Vom Sommergefühl

Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn‘ Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Die schönen weißen Wolken ziehn dahin
Durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

(Hermann Allmers, Feldeinsamkeit, aus: Dichtungen, 1860, Online-Quelle;
„Am 1. September 1852 entstanden die Verse, die durch Johannes Brahms‘ Vertonung als Inbegriff des deutschen Kunstliedes zu Weltruhm gelangten. Vermutlich nach 1879 komponiert wurde das Lied 1881 in Strassburg uraufgeführt. Die Urschrift schenkte Brahms dem Dichter zu dessen 75. Geburtstag im Februar 1896.“ (Quelle: Hermann-Allmers-Gesellschaft e.V.)

Mittag

Am Waldessaume träumt die Föhre,
Am Himmel weiße Wölkchen nur;
Es ist so still, daß ich sie höre
Die tiefe Stille der Natur.

Rings Sonnenschein auf Wies’ und Wegen,
Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
Und doch, es klingt, als ström’ ein Regen
Leis tönend auf das Blätterdach.

(Theodor Fontane, Mittag, aus: Gedichte, 1905, Online-Quelle)

Des Sommers Ruhe

Der Duft der Gräser zieht zur Stadt hinein,
und alles Leben sättigt Sonnenschein.

Selig und träg, in wohligem Ermatten
lieg ich zurückgelehnt in luftigem Schatten.

Still lächelnd, wie ein dummvergnügtes Kind,
blinzl ich zum Fenster, wo der warme Wind

mit rotgestreiften Jalousieen spielt,
wo dann und wann das Licht ins Zimmer schielt.

O tiefes Glück, befreit von Wunsch und Denken,
sich ganz in heitres Spielen zu versenken,

ob alles Werdens Angst zu triumphieren –
sich in des Sommers Ruhe zu verlieren.

(Otto Erich Hartleben, Des Sommers Ruhe, entstanden: 1890, aus: Meine Verse 1883–1904, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und fröhlich in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 25.26.21 | Wortspende von Allerlei Gedanken

Letzte Runde! Letzte Runde! Noch jemand ohne? Letzte Runde vor der Sommerpause! Es ist wieder mal so weit, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, wir befinden uns gefühlt schon im Hochsommer *schwitz* und ich denke bereits auf dem Etüdensommerpausenintermezzo und den Adventüden 2021 herum.

Also, der Fahrplan für die nächsten Wochen:
Bis zum 4. Juli 2021 laufen noch die regulären Etüden, Näheres dazu gleich 😉
Ab 4. Juli dürft ihr zum Wörterspenden für die Adventüden (und für das Etüdensommerpausenintermezzo) vorbeischauen.
Am 11. Juli habe ich die Wörter ausgelost und werde sie dann hier veröffentlichen.
Am 5. September 2021 starten die regulären Etüden wieder.

Dafür dass wir in den letzten Tagen wohl alle unter dieser Brüllhitze gestöhnt haben, sind echt viele Etüden zusammengekommen. Ich zähle 66 Etüden von 35 teilnehmenden Blogs, das ist super!
Ferner sind auf den letzten Drücker zwei Neue auf den Etüdenzug aufgesprungen: Bitte begrüßt mit mir Sabine mit ihrem Blog Verbalkanone und die vielen schon längst bestens bekannte Bruni mit ihrem Blog Wortbehagen! Noch einmal ein herzliches Willkommen im Kreis der Etüdenverrückten! 😀 Klug habt ihr das gemacht, denn jetzt seid ihr start- und (Wort-)spendeberechtigt für die Adventüden, ich weise nur darauf hin 😉

Fertig für die Liste? Hier kommt sie. Gerhard führt sie an mit 7 Etüden, Christian folgt mit 6 und Wortspenderin Ellen mit 5 Etüden.
Danke an euch, die ihr mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert habt! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert/gelikt hat, und speziell an Ellen, der wir die zauberhaften Wörter der letzten Wochen verdankten.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Barbara von der Kulturbowle in meinen Kommentaren: hier
Sabine auf Verbalkanone: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Puzzleblume auf Puzzle❀: hier, hier und hier
Puzzleblume auf Puzzleblume❀: hier
Christiane auf TravelLiteratureundArt: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier, hier, hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier, hier, hier und hier
Bruni auf Wortbehagen: hier
Doro auf DORO|ART: hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier und hier
Ellen auf nellindreams: hier, hier, hier, hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier, hier und hier
Werner auf Werner Kastens: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Lene auf HerzPoeten: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier, hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier, hier und hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Torsten auf Wortman: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier

Die Wörter für die Textwochen 25/26 des Schreibjahres 2021 stiftete Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lauten:

Praline
herzhaft
wandern.

 

Der Etüden-Disclaimer lautet wieder: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen), Vorbemerkungen sowie die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen rund um die Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 5. September 2021.
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und genießt den Juni, möge er mit uns allen sanft und heiter umgehen!

 

abc.etüden 2021 25+26 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Nathana Rebouças on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2021 25+26 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Das Kleid – Die Aussprache | abc.etüden

Nachdem ich die ersten beiden Etüden entworfen hatte, war mir klar, dass es da noch offene Fragen gab, die eine Antwort verdienten. Warum war sie so ausgeflippt? Warum war ihr nicht aufgefallen, dass mit ihm etwas nicht okay war, hätte das nicht eigentlich sein müssen?
Eure Fragen/Kommentare (danke!) haben mich darin bestärkt, dass es eine dritte Etüde geben muss, denn die Lösung ist ziemlich simpel und damit begründbar, dass jede*r halt manchmal sein individuelles Brett vor dem Kopf hat …

Bitte schön, hier ist sie.

Es ist sinnvoll, alle drei nacheinander zu lesen. Hier sind die beiden ersten Teile (von vorgestern und gestern).

Das Kleid – Sie
Das Kleid – Er


 

Fühl mich bei dir geborgen, setz mein Herz auf dich …«

Sie starrte ihn an. »Und das ist wirklich alles? Mehr ist nicht?«

Nun, DAS war nicht ganz die erwartete Reaktion. »Mehr ist nicht«, bestätigte er feierlich.

»Aber du hast was mit ›Fettfleck‹ gesagt, als du mich gesehen hast!«

Er nahm einen Zipfel der Picknickdecke und wischte ihr über das tränennasse Gesicht.

»Hab ich nicht. Ich hab ›nettes Kleid‹ oder etwas ähnlich Bescheuertes gesagt. Ehrlich.«

»Ich bin aber fett geworden während Scheißcorona. Und du auch. Wir haben beide zu viel gegessen und sind nicht rausgegangen. Wohin denn auch.«

Absolut zutreffend.

»Ich hab gedacht, du findest mich nicht mehr attraktiv, und als du mich dann noch beleidigt hast, dachte ich, du hast eine andere. Weil – es ist ja gerade wirklich wenig im Bett los zwischen uns.«

»Schatz, hör doch mal. Normalerweise hätte ich dir dein Kleid mit diesem höchst verwegenen Ausschnitt vom Leib gerissen. Okay, ist schon bisschen her, aber das weißt du noch, oder?«

Sie bejahte. Zögerlich. Gottseidank.

»Aber wenn ich etwas verspreche, dann will ich es auch halten, und das kann ich gerade nicht. Leider. Nur, dass du glauben würdest, dass ich fremdgehe, weil ich mich zurückziehe, darauf hätte ich kommen können. Das ist nicht gut gelaufen. Es tut mir leid.«

Sie schniefte. »Warst du beim Arzt? Du hast doch bestimmt schon alles Mögliche dazu recherchiert.«

Er nickte. »Noch nicht. Weißt du, meine allererste Frage ist: Was macht das mit mir, wenn ich nicht mehr kann? Wie sehr definiere ich mich über Sex? Und die zweite: Bleibst du trotzdem bei mir?«

Nun klang sie empört. »Du bist mein Mann. Das ist nicht nur eine Bettgeschichte. Über alles andere reden wir später.«

Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Ein Glas kippte um. Der Rotwein versickerte.

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Herbert Grönemeyer: Halt mich

 

Und wehe, irgendwer findet meine Lösung unrealistisch ;-). Ich habs mit Enden, die irgendwie positiv offen sind.

 

Das Kleid – Er | abc.etüden

Nachdem „Das Kleid“ ungewöhnlich viele Reaktionen hervorrief (vielen herzlichen Dank dafür), meldete sich mein Protagonist zu Wort und bat nachdrücklich darum, seine Sicht der Dinge darstellen zu dürfen. In Wirklichkeit ist nämlich alles ganz anders.

Darum: Wer die erste Etüde nicht gelesen hat, der möge das bitte tun.

Das Kleid – Sie


 

Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht und über seine Feinde hat er nur gelacht …«

Dass »Mann« immer konnte, wann hatte er angefangen, das als »verwegene Hypothese« zu bezeichnen? Klar, anfangs waren sie wild gewesen, auf der Picknickdecke und darunter, später in all den Betten, die sie sich geteilt hatten. Sie war seine Knutschkugel, rund und fröhlich, und er liebte jedes Extrakilo an ihr. Oder besser: Es war ihm völlig egal, denn sie war nicht nur die Frau seines Lebens, sie kochten und aßen auch gern gemeinsam.

Dann war die Pandemie gekommen, die ihnen Angst um ihre Gesundheit gemacht und vieles verwehrt hatte, Rituale, die ihnen wichtig gewesen waren: Reisen, Veranstaltungen, Kino, Freunde treffen.

Er hatte sich eingerichtet, sich zurückgezogen. Es war ihm immer leichter gefallen. Ihr auch. Jedenfalls hatte er das gedacht. Bis diese Einladung zu diesem Charity-Event gekommen war und sie überschwänglich begeistert reagiert hatte.

Er nicht.

Die Aussicht, zu dieser Wichtigtuerveranstaltung mitgeschleppt zu werden, hatte ihn derartig entsetzt, dass es ihn selbst schockiert hatte. Selbstverständlich hatte er ihr das verschwiegen. Sie freute sich doch so, nur er, er zog nicht mit.

Als sie sich vorhin in diesem schicken roten Kleid präsentiert hatte … früher hätte er sie daraufhin vernascht, so viel war sicher. Aber heute?
Da hatte ihm auch kein Recherchieren im Netz geholfen.
Da hatte sich bei ihm einfach nichts gerührt. Bei aller Lust.

War er in diesen anderthalb Jahren unbemerkt vom Strom des Lebens in einen Nebenarm abgebogen? War er ALT geworden? Was bedeutete das für sie beide?

Jetzt musste er sich um sie kümmern. Alle Karten auf den Tisch legen. Dass sie nicht schon längst wieder flammenden Auges vor ihm aufgetaucht war, war kein gutes Zeichen.

Die Glastür hatte einen Sprung. Mit ihrem Lieblingswein und zwei Gläsern bewaffnet ging er sie suchen.

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Ich hab vor dem Fernseher gesessen und rumgehimmelt, als das lief 😉

Dschinghis Khan mit dem gleichnamigen Lied, ESC 1979. Ohne Worte, komplett 😉

 

Update: Fortsetzung hier: Das Kleid – Die Aussprache

 

Das Kleid – Sie | abc.etüden

Hast du etwas getan, was sonst keiner tut? Hast du hohe Schuhe oder gar einen Hut, oder hast du etwa ein zu kurzes Kleid getragen …«
Ja, in der Tat, das hatte sie vorgehabt. Eigentlich war nichts an ihrem Outfit besonders ungewöhnlich. Fand sie. Das Kleid war knallrot. Sie würde leuchten, und das war dem Anlass angemessen, schließlich war es eine Abendveranstaltung, die erste seit – ach, keine Ahnung. Jahren. Nein, fröhliches Schwarz war nicht vorgeschrieben, und so alt war sie noch nicht, sich freiwillig selbst zu kasteien.

Okay, Affekthandlung, okay, aber es hatte SO GUT getan, die Tür beim Rausstürzen hinter sich zuzuschlagen. Okay, es war eine Glastür. Gewesen. Sie waren versichert.

Sie hatte sich spontan in das Kleid verliebt und war sich beim Kauf verwegen vorgekommen. Endlich mal wieder der Seele etwas gönnen, das Leben feiern, draußen, ein schickes Charity-Dinner auf der Seeterrasse mit Lokalprominenz und Presse. Wenn er ihr vorgeworfen hätte, mit dem Kleid ein wenig overdressed zu sein, hätte sie das noch verstanden, aber sie hatte in der Klatschpresse recherchieren können, dass da durchaus mit noch Ausgefallenerem zu rechnen war.

»Schatz, meinst du nicht …« Nein! Herrgott, sie wog nun mal keine siebzig Kilo! Seit sie ihn kannte, hatte sie noch nie siebzig Kilo gewogen! Und er hatte häufig beteuert, jedes Pfund an ihr zu lieben, auch als es jetzt einige mehr geworden waren. War das also wirklich derselbe Mann, der vorhin etwas von »Fett…« gemurmelt hatte, als er ihrer ansichtig geworden war?

Sie hatte ihn nicht genau verstanden, aber das musste sie auch nicht. Warum saß sie jetzt seit Stunden im Garten in der Hollywoodschaukel und heulte, eingehüllt in ihre liebste Picknickdecke, obwohl sie so enttäuscht von ihm war, dass sie ihn am liebsten umgebracht hätte? Die Tränen liefen.
Wo war er?
Sie wusste nicht weiter.

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 23/24.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ellen mit ihrem Blog »nellindreams«. Die Wörter lauten: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

 

Wer wissen möchte, woraus ich zitiere: Es sind (natürlich) DIE ÄRZTE mit ihrem Klassiker: Lasse redn

 

Ich hatte mir eigentlich etwas Heitereres gewünscht, aber plötzlich saß da diese unglückliche Frau weinend in ihrer Hollywoodschaukel im Garten … 😉

Update: Fortsetzung hier – Das Kleid – Er

 

Vom Heimkommen

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

Am Meerufer

Und Welle kommt und Welle flieht,
Und der Wind stürzt sein Lied,
Schaumwasser spielt an deine Schuhe
Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin,
Und aller Himmel blüht darin.
Mit welcher Welle willst du treiben?
Es wird nicht immer Mittag bleiben.

Es braust ein Meer zur Ewigkeit,
In Glanz und Macht und Schweigezeit,
Und niemand weiß wie weit –
Und einmal kommst du dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.

(Gerrit Engelke, Am Meerufer, aus: Rhythmus des neuen Europa, 1921, Online-Quelle)

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, daß dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

(Rainer Maria Rilke, Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht, aus: Die frühen Gedichte (Gebete der Mädchen zu Maria), 1909, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auf welchen Wegen ihr auch unterwegs seid: Kommt gut und heiter (und sicher) in und durch die neue Woche!

 

Das Schöne vom Tag

Neben dem gerade wieder strahlend und fast schon zu warm gewordenen Wetter (jaaa, ich weiß, nicht meckern, genießen!) möchte ich euch über die Schwänchen auf dem Laufenden halten.

Es sind immer noch 8! Und wie ich seit gestern weiß, sind sie am 9. Mai geschlüpft, was bedeutet, dass sie heute einen Monat alt werden. Na denn, ihr Zwerge, auf den nächsten und alle folgenden!

Mein Foto stammt vom Sonntag, ich hätte es aber auch gestern Abend machen können, da lagen sie an der gleichen Stelle. Interessant auch, dass immer eins von den Kleinen im Wasser zu sein scheint, direkt neben Mama (ich glaube, dass es Mama ist), während Papa die Lage „auf See“ verteidigt.

 

Schwanenmutter mit Kueken 2021 | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß!

 

Es gibt dieses Jahr gefühlt sehr viel Nachwuchs am Teich, ich habe meist Kanadagänse, Graugänse und Stockenten (mit Kükenschwarm von 2 bis 9!) gesehen, aber nur selten vorzeigbar fotografiert. Zumindest zwei Fotos möchte ich euch dazu aber doch präsentieren: Nein, ich kann leider nicht sagen, ob es dieselbe Graugans ist, die übrigens neben einem sehr begangenen Weg hockte. Die Aufnahmedaten liegen etwa zwei Wochen auseinander, aber sicher ist, dass Gänschen sehr viel schneller wachsen als Schwänchen.

 

Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß!

 

Von Rosen und Sommer

Sommergarten

Die Vögel sprangen von den Winden auf den Garten
Und fielen auf die hellen Rasenbeete,
Betäubt vom Duft der blühenden Stakete
Am weißen Haus mit vierzehn Rosenarten.

Die gelben Steige, die den Rasen masern,
Kommst du in Weiß, berieselt von den Winden,
Und deine Augen duften noch den Blinden –
Die warmen Blumen an den Nervenfasern.

Freude der Tropen wächst. Im blauen Raum
Zünden die Wolken, leuchtende Phantome.
Und du, in deines Blutes Aura und Arome,

Nimmst Sonne mit – in eine Liebesnacht.
Gleich goldnen Bienen hängt das Licht im Baum,
Das deinen Mund wie eine Frucht benagt.

(Paul Boldt, Sommergarten, aus: Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 33 (14. Aug.), Online-Quelle)

Sommer

Sieh, wie sie leuchtet,
Wie sie üppig steht,
Die Rose –
Welch satter Duft zu dir hinüberweht!
Doch lose
Nur haftet ihre Pracht –
Streift deine Lust sie,
Hältst du über Nacht
Die welken Blätter in der heissen Hand …

Sie hatte einst den jungen Mai gekannt
Und muss dem stillen Sommer nun gewähren –
Hörst du das Rauschen goldener Aehren?
Es geht der Sommer über’s Land …

(Thekla Lingen, Sommer, aus: Am Scheidewege, 1898, Online-Quelle)

Glaube nur

Wenn im Sommer der rote Mohn
Wieder glüht im gelben Korn,
Wenn des Finken süßer Ton
Wieder lockt im Hagedorn,

Wenn es wieder weit und breit
Feierklar und fruchtstill ist,
Dann erfüllt sich uns die Zeit,
Die mit vollen Maßen mißt,

Dann verebbt, was uns bedroht,
Dann verweht, was uns bedrückt,
Ueber dem Schlangenkopf der Not
Ist das Sonnenschwert gezückt.

Glaube nur! Es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
Werden wir in Rosen gehn,
Und die Sonne lacht uns Glück.

(Otto Julius Bierbaum, Glaube nur, aus: Irrgarten der Liebe, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ja, mir ist klar, dass wir offiziell noch keinen Sommer haben. Aber ich habe mich in der vergangenen Woche so gefühlt, ich möchte dieses Gefühl feiern, und ich glaube nicht, dass ich allein damit bin …

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 23.24.21 | Wortspende von nellindreams

Die letzte Woche war die gefühlt erste warme Woche in diesem Jahr, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, ich bin sogar geneigt, sie als „Sommerwoche“ zu bezeichnen. Ich hoffe, ihr habt sie in vollen Zügen genießen können, und habt jetzt Lust, euer Gehirn wieder um die Etüden zu wickeln – ihr wisst, diese Dinger mit bis zu 300 Wörtern? 😉 Genau.

Für alle, die an Fortsetzungen schreiben: Ihr Lieben, wir haben jetzt noch bis zum Ende Juni reguläre Etüden vor der Brust, danach startet das Etüdensommerpausenintermezzo – und damit zum dritten Mal meine Frage: Adventüden, ja oder nein? Wenn ja, dann müsst ihr in den Sommermonaten wieder ran, die meisten von euch kennen das Prozedere ja inzwischen. (Wer noch wissen möchte, was diese Adventüden sind, lese bitte hier: letzter Punkt.) Glaubt ihr, wir bekommen auch dieses Jahr wieder mindestens 24 (bzw. 27, der 1. Advent ist am 28. November) Etüden zusammen – und WOLLT ihr? Äußert euch bitte 🙂

Wie ihr der Vorrede entnehmen konntet, war die abgelaufene Woche eher, äh, ruhig, speziell verglichen mit den Höhenflügen der vergangenen Monate. Nun ist das gerade in einer Extraetüden-Woche mehr die Regel als die Ausnahme, und ich hatte mich ja eh schon gewundert … aber das bringt meine Theorie wieder weit nach vorne, dass bei gutem Wetter die meisten Blogger*innen anderes zu tun haben, als sich Geschichten aus den Fingern zu saugen. Daher sei denjenigen, die ihre Muse erhört und geschrieben haben, doppelt Lob und Dank!

Statistik? Hier. Es wurden von 21 teilnehmenden Blogmenschen insgesamt 27 Etüden eingereicht. Die Spitzenplätze sind dieses Mal schnell aufgezählt: Gerhard hat 3 und 4 Blogs haben jeweils 2 Etüden beigesteuert, ihr findet sie wie immer in der Liste. Sollten irgendwelche Pings nicht durchgekommen sein, sagt bitte Bescheid, und habt ebenso bitte generell ein Auge drauf, dass die Links/Pings zu euren Etüden auch tatsächlich in den Kommentaren der richtigen! Schreibeinladung auftauchen? Danke.
Wenn irgendwas schiefgegangen ist, sagt Bescheid, ich trage nach! 😀

Vielen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert/gelikt hat.

Kaffee und Keks parat? Hier kommt die Liste.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Barbara von der Kulturbowle in meinen Kommentaren: hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Christian auf Wortverdreher: hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier
Lene auf HerzPoeten: hier
Yvonne auf umgeBUCHt: hier
Bernd von Red Skies over Paradise: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Werner auf Werner Kastens: hier
Doro auf DORO|ART: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Puzzleblume auf Puzzle❀: hier
Torsten auf Wortman: hier

Die Wörter für die Textwochen 23/24 des Schreibjahres 2021 stiftete Ellen mit ihrem Blog nellindreams. Sie lauten:

Picknickdecke
verwegen
recherchieren.

 

Der Etüden-Disclaimer lautet wieder: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen), Vorbemerkungen sowie die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt (höchstwahrscheinlich) nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 20. Juni 2021.
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und genießt den Juni, möge er sich uns allen von seiner freundlichsten Seite zeigen!

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Photo by Jennie Clavel on Unsplash, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2021 23+24 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Die Entscheidung | abc.etüden

Ich glaube, jede*r von euch, die*der selbst schreibt, kennt das: Manche Figuren entwickeln ein Eigenleben und möchten ihre Sicht der Dinge erzählen. Wie praktisch, dass gerade Extraetüden anstanden. Also waren nach zwei Kattitüden jetzt auch ein paar der beteiligten Menschen dran. Ich glaube allerdings, jetzt bin ich/sind wir durch.

Die empfohlene Lesereihenfolge:

  1. On the Road again?
  2. Sommerquartier
  3. Die Nachricht

Und dann diese hier. Man möge mir bitte verzeihen, dass ich die Zeit ein bisschen vorgedreht habe. Ich versichere, dass ich den endlich gerade eingetroffenen Sommer (oder so) noch lääääääääääääääängst nicht überhabe.


 

Anfang September.

»Hallo? Jemand zu Hause?«

Er sah von seinem Buch auf. »Schau mal, Leo, wir bekommen Besuch«, sagte er, als er sie erkannte, aber den Kater interessierte das nicht. »Kommen Sie rein«, bat er, »trinken Sie einen Kaffee mit mir?«

Sie nickte. »Gern.« Sie trat in die Schrebergartenbaracke und sah sich neugierig um. Ganz offensichtlich wohnte hier jemand, der organisiert war und Erfahrung damit hatte, mit wenig auszukommen. Sie sah dem alten Mann zu, wie er mit geschmeidigen Bewegungen den Kaffee zubereitete.

»Musterung beendet?«, erkundigte er sich, und sie lächelte ihn an. »Gut sehen Sie übrigens aus. Ich vermute, Sie hatten einen schönen Sommer? Was macht der Zwerg?«

»Sein Vater passt auf ihn auf«, berichtete sie stolz. Zweifel über ihr Glück schwangen in ihrer Stimme mit.

»Klingt nach einer Geschichte«, befand er und reichte ihr einen Becher. »Milch? Zucker?«

»Schwarz, danke.« Sie überlegte. »Ich habe zwar immer Kinder gewollt«, begann sie, »aber eigentlich nur in einer festen Beziehung, und so weit waren wir noch lange nicht. Wenn aber der Typ abtaucht und sich nicht mehr meldet, und man plötzlich feststellt, dass man schwanger ist, ungewollt, dann fragt man sich schon, wieso ausgerechnet einem selbst so was widerfährt.«

Sie pustete gedankenversunken auf ihren dampfenden Kaffee.

»Um es kurz zu machen: Er ist wiederaufgetaucht und hat sich erklärt, und wir sind zusammengezogen. Er lebt in einem alternativen Wohnprojekt am Stadtrand, da gibt es die Möglichkeit, dass ich mit dem Kind auch einziehe.«

»Mutig. Glückwunsch!«

»Ja, toll, nicht? Einziger Haken: Leo kann nicht mit. Sebastian mag keine Katzen.«

»Tja, danke fürs rechtzeitige Bescheidgeben. Wir hängen inzwischen ziemlich aneinander.«

Leo sprang prompt auf seinen Schoß und ignorierte seine ehemalige Dosenöffnerin komplett. Er kraulte ihn am Ohr.
Sie sah ein bisschen traurig drein.

»Darf ich fragen, wo Sie wohnen?«

»In den Plattenbauten. Sechster Stock. Geht schlimmer, aber kein Ort für einen Freigänger.«

»Was ich eigentlich sagen wollte: Ich suche einen Nachmieter.«

Sein Blick streifte ihr Gesicht. »Trinken Sie, sonst wird er lau«, fing er an und verstummte. »Wissen Sie«, meinte er schließlich, »ich bin irgendwann aus diesem Hamsterrad, diesem Korsett der ordentlichen Leute rausgeflogen. Ich bin ein bisschen wild. Sie haben es gesehen und es sich bestimmt gedacht: Ich besitze nicht viel. Dass mich jemand nimmt, wo ich nur vom Minimum lebe, ist unwahrscheinlich.«

»Ich könnte fragen. Ich habe eine kleine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss, nach hinten geht ein Garten raus. Wir sind im Haus fünf Parteien, und die sind alle eher ruhig. Die Hausverwaltung wäre übrigens heilfroh, wenn sie jemanden für den Garten hätten.«

»Hm.«

»Es gab mal die Idee für einen Blühstreifen, aber keiner wollte sich darum kümmern, weil alle noch arbeiten.«

Sie sah seine Augen aufleuchten.

»Wo wäre das überhaupt?«

»Das Viertel neben der Kirche.«

»Lebt der alte Bernd in dem Haus auf der Ecke noch? Wir haben früher miteinander Schach gespielt.«

»Tut er.«

Er lehnte sich in seinem Gartenstuhl zurück und streichelte den im Schlaf schnurrenden Leo. »Okay, fragen Sie. Ich habe immer schon geglaubt, dass rote Kater Glück bringen.«

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2021: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies over Paradise). Die möglichen Wörter lauten: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren. Diesmal habe ich (gern) auf rechtsdrehend verzichtet 😉

 

Die Nachricht | abc.etüden

Er hätte alles erwartet. Alles, aber nicht das. Er zog an seiner Kippe, um seine zitternden Hände zu beschäftigen, starrte noch einmal zum Parkplatz, wohin die blonde Frau verschwunden war, und griff erneut nach seinem Handy.
Es war ein lauer Frühsommerabend, aber er hätte auch im Sturzregen an der Kneipenbaracke lehnen können, aus der die Musik dröhnte, es wäre ihm nicht aufgefallen. Seine Welt war kurzfristig auf das Display geschrumpft, auf dem das Foto eines blauäugigen Babys zu sehen war.

Dein Sohn, Sebastian. Er heißt Jan. Melde dich, wenn du reden willst. Julia.

»Alter, was ist los?«

Das war Niklas, sein bester Freund. Wortlos hielt er ihm das Handy entgegen.

»Nicht dein Ernst.« Stocken. Schweigen. »Julia? Diese hübsche Blonde, mit der du so vor einem Jahr kurz was laufen hattest?«

Er nickte.

»Erzähl.«

»Ich weiß doch auch nichts. Ich war mit den anderen hinten, weil wir was dampfen wollten, als sie reinkam. Also bin ich hin und hab sie gefragt, ob sie mit mir was trinken würde, um bei der Gelegenheit zu erklären, warum ich mich bei ihr nicht mehr gemeldet hatte, und ihr von der ganzen Scheiße zu erzählen, die mir da passiert ist, Umzug und alles. Wir waren ja auch immer nur bei mir gewesen, ich weiß nicht mal genau, wo sie wohnt!
Eigentlich hab ich erwartet, dass sie mich voll fertigmachen würde, aber sie hat nur wissen wollen, warum ich sie nicht angerufen hätte. Da hab ich ihr dann noch schnell die Story mit der neuen Nummer gebeichtet und warum ich eine brauchte. Und sie, sie hat mich ganz komisch angelächelt und höflich gefragt, ob sie jetzt vielleicht meine Nummer haben dürfte. Wir haben die Nummern ausgetauscht, sie hat ›Danke‹ gesagt, sich umgedreht und mich stehen lassen. Und plötzlich krieg ich das Foto.«

»Ich mein, sorry, ich will nichts Falsches sagen, aber Vaterschaftstest und so? Nicht, dass du hinterher für irgendwas der Dumme bist.«

»Die ist nicht der Typ zum Rumvögeln, da ist die viel zu gut für. Glaub nicht, dass die schon mit vielen im Bett war.«

»Ach. Und wie man verhütet, dass wusste sie nicht?«

»Sie hat gesagt, dass sie die Pille nimmt«, verteidigte er sich, wohl wissend, dass er auf verlorenem Posten stand. »Lass mich. Ich muss nachdenken.«

»Seh schon, du hattest sie unterdessen nicht vergessen.«

»Hatte ich nicht.«

»Soll ich dir was mitbringen? Ich geb einen aus.«

Er nickte, in Gedanken immer noch ganz woanders. Ihm war leicht schwindlig zumute, als ob seine Welt durch jene Nachricht abrupt stillgestanden hätte und wieder durchgestartet wäre – und ob links- oder rechtsdrehend war ihm dabei ganz egal. Er war Vater!

Niklas kam zurück und balancierte zwei Schwenker mit einer dunklen Flüssigkeit, von denen er ihm einen in die Hand drückte.

»Trink, Alter, auf den Schock«, sagte er. »Da gibt es doch diesen Uralt-Spruch: Wenn einem so viel Gutes widerfährt …« Er prostete ihm zu. »Ist es das?«

»Gut? Weiß nicht.« Er kippte den Weinbrand auf ex und hustete. »Doch«, keuchte er. »Glaub schon.«

 

Extraetüden 22.21 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden (Extraetüden), Woche 22.2021: 5 Begriffe, maximal 500 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies over Paradise). Die möglichen Wörter lauten: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren. Ich habe nur das Korsett nicht untergebracht.

Seit meiner letzten Kattitüde gehen mir die Protagonisten nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich entsprang der Vater des Zwergs, der letzten Endes dafür verantwortlich ist, dass Leo ausgerückt ist, meinem Kopf und wollte erklären, dass er sehr wohl einen Grund hatte, spurlos zu verschwinden, und kein kompletter Vollpfosten ist. Nun ja. Bitte schön.

 

Vom Wandern und der Zeit

Über den Bergen

Über den Bergen, weit zu wandern,
sagen die Leute, wohnt das Glück.
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
kam mit verweinten Augen zurück.
Über den Bergen, weit, weit drüben,
sagen die Leute, wohnt das Glück …

(Carl Hermann Busse, Über den Bergen, aus: Gedichte, 1892, 4. erw. Auflage 1899. Online-Quelle)

Wanderung zur Nacht

Wenn ich in Nächten wandre
Ein Stern wie viele andre,
So folgen meiner Reise
Die goldnen Brüder leise.

Der erste sagts dem zweiten,
Mich zärtlich zu geleiten,
Der zweite sagts den vielen,
Mich strahlend zu umspielen.

So schreit ich im Gewimmel
Der Sterne durch den Himmel.
Ich lächle, leuchte, wandre
Ein Stern wie viele andre.

(Klabund, Wanderung zur Nacht, in: Lesebuch. Vers und Prosa, 1926, Beleg (Titel), Beleg, Online-Quelle)

Sterne wandern durch die Weiten

Sterne wandern durch die Weiten;
ferne Wasser singen sacht.
Möcht mein Herz mir schier entgleiten
in den Silberglanz der Nacht.

Menschenleid und Menschenfehle
sind so fern und erdenweit –
Gib, o Nacht, doch meiner Seele
deiner Reinheit Sternenkleid!

(Rudolf Koch (Wikipedia-Artikel), Sterne wandern durch die Weiten, Online-Quelle, bessere Quelle dringend gesucht!)

Morgen- und Abendopfer

Ein Tag, der sagt dem andern,
Mein Leben sei ein Wandern,
Zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
Mein Herz an dich gewöhne,
Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, Morgen- und Abendopfer (9. und letzte Strophe), Kirchenmusiker, aus: Geistliches Blumengärtlein, 1729, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut in und durch die neue Woche, und möge sie für uns alle sonnig und heiter sein … 😉