Vom Licht in der Nacht

Leise Lieder

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

(Christian Morgenstern, Leise Lieder, aus: Ich und die Welt, 1898/1911, Online-Quelle)

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch / Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Online-Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum (unbedingt empfehlenswert))

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer wünsche ich euch eine gute neue Woche, dass ihr auf euch und eure Liebsten achten könnt und heil an Körper, Geist und Seele bleibt.

 

Schwestern | abc.etüden

Ich wollte mich bei dir bedanken. Ohne dich würde ich bestimmt noch Tiere essen, weißt du das?

Du verarschst mich, ja?

Erinnerst du dich denn nicht mehr daran, was du mir erzählt hast, als wir Kinder waren?

Was denn?

Du warst mein großes Vorbild! Aber für dich war ich ja nur die doofe kleine Schwester, die dir immer alles geglaubt hat.

Willst du nun darüber sprechen oder nicht?

Unverdrossen bist du über Wochen darauf rumgeritten, wie eklig das wäre. Und wieso ich das so toll finden könnte, immerhin würden echte Tiere dafür sterben. Die würden totgeschlagen, getrocknet, gemahlen und kämen da rein. Und dass der Waldmeistergeschmack nur zur Tarnung wäre, das wüssten alle.

Hör mal, ich weiß echt nicht, was du meinst!

Ich seh dich noch mit den Augen rollen, wenn Mama die Tüte aufgerissen hat, und so tun, als würde dir schlecht! Irgendwann bin ich rausgerannt, wenn ich sie nur damit knistern gehört habe.

Du meinst das ernst, oder?

Total ernst.

Waldmeister? Warte, du mochtest keinen Waldmeister, als du klein warst, stimmt.

Aber du erinnerst dich nicht mehr, warum? Du warst schon immer großzügig mit der Wahrheit. Bist du heute noch.

Nee. Keine Ahnung. Ist das schlimm? Was war es denn?

Wackelpudding.

Wackelpudding? Echt jetzt? Ich mochte das Glibberzeugs nie!

Es war mein Lieblingsessen, und Mama hat es extra für mich gekocht. Bis du es bemerkt hast.

Ach Quatsch.

Ja, sicher … Heute ist mir der Mechanismus hinter der Lüge natürlich klar.

Lüge? Was habe ich dir denn bloß erzählt?

Wie nennt man denn grünen Wackelpudding noch?

Sag du es mir.

Froschsülze.

FROSCHSÜLZE? Hahaha. Und das hast du wirklich geglaubt?

Lustig, nicht?

Bist du noch sauer auf mich?

Wäre ich eine Hexe, wärst du jetzt ein Frosch.

Haha. Glück gehabt, was?

Tja, schade. Berühmte letzte Worte, Schwesterchen …

 

abc.etüden 2022 03+04 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 03/04.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Tanja mit ihrem Blog Stachelbeermond. Sie lautet: Wackelpudding, unverdrossen, knistern.

Ja, klar, das ist eine Geschichte über das nicht immer einfache Verhältnis von Schwestern und dann auch eine Geschichte über Nahrungsmitteltabus, sprich, was finden wir eklig (und essen es deshalb nicht) und warum. Wikipedia hat dazu einen langen und interessanten Artikel (hier klicken zum Lesen).
Ich persönlich gestehe: Ich würde eigentlich fast alles mal probieren, weil ich neugierig bin. Zu dem, was ich nicht essen möchte, gehören Frösche, also sprich Froschschenkel (weil ich deren Gewinnung barbarisch finde), und Hummer (weil ich die Zubereitung barbarisch finde).

Dass grüner Wackelpudding auch „Froschsülze“ genannt wird, weiß ich dagegen ausschließlich aus der Wikipedia – und fand es schauderhaft inspirierend. 😉

 

Von grauen Tagen

Grauer Himmel trübe Tage …

Grauer Himmel – trübe Tage! –
Keine Lust und keine Plage! –
Weder Sturm noch Sonnenglanz! –
Grauer Stunden dunkler Kranz!

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr’ ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erbeben! –
Wie so öd’ ist sonst das Leben!

(Heinrich Seidel, Grauer Himmel trübe Tage, aus: Blätter im Wind, 1882, Online-Quelle)

Grau

I.

Ist denn mein ganzes Sein verwirrt,
Daß alles ich jetzt anders schau’;
Erscheint mir doch die ganze Welt
Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau.

Ich lebte gern und lachte gern
Wie sonst ein Menschenkind –
Doch alles glotzt so fratzenhaft –
Dies Grau, es macht mich blind.

II.

Ein trüber, grauer Regentag,
Kalt und unheimlich öd;
Der Himmel starrt so grau herein,
Die grauen Menschen so blöd.

Da schnell ein rothes Licht herein –
Den rothen Vorhang herab –
Das lügt dann wieder die Rosen mir
Die ich längst verloren hab’ …

(Ada Christen, Grau, aus: Lieder einer Verlorenen, 1873, 3. Auflage, Online-Quelle)

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich
Über mein inneres Grau.
Das ist kein Scharwenz um ein Liebedich. –
Gnädige Frau, seien Sie gnädige Frau.

Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer,
Und ich kann den Weg nicht mehr finden. –
Was ich erbitte, bemüht Sie nicht mehr
Als wenn Sie ein Sträußchen binden.

Es kann ein Streicheln von euch, ein Hauch
Tausend drohende Klingen verbiegen.

Gnädige Frau,
Euer Himmel ist blau!

Ich friere. Es ist so lange kein Rauch
Aus meinem Schornstein gestiegen.

(Joachim Ringelnatz, Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich, aus: aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ihr ahnt es schon: Kommt gut (und heil) in und durch die neue Woche, sei sie bei euch grau oder nicht!

Gestern (ein ebenfalls sehr grauer Tag) startete der zweite Etüdendurchgang für dieses Jahr. Und was soll ich sagen: Bis abends 22:00 Uhr hatten sich sage und schreibe bereits 19 Etüden angesammelt. Am ERSTEN Tag. Klar, die Wörter sind prima, aber normal ist das nicht. Und jetzt kommt ihr … 😉

 

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.22 | Wortspende von Stachelbeermond

Die ersten zwei Wochen des neuen Jahres sind überstanden, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, wie geht es euch, fühlt es sich noch neu an, das Jahr? Was machen eure schicken Vorsätze, die neuen Projekte, seid ihr okay? Ich wünsche es euch.

Auch in diesem Jahr kommt vor den neuen Wörtern die Statistik. 34 Blogmenschen haben 58 Etüden eingereicht: Das ist mehr als prima, vor allem, weil sich keine*r zu mehr als 4 Etüden berufen gefühlt hat, auch die Herren haben sich zum Jahresstart vornehm zurückgehalten. Nun denn. 😉 Die erste Liste des Jahres führen Heidi, Gerda und Ulrike mit jeweils 4 Etüden an, gefolgt 3 Leuten mit jeweils 3 Etüden! Vielen herzlichen Dank!

Wir haben zwei Neuzugänge, Steffi von Steflei Fotografie und tedthethief von Orderly Creative Creations, die ich beide hiermit noch mal herzlich im Kreis der Etüdenverrückten begrüße! 😀 Ferner habe ich mich sehr über das Auftauchen von Sonja, dem „anderen Mädchen“ und des Herrn autopict (der eigentlich fotografiert, aber eben auch schreibt) gefreut: Herzlichen Dank, gerne mehr von euch allen und überhaupt!

Also: Wie immer geht mein Dank an euch, die ihr mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert habt! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert/gelikt hat.
Schaut bitte nach: Fehlt irgendwas, habe ich was übersehen, ist ein Link kaputt? Sagt Bescheid, es ist keine böse Absicht, ihr wisst das.

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt – und ich freue mich sehr, dass es teilweise auch wirklich geschieht.

Fertig? Kaffee ☕ und Keks 🍪🍪 parat? Los geht’s!

Barbara von der Kulturbowle in meinen Kommentaren: hier
Anja auf Annuschkas Northern Star: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier und hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier, hier, hier und hier
Steffi auf Steflei Fotografie: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Olpo auf olpo run: hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier, hier, hier und hier
Lene auf HerzPoeten: hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Fraggle auf Modern Wolfare: hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Ulrike auf Blaupause7: hier, hier, hier und hier
autopict auf autopict: hier
Stefan auf Gelassen ausgebremst: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier, hier und hier
Torsten auf Wortman: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Christian auf Wortverdreher: hier und hier
Doro auf DORO|ART: hier
Ellen auf nellindreams: hier und hier
Sonja auf Das andere Mädchen: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
tedthethief auf Orderly Creative Creations: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Donka auf onlybatscanhang: hier

Die Wortspende für die Textwochen 03/04 des Jahres 2022 stammt zum ersten Mal (hurra!) von Tanja mit ihrem Blog Stachelbeermond. Sie lautet:

Wackelpudding
unverdrossen
knistern.

 

Ich bin soooo gespannt! 🤩

Zum zweiten Mal in diesem Jahr möchte ich euch den öden, blöden Etüden-Disclaimer ans Herz legen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright und dürfen für die Etüden verwendet werden. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 6. Februar 2022, aber zuvor schiebe ich bzw. der Kalender ab dem 30. Januar eine Runde Extraetüden ein. Alles Weitere dann!
Euch weiterhin ein gutes Wochenende und Freude am Schreiben!

 

abc.etüden 2022 03+04 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2022 03+04 | 365tageasatzaday

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Die Seele auslüften | abc.etüden

Heute Nachmittag trieb mich meine innere Stimme raus. Sie liegt mir schon länger nachdrücklich im Blut. Es sei gerade noch okay, ein paar Wochen lang keine Lust zu haben, vor die Tür zu gehen, ich hatte genügend gute Gründe, räumt sie ein, aber allmählich schlüge der Zeiger meiner Bewegungsverweigerung in Richtung »unverzeihlich« aus, mahnt sie. Nicht dass nicht sowieso jede*r Gassigeher*in, der*die seinen Job ernst nimmt, mehr läuft als ich, aber das nur nebenbei.

Ich landete also an der Elbe zum Deichtreten, wie immer, wenn ich nicht weiß, wohin, und geriet in eine ganz einzigartige Stimmung. Es war ziemlich genau zur Nachmittagshochwasserzeit, die Elbtaschen waren mit Enten und Gänsen übersät, einzelne Frachtschiffe kamen vom Zollenspieker hoch, Angler säumten das Elbufer, wenige Paare mit Kind und/oder Hund waren unterwegs. Und über allem lag eine große, entspannte Ruhe. Den Vormittag war es noch nebelverhangen gewesen, aber nun wölbte sich der Himmel in festlichst-grauer Wolkenwattekissenmanier, und an den Rändern, dort, wo die Kissen nicht so fest zu einer grauen Decke zusammengenäht waren, blitzten blaue Himmelsstückchen durch. Norddeutscher Irgendwie-auch-Winter in Flussgrau.

»Noch nicht zurück«, quengelte meine innere Stimme, als ich eingedenk des nahenden Sonnenuntergangs auf die Uhr sah, »es ist so schööööööön!« Und das war es: windstill, nicht kalt, die Elbe plätscherte sacht und selbst die Hunde schwiegen. Irgendwann stand ich auf dem Deich und überblickte die Elbe – buntatmen mit den Winden in der großen Luft* – und fühlte mich ganz bemerkenswert mit mir im Reinen und sehr zufrieden. Definiere »Hoffnungsschimmer«: so.
Über mir riefen Zugvögel, ich riss mein Handy über den Kopf und knipste in Richtung des Geräuschs. »Das war jetzt bestimmt ein sentimentaler Anfall?«, erkundigte sich die innere Stimme, und ich atmete tief durch. »Halt die Klappe«, antwortete ich ihr, »es wird dunkel, jetzt geht es heim, ich brauche dringend einen Kaffee.«

 

abc.etüden 2022 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lautet: Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen.

* Zitat aus: Else Lasker-Schüler, Ein Lied (hier klicken)

Ich darf auch mal spät sein. So! 😉 Etüde und Fotos sind dafür ganz frisch.


Wer sich dort auskennt: Das ist Fliegenberg (jedenfalls in der einen Richtung, die andere ist Richtung Zollenspieker), und man sieht nur deshalb den alten Krabbenkutter nicht, weil er nicht da liegt. Der war letztes Jahr im Winter auch weg, wie ich festgestellt habe, ich bin nicht weit genug gelaufen, um nachsehen zu können, ob er da wieder ist, wo er letzten Winter auch war. Ich wollte bei Dunkelheit am Auto sein; als ich aufschloss, ging gerade die Straßenbeleuchtung an.

Weiß jemand, warum Wanderschuhe quietschen (beide, schon länger)?


Quelle: ichmeinerselbst, Anklicken macht groß und hübscher

 

Einer ist des andern Brücke | Myriades Impulswerkstatt

Als ich am Wochenende über die Montagsgedichte nachdachte, kam mir beim Herumsuchen ein Gedicht unter, das ich eigentlich ganz schnell verwerfen wollte – bis mir auffiel, dass zwei Zeilen davon hervorragend Myriades Händethema aus der aktuellen Impulswerkstatt aufgreifen. Und plötzlich war ich in Bastellaune …

 

Schüler – Myriades Impulswerkstatt 01-22 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich, Anklicken verändert den optischen Eindruck signifikant

 

Einer ist des andern Brücke, einer ist des andern Hand.

Auch wenn ich das Ursprungsgedicht recht finster finde, mag ich die Idee hinter den beiden Zeilen. Das Gedicht hört auf den schönen Namen „Das Lied der Toten“, verfasst von Gustav Schüler (Wikipedia) und veröffentlicht in dem Band „Gottsucher-Lieder“ von 1914.

Es kann hier in voller Länge nachgelesen werden – aber eigentlich kommt es mir nur auf die beiden Zeilen an.

 

Vom Dazwischen

Erinnerung

Und du wartest erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

(Rainer Maria Rilke, Erinnerung, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

(Rainer Maria Rilke, Fortschritt, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Mir ist grad so.

Kommt ihr alle gut in und durch die neue Woche – und bleibt gesund.


Der „Abend“ hat es auch auf die neueste CD des Rilke-Projekts geschafft …

 

Die Essensfrage | abc.etüden

Hör mal, wir müssen wohl wirklich noch etwas besprechen, du und ich. Das kann doch nicht sein, dass ich DAS DA essen soll, was du mir gerade vor die Nase gestellt hast? Ich überlege krampfhaft, wie viele Jahre wir uns jetzt schon kennen und was das bedeutet, dass du so wenig auf meine Bedürfnisse eingehst. Ich habe nun echt keinen komplizierten Geschmack! Ja, ich weiß das zu schätzen, dass du um Abwechslung bemüht bist, durchaus, aber gut gemeint ist eben nicht gut. Gar nicht gut! Du könntest es wirklich besser wissen, ach, was sage ich: Das da ist so nahe dran an unverzeihlich, dass ich gar nicht weiß, wie ich mich wieder beruhigen soll, und du allein bist schuld!
Oder wie deine komische Schwester neulich gesagt hat: Da kannst du dir einen Knopf an die Backe nähen und solange daran drehen, bis du Radio Luxemburg reinbekommst, bevor ich so einen Fraß anrühre! Da hast du noch gelacht, ich verstehe das jetzt gar nicht?
O ja, ich habe die Blicke gesehen, die du mit der Ärztin gewechselt hast, als sie mit uns über mein Gewicht gesprochen hat, plus Stichwort »Alter« und »nierenschonend«. Aber mal im Ernst, das da soll die Alternative sein? Bilde dir bitte nichts darauf ein, dass ich doch ein Häppchen probiert habe, das war nur zur Sicherheit.
Weißt du, was ein Hoffnungsschimmer ist?
Nein, nicht das, was sich auf meinem Teller befindet.
Ich werde dir jetzt mal was verraten. Ich kenne deine Internet-Passwörter!!! Und wie das mit der Onlinebestellung funktioniert, habe ich auch schon raus.
Mein Kumpel Fritz, den du nicht leiden kannst, hat mir neulich eine Maus zugeschoben, als wir nachts unterwegs waren. Falls ich Hunger hätte. Selbst gefangenes Frischfleisch hat der nämlich nicht mehr nötig, der wird gebarft. Voll krass.
Die erste Lieferung kommt übrigens morgen.

 

abc.etüden 2022 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lautet: Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen.

Wer sich jetzt fragt, was um Himmels willen »barfen« ist: Hier spricht eine Katze, ihr habt soeben meine erste Kattitüde des neuen Jahres gelesen. BARF ist eine amerikanische Abkürzung, die deutsche Übersetzung bedeutet: »Biologisches Artgerechtes Rohes Futter«. Barfen ist eigentlich mehr ein Trend bei der Hundefütterung, es ist zudem nicht ganz unumstritten, aber auch Katzen werden zunehmend gebarft. Wer etwas darüber nachlesen will, den verweise ich auf Wikipedia (hier) und den Info-Artikel eines Herstellers (hier).

Nein, mein heißgeliebter Fellträger wird nicht gebarft und würde nie so mit mir sprechen *hüstel* – aber vermutlich kennen alle Dosenöffner diesen Blick, wenn sie ihrem Liebling etwas VÖLLIG UNAKZEPTABLES (wie konnte mensch nur) vorgesetzt haben. Gerade Katzen sind groß darin, sich vorher halb umzubringen und dann einmal über das Futter drüberzuriechen, mensch mit zutiefst enttäuschtem Blick zu mustern, daraufhin beleidigt den Rückzug anzutreten und mit Hungerstreik zu drohen.

Ich habe niemals behauptet, dass Katzen nicht auch hinterlistig sein können. 😉

Meine Passwörter sind übrigens verschlüsselt. 😎😉

 

Karin hat mir gerade dazu ein topaktuelles Foto geschickt. So sieht das nämlich dann aus:

 

Vom Frieden

Der deutsche Friede

Was kostet unser Fried? O, wie viel Zeit und Jahre!
Was kostet unser Fried? O, wie viel graue Haare!
Was kostet unser Fried? O, wie viel Ströme Blut!
Was kostet unser Fried? O, wie viel Tonnen Gut!
Ergetzt er auch dafür und lohnt so viel veröden?
Ja; wem? Frag Echo drumm; wem meint sie wohl? [Echo.] den Schweden.

(Friedrich von Logau, Der deutsche Friede, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend, Desz andren Tausend andres Hundert, 87., entstanden 1650, Online-Quelle, Online-Quelle)

Ich möchte mich laut darüber ärgern, dass ich dieses Gedicht OHNE die beiden letzten Zeilen bei einer eigentlich seriösen Quelle im Netz gefunden habe. Passte wohl den Einreichenden nicht ganz zum gewünschten Tagesbezug, muss ja gar nicht auf die letzten Jahre zutreffen 😦

II.

Verlange nichts von irgendwem,
laß jedermann sein Wesen,
du bist von irgendwelcher Fehm
zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt
allein von deinem Frieden,
und hab dein Sach auf nichts gestellt
und niemanden hienieden.

(Christian Morgenstern, Verlange nichts von irgendwem, aus: Wir fanden einen Pfad, 1914, Online-Quelle)

Es wird citiert hienieden …

Es wird citiert hienieden
Ein Bild zum Ueberdruß:
Von dem Faß der Danaiden
Und dem Stein des Sysiphus.

Schafft endlich Beiden Frieden
Durch freundlichen Beschluß:
Verstopft das Faß der Danaiden
Mit dem Stein des Sysiphus.

(Albert Roderich, 1846–1938, Schriftsteller und Aphoristiker, Es wird citiert hienieden, keine Quelle bekannt, möglicherweise aus den „Fliegenden Blättern“ oder „In Gedanken. Vers-Aphorismen“, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Mein Wunsch an euch hat sich auch im neuen Jahr nicht verändert: Kommt gut (und gesund) und heiter in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Da wären wir also wieder, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, und willkommen im neuen Jahr 2022! Wem ich es bisher noch nicht gewünscht habe: Möge es ein gutes neues Jahr werden, möge es sich uns gewogen zeigen – es gibt genug, was zu tun (und zu lassen) wäre 😉

Wie im letzten Jahr möchte ich mit einem kurzen Fazit zu den Adventüden 2021 beginnen, dazu gehört vor allem die Statistik – jetzt nach dem dritten Mal finde ich sie langsam interessant. Die Top-5-Etüden mit den meisten Aufrufen waren:


11.12. Monster-Weihnachten

02.12. Ein ganz besonderes Lachen

16.12. Stille Nacht

13.12. Ein unerwartetes Treffen im Park

03.12. Die unergründliche Welt der Mathematik


Screenshot Statistik Adventüden2021 | 365tageasatzaday
Quelle: Blogstatistik, 01.01.2022, 10:23 Uhr

Herzlichen Glückwunsch, Myriade, Maren, Kain, Judith und Doro! 😀
Ich freue mich, dass zwei der ernsteren Etüden es fast bis ganz nach vorn geschafft haben. Ich freue mich über die zwei heiteren Etüden, die so weit nach vorn gekommen sind. Ich freue mich über die eine Etüde mit dem magisch-mystischen Einschlag unter den Top 5.

Oh, und ich freue mich, dass Fräulein Honigohr nicht nur die Weihnachtsfeier gut überstanden hat (hier lesen), sondern auch einem lebendigen Schneemann eine neue Heimat beschert hat (hier lesen). 😉

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch auf meinen Senf zu den Adventüden aus den letzten Jahren verweisen (2021, 2020), wo ich mir noch ausführlicher zu diesem und jenem um die Adventüden Gedanken gemacht habe. Ich bin immer noch knochenerweichend müde (neulich las ich in einem Kommentar: „mentales Delirium“, aber echt, so muss sich das anfühlen, das KANN nicht nur das Wetter sein), für mich hätte die Zeit zwischen den Jahren gerne noch eine Woche länger sein dürfen.

Okay, ready? Ready. Wie fast immer zu Anfang einer neuen „Saison“ stammen die Wörter aus der Feder des Etüdenerfinders, der oft genug verblüffende Wörter und irritierende Kombinationen vorschlägt, die erst mal mich zu neuen Illustrationen animieren müssen und euch dann hoffentlich begeistern … Ich habe übrigens noch keine neuen Wortspender gezogen und angeschrieben, das passiert die kommende Woche.

Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2022 stiftete Ludwig Zeidler. Sie lauten:

Hoffnungsschimmer
unverzeihlich
nähen.

 

Zum ersten Mal in diesem neuen Jahr darf ich euch den öden, blöden Etüden-Disclaimer ans Herz legen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright und dürfen für die Etüden verwendet werden. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 16. Januar 2022. Habt weiterhin einen guten Start ins neue Jahr und ergiebige Einfälle!

 

abc.etüden 2022 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2022 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

abc.etüden 2022 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Über Liebe und Natur

 

Die Liebe ist so mächtig, dass sie die ganze Natur mit ihren Botschaften beauftragen kann.

(Victor Hugo, Die Elenden, Bd. II, 1862, Online-Quelle)

 

Kalender 2022 | 365tageasatzaday
Quelle: Ich meiner selbst, wie immer; wer nicht groß klickt, verpasst das Beste! 😉

 

Happy New Year! Wer meinem Blog schon länger folgt, erinnert sich vielleicht an meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018, 2019, 2020, 2021). Jedes Jahr aufs Neue bastele ich aus eigenen Fotos ein Kalenderposter (eigenes Design, eigenes Kalendarium, alles handgeklöppelt), das im neuen Jahr meine und (meistens) eine Tür ausgewählter Mitmenschen verschönert. Dieses Jahr bin ich überrascht, dass zu dem Fähnlein der obligatorischen drei Aufrechten noch vier weitere Begeisterte hinzugekommen sind – und das, obwohl das der gefühlt unbunteste Kalender ist, den ich je hatte. Schön, ich freue mich, ich hoffe, ihr auch!

Sollte ich irgendwem, der*die dies liest, kein gutes neues Jahr 2022 gewünscht haben (was sehr gut sein kann), sei es hiermit nachgeholt und nicht weniger herzlich gemeint, ich hatte in den letzten Tagen nur keine sonderliche Lust, mein Rückzugsmauseloch zu verlassen, es war so gemütlich und unanstrengend zwischen den Jahren.
Ich habe genau das getan, was ich angekündigt hatte, die Flügel hängen gelassen …

(Glaubt mal nicht, dass ich JETZT schon wach wäre …)

Coming up next: Morgen gehen die regulären Etüden wieder los! 😉

 

Von Dunkel und Licht

Ein Licht geht nach dem andern aus

Ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird das Haus.
Ich bin allein beim Lampenschein,
ein Leuchtturmgeist in all der Nacht,
der in dem Schlaf der andern wacht
und Angst hat, auf dem Meer zu sein.

Von fern und nah umflattern blaß
der andern Liebe mich und Haß,
gelockt von meinem späten Licht;
ihr Stöhnen tönt mit Lust und Leid
in meine große Einsamkeit,
ihr Gram weht kühl um mein Gesicht.

Schon liegen sie, wie Tote tun,
als probten sie, im Grab zu ruhn,
und nur ihr Atem flackert sacht.
Ich fürchte dieses Schlafes Bann,
der mich für immer halten kann,
und bleibe wach in all der Nacht.

Für immer schloß vielleicht das Tor,
von dem der Schlüssel sich verlor,
bin ich vom Feind umstellt.
Verfallen ist mein Vaterhaus,
ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird die Welt.

(Max Herrmann-Neisse, Ein Licht geht nach dem andern aus, in: I. Erinnerung und Exil, aus: Letzte Gedichte, 1941, Online-Quelle)

Auf die Reise

Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer,
Wann alle Lichter längst im Schiff erloschen,
Wann auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern,
Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck,
Ein Docht, vor Windesungestüm verwahrt,
Und hält dem Steuermann die Nadel hell,
Die ihm untrüglich seine Richtung weist.
Ja! wenn wir’s hüten, führt durch jedes Dunkel
Ein Licht uns, stille brennend in der Brust.

(Ludwig Uhland, Auf die Reise, aus: Sinngedichte, 1861, Online-Quelle)

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Leuchtfeuer auf Texel)

 

Hab überlegt, ob ich euch zwischen den Jahren Lieblingsgedichte servieren sollte. Aber dann bin ich denen hier begegnet … Kommt gut durch Nacht und Tag und gesund und fröhlich in und durch die neue Woche!