Von Sommer und Sinn

 

Faunsflötenlied
(Für Peter Behrens.)

Ich glaube an den großen Pan,
Den heiter heiligen Werdegeist;
Sein Herzschlag ist der Weltentakt,
In dem die Sonnenfülle kreist.

Es wird und stirbt und stirbt und wird;
Kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

(Otto Julius Bierbaum, Faunsflötenlied, in: Irrgarten der Liebe, Berlin/Leipzig 1901, Onlinequelle)

 

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Zimbal am Baum hing,
Über die Saiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

(Nikolaus Lenau, Die drei Zigeuner, in: Nicolaus Lenau’s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Anastasius Grün. Cotta, Stuttgart/Augsburg 1855, S. 54, Onlinequelle, Onlinequelle)

 

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

(Max Dauthendey, Leben heißt Sehnsucht verehren, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 235, Onlinequelle)

 

Tränen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Bin an dem Bild nicht vorbeigekommen, auch wenn es vielleicht nicht wirklich leicht passt.

Kommt gut in die neue Woche!

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10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Eine Pause ist eine Pause ist eine Pause. Mir jedenfalls tut sie gut, immer noch, führt sie doch dazu, dass sich bereits ZWEI Ideenpakete bei mir eingestellt haben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mein Leben verändern könnten – und die nichts mit den Blogs zu tun haben, okay, eine könnte sich vielleicht in die Richtung ausdehnen. Alles zu seiner Zeit. Habe ich also Lust, meine Sommerfrische zu beenden? Mitnichten! Ich harre der Dinge, die da kommen, und lebe. (Und arbeite.) Offline. Weitgehend.

Da trifft es sich gut, dass ich (aus anderen Gründen, manche werden sie kennen) dergl (deren momentane Abstinenz ich bedaure, aber verstehe und hoffe, dass sie bald beendet ist und sie wieder mitschreibt) gebeten hatte, dass sie aus der Liste der von euch gespendeten Wörter 15 neue aussucht, auf dass wir mit ihnen spielen/schreiben können. Und wem meine Wörter ein bisschen zu sehr dem bunten Bällebad entsprungen waren, der wird sich sicherlich jetzt über mehr Tiefe freuen, der Tenor ist ganz anders.

Sucht euch aus der Liste (mindestens) 10 Wörter aus und verarbeitet sie in einem Text. LÄNGE: egal. TEXTART: egal. Zusätzliche Gedicht- oder Liedzeile: gestrichen.

 

Hier sind sie (in alphabetischer Reihenfolge):

Flüsterpropaganda
Graugans
Holz
Johannisbeeren
Kaninchenstallscharnier
Knäckebrot
Lampion
Langsamkeitswahn
Muckefuck
Sarkasmus
Schaukelbär
Schritte
Waldeinsamkeit
Wanderbaustelle
Windhauch

 

Anders als ursprünglich geplant, geht es mit den Etüden nicht am ersten Septemberwochenende weiter, sondern erst am zweiten, wir sprechen also über Sonntag, den 9. September. Vorher melde ich mich bei euch, WIE es denn nun weitergeht. Die Abstimmung zeigt bisher jedenfalls, dass ihr mit großer Mehrheit eine maximale Wörteranzahl statt 10 Sätzen befürwortet bzw. zumindest tolerieren würdet. Wir können es ja mal probieren. Wie gesagt, Näheres dazu kommt.

Last but not least sind des Herrn lz. wunderhübsche Illustrationen (danke, Ludwig) dazu gedacht, als Bilder von euch bei euren Beiträgen eingebunden zu werden (die Frage tauchte neulich auf). Kein Muss, aber ein Angebot.

Und bitte hierhin verlinken/kommentieren … ich freue mich und bin wie immer sehr gespannt, was euch so einfällt! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo II-2 | 365tageasatzaday

 

Undercover | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Tanztee, ha! Die bessere Gesellschaft! Die Versammlung der Eitelkeiten in Abendgarderobe nervte Ronja. Dass sie miterlebte, mit welcher Nichtachtung man ihrer Freundin Elise begegnete, die an jenem Abend an der Garderobe Dienst schob, machte es nicht besser. Bleib professionell, beschwor sie sich, halt die Ohren offen, du bist schließlich nicht zum Spaß hier.

Schön, es war nicht das Klügste gewesen, dass sie es sich gegönnt hatte, hinter dem Rücken der fetten Dame im Federkleid ein trotziges „Federn stehen Vögeln am besten“ zu raunen, woraufhin die so schnell herumgefahren war, dass die langen Ohrringe klimperten und ihr fast die Gabel vom Teller mit der Sachertorte gerutscht war. „Haben Sie was gesagt?“, hatte sie Ronja angefahren, und Ronja hatte ihr das Tablett mit den Getränken entgegengereckt und stockend „Wünschen Sie …?“ geantwortet, als ob sie der Sprache nicht so ganz mächtig wäre. Das klappte immer.

Die Dame konzentrierte sich lieber wieder auf den Sermon der Fabrikantengattin. „‚Schau mal her, Walter‘, habe ich zu ihm bei der Besichtigung gesagt, ‚das ist das Biedermeierschränkchen deiner seligen Ururgroßmutter Hedwig, ich bin ganz sicher!‘ Und wissen Sie, wie schade, dass die Polizei dieses Lager erst jetzt gefunden hat, wo wir die Sache mit der Versicherung schon abgewickelt haben! Jetzt bekommen wir zwar die Möbel zurück, zusammen mit dem ganzen anderen Firlefanz, Sie wissen ja, Schmuck, Bilder, Teppiche und so, aber wir haben uns ja längst neu eingerichtet, der furchtbare Einbruch ist doch über sechs Monate her.“ Sie wedelte mit der Hand und lächelte fahrig.

Tja, dachte Ronja, Besitz ist ohne Frage eine mächtige Fußfessel, die Gier nach Geld eine nicht zu unterschätzende Motivation. Oder war es vielleicht etwas ganz anderes? Sie zweifelte nicht daran, dass es in der Fischkonservenfabrik viele stille Eckchen für überflüssige Möbel gab. Platz genug war ja, die Geschäfte liefen dem Vernehmen nach nicht so rosig. Als die Fischkonservenfabrikantengattin jedoch einige Zeit später Stein und Bein schwor, dass das Möbelstück alt und wertvoll sei, sie habe schließlich Ahnung davon, hörte sie dann wieder genauer hin. Die fette Dame bekundete Interesse, Freundschaftspreis vorausgesetzt, falls sie sich von dem Schränkchen trennen wollen würde.
Das war jetzt schon die fünfte an diesem Abend. Ronjas unauffälliges Herumlungern mit dem Tablett würde sich vielleicht doch auszahlen.

Tat sie es wohl aus Liebe oder eher aus schnödem Eigennutz, die Gattin? Wusste sie, dass sie und Ronja ein Geheimnis teilten, dass es nämlich diese Besichtigung des konfiszierten Diebesguts so nie gegeben hatte und die ach so alten Möbel sogar durch ein Bad im Baggersee nicht wesentlich an Wert verloren hätten? Sie waren so neu, dass man eigentlich die Farbe noch hätte riechen müssen.

Irgendwann war auch dieser Abend vorbei und Ronja, der scheinbar dienstbare Geist, auf dem Heimweg. Sie begann, leise zu pfeifen. „Dieser Fall ist klar, lieber Herr Kommissar, auch wenn Sie and’rer Meinung sind: Den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahr’n, kennt heute jedes Kind.“

Kriminalhauptkommissarin Ronja Kaiser witterte Betrug.

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Baggersee, Biedermeierschränkchen, Federkleid, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel,  Liebe, Ohrring, Sachertorte, Tanztee.

Ach, hier kommt das Zitat her, wer es nicht erkannt hat:
Falco – Der Kommissar (Link zu YouTube)

Kein direkter Song zum Text, aber aus Gründen:
Faun – Federkleid (Link zu YouTube)

 

Vom Leben und Möwen

 

Mein Leben ist wie leise See

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

(Rainer Maria Rilke, Mein Leben ist wie leise See, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

 

Die Möwe

Ich hatte daheim eine Liebe,
Mein Gott, wie lange ist’s her!
Die Möwe flog über die Dächer
Und draußen tobte das Meer.

Ich hatte daheim eine Liebe,
Es ging, wie immer es geht.
Heut steh’ ich an alter Stelle,
Mein Mantel flattert und weht.

Ich weinte so viele Tränen,
Mein Gott, wie lange ist’s her.
Die Möwe kämpft mit dem Sturme
Und draußen donnert das Meer.

(Carl Bulcke, Die Möwe, aus: Die Töchter der Salome, 1901, Online-Quelle)

 

Möwe über der Brücke

Dir unterm Fuß,
Zwischen den Ufern Schreitender, spannt
Sich der Brücke gewölbter Bogen.

Und eine Möwe,
Wie ein Gedanke fernher blitzend,
Schießt auf dich ihre blendende Bahn.

Eine Sekunde
Stößt ihr Auge in deines, greift
Dich der weißen Schwinge Umarmung.

Eine Sekunde
Hebt dich der Flug, trägt dich der Geist,
Der schwerelose, brausend empor.

Es weht dich an
Der unendliche Raum, es rauscht
Freiheit dir unermeßlich ums Haupt.

Wie ein Gedanke
Der weiße Vogel, fernhin sich windend,
Und kehrt dir einmal wieder vielleicht

Solange noch
Von Ufer zu Ufer, Wanderer, dich
Der Brücke schweigender Bogen trägt.

(Maria Luise Weissmann, Möwe über der Brücke, aus: Imago, 1922-29, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Etüdengedanken

Als ich im Frühjahr 2017 die Etüden von ihrem Erfinder übernahm, waren sie ein ambitioniertes Schreibprojekt mit klaren Regeln: 3 Wörter, unterzubringen in (maximal) 10 Sätzen. Nicht mehr, nicht weniger, Textart egal. Ich fühlte mich geehrt, die Auserwählte zu sein, ich bin es noch, die Etüden-Idee ist prima, und dass Ludwig sie immer noch mit seinen Illustrationen begleitet, macht sie besonders.

Auf meinem Blog wuchsen die Etüden vielleicht weniger in eine (literarische) Höhe als in die Breite, sie zogen jedenfalls mehr und andere Leute an als zu der Zeit, als Ludwig sie aus dem Boden gestampft hat, und klar, die Bandbreite der Texte veränderte sich. Ich war ja bei Ludwig auch von Anfang an dabei, ich fand es großartig, das zu sehen und zu begleiten.

Ich habe die Etüden dabei nie als „literarisches“ Projekt gesehen, hätte ich das, hätte ich vermutlich vor dem immanenten Anspruch kapituliert und sie gar nicht angefasst. Mich reizen elitäre Clubs mit ihren Zwanghaftigkeiten nicht. Ich probiere rum. Für mich sind die Etüden ein heiß geliebtes Blogkind, und die Texte, die ich dafür schreibe, sind so gut, wie ich sie im Moment gerade hinbekomme. Nicht-Beliebigkeit, das ist mein Anspruch. An mich! Wer teilnehmen will, wer es ernst meint, wer Sprache liebt und sie gern einsetzt, der soll hier bei den Etüden eine Art Zuhause finden, und herzlich willkommen! Ja, das unterscheidet die Etüden, und ja, ich finde, dass es sie verbindlicher macht, und ja, ja, ja, ich bin sehr glücklich über die, die regelmäßig dabei sind.

Nachdem ich neulich einen Text las, der sich kritisch mit den Etüden und meiner Rolle auseinandersetzte, begann ich, an allem zu zweifeln und ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich die Etüden auf- oder abgeben will.  Nein, will ich nicht.
Ich habe den Etüden keine Blog-Heimat gegeben, damit ich den Aufkleber auf der Stirn herumzeigen kann, ich sei „Schriftstellerin“ oder „literarisch tätig“, echt nicht. Ich schreibe, weil ich schreiben will, und die Etüden (oder die Intermezzos oder sonstige Schreibaufrufe, egal ob hier oder woanders) sind die Form, in die mein Schreiben gerade fließt, wobei ich die Herausforderung total spannend finde, die darin liegt, die vorgegebenen Wörter sinnvoll zu verbauen. Und es macht mir Spaß, meine Ergebnisse zu teilen, die Texte von anderen zu lesen und Meinungen dazu auszutauschen.
Tatsache ist aber, dass der Hype um Die-deren-Name-nicht-genannt-werden-soll (also die DSGVO) vielen das Bloggen verleidet hat. Tatsache ist auch, dass dieser sonnige Sommer die Leute nicht gerade vor die Computer zerrt. Ich gehe davon aus, dass ab September, spätestens Oktober auch hier wieder mehr Schwung in der Bude ist.

So weit, so schön. Last but not least habe ich jedoch in meinem Leben außerhalb meines Blogs seit geraumer Zeit mehr um die Ohren, als ich gut abkann. Dies für alle, die sich wundern, warum ich manchmal nach 5 Minuten und manchmal erst nach 15 Stunden lese und/oder kommentiere. Liegt nicht an euch, ich bin dann einfach nicht online.

 

Vor diesem ganzen Hintergrund jetzt also ein paar Fragen an euch:

  1. Ja, mir ist klar, dass es für so was eine schlechte Zeit ist, weil Sommerpause, aber wie sieht es mit eurer Etüdenbegeisterung aus, so ganz generell?
  2. Wäre das für euch okay, wenn es die Etüden nur noch zweimal pro Monat gäbe, oder fändet ihr das als Intervall zu lang?
  3. Wir hatten es vor der Sommerpause mal in den Kommentaren andiskutiert: Was hieltet ihr davon, wenn die Regel nicht mehr „3 Wörter, (unterzubringen in maximal) 10 Sätzen“, sondern „3 Worte, (unterzubringen in maximal) 300 Wörtern“ hieße? Ich habe nämlich in dem Intermezzo wieder mal bemerkt, wie sehr ich es genieße, sehr kurze Sätze zu formulieren, das wäre eine Änderung, die ich gern ausprobieren würde. Und sollen es 300 Wörter sein? Weniger? Für mich wären 300 Wörter üppig, ich habe mal gezählt.
  4. Was ich auf jeden Fall ändern werde, ist die Auswahl der Wortspender. Bisher habe ich relativ willkürlich die fleißigen Schreiber um Spenden angeschrieben, plus den Etüdenerfinder, plus mich selbst. Mir ist erst in diesem Jahr aufgefallen, dass man das reichlich untransparent finden kann, beste Absichten hin oder her. Und wenn ich dafür eure Namen auf Zettel schreiben und blind ziehen (lassen) muss, ist mir das auch recht. Dazu kommt also auf jeden Fall noch was.

 

Langer Text, schon klar. Ich bin auf eure Meinungen gespannt.

 

Füße ... | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Vom Sommer und dem Glück

 

Das Glück

Schlafen möcht’ ich,
Der Wind wiegt mich ein,
Und die Sehnsucht singt mich zur Ruh’.
Weinen möcht’ ich.
Schon die Blumen allein
Flüstern Tränen mir zu.

Sieh die Blätter:
Sie blinken im Wind
Und gaukeln Träume mir vor.
Ja und später –
Lacht wo ein Kind,
Und irgendwo hofft ein Tor.

Sehnsucht hab’ ich
Wohl nach dem Glück?
Nach dem Glück.
Fragen möcht’ ich:
Kommt es zurück?
Nie zurück.

(Selma Meerbaum-Eisinger, Das Glück, 18.08.1941, aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Online-Quelle)

 

Hörst du wie die Brunnen rauschen

Hörst du wie die Brunnen rauschen,
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg’, ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.

(Clemens Brentano, Hörst du wie die Brunnen rauschen, aus: Das Märchen von dem Myrthenfräulein, in: Die Märchen des Clemens Brentano. Zum Besten der Armen nach dem letzten Willen des Verfassers. (Hrsg. Guido Görres) 2 Bände, Stuttgart und Tübingen 1846–1847, S. 485-86, Online-Quelle)

 

Ueber die Welt hin ziehen die Wolken.
Grün durch die Wälder
fliesst ihr Licht.

Herz, vergiss!

In stiller Sonne
webt linderndster Zauber,
unter wehenden Blumen blüht tausend Trost.

Vergiss! Vergiss!

Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel. . . .
Er singt sein Lied.

Das Lied vom Glück!

Vom Glück.

(Arno Holz, Ueber die Welt hin ziehen die Wolken, aus: Phantasus, I. Heft, Berlin, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das Bobby ist, Bobby der Bartkauz, der im Wildpark Lüneburger Heide lebt und dort im Frühling 30 Jahre alt geworden ist. Kann natürlich auch ein*e jüngere*r Kollege/Kollegin gewesen sein. Der Falkner hört allerdings sicher auf Michael Kirchner.  :-)

Kommt gut in die neue Woche!

 

Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

 

Sie sagen, unsereins hätte keine Seele, aber ach, was wissen sie schon von der Liebe …

Lilo. Ich kenne sie, seit sie ein Kind war und mit ihren Freundinnen zum Schwimmen an den See kam. Sie durften so weit von zu Hause weg, wie sie die Kirchturmspitze noch sehen konnten, und wenn es abends läutete, mussten sie heim zum Abendessen. Damals war sie ein unbeschwertes Mädchen, das sich gern vor Lachen ausschüttete und dabei ihre weißblonden Haare fliegen ließ. Eine Haarfarbe, die unserer so sehr gleicht, wenn wir an Land gehen, dass ich schon zu jener Zeit dachte, dass sie eine von uns sein müsse. Oder ihre Eltern. Oder einer ihrer Vorfahren. Ein Zeichen. Aber bei uns war sie unbekannt, und wir haben ein gutes Gedächtnis, was die Unseren betrifft.

Sie wuchs heran. Und fast immer, wenn sie allein an den See kam, tauchte ich dort ebenfalls auf: Ein gut aussehender Kerl mit blonden Locken und einer roten Mütze, der im und auf dem Wasser zu Hause zu sein schien oder auf den See hinausstarrte, scheinbar nur wenige Jahre älter als sie. Natürlich sprachen wir bald miteinander, gingen schwimmen, tauchen, bootfahren. Oft sogar. Lilos Vater gehört die Fischkonservenfabrik am Rande der Kleinstadt, sie wuchs mit dem ganzen Firlefanz auf, den reiche Mädchen heutzutage haben, ausgedehnte Urlaube an exotischen Orten, neueste Technik, exklusive Klamotten – all das. Goldener Käfig. Viel Materie, wenig Gefühl. Sie lege keinen Wert darauf, sagte sie, und dass sie ein derartiges Leben überhaupt nicht authentisch fände. Sie liebte die Stille des Sees. Manchmal schwiegen wir den ganzen Abend.
Mir kam das zugute, ich gab das Kontrastprogramm, was sonst hätte ich tun können? Ich machte auf geheimnisvoll und am Geld uninteressiert. Zumindest Letzteres traf zu, ich habe genug. Wirklich. Frauen mögen das Gefühl, dass sie auserwählt sind, und ja, das war sie, jedenfalls, was mich anging. Klar flirtete ich mit ihr, heftig sogar, aber wir küssten uns nicht mal richtig, wir brauchten das nicht. Unser Platz wurde das See-Restaurant. Und solange wir in der Nähe des Wassers blieben, fiel ihr auch nicht auf, dass meine Hose immer ein wenig tropft.

***

Eines Abends setzt sie sich auf der Terrasse zu mir, als die Schlagerkapelle sich durch einen Oldie kämpft: „Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne.“ Ich erschrecke, denn sie ist völlig aufgelöst.

„Ich muss dir was erzählen.“
„Was ist passiert?“
„Mein Vater will mich verheiraten. Ernsthaft.“

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben wir? Es ist mehr als eine fixe Idee ihres alten Herrn, wie ich dann erfahre. Er hatte sie vor einigen Jahren bei einem Deal mit einem Geschäftspartner eingesetzt: Gibst du mir finanzielle Sicherheit, bekommt dein Sohn meine Tochter zur Frau. Was für ein zukunftsweisender Plan, später legt die zweite Generation das Erbe der Väter zusammen und so weiter … genau, diese Nummer. Kein Gedanke daran, dass Lilo studieren wollen und eigene Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könnte. Sie hatte doch alles, das würde sich nicht ändern, und wenn sie erst verheiratet war und Kinder da waren, dann wäre Zeit, weiterzusehen. Eigenes Leben, eigene Entscheidung? Fehlanzeige.

Jetzt fordert der besagte Sohn die versprochene Frau, die das heiratsfähige Alter erreicht und ihr Abi in der Tasche hat. Reif für den nächsten Schritt. Oh, man kennt sich, wie Lilo berichtet, er sei nun auch kein Ekel oder so, aber der Funken, der Funken der Leidenschaft, der sei bei ihnen echt nicht in Sicht. Und überhaupt. Sie ist empört.

„Mein eigener Vater VERKAUFT mich!“

Früher war es Sitte, zu anderen Zeiten hätte es ihr zur Ehre gereicht. Es zählte nur, dass man einen Mann bekam, der fähig war, einen zu ernähren. Und die Kinder. Gefühle wurden da nicht so hoch gehängt. Aber das sage ich ihr nicht.
Stattdessen werfe ich Herz in die Waagschale und wage den Schritt, dessen Folgen mein Leben bis heute erschüttern. Ich schlage ihr die einzig vorstellbare Alternative vor. Mich.

„Dann komm mit mir. Heirate mich. Lass alles hinter dir und hau mit mir ab. Die finden uns nie.“
„Ja, aber, Dylan …“

Dylan bin übrigens ich. Jeder Name, der etwas wie „Sohn des Meeres“ bedeutet, ist meiner, da bin ich großzügig.

Lilo ist achtzehn, romantisch, idealistisch und blauäugig. Ich weniger. Wenn der Heiratsdeal platzt, weil sie mit mir geht, was geschieht dann mit der Fabrik, wenn der Geschäftspartner ihres Vaters sein Geld zurückfordert? Wird Lilo mit der Schuld leben können, ihre Eltern in den Ruin gestürzt zu haben, wenn es hart auf hart kommt? Würde ich imstande sein, sie freizukaufen – oder es wollen? Das sind Fragen, die die Luxusprobleme, die sie bisher hatte, weit übersteigen. Ich weiß, dass sie kommen werden, und nicht nur die, aber ich behalte sie für mich. Nicht fair? Nicht fair. Ich lebe schon ein paar Jahrzehnte länger und bin nach ihren Maßstäben vermutlich gerade dabei, ihr Leben zu ruinieren.

„Wo lebst du, Dylan? Und wovon?“

Ich wedele mit der Hand durch die Luft, eine Geste, die den See, der groß ist und durchaus kein popeliger Baggersee, und seine gesamten Zu- und Abflüsse einschließt. Bis zum Meer, das nicht weit weg ist.

„In einem Schloss unter dem Meer.“

Es stimmt. Ich war nie ehrlicher. Sie starrt mich an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde.

„Aber dann ertrinke ich!“
„Nein. Du atmest normal weiter. Du brauchst nicht mal deine Gestalt zu ändern, wenn du das nicht willst. Dafür sorge ich. Du bist nicht die Erste, die vom Land zu uns kommt, weißt du?“

Sie denkt nach. Schluckt. Hat offensichtlich nicht kapiert, dass die Erscheinungsform, die sie von mir kennt, demnach nicht meine tatsächliche ist. Wahrscheinlich käme sie eh nur auf Fischschwanz. Arielle (der Meerjungfrau) sei Dank, sie haut nicht sofort ab, sondern riskiert eine weitere Frage.

„Wer bist du?“
„Liebste“, sage ich, „ich bin der verdammte Unterwasserkönig. Und du, Lilofee, bist meine Braut – wenn du willst. Entschuldige, dass ich nicht vor dir auf die Knie falle, es kommt auch für mich ein bisschen überraschend.“

Okay, okay. Ich bin EIN Unterwasserkönig. Kein ganz kleiner. Aber das würde jetzt zu weit führen.
Lilo schweigt. Den Schock muss sie erst mal verdauen. Als Ablenkungsmanöver mache ich verstohlen zwei, drei unauffällige Handbewegungen und puste mit gespitzten Lippen. Zum Glück weht bereits eine kleine Brise. So erscheint es fast natürlich, dass plötzlich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, geformt aus grünblauem Wasser, Wind und weißem Schaum, quer über den See ihre Bahn zieht und genauso abrupt wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

„Schau, für dich!“, zeige ich auf das Spektakel. Von den Nebentischen hören wir erstaunte Ausrufe. Sie lacht auf und freut sich, aus ihrer Grübelei herausgerissen zu werden.
„Lass mich darüber nachdenken.“

Ich nicke. So einige Gebote bin ich bereit zu verletzen, aber nicht das der Freiwilligkeit. Sie muss unsere Verbindung wollen, sie gibt ja ihr ganzes Leben auf. Sonst bin ich nicht besser als ihr Vater, nur der Käfig ist faszinierender. Und ja, ich liebe sie schon viele Jahre; sie wird mich vielleicht lieben lernen, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Liebe ist die stärkste Fußfessel in dem Spiel. Liebe – und die Kinder, auf die ich setze. Denn Lilo kann als Menschgeborene jederzeit das Wasser verlassen, ich werde sie nicht hindern. Unsere Kinder jedoch nicht, nicht so einfach, die würden sterben. Wie ich, wenn unsereins zu lange vom Wasser getrennt ist. So läuft es nun mal.

Also warte ich. Warte und hoffe, dass sie am nächsten Abend wiederkommt. Oder am übernächsten. Oder nächste Woche. Dass sie zustimmt, dass ich ihr den Perlenring anstecke und die Ohrringe und die Kette aus schimmerndem Perlmutt anlege, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Dass ich sie küsse und wir Hand in Hand hinabsteigen in mein Reich, um glücklich zu sein. Lilo. Ich werde hier sein.

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Ablenkungsmanöver, Baggersee, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel, Kirchturmspitze, Liebe, Luxusproblem, Ohrring, Unterwasserkönig.

 

Erklärungen:
Hier ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Wassermann/Nöck, aus dem ich Motive verwendet habe.

Dylan als Name: Wikipedia (dt.), Wikipedia (engl.)

Lilofee: Die Ballade von der schönen Lilofee kenne ich als Gedicht bzw. Volkslied (Projekt Gutenberg) in verschiedenen Variationen, vertont heißt sie oft „Der wilde Wassermann“, hier empfehle ich die Versionen von Faun (YouTube) und Achim Reichel (YouTube).

 

Ja, ist ein bisschen länger … Aber nicht so lang wie letztes Jahr, und hey, es sind NICHT die Etüden, es ist das Etüdensommerpausenintermezzo. Ihr wollt auch? Dann nichts wie ran, noch ist Zeit. Hier ist der Startschuss.

 

Von Farben und Blumen

 

Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an? Wer wusste auch,
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

(Rainer Maria Rilke, Rosa Hortensie, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, Herbst 1907, Paris, oder Frühling 1908, Capri, Online-Quelle)

 

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist gelb in ihnen violett und grau;

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

(Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, aus: Neue Gedichte, Juli 1906, Paris, Online-Quelle)

 

Die blaue Kornblum wohnt versteckt

Die blaue Kornblum wohnt versteckt,
So hab ich meinen Schatz entdeckt.
Sie kann nicht meinen Händen wehren,
Wiegt sie wie’s Sommerfeld die Ähren.
Die Ähren sind jetzt körnerschwer,
Als läg schon Brot mannshoch umher,
Und nahrhaft wie im Bäckerhaus
Sieht’s an der langen Landstraß aus.
Mein Schatz die Ähren streicheln tut.
„Nach Leben riechen sie so gut,“
Sagt sie. Und schau ich roten Mohn,
So fang ich auch sein Feuer schon.
Ich gäb gern alle Ähren her,
Und gern wär mir die Hand brotleer,
Blieb mir am Lebensend davon
Liebe betäubend wie der Mohn.

(Max Dauthendey, Die blaue Kornblum wohnt versteckt, aus: Singsangbuch. Liebeslieder, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 151)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Ja ja ja ja ja ja ja, es ist so weit! Vielen Dank für eure Wortspenden! Die Etüden gehen in die wohlverdiente Sommerfrische (ist es eigentlich bei wem von euch NICHT heiß?) und wir widmen uns den Etüdensommerpausenintermezzoaufgaben. Plural? Ja, Plural, in zwei Wochen gibt es noch mehr.
Heute aber dreht es sich wie im letzten Sommer darum, dass ihr aufgerufen seid, eine Geschichte bzw. einen Text zu schreiben. LÄNGE: egal. ORT UND ZEIT: egal. ABER: Es gibt zwei Bedingungen.

1. Ihr sucht euch aus der folgenden Liste (mindestens) 10 Wörter aus (mehr geht immer), und baut die ein.
2. Ihr integriert eine Gedichtzeile (und/)oder eine Textzeile aus einem Lied in euren Text. Bitte bedenkt, dass das Urheberrecht verbietet, aktuelle Texte/Gedichte in voller Länge zu zitieren, daher beschränke ich den Aufruf auf maximal eine Zeile. Zum Beispiel könnten eure Protagonisten, während sie ins Wasser rennen, „We all live in the Yellow Submarine“ (Link zu YouTube) singen (oder was man heutzutage so singt). Bleibt im Zweifelsfall lieber kurz, ich bin aus gutem Grund da rigoros. Oder aber nehmt ein Gedicht, dessen Urheber länger als 70 Jahre tot ist, dann darf zum Beispiel die „Glocke“ auch gern komplett zitiert werden (aber NICHT in meiner Kommentarspalte! Bitte! *gggg*). Ich hatte, nur als Beispiel, bereits zwei Gedichtetüden (hier und hier – und nein, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass es dasselbe Gedicht war).

Die Wörter, die es auf die Liste geschafft haben, lauten in alphabetischer Reihenfolge:

Ablenkungsmanöver
Baggersee
Biedermeierschränkchen
Federkleid
Firlefanz
Fischkonservenfabrik
Fußfessel
Kirchturmspitze
Liebe
Luxusproblem
Ohrring
Räumungsklage
Sachertorte
Tanztee
Unterwasserkönig

 

Zeit: Ihr habt drei Wochen, nicht nur eine wie sonst. Die Illustrationen unterliegen wie üblich dem Copyright des überaus geschätzten Herrn lz., ich hoffe, ihr kommt mit der Anzahl hin, man weiß ja nie.

Und bitte hierhin verlinken wie immer, ich bin schon sooooooo neugierig, und ich schätze, ihr seid es auch … ich freue mich! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!!!!!

 

Sommeretüdenintermezzo 1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzaday

 

Junge Liebe | abc.etüden

„Ich weiß echt nicht, wo er bleibt, er wollte doch schon lange hier sein!“
„Auch wenn du es wahrscheinlich nicht hören willst, der lacht doch bloß über dich, dass du ihn so anbetest. Wenn der dir erzählen würde, dass sein pompöser Amischlitten mit Biodiesel fährt, dann würdest du ihm das doch auch noch abnehmen!“
„Gar nicht wahr, außerdem mag ich so alte Autos, das ist so voll oldschool, das ist richtig … ach, vergiss es.“
„Was habt ihr denn vor?“
„Bloß sonnenbaden und später vielleicht mit seinen Kumpels am Strand grillen.“

Wer’s glaubt. Ach, wie schnell die Zeit vergeht und die Kinder groß werden und unbedingt ihre eigenen Erfahrungen machen wollen.
Der Lauf der Zeit … sie gab auf und kehrte das letzte bisschen Autorität heraus.
„Aber um Mitternacht bist du daheim, klar?“

 

2018_30_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Für die abc.etüden, Woche 30.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Yvonne von umgeBUCHt und lauten: Biodiesel, pompös, sonnenbaden.

 

Vom Sommer und Heimat

Beschlagnahmefreies Gedicht

Ich bin klein.
Mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen als nach Belieben auszufüllen allein.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
fest steht, daß Ponds Creme das beste für die Haut ist.
Hipp.
Wer seine Obrigkeit läßt walten,
der bleibet immer wohlbehalten.
Hipp, hipp.
Wenn ich nur meinen Adolf hab,
bis an mein schwarz-weiß-rotes Grab.
Hurra.
Ein Veilchen stund an Baches Ranft,
so preußisch-blau, so lind und sanft;
da kam ein kleines Schaf daher,
jetzt steht da gar kein Veilchen mehr,
Hurra.
Ein Richter steht im Walde,
so still und stumm.
Er war republikanisch bis zuletzt,
drum haben sie ihn in den Wald versetzt,
und da steht nun der Richter,
auf seinem linken Bein,
ganz allein.
Lieb Vaterland (siehe oben).
Siehst du die Brigg dort auf den Wellen?
»Rechts müßt ihr steuern!« hallt der Schrei.
Die Republik kann nicht zerschellen,
Frau Wirtin hatte auch ein Ei.
Die Zeiten werden schön und schöner.
Ich denk an Männer, kühn und barsch:
An Noske, Geßler und auch Groener.
Lieb Vaterland (siehe oben).

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger: Beschlagnahmefreies Gedicht, aus: Die Weltbühne, 29.03.1932, Nr. 13, S. 492, Online-Quelle)

 

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

 

Und einmal steht das Herz am Wege still

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,
Bäume und Hecken, die sich über viele Menschenalter strecken,
Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,
Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.
Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,
Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang
Kennen mich die Gelände und im Hohlweg die Felsenwände.
Viele Wünsche sind vergangen, die wie Sterne unerreichbar hangen,
Und einmal steht das Herz am Wege still,
Weil es endlich nichts mehr wünschen will.

(Max Dauthendey, Und einmal steht das Herz am Wege still, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 349)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

 

Schreibeinladung für die Textwoche 30.18 | Wortspende von umgeBUCHt

Eine geht noch, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, eine Woche haben wir noch vor uns, bis zur Sommerpause und den Etüdensommerpausenintermezzos. Nachdem in der letzten Woche unser aller Phantasie die Kerne schmelzen ließ, dürfen wir uns in dieser Woche in die Sonne legen – Creme nicht vergessen – aber nicht schlappmachen! Ich brauche euch alle!
Die Wörter der kommenden Textwoche 30.18 wurden uns dankenswerterweise von Yvonne von umgeBUCHt (umgebucht.wordpress.com) zur Verfügung gestellt. Sie lauten:

Biodiesel
pompös
sonnenbaden.

Ankündigung: Das Etüdensommerpausenintermezzo tobt ab NÄCHSTER WOCHE los und geht bis Anfang September. Habt ihr mir schon ein (Haupt-) Wort gespendet???? Nein? Dann aber los! Bis Dienstag habt ihr noch Zeit.

Etüden-Disclaimer: Nach wie vor gilt, dass diese 3 Wörter bitte in maximal! 10! Sätzen unterzubringen sind. Wie gewohnt stammen die Illustrationen von dem werten Herrn lz., vielen Dank, Ludwig!
Euren Beitrag verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von Yvonne und mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

2018_30_1_eins lz | 365tageasatzaday

2018_30_2_zwei lz | 365tageasatzaday