabscheue sie.«
»Dabei hat Weihnachten so schöne Seiten«, sagte Melitta.
»Sicher.« Klara mied seit Jahren alles, was an Weihnachten erinnerte.

Melitta stellte eine bauchige Aktentasche auf den Schreibtisch. Sie öffnete den Schnappverschluss und holte eine emaillierte Dose heraus.

»Kekse?«

Klara probierte aus Höflichkeit. Es waren ja keine Plätzchen. Kekse konnte man das ganze Jahr essen. Das Gebäck schmolz auf ihrer Zunge. Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Marzipan?«, fragte Melitta und hielt ihr eine knisternde Zellophantüte mit Marzipankartoffeln unter die Nase.
»Kartoffelsalat?« Eine große Schüssel landete auf dem Schreibtisch.
»Bratapfel?« Der dampfende Apfel duftete. Dicke Vanillesoße floss an seinen Seiten hinunter auf das Tellerchen mit Goldrand.
»Punsch habe ich leider nicht, aber Eistee.« Melitta hob eine funkelnde, geschliffene Glaskaraffe nebst zwei passenden Gläsern aus der Aktentasche und goss ein. »Prost«, sagte sie.

Der Eistee war kühl und fruchtig. Klara schloss die Augen und spürte dem Geschmack nach.

»Hallo?«, sagte eine Frauenstimme.

Melitta stand wieder in der Tür.

»Ich bin Thea Klaus«, sagte sie.

Klara starrte.

»Die neue Kollegin aus der Buchhaltung.«
»Oh«, sagte Klara.
»Kleine Privatfeier?«, fragte Melittas Doppelgängerin.

Oder hatte es Melitta nie gegeben? Der Tisch war nach wie vor reich gedeckt.

»Da will ich nicht stören«, sagte Frau Klaus und ging.
»Guten Tag, ich bin …«, rief Klara halbherzig. Die Doppelgängerin hielt sie sicher für verrückt.

Sie schaufelte sich einen großen Löffel Kartoffelsalat in den Mund und kippte Eistee hinterher. Vielleicht bildete sie sich das alles ja nur ein, aber es schmeckte wunderbar.


Autor*in: Nina Bodenlosz           Blog: Das Bodenlosz-Archiv

 

Adventüden 2021 28-11 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen zu den Adventüden

Update Mitte November 2021

 

Als wir mit den Adventüden anfingen, 2019, waren auf diesem Blog die Triggerwarnungen das große Ding, das die Schreibenden gespalten hat, letztes Jahr war es Corona, dieses Jahr haben wir die Impfungen. Ich bin immer noch froh, dass ich die Triggerdiskussion weder dieses noch letztes Jahr führen musste, ich glaube nicht mehr, dass die Etüden das überlebt hätten, in Betracht der Tatsache, wie unversöhnlich der Ton und die Haltungen oft geworden sind.

Corona kommt allerdings auch dieses Jahr in den Etüden explizit so gut wie nicht vor.

Auch ohne Corona gilt, dass Weihnachten für viele keine Zeit der Freude ist. Für mehr, als man denkt, sind die geballten Emotionen, die uns Medien, Werbung etc. als »schönste Zeit im Jahr« verkaufen, in Wirklichkeit eine Zeit von Alleinsein, Stress, Kummer und Angst – und vielfach auch Gewalt in allen Ausprägungen. Und natürlich gibt es auch Menschen, die Weihnachten aus verschiedenen Gründen gar nicht feiern. Die Verarbeitung einer anderen Seite der Realität hat auch in den Etüden ihren Platz, wobei doch viele Adventüden eher eine harmonische Weihnachtszeit beschwören.

Auch diese Etüden wurden im Rahmen des Etüdensommerpausenintermezzos (bis Ende August) geschrieben. 2019 hatte da die Debatte zum Thema Triggerwarnungen bei den abc.etüden noch nicht stattgefunden. Sieht man sich den scheinbar »normalen« Ton an, in dem Debatten im Internet geführt werden, muss ich immer noch sagen, dass wir die Ausnahme geschafft haben: Wir sind nicht wirklich zu einem Konsens gekommen, aber das Wie (463! verdammte! Kommentare!; dabei allerdings auch Verlinkungen zu Etüden) war auf jeden Fall besonders und nachahmenswert – wir sprechen alle noch miteinander.

Unser Konsens sah/sieht so aus, dass sich jeder an den Etüden teilnehmende Blog entscheiden kann, ob er Inhaltshinweise setzt, speziell in den Stich-/Schlagwörtern, die man jedem Beitrag beifügen kann. Einführende Charakterisierungen des Textes haben die meisten Mitschreibenden abgelehnt. Die meisten (auch einige Betroffene) haben ferner argumentiert, dass Trigger zu speziell seien, als dass man sie benennen könnte, und dass buchstäblich ALLES triggern kann.

Aufgrund dieser besonderen Situation (siehe oben, die Etüden entstanden vor der Diskussion) und der Tatsache, dass die Adventüden über meinen Blog erscheinen, habe ich alle Etüden mit einem Link zu diesem Text versehen, außerdem sind alle verschlagwortet, ich hoffe, ausreichend, ich lerne da auch noch.

Schlussendlich möchte ich jede*n Lesende*n, der*die möglicherweise mit bestimmten Situationen Probleme hat, an seine*ihre Eigenverantwortung erinnern: Alle Adventüden sind zwar mit Stich-/Schlagwörtern bestückt, aber ich kann nicht beurteilen, ob sie gerade bei euch greifen. Wenn ihr im Zweifel seid, ob ihr etwas abkönnt, lest bitte nicht weiter.

 

Es kann nicht schaden, von ein paar Anlaufstellen zu wissen, für alle, die in der Realität Probleme haben oder bemerken und helfen möchten – ich bin sicher, dass es einige unter euch gibt, die wissen, wovon ich rede. Die Beratung ist kostenlos und anonym.

  • das »Hilfetelefon« (Gewalt gegen Frauen, auch Beratung für Angehörige oder Freunde/Bekannte), Tel. 08000 116 016, www.hilfetelefon.de
  • die »Nummer gegen Kummer« (für Kinder und Jugendliche; Eltern etc. andere Nummer, bitte über die Webseite aufrufen), Tel. 116 111, www.nummergegenkummer.de
  • die »TelefonSeelsorge« (Sorgen von der Seele reden), Tel. 0800 111 0 111, www.telefonseelsorge.de

Habt viel Spaß beim dritten Etüden-Adventskalender, den Adventüden 2021!

 

Adventüden 2021 27-11 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir