Adventüden 2020 10-12 | 365tageasatzaday

10.12. – Wenn die Zeit kommt | Adventüden

 

»Haben Sie schon geöffnet?« Eine junge, verfroren wirkende Frau hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt.
»Küche ist noch zu, aber Sie sehen aus, als könnten Sie einen Kaffee vertragen«, sagte ich und winkte sie herein.
»Kaffee wäre herrlich.« Die Frau wirkte ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Sie hatte lange, etwas strähnige blonde Haare mit Stirnband und eine Brille wie Janis Joplin.
»Hier wird Musik gemacht?«, fragte sie, auf die kleine Bühne mit dem Klavier deutend.
»Ach, früher mal«, antwortete ich und stellte eine Schale Lebkuchen neben ihre Kaffeetasse. »Der Laden war berühmt für seine Jazz-Sessions.«
»War?«, fragte die Frau.
»Ja, leider ist das Vergangenheit. Inzwischen beschwert sich der alte Herr von gegenüber ständig über den ›Lärm‹«. Ich deutete mit den Händen Anführungszeichen an. »Dabei soll er früher regelmäßig mitgejammt haben. Er war Jazztrompeter.«
»Und was ist passiert, dass er die Musik nicht mehr erträgt?«, fragte die junge Frau, während sie unserem Kater ein paar Streicheleinheiten zukommen ließ.
»Seine Frau ist gestorben, heißt es«, erklärte ich. »Danach war er nicht mehr derselbe. Er wurde immer bösartiger. Ich weiß, er ist unglücklich und einsam, aber bei allem Respekt: Er ist nicht alleine auf dieser Welt. Wenn er so weitermacht, kann ich hier bald dichtmachen.«

Die junge Frau hatte aufmerksam zugehört. Jetzt stand sie auf und sagte lächelnd: »Es wird Zeit, ich muss meinen Mann abholen.«
Nachdenklich blickte ich ihr nach, wie sie in den Nebelschwaden verschwand.

An jenem Abend verstarb unser alter Nachbar. Wir richteten auf Wunsch seiner Kinder den Leichenschmaus aus. Am Abend vorher kam der Sohn und brachte ein großes Foto, das auf der Theke stehen sollte.
»Meine Eltern bei ihrer Hippie-Hochzeit 1969«, erklärte er mit einem traurigen Lächeln. »Mein Vater hätte es so gewollt.«

Ich erkannte sie sofort an der Janis-Joplin-Brille.

Autor*in: Bettina     Blog: Wortgerinnsel

 

Adventüden 2020 10-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

Es wird ernst | abc.etüden

Dies ist die Fortsetzung von „Der Besuch“, ihr hattet danach gefragt.

***

Es wird ernst. Der angekündigte Besuch ist da. Es ist nicht die Kupferfarbene, zum Glück, diese hier sieht ganz normal aus. Nicht normal ist: Sie riecht gut! Ich meine, hallo, ich bin eine Katze, ich habe schon so einige Menschen gerochen, und über ziemlich viele möchte ich nicht sprechen. Aber sie hier ist völlig okay.

Also habe ich überlegt, wie ich ihr zeigen kann, dass ich sie gut finde, und Annäherungsversuche gestartet. Alle Menschen kraulen gern Katzen, oder? Ja, sie auch. Aber viel lieber fummelt sie an ihm herum, und das, obwohl er immer noch so stinkt. Klar bekomme nur ich das mit, sie bestimmt nicht!

Aber er, er hat mir einen langen Blick zugeworfen und »Nun übertreib mal nicht« gemurmelt, und das fand ich unhöflich. Also bin ich raus und habe mich auf dem Dach vom Geräteschuppen in die Sonne gelegt.

Als ich Hunger bekam, bin ich wieder rein. Meine Schüssel: leer. Zu trinken: Fehlanzeige. Er: im Bett. Sie: im Bett. Ich habe mich danebengesetzt, zugeguckt und gewartet, was sollte ich tun. Man ist ja diskret und will nicht stören.
Irgendwann hat sie mitbekommen, dass ich da war. Immerhin, sie hat nicht gekreischt, aber sie hat sich beschwert, sie würde sich beobachtet fühlen. Ob er da nicht was machen könne?

Und er? Nein, er ist nicht auf die Idee gekommen, ihr zu erklären, dass ich normalerweise dort am Fußende schlafe. Er hat gelacht, sie geküsst und »Ich fütter ihn mal eben« gesagt. In der Küche hat er mich dann gefragt, ob ich, wenn sie Liebe feiern würden, nicht woanders bleiben könnte. Wenigstens am Anfang, bis sie sich an mich gewöhnt hätte?
Ich hab ihm nicht geantwortet, dass es ja wohl keine Frage sei, wer sich an wen gewöhnen müsse.
Menschen.

Liebe feiern, weia. Ich glaub, den hat’s echt erwischt.

 

abc.etüden 2020 24+25 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 24/25.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Susanne von books2cats und lauten: Geräteschuppen, kupferfarben, feiern.

Danke an Annette, die nachgefragt hat, ob es eine Fortsetzung der Kattitüde geben würde. Mir war gerade so albern, da dachte ich, das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee … 😉

In meinem Offline-Leben ist zurzeit eine Menge los, daher bin ich gerade etwas seltener bzw. verspätet online, seht es mir bitte nach. Es ist alles okay, es kann nur ein bisschen dauern, bis von mir was kommt. Habt es fein!

 

 

19 – Sieben Geister | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Sieben Geister (Katharina, Katha kritzelt)

 

Schneeflocken landen in Kinderlachen, tummeln sich um allgemeines Wohlbefinden. Die Bäuche sind voll, die Beine schwer. Je länger man läuft, desto freier fühlt man sich. Der Hund fährt mit seiner Nase Bahnen in den frisch gefallenen Schnee. Irgendjemand muss den Weg ja ebnen.

Zwölf, zwanzig, fünfzig, hundert, unendlich viel. Alles ist teuer. Das Geld klingelt laut und raschelt überall. Nur leise hört man den Magen einiger Geldbörsen grummeln. Auch dieses Jahr hat der Weihnachtsmann unterwegs Geschenke verloren.

Tick tock. Tick tock. Gleich kommt die Weihnachtsgala im Fernsehen. Die sieht sie jedes Jahr. Früher mit ihrem Mann. Sie schiebt das Fertiggericht mit Gans in die Mikrowelle. Es duftet chemisch und nach Rotkohl. Ein Ping erfüllt die leere Wohnung.

Das kleine Einhorn strahlt rosa, blau und gelb, als es genau im schummrigen Weihnachtsbaumlicht inspiziert wird. Sein Schweif glitzert und schwingt fröhlich hin und her. Eine kleine Dame drückt es an sich und quiekt vor Freude. Sie wird ihn überall hin mitnehmen. Auch in ihre erste eigene Wohnung.

Engumschlungen, liebend, zärtlich. Er streichelt ihre Wange. Sie küsst sanft seine Schulter. Sie liegen vor dem Kamin, eingerollt in das Bärenfell von seinem Großvater. Die Kerzen im Baum und das Feuer im Kamin leuchten nur halb so stark wie ihre Augen.

Leise rascheln seine grünen Nadeln. Seine Äste beben, geht man an ihm vorbei. Es riecht nach Wald, süßlich, herb. Leben. Sterben. Er ist entwurzelt und seine Tage sind gezählt. Draußen könnte er mit seinen Brüdern für eine grünere Welt sorgen, hier drinnen saugt nur jemand.

Sie reicht ihm die Vanillekipferl, er gibt ihr die Teekanne. Die Kindeskinder toben im Hintergrund. Die Kinder ermahnen, halb scherzend, halb erziehend. Sie verbrennt sich am heißen Tee, er krümelt seine Hose voll. Beide lächeln.

 

Adventüden 2019 19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Und wie mag die Liebe

Da laufe ich gestern durch die Blogs. Kommt öfter vor. Und ein Halbsatz trifft mich und lässt eine Erinnerung schwingen. „… die Liebe bemessen. Wie kam sie mir und wie könnte ich …“

„Und wie mag die Liebe dir kommen sein“, raunt es in mein inneres Ohr, eine weibliche Stimme, eine feierliche Stimmung. „Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein …“ Ach, du bist es! Rilke! „Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los | und hing mit gefalteten Schwingen groß | an meiner blühenden Seele …“

Da ist nun alles drin, was ich an Rilke mag. Auch und vielleicht gerade, wenn/weil die Umsetzung im Alltag ein bisschen mau aussieht. Daher muss das jetzt in diesen verregneten Hamburger Mittwochmorgen.

 

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele…

(aus: Rilke, Lieben, ganzes Gedicht hier)

Wer wissen will, wer mir da ins Ohr geflüstert hat: Cosma Shiva Hagen, Rilke-Projekt II „In meinem wilden Herzen“. Hier nachhören, ich hoffe, es bleibt lange online.

Vielen Dank für die Worte, liebe Käthe, vielen Dank für das Projekt, liebe Graugans!

 

Calla | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

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Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

 

65 ist doch kein Alter

Adventszeit. Die Unruhe hatte sie nachmittags aus dem Haus getrieben. „Kommst du mit, Weihnachtsbäume zählen?“, hatte sie früher ins Telefon gerufen. Das Auto hatte wie von selbst die vertraute Route eingeschlagen. Es war schon dämmerig, und rechts und links blinkten immer wieder Nikoläuse und Rentiere an den Straßen. Und bunt beleuchtete Tannenbäume. Schön war das.
Wie so oft entspannte sie sich beim Autofahren. Schön und schrecklich und kitschig und doch auch ein bisschen feierlich. Sie spähte aufmerksam in eine Seitenstraße. Hatte dort hinten nicht immer dieses riesige Monster …

Klicken zum Weiterlesen!

 

Wunderkerze | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieser mein Text erschien gestern als Teil des großartigen 24-Tage-Projekts von Frau Graugans: Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Daher möchte ich euch bitten, den Rest meiner Geschichte bei ihr zu lesen. Liebe Margarete, vielen Dank für die Einladung, hat mich sehr gefreut.

Einen schönen 3. Advent euch allen!

 

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Gehen oder bleiben?

Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.
(Antoine de Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne, Quelle)

Als ich darüber stolperte, habe ich mich daran erinnert, dass ich vor längerer Zeit mal einen sehr schönen Artikel über die Phasen der Liebe gelesen habe. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war, nur dass ich überrascht war, wie genau (und wie liebevoll) der Autor die Phase des ewigen Gezänks (Phase 3) beschrieb – und auch, dass sich viele Paare trennen, wenn sie in dieser Phase stecken (ich nehme mich da nicht aus). Ich hänge mal zwei Links zum Thema an: hier und hier.

Trotzdem finde ich die Vorstellung „gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken“ total schön. Hund und Katz‘ dürfen ausscheren …

Habt einen guten Tag!

 

Tierische Freunde – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Happy Valentine

„Liiiiiiiebe stirbt nie“ säuselt mein Radio mit süßseufzender Stimme, natürlich weiblich, und ich unterdrücke den übermächtigen Wunsch, es einfach aus der Halterung zu reißen und an die Wand zu klatschen – „Ach ja? Nimm das! Das hast du nun davon!“ – und die Trümmerteile unter meinen Absätzen knirschen zu hören, während ich mit meinem nicht unbeträchtlichen Gewicht darauf herumstampfe und sie zu Bröseln zermahle, um dann mit bitterer Genugtuung auf die Gemengelage aus Kunststoff und metallischem Geglänze zu starren und … in Tränen auszubrechen.
„Interessant“, bemerkt die kleine Stimme in meinem Hinterkopf nüchtern, „ich wusste gar nicht, dass du so emotional und impulsiv bist. Ist was passiert? Hab ich was verpasst? Hast du das jetzt öfter?“

Ich fühle mich am offenen Herzen seziert.

Manchmal denk ich, ich werd verrückt.

 

herzfeuer – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kleine Skizze. Nix Persönliches, nur nervige Werbung. Na gut, fast nur.

 

Tag des Ohrwurms: Painted Desert Serenade

Über die Verrücktheiten von Liebe und Schmetterlingen im Bauch. Allein schon der Titel: „Painted Desert Serenade“, „Serenade der bemalten Wüste“. Und um was geht es? Um zwei alte Menschen (die irgendwo festsitzen) und eine Liebe. Ach was. Was aber ein ziemliches Jammertal sein könnte, ist sehr witzig und sehr zärtlich. Nein, überhaupt nicht klischeehaft ;-), denn „Painted Desert“ ist auch der Titel eines Wüstengebietes in Arizona, zu dem die Protagonisten aufbrechen. Sehr passend. 🙂

Hier ist der Originaltext, ich hab es mal eben übersetzt.

Er sagt ihr: „Ich möchte dich nackt auf einem großen Metallbett malen | mit leuchtend orangen Mohnblumen um deinen Kopf herum.“ | Und sie sagt: „Verrückter alter Mann, ich bin nicht mehr jung.“ | „Aber das ist okay“, flüstert er, „ich habe noch nie gemalt.

Und liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Du machst, dass ich mit dem Mond spreche und im Regen spazierengehe. | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane?

Oh, ich möchte dir bei Kerzenschein aus den Teeblättern lesen, | auf einem fetten roten Sofa mit dir die Nacht verbringen. | Ich möchte deine Füße mit einer Pfauenfeder kitzeln.“ | Und sie sagt: „Kannst du ein bisschen leiser sprechen, es sind Leute im Raum.“

„Und liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Du machst, dass ich mit dem Mond spreche und im Regen spazierengehe. | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane?“

Und Jane sagt: „Meine Kinder haben mich hierher gebracht und versprochen, dass sie anrufen. | Aber du weißt, Kinder vergessen das, so ist das nun mal.“ | Und er sagt: „Nun, das macht uns beide frei und ungebunden. | Also, Jane, möchtest du mitkommen und dir mit mir Painted Desert ansehen?

Und liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Du machst, dass ich mit dem Mond spreche und im Regen spazierengehe. | Liebst du mich, Lady Jane, Lady Jane? | Liebst du mich, liebst du mich wie ich dich liebe, Lady Jane?“

 

Ich mag Singer-/Songwriter-Sachen, auch und gerade, wenn sie leicht sind, denn es gibt soooo viele traurige Lovesongs. Und obwohl dieses wunderschöne Lied von Joshua Kadison weder neu noch bekannt ist, hat es sich in meinem Herzen etabliert. Ich muss immer lachen, wenn ich es höre. Mehr Infos/Tipps zu Joshua Kadison werden gern genommen, falls ihr habt.
Habt einen vergnügten Tag!

 

Painted Desert, Quelle: Wikipedia

 

Liebe ist menschlich

Liebe kennt kein Geschlecht.
Liebe kennt keine Rasse.
Liebe kennt keine Behinderung.
Liebe kennt kein Alter.
Liebe kennt keine Religion.

Und wenn das alles auf euch zutrifft, und wenn ihr das in eurem Umfeld alles leben könnt, dann wisst ihr bestimmt auch, dass ihr privilegiert seid (und/oder dafür hart gearbeitet habt), denn selbstverständlich ist es nicht. Nicht (mal) hier in Deutschland, wo wir eigentlich andere Probleme haben. Aber es sollte es sein. Finde ich.

 

 

Unstern Liebe – Freitag, 21. November 2014

Der Stern erstrahlte so munter, | Da fiel er vom Himmel herunter.
Du fragst mich, Kind, was Liebe ist? | Ein Stern in einem Haufen Mist.

(aus: Heinrich Heine, Unstern, kompletter Text hier)

 

Tja, so kann es gehen. Wobei ich im Netz eher den Satz mit der Liebe zitiert finde als den Satz davor, und das alles oft in Gartenpublikationen stattfindet, denn eigentlich möchte Heines Stern in einen Garten fallen, weil es dort reinlicher sei und er nicht mit „Unrath bedecket“ würde. Klar, wenn ich schon aus dem siebten Himmel abstürze, dann möchte ich auch irgendwo weltabgeschieden vor mich hin leiden und mich nicht allen zum Fraß vorgeworfen fühlen.

Dennoch ist mir die Interpretation des zweiten Satzes näher. Liebe ist ein Stern in einem Haufen Mist. Reicht eigentlich schon als Aufgabe, den Stern im Mist des Alltags zu entdecken und zu würdigen.
Es ist nicht selbstverständlich: Wenn ihr eine Liebe habt, pflegt sie. Wenn ihr einen Menschen habt, den ihr liebt, zeigt/sagt es ihm oder ihr. Wenn ihr keine habt, dann zweifelt zumindest nicht daran, dass es sie gibt. Selbst wenn sie ein Stern (und damit ziemlich weit weg) ist.

 

misthaufen – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Liebeslied – Sonntag, 2. November 2014

Als ich nachher von dir ging
An dem großen Heute
Sah ich, als ich sehn anfing
Lauter lustige Leute.

Und seit jener Abendstund
Weißt schon, die ich meine
Hab ich einen schönern Mund
Und geschicktere Beine.

Grüner ist, seit ich so fühl
Baum und Strauch und Wiese
Und das Wasser schöner kühl
Wenn ich’s auf mich gieße.

(Bertolt Brecht, Vier Liebeslieder)

 

Es gibt Gedichte, da ist eigentlich schon alles gesagt, auch wenn nichts gesagt wird. Dies hier zum Beispiel. Mir macht es immer gute Laune.
Marcel Reich-Ranicki hat dazu ein paar sehr schöne Worte gefunden.

Das Gefühl, dass die Welt sich verändert hat, man hinterher alles anders sieht und auch sich selbst anders wahrnimmt, ist zum Glück allerdings nicht nur auf das Bett beschränkt …

Habt einen schönen Sonntag!

 

Paar – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay