Vom Schenken

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.

(Joachim Ringelnatz, Quelle)

 

vogel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

Und weil ich am Wochenende auch noch Adventsmusik live hatte und auch von daher in ein bisschen weich gespülter Stimmung bin, ein neu entdecktes Highlight:

Schwesterhochfünf: Maria durch ein Dornwald ging

 

 

 

 

 

 

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Mit 66 Jahren …

Wer oft hier liest, der weiß, wie selten ich irgendwas reblogge. Und eigene Sachen eigentlich nie.
Bis jetzt.
Aus Gründen, wegen heute und so.

Alles Liebe zum Geburtstag, mein Lieber, du fehlst mir immer noch wie blöde, so oft, so unmittelbar, und ja, doch, anders als noch letztes Jahr. Ich weiß, du wärest erstaunt darüber, glaub mir, ich bin es auch, ich hab es weder gewollt noch damit gerechnet. Du auch nicht, ja, klar. Trotzdem.
Ach, Mensch, warum nur.

 

***

Adventszeit. Die Unruhe hatte sie nachmittags aus dem Haus getrieben. „Kommst du mit, Weihnachtsbäume zählen?“, hatte sie früher ins Telefon gerufen. Das Auto hatte wie von selbst die vertraute Route eingeschlagen. Es war schon dämmerig, und rechts und links blinkten immer wieder Nikoläuse und Rentiere an den Straßen. Und bunt beleuchtete Tannenbäume. Schön war das.
Wie so oft entspannte sie sich beim Autofahren. Schön und schrecklich und kitschig und doch auch ein bisschen feierlich. Sie spähte aufmerksam in eine Seitenstraße. Hatte dort hinten nicht immer dieses riesige Monster von einem Santa hervorgelugt, kletterte der dieses Jahr auch wieder die Hausfassade hoch? Ja, tat er. Vergnügt bog sie ab und passierte ihn kopfschüttelnd. Vielleicht hätte sie doch die Kamera mitnehmen sollen.

Der, mit dem sie am liebsten unterwegs gewesen wäre, war nicht mehr dabei. Ein Teil ihrer Freundschaft hatte daraus bestanden, dass sie miteinander im Auto durch die Stadt gekutscht waren, sie, die gern fuhr und ihre Stadt so liebte, er, der es genoss, etwas zu sehen, ohne sich großartig bewegen zu müssen und immer für eine dumme Idee zu haben gewesen war. An Gesprächsstoff hatte es ihnen nie gefehlt, auch wenn sie durchaus nicht immer einer Meinung gewesen waren. Rauchen durfte nur er in ihrem Auto, seine schmalen filterlosen Selbstgedrehten, er war sich der Ehre bewusst. Und wenn die kleine Karre noch eine Kaffeebar beherbergt hätte, wäre alles perfekt gewesen.

„Ach verdammt, warum bist du nicht hier“, sagte sie laut und erschrak über ihre eigene Stimme. Sie unterhielt sich in Gedanken öfter mit ihm, erzählte ihm, was los war, fragte ihn hin und wieder, was er davon hielt und versuchte zu erspüren, was er vielleicht geantwortet hätte. Manchmal hatte sie das Gefühl von Erheiterung, manchmal von interessierter Anteilnahme, meistens war da einfach gar nichts. Aber viel zu oft nagte dann einfach noch das Alleingelassensein an ihr und sie wütete in Gedanken und warf ihm vor, wie es ihm einfallen konnte, einfach so wegzusterben. Viel zu jung und so. Überhaupt, hatten sie nicht miteinander alt werden wollen?

Wie jedes Jahr hielt sie an einer bestimmten Straßenecke und betrachtete die Jugendstilvilla einer Immobilienfirma, die alle 15 Sekunden in einer anderen Farbe angestrahlt wurde. Rot-violett-grün-blau. Künstlerisch ohne Zweifel wertvoll. Sie hatten sich beide gefragt, wie man die Farbwechsel die ganze Nacht aushielt, ohne verrückt zu werden. Rot-violett-grün-blau. Au-gen-ter-ror. Aber vielleicht wurde das Teil ja später am Abend abgeschaltet.
Neben ihr schien der Schatten plötzlich dunkler zu werden. Als sie anfuhr, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht mehr allein war. Sie schüttelte den Kopf. Mach dich nicht verrückt.

Als sie auf ihrer Lieblingsstraße entlang der Elbe dahinrollte, riskierte sie erneut einen Blick auf die Beifahrerseite. Hm. Hier waren die Lichterketten der Weihnachtsdekorationen deutlich dezenter und seltener, die Gegend war erheblich teurer. Dafür waren die Ausblicke auf und über das Wasser Richtung Hafen bei jeder Tages- und Nachtzeit unbezahlbar schön. Sie stoppte in einer Parkbucht und blickte auf die schimmernden Lichter des Hafens, die niemals schliefen. Hier hatten sie öfter gestanden, gegessen, gelacht, diskutiert, meist tagsüber, wenn der Imbiss am anderen Ende aufhatte.

„Na?“ dachte sie. „Schön, dass du vorbeischaust. Wie geht es dir so?“
Ein Schwall von Liebe und Wärme traf sie völlig unvorbereitet. Für einen Moment meinte sie, seinen charakteristischen Geruch zu riechen. Eine Welle von Sehnsucht schwappte hoch und trieb ihr sofort die Tränen in die Augen. „Hab ich alles nicht so gewollt“, brummelte es in ihrem Kopf.
„Weiß ich doch“, schniefte sie und griff nach einem Taschentuch.

Vor ihr knallte es irgendwo. Zischend starteten ein paar Raketen. Über dem Hafen regnete es Licht. Idioten, die waren wirklich früh dran mit dem Feuerwerksgeballer dieses Jahr! Okay, dann war das wohl das Zeichen. Sie schob die trüben Gedanken weg und griff neben sich in die Tasche. Mit sicheren Handgriffen entkorkte sie die mitgebrachte Sektflasche und zog eine Handvoll Wunderkerzen hervor. „Komm mit raus“, bat sie sicherheitshalber.

Draußen hockte sie sich auf die Lehne einer Bank, entzündete nicht ohne Mühe die Wunderkerzen alle auf einmal und bewunderte ihre funkensprühende Faust. Sie nahm einen großen Schluck Sekt, verschluckte sich und trank noch mal. Er hatte keinen Sekt gemocht, aber sie vermutete, dass das jetzt eh egal war. Dann hob sie die Flasche, goss einen kräftigen Schluck auf den Boden, drehte sich in alle Himmelsrichtungen und prostete ihm zu.
„Happy birthday, Alter. Nur Gutes dir. Wo immer du auch bist.“

***

 

Dieser mein Text erschien am 10. Dezember letzten Jahres für und bei die/der überaus wertgeschätzte/n Frau Graugans im Rahmen ihres Projektes „Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.“. Beim Wiederlesen habe ich gemerkt, dass er immer noch verdammt gut passt und dass ich ihn sehr mag. Und vielleicht kennt ihn der eine oder die andere ja noch nicht. Und nein, Udo Jürgens ist gewiss keine Option, musikalisch gesehen. Mit 66 Jahren … tja. Verdammt.

Dieses Jahr hab ich die Runde durch die Stadt noch nicht gemacht.

Update: Ich glaube, ich muss aber noch was richtigstellen. Bei einigen scheint mein Text den Eindruck erweckt zu haben, wir wären noch ein Paar gewesen, er und ich, als er starb. Dem war schon viele Jahre nicht mehr so, unsere Beziehung war einer tiefen, starken Freundschaft (mit Höhen und Tiefen) gewichen, die – selbstverständlich – auch andere Partner zuließ. Er war zum Zeitpunkt seines Todes nicht alleine, und daher gebührt es mir einfach nicht, dass der Anschein entsteht, ICH sei zu jenem Zeitpunkt die Frau an seiner Seite gewesen. Seine Partnerin ist Social-Media-abstinent, liest, soweit ich weiß, auch meinen Blog nicht, hat ihre eigene Verbindung zu ihm und ihre eigene Art zu trauern, so wie ich meine habe. Das ist alles okay und gut so, aber, wie gesagt, die Federn der „Partnerin“ gebühren mir nicht (mehr).

 

wunderkerzen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Strandgut – Neuerscheinung

Wer noch Weihnachtsgeschenke sucht (vielleicht ja auch für sich), dem sei dieses Büchlein meiner wertgeschätzten Blog-Freundin Anna-Lena ans Herz gelegt. Sie hat mir verraten, dass auch Etüden drin wären …
Schaut doch mal rein!

Mein Lesestübchen

Über dieses Buch

„Strandgut“ ist eine Sammlung von kleinen Geschichten und Gedichten.

Tagtäglich treffen wir auf Begebenheiten, Begegnungen oder bekommen Eindrücke, die haften bleiben, uns beschäftigen und uns gar nicht mehr loslassen wollen.

Manchmal verfestigen sie sich zu einem Bild im Sinne einer konkreten Vorstellung oder entwickeln sich von ganz alleine weiter, werden zu Gedanken, die sich formieren und oftmals entstehen daraus kurze oder längere Texte. So ist auch dieses Buch entstanden, mit der Absicht, der Leserin und dem Leser ein geistiges Luftholen vom Alltag zu ermöglichen.

Gaby Bessen
Paperback
136 Seiten
ISBN-13: 978-3-7460-1681-8
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 09.11.2017
9,90 €

Bestellungen sind direkt über den Verlag möglich oder auch bei mir, gern mit Widmung.

Als  e-book ist es nun auch erhältlich.

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Der Anfall | Adventsetüden

Sie starrte über den Adventskranz hinweg aus dem Fenster in die Finsternis und sah rein gar nichts. Die Erinnerungen überschwemmten sie wie eine Welle und rissen sie mit, sie sah ihn, hörte ihn, roch ihn, fühlte ihn; die Erinnerungen spülten ihr das Herz in den Verstand und ließen die Sehnsucht aus ihren Augen perlen.

Wo bist du, geht es dir gut? Denkst du noch an mich? Es war doch so schön. Warum konnte es nicht gut gehen mit uns, wir waren doch wie füreinander gemacht.

Im Radio dudelte inzwischen „Do they know it’s Christmas“. Ihr war das gerade völlig egal, sie hockte mit hochgezogenen Knien auf ihrer Couch, schniefte und fror innerlich, müde von dem Herunterschlucken der Tränen. Da halfen weder Kuschelsocken noch Hochprozentiges, sie musste irgendwo Rückgrat auftreiben, um aufrecht durch die Nacht zu kommen. Das Fest der Liebe, ha, toller Witz.

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die Adventsetüden, Woche 49 + 50 + 51.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen dieses Mal aus der Adventsetüden-Wörterliste und lauten: Adventskranz, Finsternis, Kuschelsocken.

 

Happy Unabhängigkeit, Finnland!

Heute hat Finnland Nationalfeiertag, und zwar feiert man (jedes Jahr zu Nikolaus, richtig) die Unabhängigkeit von Russland. Im Zuge der Oktoberrevolution, auch richtig, da war doch was. Dieses Jahr jährt sie sich zum 100. Mal.

Nun ist mein Bezug zu Skandinavien eher dürftig (Skandinavien ist hier oben so was, was für die Süddeutschen Österreich und die Schweiz sind: Länder, wohin man als Kind in Urlaub fährt etc.), aber seit mich vor ein paar Jahren (Achtung, Outing!) mal „The Voice of Germany“ erwischt hat, bin ich Fan von TVOG-Coach Samu Haber und damit von Sunrise Avenue.

Ob ihr also nun das Weihnachtsmanndorf am Polarkreis in Rovaniemi in Lappland vorzieht, wie ich Fans von Sunrise Avenue seid oder generell schräges Finnisches mögt (Tango, Filme, Hardrock/Metal …): Hier kommt als Lied für den Tag das neueste Teil von Sunrise Avenue, „I Help You Hate Me“ (Link zum Songtext).

Have fun – und schönen Nikolaus euch allen!  😀

 

 

Zum Winter

Gestern hats geschneiet

Gestern hats geschneiet,
Heute hats geregnet;
Oder hats geregnet
Gestern, heut geschneiet?

Gestern hats geschneiet
Nachts, und Tags geregnet;
Heute hats geregnet
Nachts, und Tags geschneiet.

Wird es morgen schneien,
Oder wird es regnen?
Oder wird es regnen
Morgen auch und schneien?

Wird es morgen schneien
Nachts, und Tages regnen?
Oder wird es regnen
Nachts und Tages schneien?

Ob es regnend schneie,
Oder schneiend regne;
Dass es Gott gesegne,
Und es uns gedeihe!

(Friedrich Rückert, Gestern hats geschneiet, aus: Friedrich Rückerts Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Schweinfurter Edition. Liedertagebuch, Bd.1, 1846-1847.  S. 140 f.)

 

Winterschlaf

Indem man sich nunmehr zum Winter wendet,
Hat es der Dichter schwer,
Der Sommer ist geendet,
Und eine Blume wächst nicht mehr.

Was soll man da besingen?
Die meisten Requisiten sind vereist.
Man muß schon in die eigene Seele dringen
– Jedoch, da haperts meist.

Man sitzt besorgt auf seinen Hintern,
Man sinnt und sitzt sich seine Hose durch,
– Da hilft das eben nichts, da muß man eben überwintern
Wie Frosch und Lurch.

(Klabund (Albert Henschke), aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, S. 25, Quelle)

 

boote im winter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 49 + 50 + 51.17 | Adventsetüden

Die Vorweihnachtszeit, liebe Etüdenfans, -leser/innen und -schreiber-innen, hat ja so ihre Tücken. Während sie für viele die ultimative Kuscheligkeit und den Höhepunkt des Jahres bedeutet, brechen andere unter den auferlegten Pflichten (selbst und fremd) beinahe oder auch tatsächlich zusammen, bis sie dann drei Tage vor Weihnachten endgültig feststellen, dass sie ja noch den Haushalt wuppen, einen Großeinkauf starten und „für alle“ Geschenke kaufen müssen. Und dann gibt es die, die Vorweihnachtszeit nur mit emotional angezogener Handbremse überstehen, weil sie sonst ausrasten oder ins Bodenlose fallen würden (was manchmal ziemlich das Gleiche ist), warum auch immer … Und ja, diese Ligen mischen sich!

Lange Rede, kurzer Sinn: Viele Blogger haben in der Vorweihnachtszeit aus guten Gründen echt wenig Zeit. Daher gibt es die Sonderedition Adventsetüden für die Textwochen 49/50/51.2017.
Die Grundregel bleibt: 3 Wörter, maximal 10 Sätze.
Neu ist: Ihr sucht euch die 3 Wörter aus der nachfolgenden Liste (24 Wörter) selbst aus.

Das Thema der Adventsetüden, und das ist mir wichtig zu betonen, ist völlig frei. Wenn eure Etüde eine Love- oder Mordsstory im Schnee in den Bergen ist, dann ist das eben so, solange 3 Wörter von der Liste darin vorkommen. Wenn eure Etüde im Hochsommer unter Palmen Tango tanzt, dann ist das eben so, solange 3 Wörter von der Liste darin vorkommen. Wenn eure Etüde kitschigstes Adventsfeeling mit Eierpunsch, Liebe und Zuckerguss hypt, dann ist das eben so, solange 3 Wörter von der Liste darin vorkommen. Wenn eure Etüde sich in Abgründe schwärzester Verzweiflung stürzt und Monster beschwört, dann ist das eben so, solange … ihr wisst schon.
Eins nur ist nicht egal: Ich will die ALLE hier versammeln, denn das Leben ist so.

 

Adventskranz, Angst, Backblech, Blues, Christstollen, Dominosteine, Einsamkeit, Feuerzangenbowle, Finsternis, Frostbeule, Geschenklotterie, Glühwein, Hoffnung, Kater, Kerzenschein, Kuschelsocken, Lichterketten, Schnee, Spendenaufruf, Stern, Stress, Weihnachtsmarkt, Zauber, Zuckerorgie

 

Am 24.12. erscheint die nächste Schreibeinladung zu den Weihnachts-/Neujahrsetüden. Der Wörterspendenaufruf erfolgt rechtzeitig vorher. Der reguläre Etüdenbetrieb startet wieder im neuen Jahr am 7.1.2018.

Ihr wisst, dass es gilt, 3 Wörter in maximal! 10! Sätzen unterzubringen und dass die Textform dabei aber völlig wurscht ist. Euren Beitrag verlinkt ihr dann bitte hierhin und/oder (am besten „und“) postet den Link unten in einen Kommentar (oder gleich die ganze Etüde, wenn ihr keinen Blog habt oder es bei euch nicht passt), damit eure Etüde auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gefunden werden kann.

Immer noch entspringen die Illustrationen dem kreativen Hirn des wertgeschätzten Herrn lz., dem Etüdenerfinder, der nach wie vor mit seiner Artpage unter ludwigzeidler.de zu finden ist. Danke, Ludwig!

Wer seine Wörter sucht: Ich habe mich schweren Herzens dafür entschieden, alle Adjektive und alle Verben nicht zu berücksichtigen. Daher denkt euch eure Welten bitte selbst eisig, kitschig, wohlig, gefühlsduselig oder zinnoberrot, und auch ob sie abbrennen, umkippen, klimpern, flackern, musizieren, verzweifeln oder rutschen (und noch vieles mehr) bleibt eurer Phantasie überlassen. Ich freue mich auf eure/unsere Adventsetüden, in welcher Form auch immer!

 

2017 advent 1 lz | 365tageasatzaday

 

2017 advent 2 lz | 365tageasatzaday

 

Ist das die Welt, die wir erschaffen haben?

Am 1. Dezember ist Welt-AIDS-Tag. Viele, auch ich, nehmen diesen Tag meist fast nur die Berichterstattung in den Medien wahr, oder dadurch, dass an diesem Tag auf den Straßen Teddybären mit AIDS-Schleife gegen Spende abgegeben werden. Laut offizieller Zahlen haben wir in Deutschland 88.400 Menschen mit HIV, gemessen an einer Zahl von 36,7 Millionen HIV-Infizierter bedeutet das, dass das Problem eher nicht hierzulande tobt. So wird es meist auch behandelt.

Aber immer noch leben Menschen mit HIV unter uns, die deswegen ausgegrenzt und diskriminiert werden, obwohl es Medikamente gibt, obwohl die Übertragungswege bekannt sind, obwohl das Risiko, sich zu infizieren, sehr überschaubar ist – sofern man sich informiert und sich daran hält. Immer noch werden aber nicht nur HIV-Positive diskriminiert, sondern auch deren Unterstützer – und als „Unterstützer“ kann ganz schnell jede/r angesehen werden, der sich einfach normal und mitmenschlich verhält und nicht in Hysterie und/oder Panikmache verfällt. (Aber Hirn einschalten war ja noch nie populär, die meisten laufen auf Emotionen, das ist einfacher.) Darauf sollte in diesem unserem Land auch aufmerksam gemacht werden, einer von vielen Punkten auf einer unrühmlichen Agenda, ich weiß, aber kein unwichtiger.

Hier gibt es Einstiegsinfos zum Thema: Welt-AIDS-Tag.

Die wertgeschätzte Frau dergl postet heute auf ihren Blogs, den Tintenklecksen und den Fädenrissen (letztere stehen auf privat, wundert euch nicht; dergl, ich nehme die Links raus, wenn du sie nicht willst), heute ein paar Geschichten dazu, und sie hatte dazu aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Nun, das mit dem Schreiben habe ich nicht geschafft, aber ich dachte, ich kann einen Soundtrack für den heutigen Tag liefern.

Queen: Is this the World we created? („The Works“, 1984, Songtext (Original), mehr Infos)
Falls ich es versäumt haben sollte zu erwähnen, Queen war meine erste musikalische Liebe, und ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, Freddie war der erste „öffentliche“ Mann, von dem ich erfuhr, dass er schwul ist …

 

 

 

Schau dir einfach mal all die hungrigen Mäuler an die wir stopfen müssen.
Wirf einen Blick auf all das Leiden das wir schaffen.
So viele einsame Gesichter sind überall verstreut
auf der Suche nach dem, was sie brauchen.

Ist das die Welt, die wir erschaffen haben?
Wozu haben wir das getan?
Ist das die Welt in die wir eingedrungen sind, entgegen dem Gesetz?
Also sieht es am Ende so aus, dass es dies hier ist, wofür wir heute alle leben:
Die Welt die wir erschaffen haben.

Du weißt, dass jeden Tag ein hilfloses Kind geboren wird,
das liebevolle Pflege in einem glücklichem Zuhause braucht.
Irgendwo sitzt ein reicher Mann auf seinem Thron
und lässt sein Leben achtlos an sich vorbeiziehen.

Ist das die Welt die wir erschaffen haben?
Wir haben sie allein gemacht.
Ist das die Welt, die wir zugrunde gerichtet haben, bis auf die Knochen?
Wenn es einen Gott im Himmel gibt, der herunterschaut,
was muss er über das denken, was wir der Welt angetan haben,
die Er erschaffen hat?

(Übersetzung von mir)

 

Kriegsgewinnler | abc.etüden

Die wochenlangen Baggerarbeiten am Flussbett – Vorbereitungen für den Brückenausbau – waren für die kleine Anliegergemeinde schon mit viel Lärm und Schmutz verbunden gewesen. Als man jedoch die Leiche verdreht hängend in der Baggerschaufel entdeckte, kamen sie abrupt zum Stillstand. Dass der Tote als bekannter Politiker identifiziert wurde, der in den letzten Tagen als Held der Nation gefeiert worden war, weil er unerwartet in einer viel beachteten Umweltfrage (aus Gewissensgründen, wie breit gestreut wurde) im Europaparlament mit Nein gestimmt hatte, brachte das Dorf endgültig in alle Schlagzeilen. Die Wahrscheinlichkeit eines nicht-natürlichen Todes erhöhte sich mit jeder Spekulation darüber, wem er auf die Füße getreten war – und warum.

Der Einzige, der sich auf die langwierigen Untersuchungen geradezu freute, war der Inhaber der Bäckerei im Ort. Ob Kripo, Medien oder Bauarbeiter, für ihn waren sie alle gleich: Zahlende Kunden, die rund um die Uhr Kaffee und seine frischen, belegten Brötchen wollten. Er ging davon aus, dass jemand dem Toten Betonschuhe verpasst hatte, weil dieser nicht gespurt hatte, und er nahm nicht an, dass das jemals ans Licht der Öffentlichkeit gelangen würde. Sollten sie sich alle doch ein Ergebnis nach Wunsch zusammenklöppeln, es kümmerte ihn nicht, Hauptsache, sein Laden lief.
Ob das Ferienhaus des Politikers am Ortsrand wohl demnächst zum Verkauf stehen würde? Er musste mal mit seiner Bank sprechen, nur für alle Fälle.

 

2017_48.17_eins_lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 48.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Frau Myriade (laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com) und lauten: Flussbett, langwierig, klöppeln.

Ich kenne „klöppeln“ tatsächlich am ehesten in der oben genutzten Bedeutung von „sich etwas zurechtmachen/-schieben“, und ja, ich HABE mich geärgert …

 

Spätherbst

 

XLII.

Verdroß’nen Sinn im kalten Herzen hegend,
Reis’ ich verdrießlich durch die kalte Welt,
Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält
Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.

Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
Das rothe Laub, das von den Bäumen fällt,
Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
Nun kommt das Schlimmste noch, es regen’t.

(Heinrich Heine, XLII., aus: Neue Gedichte, 1844, Quelle)

 

Vor dem Winter

Kein Himmel in der Frühe,
nach halben Schritten wird es still,
und wie das Blatt vom Baume fiel,
verzuckt ein Lichtlein ohne Will,
grämt sich und hat nicht Mühe.

Es will der Tag nicht raten.
Als löste sich von unserm Mund
das Blatt, so sind die Worte wund.
Im Nebel rinnen Stund um Stund,
verrinnen unsre Taten.

Allein in letzter Höhe
steht noch ein Blatt und zittert bald
und wird im Sterben voll Gestalt;
ein Wind als wie ein Messer kalt
nimmt auch das letzte Blatt.

(Konrad Weiß (1880–1940), Vor dem Winter, aus: Der ewige Brunnen, München: Beck 1979, S. 316)

 

Herbststurm | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!