Das Pinguin-Prinzip

Menschen ändern sich nämlich nicht komplett und grundsätzlich. Wenn man als Pinguin geboren wurde, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir in diesem Leben keine Giraffe. (Eckart von Hirschhausen)

Wir müssen uns vermutlich nicht darüber verständigen, dass Hirschhausen ziemlich witzig (und klug) ist bzw. sein kann. Und ich bin unbedingt dabei, wenn er uns, also seine Zuschauer, dazu aufruft, sich nicht nach der fremden Decke zu strecken.

Alles, was von uns gefordert ist, ist, uns zu kennen und zu gucken, ob ich dafür in einer guten Umgebung bin. Und wenn ich Pinguin bin und in der Wüste mich aufhalte, dann liegt es nicht an mir, wenn es nicht flutscht. (E. v. H., 2:20)

 

 

So weit, so gut. Aber jetzt frage ich euch: Muss man, vorausgesetzt, man hat sich selbst und sein Element gefunden, was ich für überhaupt nicht einfach halte – schließlich ist: Erkenne dich selbst! eine der ältesten Forderungen überhaupt, nicht erst in dieser Formulierung, die auch schon alt ist – nicht irgendwann auch wieder raus aus dieser Komfortzone, um sich weiterzuentwickeln?

Oder ist das zu kurz gedacht, weil der Pinguin an sich eh nicht den Drang verspürt, doch in die Wüste zu gehen?
Okay, das gibt es massenweise, Leute, die sich in ihrem Element zur (inneren) Ruhe setzen, das verteidigen (durch Augenschließen) und das alles „Glück“ nennen. Sei ihnen gegönnt.

Aber was ist, wenn der Pinguin doch in die Wüste muss – man kann es sich ja nicht immer aussuchen? Wenn der Pinguin dann versucht, das Kamel zu imitieren, wird er wahrscheinlich daran sterben. (Vermutlich wird der Pinguin sowieso sterben, weil er mit den Temperaturen nicht klarkommt, also gehe ich davon jetzt mal einen Schritt weg.) Wenn der Pinguin sich in der Wüste aufhält, dann wird es erstmal nicht flutschen, wie Hirschhausen ja schon sagt. Wenn der Pinguin aber weiß, dass er ein Pinguin ist und von daher bestimmte Dinge/Umstände braucht, wird er sich darum kümmern, dass er die bekommt, auch wenn andere die vielleicht nicht brauchen.

Dafür wird er dann vielleicht derjenige sein, der entdeckt, dass Sand sich unter gewissen Umständen verhält wie Wellen, dass man auf Sand klasse rutschen kann, wenn man zum Beispiel diesen genialen Pinguin-Körperbau hat und dass Sand so ist wie Wasser, nur eben anders, was weiß denn ich. Soll heißen, der Pinguin macht das fremde Element zu seinem eigenen, indem er nicht vergisst, wer er ist und was er kann. (Soll auch heißen, für jemanden mit einem Hammer ist jedes Problem ein Nagel. Okay, demjenigen sei ein größerer Werkzeugkasten gewünscht.)

Von daher halte ich die Sache mit der Komfortzone, die man verlassen muss, für Motivationstrainer-Gewäsch bzw. für Business-Gerede. Das Leben schmeißt jeden von uns ganz automatisch aus seiner Komfortzone, sei es nun im Job oder privat. Und dann kommt es darauf an, sich zu erinnern: Wer bin ich, was kann ich, wie kann ich die neuen Umstände zu meinen machen, damit ich wieder gut zurechtkomme? Das nennt sich dann „Leben“, und ich finde, das reicht schon völlig.

 

Pinguin im Tierpark Hagenbeck – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Mit freundlicher Erlaubnis des Tierparks Hagenbeck 2014 | Ja, EIN Pinguin. | Klick macht groß!

 

Gebt dem Kind eine Liste!

Ich bekenne, ich kann dem Reiz von Listen/Fragebögen nur schwer widerstehen. Als also Tobi von lesestunden.de zum Beantworten seiner Fragen zum Thema Bücher aufrief und das nicht etwa nur so eine Handvoll Fragen war, sondern gleich fette 30!!!, da konnte ich nicht widerstehen. Auch wenn ich weder ein definierter Buch-, Family-, Mama-, Foto-, Katzen- (na gut, okay, Entschuldigung, Fellträger), Musik- oder Psychokramblogger bin. (Was bin ich eigentlich? Hilfe, ein Identitätsproblem! Aus jedem Dorf ein Hund, äh, eine Katze? So was in der Art wird es wohl sein.)
Auf jeden Fall bin ich ein lesender Mensch, und das seit ca. 4 Jahren nach meiner Geburt, was auch schon ganz schön lange her ist.

Hier sind also die Fragen und meine Antworten. Vielen Dank, Tobi, hat Spaß gemacht.

 

  1. Warum liest du?
    Die Frage hat mich mächtig irritiert. Ich habe überlegt, etwas über leuchtende Kinderaugen und die Welt jenseits des Tellerrandes erfahren zu wollen zu schreiben (was natürlich stimmt), bleibe dann aber einfach bei der Wahrheit: Lesen ist für mich so selbstverständlich wie … Laufen. Ich kann mir nicht vorstellen, es nicht zu tun.
  2.  

  3. Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?
    Prinzipiell alles, was mich interessiert, bei Sachbüchern mache ich noch stärkere Einschränkungen, da ich mich nicht durch Bücher, die ich freiwillig lese, durchquälen möchte. „Klassiker“ sind älter als was, Tobi? (Ja, lese ich vermutlich, momentan aber eher weniger.)
  4.  

  5. Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?
    Nein, das wechselt. Aber ich bin auch ein bekennender Fantasy-Leser, daher muss ich bei Fragen dieser Art immer Tolkien (*klöng*) fallenlassen. Ach, und Patricia McKillip (*klong*), auch aus diesem Genre, die hierzulande gnadenlos unterschätzt wird, sehr poetisch schreibt und definitiv kein Mainstream ist.
  6.  

  7. Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall …?
    Überall, wo absehbar ist, dass ich eine gewisse Zeit rumsitzen/-liegen muss/darf und nichts anderes tun kann/möchte. Daheim, beim Warten irgendwo, im Café, im Auto, auf der Parkbank etc. Im Internet herumgründeln ist dabei eine gewisse Konkurrenz.
  8.  

  9. Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?
    Ich habe für meine Verhältnisse in den letzten Jahren privat eher wenig gelesen, und noch dazu relativ genrebezogen. Ich hänge beruflich (und privat) sehr viel, um nicht zu sagen ständig, vor dem Computer. Das ändert sich gerade, auch durch das Bloggen bzw. das Lesen von Buchblogs, worüber ich sehr froh bin. Von daher habe ich keine Zahlen, was ich an Masse so lese.
    „Längere Lesepausen“ sind Zeiten, in denen ich gar nicht(s) lese? Nein. Wie soll das denn gehen?
  10.  

  11. Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?
    Es kommt bisschen drauf an, was ich lese. Ein Historienschinken oder ein Krimi oder Fantasy (*klöng* (Herr der Ringe!), *klong* weniger) zum Beispiel, da kann ich 80 bis 100 Seiten in der Stunde weglesen. Dann bin ich allerdings auch komplett weg von der Welt; ich mag den Zustand sehr. Bei allem anderen fahre ich die Geschwindigkeit deutlich runter.
    So oder so bin ich aber nicht der Typ, mit dem man diskutieren kann, warum die Dame auf Seite 83 oben nun so tief geseufzt hat und ob das nicht ein Zeichen dafür war, dass … neee, eher nicht. Ich setze auch nicht das Buch nach jedem Kapitel ab und schaue sinnend in mich.😉
    Aber da ich die Bücher, die ich habe, meist öfter als einmal lese, ist es auch schon vorgekommen, dass ich ein Buch ausgelesen habe (schnell) und es zwei Tage später wieder angefangen habe, um es nochmals und langsamer zu lesen. Das spricht allerdings SEHR für das Buch und kommt selten vor.
  12.  

  13. Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?
    Kommt drauf an. Mehr als eins meistens, meist aus verschiedenen Gebieten. Zwei Romane parallel selten.
  14.  

  15. Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?
    Ich bin eine von diesen „form follows function“-Leuten. Soll heißen: Prunkausgaben sind ja nett, aber wozu die Mehrkosten? Wenn ich sie gerechtfertigt finde, liebäugele ich. Gerade bei Fantasy (*klöng*!). Bei Bildbänden zum Beispiel will ich so prunkvoll wie geht. Aber sonst schone ich die Umwelt und meinen Geldbeutel und besitze sehr viele Taschenbücher/Softcover …
  16.  

  17. Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?
    … aber die dann auch in einem möglichst guten Zustand. Ja. So hochwertig wie möglich.
  18.  

  19. Liest du auch E-Books? Wenn ja, wie oft und welche Bücher?
    Selten, da ich viel am Rechner bin, mag ich außerhalb lieber in ein Buch starren als in ein digitales Medium.
  20.  

  21. Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?
    Überwiegend Bibliothek. Ein Hoch auf die meist hervorragend sortierten Hamburger Bücherhallen! Und dann entscheide ich, ob ich das Buch dauerhaft haben will. Wenn ja, gehe ich zu meinem Lieblingsbuchhändler oder zum Buchhändler ums Eck oder bestelle online, gern gebraucht. Oder ich lasse mich von einem Grabbeltisch verführen, Flohmarkt etc. etc.
  22.  

  23. Kaufst du auch gebrauchte Bücher?
    Klar, wenn die Optik stimmt und/oder ich es unbedingt haben will.
  24.  

  25. Wie viel bist du bereit, für ein gutes Buch auszugeben?
    Kommt drauf an, wie dringend ich es haben will. Bildbände haben ihren Preis, Hardcover halte ich oft für zu teuer.
  26.  

  27. Verleihst du Bücher? Wenn ja, an wen, und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
    Nicht alle an jeden und manche gar nicht, aber in meinem Freundeskreis prinzipiell schon. Und wer ein Buch malträtiert, bekommt Mecker und danach keines mehr.
  28.  

  29. Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)
    Nicht sehr viele. Unter 10, würde ich sagen.
  30.  

  31. Wo bei dir zu Hause hast du überall Bücher?
    Überall, wo es nicht feucht ist. Also NICHT im Bad, NICHT in der Küche. (Nicht, dass eine/r jetzt was Falsches denkt.😉 )
  32.  

  33. Wie sortierst du deine Bücher im Regal?
    Nach Themen, und darin alphabetisch nach Autoren, wenn möglich.
  34.  

  35. Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?
    Seiten einknicken und in den Büchern rumschmieren betrachte ich als ein Verbrechen am Buch. Nee, ich lege ein Lesezeichen oder Lesebändchen rein, eine Postkarte, einen Zettel, einen Stift, das Handy … irgendwas.
  36.  

  37. Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?
    Wie es kommt. Am liebsten stoppe ich am Ende eines Kapitels, aber es geht halt nicht immer. Ich schlafe auch mal beim Lesen ein.
  38.  

  39. Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?
    Ich kaufe keine Bücher, um andere zu beeindrucken. Daher muss mir ein Buch, das ich kaufe, „nur“ versprechen, dass es mich faszinieren wird. Da ich durch häufiges Bibliotheksbücherlesen schon vorselektiere, ist das meist der Fall. Wenn ich die Bücher nicht kenne, lese ich an und entscheide dann, im Zweifelsfall dagegen. Wenn die Bücher interessant daherkommen (oder ich Gutes darüber gehört habe) und sie preislich unter meine persönliche Geringfügigkeitsgrenze fallen (ein Milchkaffee in einem Café), dann kaufe ich auch mal unangelesen.  Und natürlich gibt es (wechselnde) Autoren, bei denen ich weiß, da mache ich nichts falsch (*klong*, aber so was von).
  40.  

  41. Wirfst du Bücher in den Müll?
    Nicht, wenn ich es irgendwie vermeiden kann, aber es ist schon vorgekommen. Ich habe immer noch das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen 😉
  42.  

  43. Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?
    Gute Frage! Nicht zu lesen, diese Aussage grenzte für mich früher an üble Nachrede😉, heute bin ich etwas toleranter. Spontan würde ich sagen, meine Freunde lesen alle, manche mehr, manche weniger. Aber wenn ich nachdenke, dann habe ich in meinem Bekanntenkreis wohl tatsächlich auch Leute, die außer dem obligatorischen Dreiklang (Kochbuch, Arztbuch, Bibel (früher)) maximal Fernsehzeitung lesen und ansonsten massig TV und Filme gucken.
  44.  

  45. Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?
    Wenn alles gut geht, eine große, leider sind das nur bedingt auch die, die ich selbst gern lesen würde.
  46.  

  47. Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?
    Wenn für dich „Inhalt“ alles ist, was das Buch umfasst, also Handlung & Personen, Stil & Handwerkliches, dann ja. Hemmungslos. Ja, ich breche auch Bücher ab, bei denen ich feststelle, dass sich der Autor den Lektor/das Korrektorat gespart hat und wo ich ständig über Grammatik- oder Rechtschreibfehler stolpere, was mich höllisch nervt. Solange mich das Buch packt, ist es mir allerdings ziemlich egal, ob ich die Handlung „gut“ und/oder die Personen „nett“ finde, dann bleibe ich dran.
  48.  

  49. Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?
    Ja, wobei ich selbst auch frage, ob jemand was gelesen hat, was weiterempfehlenswert ist.
  50.  

  51. Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z. B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?
    Wenn meine Bücher alle verloren gingen, hätte ich bestimmt andere Probleme, als mir sofort neue zu bestellen. Neee, kann ich nicht sagen.
  52.  

  53. Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?
    Nett, aber nicht Pflicht. Kekse sind da ähnlich gefährlich wie Chips o. ä., Heißgetränke dürfen auch Kaltgetränke sein.
  54.  

  55. Hörst du während des Lesens Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?
    Will ich lesen oder Musik hören? Radio oder Hintergrundmusik ist okay, Lautstärke stört, Fernsehen nervt.
  56.  

  57. Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja, welche und warum?
    Oh ja! Ich habe eigentlich fast nur Bücher, die ich bereit bin, mehrmals zu lesen oder schon mehrmals gelesen habe. Ich glaube nämlich nicht, dass ich „alles“ (d. h. möglichst viel) gelesen haben muss, weil ich sonst ja was verpassen könnte. Eintagsfliegen verlassen mich irgendwann wieder, dafür habe ich zu wenig Stellfläche.
  58.  

  59. Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja, wie?
    Nein! Siehe oben, das finde ich fast so schlimm wie Eselsohren, beziehungsweise, je nach Menge und Art der Markierung (ich sage nur: EDDING!), schlimmer! Ich lege Zettel rein, schreibe ab oder knipse mit dem Handy ab. Ja, auch bei Sachbüchern, da bin ich aber bisschen großzügiger mit mir.

 

Bücherstapel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

 

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In den Frühherbst gesungen

Meistens gibt es einen Text, ein Gedicht, ein Zitat, für das ich ein Bild suche. Ab und an ist es umgekehrt. Ab und an ist zum Beispiel heute.
Ich glaube übrigens nicht, dass das Sentimental-Werden auf ältere Herren beschränkt ist, wie Tucholsky meint, ich glaube, es erwischt die Frauen auch – vielleicht anders, wir ticken ja da oft nicht so ganz gleich. Und ja, ich habe „Johannistrieb“ nachgeschlagen … 😉

 

Im Nolde-Garten – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | Klick macht groß

 

Und dann geht etwas vor.

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

(Aus: Die fünfte Jahreszeit, Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631, Quelle)

 

(Mein herzlicher Dank an Elke auf wegpoesie.)

 

 

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Fanfare for the Common Man

Meine Erfahrung lehrt mich, dass der gemeine Hamburger und der, der es werden will, also der Tourist, wasser- und lichtbegeistert ist. Gern in Kombination. Wo drängeln sich die meisten Leute? Na? Richtig, zum Feuerwerk über den Landungsbrücken oder an der Alster. Reinfallen inklusive. Schön, das Geknalle mag dazu beitragen.

Aber um eine ziemlich geile Kombination aus Wasser und Licht zu genießen, muss mensch gar nicht auf diese Highlights warten. Sofern kalendarisch Sommerhalbjahr und das Wetter einigermaßen ist, reicht es, sich Kind und Kegel zu schnappen, sich eine Decke unter den Arm zu klemmen und sich nach Planten un Blomen an den Parksee zu begeben und den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Und dann beginnen sie. Atemberaubend, umsonst und draußen: die Wasserlichtkonzerte. Seit 1973, was auch schon ganz schön lange ist. Die Musik dagegen wechselt alle zwei Wochen.

Stellt euch Fontänen vor wie in einem Springbrunnen, die abwechselnd bunt angeleuchtet und in der Stärke (= Höhe) reguliert bzw. auch mal gar nicht zugeschaltet werden. Das alles rhythmisch, synchron und live zu Musik vom Band. Ja? Nur dass es nicht 2 oder 3 Düsen sind, auch nicht 10, sondern 99.

An der Wasserlichtorgel, ‚Lichtklavier‘ genannt, „sind 762 Scheinwerfer mit bis zu 500 Watt in Schaltgruppen unterschiedlicher Farbe zusammengefasst. Das Lichtklavier hat allein 95 weiße Tasten. Zwei Pumpen saugen das Wasser aus dem Fontänenbecken an. Durch 99 Wasserdüsen wird das Wasser in virtuosen Formen versprüht. Der Hauptstrahl kann eine Höhe von 36 Metern erreichen.“ (Quelle)

Das Spektakel dauert ca. eine knappe halbe Stunde und beginnt immer mit der „Fanfare for the Common Man“ von Aaron Copland. Nun gibt es heute, 15 Jahre nach 9/11, mehr als genug Gründe, dem „gewöhnlichen Menschen“ eine Fanfare darzubringen. Und obwohl man 9/11-Gerede dieser Tage nicht entkommt, ist es nicht speziell mein Anliegen, daran zu erinnern, das tun andere zu Genüge. Nein, ich war einfach gestern Abend bei wunderbarem Wetter mit meiner Kamera (und ohne Decke zum Draufsitzen, selbst schuld, der Rasen war echt nass) auch wieder mal dort und … bezaubert.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

(Fotografische Anmerkung: Es war dunkel. Also wirklich dunkel, bis auf die Tatsache, dass natürlich rund um den See Laternen stehen. Ich hatte kein Stativ mit und die Kamera auf dem Knie aufgestützt, also habe ich die ISO-Zahl entsprechend hochgedreht und zum Teil die Blende runter. Der Kasten, den man auf einigen Bildern im Vordergrund sieht, ist der Lautsprecher (unbeweglich, scharf), ich habe also nicht gewackelt, sondern die Belichtungszeiten sind für sich schnell bewegendes Wasser einfach zu lang. Sozusagen echte Bewegungsunschärfe. (Wer sich auskennt: Ich war auf der „falschen“ Seite.) Ich habe versucht, zu entrauschen und bisschen zu bearbeiten, aber na ja.)

Hier ist ein Eindruck per Video. Aber nichts schlägt live.

 

 

Man sieht sich!

 

Katastrophenalarm

Zuerst wollte ich die Geschichte „Mein schönstes Ferienerlebnis“ nennen, aber dann dachte ich, bis die Ironie auffällt, haben alle schon weitergeklickt. Hier ist eine 10-Wort-Geschichte nach dem Aufruf von Tausend, weitere Bedingungen: ein Brief, und nicht länger als 1.500 Zeichen, was prinzipiell betrüblich wenig ist. Aber danke für die Idee, ich hatte echt Spaß.

Die vorgegebenen Worte sind: Schnabel, Zikade, Tau, Esel, Sonnenfinsternis, Eyeliner, Fahrradlenker, Mathe, Paul, Umsatz – das alles wie immer in beliebiger Reihenfolge. 1.500 Zeichen ab jetzt:

 

Liebe Hanna,

hier geht der Punk ab, und natürlich bin ich an allem schuld. Hatte ich dir erzählt, dass ich mir, als Mama den Griechenland-Urlaub gecancelt hat, so ein Insekten-Blechtröten-Geräusch als Klingelton runtergeladen habe? Voll geil. Nervt tierisch. Zikaden in Nordfriesland. YES!

Es fing damit an, dass meine Schwester unbedingt auf dem Esel ins Dorf reiten wollte. Sie kann nicht reiten, du weißt aber auch, dass sie immer im Mittelpunkt stehen will. Warum ist auch klar. Ich glaube, der Idiot heißt Paul und wohnt auf dem Campingplatz. Sie sagt, er ist gut in Mathe und kann ihr Nachhilfe geben, aber nicht mal Mama glaubt das. Das Einzige, was seitdem stark gestiegen ist, ist der Umsatz an Eyeliner im Dorfladen.

Da Mama nicht völlig doof ist, sollte ich mit ins Dorf. Ich also auf dem Fahrrad über die Feldwege, Jule auf dem Esel hinterher. Was passiert? Mein auf super-laut gestelltes Handy geht los, der Esel erschrickt, rennt in mich rein und gibt Gas, ich fliege über den Fahrradlenker, Jule vom Esel und auf mich drauf und … Sonnenfinsternis. Ich glaube, ich war echt paar Minuten weg oder so. Jule ist knapp an der Schnabeltasse vorbeigekommen, die ist übel auf die Fresse geknallt, und ich habe einen fett verstauchten Knöchel. Jetzt hängen wir hier in der Ferienwohnung rum und gucken Uralt-Videos, die Mama ausgegraben hat. Schon mal von Pan Tau gehört? Ich sag jetzt nix.
Der Esel hat übrigens allein heimgefunden.
Regnen tut’s auch. Nur noch drei Tage.

Deine Leonie

 

Esel – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Licht, das von Bäumen fällt

Und nicht nur von Bäumen. Wollt ihr mal was (echt völlig total) Zauberhaftes sehen? Nein, nicht Katzen.  ;-)  Licht.

Ich krieg mich gerade vor Begeisterung fast nicht mehr ein. So was hab ich noch nicht gesehen, oder es ist zumindest lange her. Unglaublich.

Der Fotograf heißt Vitor Schietti, er nennt dieses Projekt „Impermanent Sculptures“, und es besteht, schreibt er, aus Langzeitbelichtungen und Feuerwerk und harter Arbeit.

 

(C) Vitor Schietti, schiettifotografia.com/ pic included by link

 

Hier gibt es ein paar Bilder von ihm und ein paar Worte auf Englisch.

Hier gibt es die volle Dröhnung auf seiner Homepage.

 

Na? Ist das toll oder ist das toll?

Gefunden über Tristan Rosenkranz, danke, Tristan!

 

 

Frau Reinlich hat ein Problem

„Sagen Sie, Kindchen, Sie gehen doch sicher einkaufen.“
‚Kindchen‘ bin ich. Wäre ich ein Mann, hieße ich ‚mein Lieber‘. Ich bin manchmal nicht sicher, ob sie meinen Namen nicht weiß, oder ob das schon das Alter ist. Vermutlich Bequemlichkeit.
„Sicher, Frau Reinlich.“

Frau Reinlich lauert mir hinter ihrer Wohnungstür auf. Ziemlich regelmäßig. Wenn sie sich allein fühlt, lädt sie mich zu Kaffee, Likörchen und Klatsch über die Männer ein. Nachdem ein Herzanfall Herrn Reinlich über die Wupper schubste, beschloss seine Mathilde nämlich, dass sie sich im Witwenstand auch amüsieren dürfe. Seitdem besucht sie Tanztees in diversen Etablissements und ist beim Abschleppen durchaus erfolgreich. Ich kann das beurteilen, ich wohne nur ein Stockwerk über ihr, so dick sind die Wände nicht.
Wenn ich mal weg bin, gießt sie meine Blumen.

„Eigentlich wollte ich ja frischen Salat, aber den kann man ja nicht mehr essen mit all den Genen drin.“
„Wieso?“
Sie runzelt die Stirn.
„Kindchen! Gene machen krank! Sehen Sie nicht fern?“
Sie meint nicht wirklich Gene. Muss ich etwas sagen? Ich muss. Frau Reinlich glaubt dem Fernsehen.
„Gesunde Ernährung ist wichtig, Frau Reinlich.“
„Da war eine Frau im Fernsehen, die hat eine Wurmkur gemacht. Damit sie sauber ist. Die hat auch gesagt, dass es ganz wichtig ist, dass man sich gut ernährt.“
„Ohne Gene.“ Es rutscht mir so raus.
„Ohne Gene!“ Frau Reinlich strahlt.
„Und warum hat die Frau die Wurmkur gemacht?“
Worauf will sie denn heute hinaus? Ich verdrehe innerlich die Augen. Ich wollte schnell los. Eigentlich.
„Wegen ihrem Hund, Kindchen! Der hat sie angesteckt! Der hatte Würmer!“

Ach, daher weht der Wind. Letztens hatte Frau Reinlich für vierzehn Tage den Hund ihrer Tochter in Pflege. Verfressen, langhaarig, weiß, klein und natürlich zu fett. Der Arme, aber ich halt mich da ja raus. Bei unserem Sonntagskaffee hat sie den Hund von ihrem Teller gefüttert und mit ihm rumgeknutscht. Vermutlich hat er auch in ihrem Bett geschlafen. Mein Fall wäre das nicht.

„Warum machen Sie sich Sorgen, Frau Reinlich? Der Hund von Marlene hatte doch bestimmt keine Würmer.“
„Glauben Sie?“

Keine Ahnung, aber ich nicke. Aber irgendwas stimmt wirklich nicht, denn seitdem hat sie nicht nur die Gardinen gewaschen, den Teppichboden shampooniert und die Sofapolster zur Reinigung gegeben, seither läuft die Waschmaschine Tag und Nacht.

„Ist denn etwas nicht in Ordnung, Frau Reinlich?“
Sie will nicht mit der Sprache heraus.
„Wissen Sie, Kindchen“, gesteht sie schließlich, „ich hab da so ein komisches Jucken am Körper, das geht nicht weg.“
Flöhe etwa? Lieber Himmel. Hoffentlich war sie mit dem Vieh nicht in meiner Wohnung.
„Oh“, sage ich, „aber, Frau Reinlich, Sie haben in der letzten Zeit so viel saubergemacht, da hält sich doch bestimmt nichts.“
Es überzeugt sie nicht. Sie schüttelt den Kopf.
„Wo genau juckt es denn, Frau Reinlich?“

Sie guckt mich Hilfe suchend an und wird rot. Die Sekunden dehnen sich. Langsam wird mir klar, dass ich da wohl eine indiskrete Frage gestellt habe.

„Na ja, da unten eben, Sie wissen schon“, sagt sie plötzlich verschämt. Zur Generation Porno gehört Frau Reinlich nicht, noch nie, man muss auch für kleine Geschenke dankbar sein.
Hm. Ich überlege. Es gibt Dinge, die ich im Detail ganz bestimmt nicht wissen möchte, aber in mir keimt ein Verdacht. Als mein Verflossener, der Idiot, sich zum Teufel scherte, war das eines der spezielleren Geschenke, die er mir hinterließ. Genauer gesagt, war das sogar der Anlass.

„Frau Reinlich“, platze ich heraus, „entschuldigen Sie die Frage, aber hatten Sie zufällig in der letzten Zeit Herrenbesuch?“
Sie nickt überrascht.
„Und danach fing das erst mit dem Juckreiz an? So eher … unten?“ Wie fragt man eine Frau danach, die ungefähr das Alter der eigenen Mutter hat und sich schlimmer aufführt, Himmelherrgott?
Sehr dankbares, verschämtes Nicken. Ich schweige. Sie schweigt auch und schaut an mir vorbei ins Treppenhaus.
„Kindchen“, sagt sie dann mit schwacher Stimme, „ich wage ja gar nicht, Sie darum zu bitten, aber könnten Sie mir nicht dagegen etwas mitbringen? Ich lade Sie auch zum Essen ein.“

Tür zu, weg ist sie. Frau Reinlich hat mich reingelegt.
Ich soll also wirklich in der Apotheke ein Mittel gegen das, was der Idiot damals als ‚Sackratten‘ bezeichnet hat, kaufen und das süffisante Grinsen des Apothekers und seiner Mannschaft auf mich nehmen? Das glaubt mir doch keiner, dass das nicht für mich ist! Nicht mit mir. Soll sie doch ihren Herrenbesuch schicken!
Aber halt, mir fällt da was ein. Wenn dem so ist, weiß ich, was zu tun ist. Die Viecher sind doch sozusagen standorttreu. Sie bekommt ein paar Einmalrasierer aus dem Supermarkt von mir. Mit Gelstreifen. Und ganz großzügig eine Tube Rasiercreme.

Wenn sie ernsthaft Stress macht, muss ich eben meine Blumen verschenken.

 

medicine-1279553_640Quelle: Pixabay

 

Disclaimer: Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen! Lernt Filzläuse erkennen (und das Wort aussprechen, ohne zusammenzubrechen) und geht in die Apotheke und holt euch was dagegen. Keinen Perubalsam. Und scheißt auf den Apotheker und was er denken könnte, die hören noch viel Schlimmeres.

Diese Geschichte entstand mal vor ziemlich vielen Jahren und hat es geschafft, nicht weggeschmissen zu werden, oh Wunder, sondern überarbeitet das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Irgendwie fand ich, sie würde ziemlich perfekt zum Wochenthema des Mitmachblogs („Worüber man nicht spricht“) passen, wo ich sie eben reingestellt habe, aber natürlich darf sie auch hier in meiner Sammlung nicht fehlen …

 

Aufruf: Jeder nur ein Kreuz! ;-)

Es gibt so ungefähr zwei Gelegenheiten, wo der Blogger an sich gern zur Nabelschau kommt und tiefsinnig wird, jedenfalls wenn er keinen reinen Themenblog hat. (Okay, irgendwas ist immer, aber das hatten wir ja schon.) Das eine ist der Jahreswechsel, das andere der Bloggeburtstag. Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Also, ich war ja die letzten Monate nicht so wahnsinnig aktiv, aber DAS hätte ich gemerkt.

Ja, tatsächlich, mein zweites Jahr ist rum. Und was soll ich sagen: Es war ganz anders als das erste, wo ich noch mein 365-Tage-Projekt durchgezogen habe, was ich immer noch für eine gute Idee halte. Es war viel dunkler, im positiven wie im negativen weniger an der Oberfläche, aber es macht mir nach wie vor Spaß, mir etwas aus Herz und Hirn und schrauben und in fremde Vorgärten zu schauen … Und danke, dass ihr hier seid.

Dies ist mein 515. Beitrag, WP zählt über 11.000 Kommentare (und es ist mir verdammt egal, dass ich vermutlich die Hälfte davon selbst geschrieben habe) und über 280 Follower, wobei ich nicht weiß, wo die Zahl herkommt, denn liken oder schreiben tut nur ein Bruchteil davon. Nun.

Wenn man Geburtstag hat, darf man sich was wünschen. War doch so, oder? Also, ich wünsche mir …

… etwas, was euch fröhlich macht. Erzählt es, postet es. Hier oder bei euch.
Kann gern Musik sein … oder … aber: Jeder nur ein Kreuz! 😀

 

Ich leg schon mal vor. Ganz sicher besser gelaunt werde ich, wenn mir den großartigen Grandpa Elliott mit seinen Sachen aus dem „Playing for Change„-Projekt anhöre.

Hier ist „Down by the Riverside“. Und ihr so?

 

Blog – 365tageasatzadayQuelle: meineArbeitmitPixabay-Fotos

 

Glück, ein unglückloser Zustand

Irgendwas ist immer. Diesen Stoßseufzer, den ich mir eigentlich als positives und nur maximal leicht resigniertes Blogmotto und Schreibaufforderung (an mich) auserkoren habe, kann man natürlich auch als Aufforderung zum Bruddeln (wie die Schwaben das nennen, wenn ich das richtig verstanden habe, hier nachlesen, großartig) nehmen: Irgendwas passt schließlich immer nicht.

Nun bin ich ganz sicher nicht die Richtige, irgendwas Endgültiges darüber zu sagen, wie Schwaben etwas meinen. Und dass mit Fremden anders gesprochen wird als mit Einheimischen ist eh klar, das handhabt jeder Landstrich so. Noch dazu bin ich mentalitätsmäßig eindeutig norddeutsch und nicht mal „reigschmeckt“.
Wenn aber die einzige erlaubte Äußerung eine Form von Kritik ist, da man nämlich nicht laut lobt („Nix gschwäddzd isch gnuag globd“ = „Kein Kommentar ist Lob genug“), dann zerbreche ich mir über die dahinterstehende Mentalität allerdings den Kopf. Im Ländle soll das ein überaus verbreiteter Ausspruch sein! Wie soll mensch aber dann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder sogar Stolz auf eigenes Können entwickeln, wenn der Standard (!) ist, dass an allem mehr oder weniger ausführlich herumgekrittelt wird? Jeder, der das während seiner Erziehung verinnerlicht hat, muss doch quasi bei jedem „Hey, toll!“ denken, dass der andere ihn zuschleimt, oder sehe ich da was falsch?

Bescheidenheit ist ganz sicher eine Zier. Aber wenn man nie ein Gefühl dafür entwickeln durfte, was das, was man tut, wert ist, dann hat man keine innere Basis für Bescheidenheit, dann ist man einfach nur abhängig davon, dass jemand nichts sagt und gnädig nickt. Muss ich ausformulieren, dass ich finde, dass sich das scheiße (Adjektiv laut Duden, man lernt nie aus) anfühlt? Und jetzt habe ich solche Reizworte wie „Motivation“ oder „Managementtechnik“ noch nicht mal gebraucht. Wenn man also nicht lobt, dann ist es kein Wunder, dass der Schwabe (außerhalb Schwabens selbstverständlich 😉 ) in dem Ruf steht, gern sein Missfallen kundzutun („bruddeln“).

Kurt Tucholsky war alles, aber kein Schwabe. Interessanterweise sind aber auch die Berliner dafür bekannt, an allem etwas auszusetzen zu haben. Und auch wenn das eine sehr wackelige Brücke ist, über die ich da gehe, möchte ich doch zum Anfang zurück: „Etwas ist immer.
Diesen Ausspruch hat nämlich Tucholsky feinsinnig und spitzzüngig bekannt gemacht. „Arthur Schopenhauer hat ja das Glück als den unglücklosen Zustand definiert und damit das Malheur als das Primäre angesehen. […] Unser Apparat ist viel zu groß. Kein Wunder, wenn immer irgendein Rad zerbrochen ist, eine Kette schleift, eine Schraube quietscht. Mit dem Aufwand, den wir heute treiben, eine lange Reise zu tun, haben die Griechen früher ihre kleinen Kriege absolviert, und Ruhe geben wir nie. […] Etwas ist immer. Es hat nie eine treffendere Redensart gegeben“ (aus: Die Redensart. Peter Panter, Die Weltbühne, 14.06.1923, Nr. 24, S. 701. Ganzen Text lesen.).

Das Ganze in Gedichtform (ebenfalls von Herrn Tucholsky) gefällig? Bitteschön.

 

Ja, das möchste!

 

Aber, wie das so ist hienieden:

manchmal scheints so, als sei es beschieden

nur pöapö, das irdische Glück.

Immer fehlt dir irgendein Stück.

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;

hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –

hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:

bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

 

Etwas ist immer.

 

(aus: Das Ideal. Theobald Tiger, Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256. Ganzes Gedicht lesen.)

 

Wer das nun alles nicht möchte, dem sei obiges Gedicht zum Anhören wärmstens ans Herz gelegt, in einer Aufnahme mit dem unvergleichlichen Harry Rowohlt, gegen den nun wirklich aber auch gar nichts gesagt werden kann, außer, dass er leider schon tot ist.
Irgendwas ist eben immer.

 

 

 

Kartenhaus – 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Viecherstreifen

Da steht kein Pferd auf dem Flur, es ist ja auch nicht Fasching, aber da sitzt doch tatsächlich plötzlich ein Hase auf dem Rasen! Nicht so ein niedliches Karnickel, nein, ein ausgewachsener Hase! Der Fellträger hinter der Terrassentür guckt überaus aufmerksam hinaus. „Bist du bescheuert“, frage ich ihn, „denk nicht mal dran, der ist größer als du.“ Abgesehen davon bin immer noch ich es, die die Tür aufmacht. Er verzichtet aber weise auf einen Aufstand. Der Hase mümmelt ein wenig und hoppelt schließlich davon, und ich grinse doof vor Freude ob des Überraschungsgastes.

Das Gösselchen stammt von einer Kanadagans und die fette Taube, die wirklich fast vor Eifer von dem dünnen Zweig gekippt ist, ist eine Ringeltaube. Nein, die schnäbelte nicht etwa nach dem roten Käfer. Ruguu ruguu ruguu – volles Brutgeschäft. Sie klaubte überall Zweige zusammen und eierte damit davon. Ähnlich wie bei Hunden wurden die keineswegs in der Mitte angefasst. Gut, ich habe Tauben noch nie Intelligenz nachgesagt, aber so witzig fand ich sie bisher auch selten.

Ich vermute, dass das Vögelchen links ein Grauschnäpper sein könnte und habe keine Ahnung, was das für ein hübscher Käfer ist, kann mir da jemand von euch weiterhelfen?

Dies ist, erraten, ein Beispiel für die Vertikalvariante meiner Streifenbilder. Mir war so nach basteln. Wer sich noch mal die Horizontalvariante anschauen mag, darf gern hier klicken.

 

Viecherstreifen – 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst | KLICK MACHT GROSS