Ich bin der Typ, der alles in sich reinfrisst

Als mich Madame Flamusse ansprach, ob ich Interesse hätte, bei ihrer Blogparade „Mein Körper (und ich) mitzumachen, habe ich zuerst gezögert und mich lange gefragt, ob mir das nicht zu nahe geht, ob ich da nicht zu viel ausplaudere, was ich normalerweise eben nicht auf dem Marktplatz öffentlich erzählen würde – denn nichts anderes ist ein Blog. Inzwischen sage ich: Danke, dass du gefragt hast, das Sortieren und Schreiben hat eine Menge zurechtgerückt!
Denn dann habe ich mir Folgendes überlegt: Ja, es ist auch ein Thema meines Lebens, das ist kein Geheimnis, und alles, was mir selbst zu persönlich wird, kann ich erweitern, indem ich einen fiktiven Dialog daraus mache und die Erfahrungen von Bekannten und Freundinnen miteinbeziehe und hineinschreibe. Also bitte, es ist nicht ganz so autobiografisch, wie es sich liest.
Hier also meine Gemengelage (ich mag das Wort). Bin auf eure Kommentare gespannt.

—–

Sie stand vor dem Spiegel und fand sich scheiße. Aus dem Spiegel starrte die dicke Frau mürrisch zurück und hielt ihrem Blick stand. Ja, nee, klar, sie war fett, das war keine neue Erkenntnis, das war eine Feststellung, die ihr nicht mehr als ein Achselzucken abrang. Mit diesen Körperformen war man nicht mehr übergewichtig, da war man eindeutig fett, sprich: adipös. Ja, nun. Sie hasste das Wort, vor allem dieses zickige PÖ. AdiPÖs. PÖ. PÖse.

Was neu war und ihr in diesem Moment den Boden unter den Füßen wegzog, war das fatale, jämmerliche Gefühl von: Oh, verdammt, wer ist denn das, das bin doch nicht ich. SO furchtbar sehe ich doch nicht aus. Wer ist diese Frau?
Sie weigerte sich, sich zu erkennen. Half nicht.
Das war viel schlimmer als der Kater nach einer durchgefeierten Nacht, wenn man nur noch unter die Dusche und ins Bett wollte.
Offensichtlich hatte sie ziemlich lange ziemlich gründlich weggeguckt.
„Selektive Wahrnehmung“ nannte man das wohl.

Sie nahm sich einen Kaffee, mit Sahnehäubchen, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, und ließ sich schwer auf die Couch fallen. Die Zeit verging, der Kaffee wurde kälter. Sie dachte nach. Wie hatte das passieren können, dass sich ihr inneres Bild so weit von der offensichtlichen Realität entfernt hatte? Sie beschloss, auf dem Eingemachten vorerst den Deckel draufzulassen. Wichtiger war die zweite Frage: Und jetzt? Wenn sie es angehen wollte, jetzt, sofort, bevor sie alles wieder aufschob oder ignorierte – Prokrastination war schließlich ihre Spezialiät –, brauchte sie als Erstes eine Waage, um das Problem in Zahlen zu fassen. Warum hatte sie eigentlich keine mehr?

Wenn ich das bin, die im Spiegel, ist das jetzt mein … Schicksal? Großes Wort. Und dann? Ich sehe nicht nur nicht gut aus, ich finde, ich sehe auch nicht sonderlich gesund aus. Ich habe gedacht, das ist das Alter, man wird halt so, wenn man älter wird. Alle wurden so, wenn ich mich in meiner Familie umgucke, aber vielleicht irre ich mich ja und kann aus der Spirale noch raus?
Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich schon länger nicht mehr richtig gesund. Ich sage nie was, aber so richtig gut geht es mir nicht, so wie früher. Ich werde eben nicht jünger, die ersten Freunde aus meinem Umfeld sind schon tot … ach, ich vermisse sie so.
Das ist nicht das, was ich mir vom Leben gewünscht habe.
Ich mag es nicht zugeben, ich mag auch nicht zum Arzt gehen und mich auslachen lassen und Tabletten fressen, davon wird man nicht gesünder.
Ich habe Angst.
Ich will unbedingt was tun. Ich will nicht, dass es so bleibt. Ich will mich wieder mögen können!

Ihre Unruhe war so groß, dass es sie sofort vor die Tür trieb, also ging sie einkaufen. Kaufte eine Waage und blieb in ihrer Lieblingsbuchhandlung hängen, wo sie auf dem Bestsellertisch ein Buch zum Thema Abnehmen und Diät-Mythen ansprang. Na, dachte sie, du kommst gerade wie gerufen, dann nehme ich dich mit. Den Klamottenladen umging sie. Nur noch in die Sachen aus der XXL-Abteilung zu passen, verdarb eh die Laune und heute ganz bestimmt.

Klar darf ich aussehen, wie ich will. Ist doch okay, keiner soll sich  für seinen Körper schämen müssen. Kurvige Models sind schließlich gerade wieder mal der große Hype. Ich sehe noch fettere Mädels als mich in Skinny Jeans. Und obwohl ich deren Mut bewundere – also, schön ist anders. Was ich NICHT laut sagen würde, schon aus Respekt.
Wer fragt eigentlich mich? WILL ich überhaupt so aussehen wie jetzt?
Nein, will ich nicht.
Ich fand mich irgendwie noch nie richtig gut, aber früher fand ich mich besser.

Das Wiegen zu Hause war keine so angenehme Angelegenheit. Um den Schock besser zu verdauen, hatte sie das Gefühl, sich die Pizza zum Abendessen verdient zu haben. Mit doppelt Salami.
Dann begann sie in dem neuen Buch zu lesen. Es traf einen Nerv und machte ihr irgendwie Mut, die Situation anders anzugehen.

Ich will nicht mehr so aussehen.
Ich muss abnehmen. Kann ich überhaupt noch abnehmen? Früher war das so einfach, da habe ich zwei Tage gehungert, dann hatte ich zwar Kopfweh, aber auch zwei Kilo unten. Das kann ich heute nicht mehr, seit ich älter bin, sitzt das Fett irgendwie fester. Vermutlich stimmt es doch, dass der Stoffwechsel immer langsamer wird, wenn man älter ist.
Irgendwas ist falsch mit mir. Ich kann immer essen. Ich habe immer Hunger. Ich kann doch nicht so wenig essen, dann hungere ich doch. Ich will nicht hungern, ich will gut für mich sorgen.

Sie las lange und schlief erst spät ein.
Am nächsten Tag ging sie in der Mittagspause spazieren. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie viele Leute, die gleich alt oder sogar älter waren als sie, joggend an ihr vorbeizogen. Sie hasste Joggen aus tiefstem Herzen und hatte nicht vor, ihre lieb gewordene Abneigung aufzugeben, aber die konnten etwas, wozu sie körperlich nicht mal entfernt in der Lage war. Warum eigentlich nicht?
Sie setzte sich auf eine Bank in der Sonne und genoss die Aussicht.

Es stimmt gar nicht, dass ich immer Hunger habe. Aber ich esse einfach gern, es schmeckt alles so gut! Außerdem bin ich ein Frustesser und auch ein Belohnungsesser, und natürlich esse ich auch, wenn ich glücklich bin oder … das Gegenteil halt. Eigentlich wird fast jede Gelegenheit mit was zu essen besser.
Houston, ich glaube, so betrachtet habe ich ein Problem. Mindestens eins.

In ihrer Nähe war ein Gasthaus, wo es die besten Pommes gab, die sie kannte. Mit Außer-Haus-Verkauf. Es roch, nein, duftete verdammt gut bis hinüber zu ihr. Sie horchte in sich hinein. Kein Hunger, leider, aber bei dem bloßen Gedanken an Pommes mit Mayo lief ihr schon das Wasser im Mund zusammen.

„Ein Wunder, dass du bei all dem vielen Essen noch nicht geplatzt bist“, stichelte eine innere Stimme. Sie fuhr auf und stockte dann.

Mach mich bloß nicht doof von der Seite an, blaffte sie zurück. Ich meine, ich weiß es ja, Grenzen setzen, mich trauen, früher wütend zu werden, nicht erst „Nein“ zu sagen, wenn es eigentlich zu spät ist – all der Scheiß, den die Bücher predigen. Nachts den Kühlschrank zu überfallen, weil mich die große Leere anspringt, ist auf Dauer jedenfalls keine wirklich gute Idee. Ich fürchte, ich bin der Typ, der immer alles in sich reinfrisst, weißt du?

„Weiß ich“, sagte die Stimme, „du musst gar nicht auf reuige Sünderin machen, bei mir kommt’s nämlich an. Das Essen. Ich bin übrigens dein Bauch, nur mal so angemerkt.“

Sie schwieg.

Gib mir einen Rat, wenn du schon mal da bist. Ich bin so unglücklich. Was soll ich nur tun?

„Ach, du wirst mich dafür verdammen, aber ich sag dir jetzt was Praktisches, auch wenn du es nicht hören willst. Hör auf damit, mich vollzustopfen, ich kann’s nicht mehr so gut ab wie früher. Nimm dieses plärrende innere Gör an die Hand und den inneren Schweinehund an die Leine, gib ihnen meinetwegen einen Schokokeks, EINEN!, und dann geh mit ihnen Gassi! Wie das aussehen soll, kannst du das wichtigtuende Hirn entscheiden lassen, dem wird schon was einfallen. Und mach mehr Sachen, die Spaß machen! Keine Leistungsschau, für niemand, versteh mich bloß nicht falsch, aber was Albernes, Unbeschwertes ist gut für die Laune. Stichwort Glück und so. Die entsprechenden Hormone schicke ich dann rechtzeitig an den Start. Kannst dich drauf verlassen. Deal?“

Sie überlegte. Eigentlich wusste sie gar nichts mehr. Vielleicht war das ja gerade gut, dann auf den Bauch zu hören.

„Deal“, sagte sie zu ihrer eigenen Überraschung laut. „Ich kann’s ja mal versuchen.“

 

Frau auf Waage | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

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Profilneurose | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Der Käfer war nicht von seinem Vorhaben abzubringen. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, wenn die Leute eine Flaschenpost mit mir drin und mit einer Sonnenblume dran sehen, die im See schaukelt, dass sie die nicht rausziehen würden? Dann komme ich bestimmt ins Fernsehen und werde endlich berühmt!“

Leider erwies sich die Sonnenblume als zu schwer für die Flasche, die kippte und unspektakulär im Wasser herumdümpelte. Als auch noch Wasser eindrang, musste er endgültig akzeptieren, dass nichts so laufen würde wie geplant. Schließlich retteten seine Kumpels den Halbertrunkenen, worauf der ohne ein Wort des Dankes erneut in finsterste Trübsal versank.

 

drabblemezzo 1 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Klarer Fall von „dumm gelaufen“. Tja. So kanns gehen.  🙂
Kleiner Drabble-Nonsens zum Dienstag.

 

Barbara Allen

Es war im Herbst, im bunten Herbst,
Wenn die rotgelben Blätter fallen,
Da wurde John Graham vor Liebe krank,
Vor Liebe zu Barbara Allen.

Seine Läufer liefen hinab in die Stadt
Und suchten, bis sie gefunden:
»Ach unser Herr ist krank nach dir,
Komm, Lady, und mach‘ ihn gesunden.«

Die Lady schritt zum Schloss hinan,
Schritt über die marmornen Stufen,
Sie trat ans Bett, sie sah ihn an:
»John Graham, du ließest mich rufen.«

»Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst
Und die rotgelben Blätter fallen,
Hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen.«

»John Graham, ich hab‘ ein letztes Wort,
Du warst mein All und Eines;
Du teiltest Pfänder und Bänder aus,
Mir aber gönntest du keines.

John Graham, und ob du mich lieben magst,
Ich weiß, ich hatte dich lieber,
Ich sah nach dir, du lachtest mich an
Und gingest lachend vorüber.

Wir haben gewechselt, ich und du,
Die Sprossen der Liebesleiter,
Du bist nun unten, du hast es gewollt
Ich aber bin oben und heiter.«

Sie ging zurück. Eine Meil‘ oder zwei,
Da hörte sie Glocken schallen;
Sie sprach: Die Glocken klingen für ihn,
Für ihn und für – Barbara Allen.

»Liebe Mutter mach ein Bett für mich,
Unter Weiden und Eschen geborgen;
John Graham ist heute gestorben um mich
Und ich sterbe um ihn morgen.«

(Theodor Fontane, Barbara Allen, aus: Gedichte, 1898, Quelle)

rosenblätter | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Dieses Gedicht ist nicht nur ein Liebeslied, sondern auch eine Ballade (hallo, Balladentag, sollten wir vielleicht auch mal wieder?), es ist auch ungeheuerlich bekannt. Nein, nicht das, was ihr da gerade gelesen habt, das englische Original scheint zum ersten Mal 1666 erwähnt worden zu sein, es scheint eine schottische Ballade zu sein und es scheint mehr Variationen davon zu geben, als mein Arm lang ist.
Wikibooks sagt dazu:

Auch wenn ‚Barbara Allen‘ erst Mitte des 18. Jh. aufgeschrieben wurde, war es schon fast hundert Jahre früher bekannt. Die früheste bekannte Erwähnung des Liedes steht im einem Tagebucheintrag des Samuel Pepys. Der Eintrag vom 02.01.1666 bezieht sich auf ein „kleines schottisches Lied von ‚Barbary Allen'“. Es gibt unzählige Text- und Melodievariationen dieses Liedes. Die meisten Versionen erzählen von einem schwer erkrankten jungen Mann, der vergeblich auf den Zuspruch von Barbara Allen hofft. Die unerwiderte Liebe führt zum Tod. Am Sterbebett bricht Barbara Allen in Tränen aus und stirbt selbst kurz darauf. Oft wachsen aus den Gräbern zwei Rosenstöcke, die sich zu einem verbinden. Theodor Fontane dichtete eine deutsche Version dieser Ballade. (Quelle)

Und wer das Ganze noch mal in Englisch und in lang lesen möchte, findet hier mehr Info.

Selbstverständlich ist dieses Gedicht auch vertont worden, das Original, versteht sich. Und da ich mich nicht entscheiden kann, präsentiere ich sie euch beide:
Joan Baez (deren Timbre ich anbete) mit ihrer Version von „Barbara Allen“ und Pete Seeger, beide in diesem Genre (und nicht nur da) weiß Gott keine Unbekannten.

 

 

Bruni und Torsten, ihr habt es so gewollt. Kommt gut in die neue Woche, allesamt!

 

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Etüdensommerpausenintermezzo 2 – es drabbelt!

Hallo, liebe Etüden-Verrückte und sonstige Mitleser-/innen und -schreiberinnen, habt ihr euch in den letzten beiden Wochen genug ausgetobt, längenmäßig gesehen? Wer gern noch mal nachlesen möchte, was alles so zusammengekommen ist, findet hier eine Übersicht.

Die Schreibanregung für die nächsten beiden Wochen ist dafür wieder ganz anders: Schreibt ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Triple-Drabble (oder gern auch alle drei) und baut (na klar!) ein paar Wörter ein. Wie, was, wo … Ägyyyyyyyypppptennn? Kommt jetzt.

Ein Drabble ist eine kleine Geschichte, die aus GENAU 100 Wörtern besteht, das ist der Witz daran. 100 Wörter (ohne Überschrift). Keins mehr, keins weniger. Wörter ZÄHLT man übrigens über 1. Word, 2. jegliches Schreibprogramm sonst, 3. WordPress, jedenfalls am PC (links unten unter dem Eingabefeld, da steht bei mir „Anzahl der Wörter im Text:“ und dann eine Zahl), 4. von Hand, was ich völlig frustrierend finde und daher ablehne.
Mein ernst gemeinter Appell an euch: Behumpst euch nicht selbst, der Spaß daran ist die Zahl. Schafft ihr es, eine Geschichte in genau 100 Wörtern zu erzählen?

Dies wären nicht die Etüden, auch wenn es „nur“ das Etüdensommerpausenintermezzo 2 ist, wenn es keine Wörter gäbe, die eingebaut werden sollten. Und Drabbles (100 Wörter) gibt es auch als Double-Drabbles (200 Wörter) und Triple-Drabbles (300 Wörter). Also habe ich mir Folgendes vorgestellt, es soll ja nicht langweilig werden:

Schreibt eine Geschichte in Form eines …

Drabble: Bringt diese 3 Wörter in 100 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 100 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume.

 

Double-Drabble: Bringt diese 4 Wörter in 200 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 200 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks.

 

Triple-Drabble: Bringt diese 5 Wörter in 300 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 300 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks
Pflaster.

 

Selbstverständlich könnt ihr so oft mitmachen, wie ihr wollt, gerne natürlich auch mehrmals pro Drabble-Kategorie. Selbstverständlich stammen die Illustrationen dazu (eine pro Drabble-Kategorie) wieder aus der Feder/dem Computer des freundlichen Herrn lz. (danke, Ludwig!). Nicht selbstverständlich ist, dass ihr wieder zwei Wochen Zeit habt, aber schließlich ist das hier ein Intermezzo, „the real thing“ kommt dann wieder Anfang September, und zwar am Sonntag, den 3. Ach so, selbstverständlich bitte wieder hierhin verlinken/verpingen.
War’s das? Glaub schon.
Viel Spaß!  😀

 

DRABBLE

drabblemezzo 1 | 365tageasatzaday

DOUBLE-DRABBLE

drabblemezzo 2 | 365tageasatzaday

TRIPLE-DRABBLE

drabblemezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

 

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Etüdensommerpausenintermezzo – danke!

Zwei Wochen, liebe Mitleser/innen und -schreiber/innen, ist eine lange Zeit. Umso schöner, spannender, gehaltvoller, trauriger, lustiger waren die Geschichten, die ihr geschrieben und veröffentlicht habt, um mein Etüdensommerpausenintermezzo damit zu füttern. Herzlichen Dank dafür!

Ich möchte euch Dank sagen, indem ich hier alle, die zum Intermezzo verlinkt/gepingt haben, noch einmal aufführe. 21 Geschichten, ihr seid toll, allesamt! Wenn noch was kommt, werde ich es hier noch anhängen, wenn ich was/wen vergessen habe, sagt bitte Bescheid!

Ich möchte euch aber auch ankündigen, dass es morgen ein zweites Intermezzo geben wird, und es wird GANZ ANDERS als das erste. Also dann, bis morgen, ich freu mich!

 

Hier zum Nachlesen alle Geschichten in der Reihenfolge ihrer Einlieferung:

Das wahre Ausmaß der Klimakatastrophe | Red Skies over Paradise

Eine Schwesterngeschichte | Fädenrisse

Etüdensommerpausenintermezzo | Geschichtszauberei

Etüdensommerpausenintermezzo (1) | Meine literarische Visitenkarte

[ABC.etüden.SOMMEREDITION] Regen im Süden | deifelinchen

Jubiläumsfeuer am Wasserturm | Transworte auf Litera-Tour

Feuerwasser | Transworte auf Litera-Tour

Etüdensommerpausenintermezzo (2) | Meine literarische Visitenkarte

BLOGAKTION: Etüdensommerpausenintermezzo | hatmakerspartyblog

Der Wassermaler, Teil I | Irgendwas ist immer

Nun war alles vorbei. Dank HAARP. Und Trump. … | Red Skies over Paradise

Etüdensommerpausenintermezzo (3) | Meine literarische Visitenkarte

Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo | Irgendwas ist immer

Eine Geschichte per Kommentar von Natalie, unbedingt! lesen!!!

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser | Fädenrisse

Etüdensommerpausenintermezzo: Sommerblues | umgeBUCHt

Neuanfang | Transworte auf Litera-Tour

Der Wassermaler | Etüdensommerpausenintermezzo – Wurst & Zimt

Leere | Transworte auf Litera-Tour

WORTWERT: Etüdensommerpausenintermezzo ~ schreibwochen 31.17 und 32.17 | FiktiveWelten

Sommer-Pause – ein Intermezzo | Red Skies over Paradise

Natalie hat eine Fortsetzung geschrieben, auch diese bitte hier unbedingt lesen!

 

 

intermezzo 3 danke! | 365tageasatzadayvisuals: ludwigzeidler.de, verfremdung von mir

 

 

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Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo

Willkommen bei der zweiten Hälfte meines Etüdensommerpausenintermezzos! Es ist die etwas längere Hälfte *hust* – man sollte mir keine Zeit geben, etwas zu überarbeiten, dann findet sich Halbsatz nach Halbsatz ein … Immerhin habe ich nichts mehr wirklich umgeschrieben!  🙂

(Es geht in diesem Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.)

So endet der erste Teil:

… Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

 

Das Schlimmste war dieses quälende Gefühl des Vorherwissens, was weiter geschehen würde. Die Erinnerung überflutete ihn wieder, er wollte lieber nicht hinsehen, konnte sich aber nicht zurückhalten und wappnete sich irgendwie für das Schlimmste, während er den Weg des Rettungsschwimmers verfolgte. Zu seinem Glück bemerkte er aber noch rechtzeitig, dass an seinem Stand ein Ehepaar darauf wartete, dass er auftauchte, also überließ er das Geschehen halb widerwillig, halb erleichtert dann doch den Profis und ging hin – er konnte es sich nicht leisten, potenzielle Kunden zu ignorieren. Und wirklich, heute war ein guter Tag, sie nahmen zwei Bilder zu einem sehr akzeptablen Preis.
Nachdem sie abgezogen waren und er sich sofort wieder den Hals nach dem Geschehen am Strand verrenkte, sah er lediglich den DLRG-Jüngling mit einem Kind auf dem Arm und dem rosa Schwimmring in der Hand langsam über den Strand wandern und sich seinen Weg zwischen Schirmen und Handtüchern hindurch bahnen. Gott sei Dank. Er atmete tief durch und fühlte sich plötzlich schlapp wie ein angepikter Luftballon und ein bisschen albern. Nichts war passiert, anscheinend, sonst wäre da jetzt die Hölle los.
Alles nur Kino in seinem Kopf.
Schlechtes.
Und ob das Kind die Nicht-Marie war, brauchte ihn jetzt auch nicht mehr zu kümmern. Noch mehr Kids hatten rosa Schwimmringe.
Er beschloss zusammenzupacken und heimzugehen, es sah inzwischen verdammt nach Regen aus, und zwar bald. Genug Aufregung für heute. Schade nur um das Feuerwerk.

 

Sonntag

„Die Rettungsschwimmer haben gesagt, ich solle mich bei dem Wassermaler bedanken, wenn überhaupt, sie hätten nur ihre Pflicht getan und würden nichts dafür annehmen. Das waren doch Sie? Gestern?“
Er sah überrascht von seinem Buch hoch und schob die Lesebrille über den Haarkranz. Kein Wetter zum Malen heute; nach dem Regen, der fast die ganze Nacht über heruntergerauscht war, war es unbeständig und schwül-warm. Aber ihn hielt nichts im Haus, schlechtes Wetter schon mal gar nicht, also hatte er beschlossen, wie jeden Tag zur Seepromenade zu kommen und an der frischen Luft einen Espresso zu trinken. Für alle Fälle lag seine Skizzenkladde neben ihm.

Natürlich erkannte er sie sofort. Die Mutter des Mädchens, das bestimmt nicht Marie hieß. Sie war es also doch gewesen! Heute trug sie einen knallroten Rock und darüber ein schwarzes, ärmelloses Top, das verkündete, sie stünde mit beiden Beinen fest im Glitzer. Na dann.
„War ich“, sagte er, stand auf und streckte ihr die Hand hin, „darf ich mich vorstellen, mein Name ist Max Hansen. Sagen Sie Max.“ Sie ergriff sie.
„Helene Matthies, und sagen Sie bloß nicht Helene, so nennt mich nur meine Oma. Ich bin Lena.“
„Setzen Sie sich, Lena, und trinken Sie einen Kaffee mit mir.“
Ein schneller Blick auf die Uhr.
„Ja, gern.“
„Wie geht es Ihrer Tochter, hat sie den Schreck überstanden? Wie konnte sie überhaupt ins offene Wasser geraten?“
Lena seufzte.
„Lilli behauptet, und ich sage nicht, dass ich ihr das so glaube, dass sie gar nicht bemerkt hätte, dass sie schon jenseits der Absperrung war. Außerdem wären auch noch andere Kinder dabei gewesen, zumindest am Anfang. Und sowieso hätte sie alles voll unter Kontrolle gehabt und sie verstünde gar nicht, warum ich mich jetzt so aufregen würde. Ehrlich gesagt halte ich das mit der Absperrung für einen Fall von ‚Das Gras ist auf der anderen Seite vom Zaun grüner.‘.“
Er lachte los, er konnte sich nicht zurückhalten.
„Sie lachen“, sagte sie und grinste dabei auch ein bisschen schief, „okay, der Rettungsschwimmer, der sie gestern zurückgebracht hat, hat ihr einiges über ‚ablandigen Wind‘, ‚Sog‘, ‚gefährlich‘ und ’sich nicht überschätzen‘ erzählt. Sie findet ihn total toll und will jetzt auch Rettungsschwimmerin werden. Immerhin will sie ihn nicht gleich heiraten. Ich frage mich, was das erst gibt, wenn sie in die Pubertät kommt.“ Sie verdrehte gespielt genervt die Augen.
„Aber Sie hätten das Gezeter gestern Abend hören sollen, weil das Höhenfeuer ausfiel! Wo sie mir schließlich abgetrotzt hatte, dass sie so lange aufbleiben durfte, wegen Ferien und so! Als ob ich gemacht hätte, dass es zur Strafe regnet und das Feuerwerk nicht stattfindet! Und heute Morgen hat sie die ganze Zeit gequengelt, dass ich ihr doch jetzt nicht etwa verbieten würde, zum Schwimmkurs zu gehen, wo sie doch jetzt schon richtig gut wäre. Hatte ich nie vor, muss ich sagen, ich bin ja heilfroh, dass sie so easy schwimmen lernt und Spaß hat. Und überhaupt, meint sie, das gestern sei doch nur ein kleines Missgeschick gewesen. Manchmal frage ich mich, woher sie mit sieben so viele Wörter kennt. Von mir hat sie das nicht.“

„Finde ich gut, dass sie sofort wieder ins Wasser will, das ist wichtig“, sagte er. „Marie, also meine Tochter, war auch so. Nicht aus dem Wasser zu kriegen, nachdem sie erst mal damit vertraut geworden war.“
„War?“, fragte Lena behutsam. Eine Pause entstand, in der er kurz überlegte, ob es fair war, sie mit seinem Kummer zu belasten. Ach, warum nicht.
„Ein Segelunfall“, platzte er heftiger als beabsichtigt damit heraus, „als sie acht Jahre alt war. Der Jüngsten-Segelschein. Auch so ein Kurs, bei dem nie was passiert, wie diese Seepferdchenkurse. Eine plötzliche Windböe, drei Optimistenjollen rasseln zusammen und kentern, ein Kind gerät unglücklich unter Wasser und kann nicht rechtzeitig wiederbelebt werden …
Es ist jetzt gut zehn Jahre her, aber es verfolgt mich manchmal noch immer in den Schlaf. Und Ihre Lilli sieht ihr ähnlich, das muss ich zu meiner Verteidigung sagen.“
„Oh Gott, wie furchtbar!“, stieß sie hervor. „Das muss schrecklich gewesen sein! Entschuldigen Sie bitte, dass ich gefragt habe, ich wollte gewiss keine bösen Erinnerungen aufrühren. Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn Lilli etwas passieren würde. Seit Lillis Vater uns verlassen hat, habe ich nur noch sie.“
Er nickte.
„Ging uns damals auch so. Meine Frau und ich, wir sind beide auf unsere Art damit nicht fertiggeworden. Ich dachte, ich müsste ihr den starken Mann vorspielen und war dabei vielleicht mindestens ebenso bedürftig wie sie, nur halt anders. Habe ihr ständig erzählt, dass sie nach vorn blicken müsste. Und als sie es dann endlich konnte, bin ich eingeknickt und habe sie hängen lassen, weil ich nicht dazu fähig war. Eineinhalb Jahre nach dem Unfall haben wir uns getrennt. Es ging nicht mehr. Ich bin hierher zurückgekommen, weil ich nicht weit weg geboren bin und es dort bei ihr nicht mehr ausgehalten habe.“
Er atmete tief durch und zwang den letzten Schluck kalten Espresso hinunter.
„Hört sich schlimm an, ich weiß, war auch schlimm. Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Die Zwischenstadien erspare ich Ihnen. Aber so ist dann ganz langsam ein etwas kauziger Wassermaler aus mir geworden.“

Sie schwiegen beide. Er las in ihren Augen, dass er ihr irgendwie leidtat. Na ja, das war normal. War es auch normal, dass er sich irgendwie befreit fühlte, wie von einer Last? Er sprach selten über Marie, und schon gar nicht mit Fremden.
Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl.
„Es ist mir schrecklich peinlich, ausgerechnet jetzt aufbrechen zu müssen“, sagte Lena, „aber in zehn Minuten ist Lillis Seepferdchenkurs aus, und danach bin ich mit ihr bei der Rettungsschwimmer-Station verabredet, weil sie sich bedanken und natürlich schauen will, ob ihr Held von gestern heute auch da ist. Wollen Sie mitkommen? Lilli freut sich. Sie hat gestern nämlich bestimmt dreimal gefragt, ob das auch ganz sicher Sie gewesen wären.“

Früher hätte er abgelehnt, hätte die Situation irgendwie komisch oder doof gefunden und keinem zur Last fallen wollen. Aber auch ein alter Esel konnte lernen.
So nickte und lächelte er und erwiderte schon im Aufstehen: „Wissen Sie was? Die Rettungsschwimmer arbeiten alle ehrenamtlich für ’n Appel und ’n Ei, aber ich kann Ihnen verraten, dass das Café, vor dem wir gerade sitzen, verdammt guten Kuchen hat. Wenn Sie also eine Runde ausgeben wollen, hier böte sich eine gute Gelegenheit. Ich helfe Ihnen gerne tragen.“

ENDE

 

Na, alle noch da? Oder hab ich euch breit gequasselt? Geschieht euch recht!  😀

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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Ein grünes Blatt | Inserat

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf daß es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

(Theodor Storm, Ein grünes Blatt, aus: Gedichte, Erstes Buch (1885), Quelle)

 

green man | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Inserat

Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

(Theodor Storm, Inserat, aus: Gedichte, Erstes Buch (1885), Quelle)

 

Stillleben Äpfel Birnen | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Jaaaaaa, das ist derselbe Storm, von dem auch die Regentrude stammt (Näheres zum Beispiel auf meinem neuen Blog, der Regensucherin, und zwar hier) und der auch ein ganz entzückendes Katzengedicht geschrieben hat („Von Katzen„), das bestimmt auch der eine oder die andere von euch kennt …

Kommt gut in die neue Woche!

 

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Der Wassermaler, Teil I | Etüdensommerpausenintermezzo

Als ich euch zu dem Etüdensommerpausenintermezzo aufgerufen habe, liebe Etüden-Fans und -mitschreiber/innen, wusste ich zwar, dass ich die Beschränkung auf 10 Sätze satthatte, dass sich aber dann in meinen Text gefühlt quasi alle in den vergangenen Monaten „eingesparten“ Sätze hineindrängeln würden, war auch für mich eine Überraschung. Daher habe ich beschlossen, diesen Text zu teilen, denn, bei aller Liebe, er hat wirklich einen stolzen Umfang für einen Blogbeitrag.

Zur Erinnerung: Es geht im Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.

Der Wassermaler

 

Donnerstag

„Was machst du da?“ krähte es fröhlich vor ihm. Er schreckte auf. Sommersprossen, Pippi-Langstrumpf-Zöpfe, Zahnlücke, Glitzer-T-Shirt mit Regenbogen-Einhorn, das Schmetterlinge pupste. Rosa!
Aua.
„Ich male das Wasser“, erklärte er und ließ den Pinsel sinken.
„Mama fotografiert das Wasser mit dem Handy“, erklärte sie wichtig.
Er seufzte. Ja, klar.
„Das machen die meisten“, antwortete er.
„Und warum du nicht?“
„Weil ich gut malen kann, aber nicht gut fotografieren.“
Sie stellte sich so dicht neben ihn, dass er die Sonnencreme riechen konnte, mit der sie offensichtlich eingeschmiert war, und betrachtete seine Skizze kritisch.
„Finde ich nicht“, entschied sie dann. „Ich muss jetzt! Tschüss!“
Und weg war sie. Er sah ihr nach, wie sie in ihren Badelatschen die Seepromenade entlangrannte, das es nur so klatschte, und musste grinsen. Freche kleine Krabbe. Wie alt mochte sie sein?

Als er am Abend seine Sachen zusammenpackte, stand sie plötzlich wieder vor ihm.
„Guck mal, Mama, der Wassermaler ist noch da!“
Mama war eindeutig die größere Ausgabe. Sommersprossen, Locken, pinkfarbenes T-Shirt, auf dem Mit ein bisschen Glitzer geht alles stand, ziemlich kurzer Rock, rosa lackierte Fußnägel. Maximal Mitte dreißig. Eine große Strandtasche, aus der ein rosa Schwimmring und eine Wasserflasche ragten, lag über ihrer Schulter. Seine Lebensgeister hoben sich und er lächelte sie an.
„Guten Abend“, sagte sie. „Ich hoffe, meine Tochter hat Sie nicht genervt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wenn sie das hätte, hätte ich mit Glitzer geschmissen.“
Sie lachte.
„Psst. Wir sind in einer Einhorn-Phase. Sagen Sie bloß nichts gegen Einhörner. Haben Sie mitbekommen, dass es am Strand heute Quallen-Alarm gab? Sie war mittendrin. Zum Glück ist ihr nichts passiert. Sie lernt gerade schwimmen.“
Er schüttelte den Kopf, überlegte, was er Kluges sagen konnte. Sein Hals war plötzlich wie zugeschnürt.
„Kommst du, Mama?“ rief das Mädchen, das schon vorgegangen war. „Ich hab Hunger!“
Sie nickte ihm zu.
„Na dann! Schönen Abend noch!“
Er sah beiden nach. Schwimmen lernte sie! Es zog in seinem Herz. Die Kleine sah fast aus wie Marie.

 

Freitag

Am nächsten Tag schlug das Wetter um. Der Wind frischte auf, die Wellen wurden rauer, er fand es nicht mehr so drückend und war froh darüber. Er war trotzdem den ganzen Tag draußen gewesen, hatte fast an der gleichen Stelle gesessen und gemalt, aber weder Mutter noch Tochter ließen sich blicken. Na ja, vermutlich war Bettenwechsel oder so etwas. Die Richtung, in die beiden abgezogen waren, ließ auf eine der großen Bettenburgen schließen. Waren jetzt eigentlich noch Schulferien? Früher hätte er es gewusst.
Ach, die Erinnerungen. Das würde kein erfreulicher Abend werden.

 

Samstag

Als er wieder wach wurde, dröhnte ihm der Schädel und sein Magen hing auf halbmast. Die Flasche Rotwein am Abend zuvor hatte mehr Verwüstungen angerichtet, als ihm lieb war, stellte er fest, und dass man nicht jünger wurde, war jenseits der Fünfzig auch kein Geheimnis mehr. War nur ihm so warm oder war es schon wieder heiß? Er schüttelte die Albträume ab und trat auf den Balkon.
Gleißendes Sonnenlicht empfing ihn. Oha. Er blinzelte. Heute würden die Temperaturen richtig hochschnellen und der Strand sich bis zum letzten Handtuch füllen. Wenn das Wetter sogar bis abends hielt, brauchte sich auch das Höhenfeuerwerk nicht um Zuschauer zu sorgen, das wie an jedem ersten Samstag in den Sommermonaten am späten Abend den Himmel erhellen würde. Die Schau- und Trinklustigen, die an den Ständen an der Promenade und am Ostseestrand den einen oder anderen Euro ließen, waren eine wichtige Einnahmequelle für die Kleinstadt. Bei schlechteren Wetterbedingungen konnte es hingegen durchaus passieren, dass es den Qualm bis zu ihm wehte. Aber egal, an der See war schließlich fast immer Wind. Er warf die Kaffeemaschine und den Ventilator an, schüttelte das Bett auf und ließ die Balkontüren weit offen, um den Geruch der Nacht zu verjagen. Dann ging er gähnend erst einmal unter die Dusche. Heute würde er nicht malen, heute würde er verkaufen. Hoffentlich. Hitzefrei kannte er als Wassermaler sowieso nicht. Wassermaler. Der Name gefiel ihm immer besser.

Es lief ganz gut. Es lief sogar so gut, dass er sich am frühen Nachmittag, als eh fast keiner unterwegs war, weil nämlich kluge Leute zu diesem Zeitpunkt Siesta hielten, einen Liegestuhl und einen Iced Coffee Irgendwas leistete und müßig das Treiben an und im Wasser beobachtete. Vor ihm erstreckte sich der Badestrand, ein Gewimmel aus Schirmen und Decken. Schlagermusik wehte zu ihm herüber, und er pries sein Glück, weit weg von deren Quelle zu sein. Auch das Wasser war belebt, in der Nähe der Absperrung zum offenen Wasser sah er lauter bunte Badekappen und Schwimmflügel oder Schwimmringe, die wie Entenküken um ihre Mutter herumwuselten. Vermutlich ein Schwimmkurs für Kinder. Die zwei Entenmütter schienen hier rote Badekappen zu tragen. Wieder durchzuckte ihn der Gedanke an Marie und an das Mädchen, das ihr so ähnlich sah, dann schob er ihn energisch weg und döste ein.

Ein Windstoß weckte ihn. Von fern glaubte er, einen Donner zu hören. Bei der Wolkenwand, die sich im Westen unterdessen aufgebaut hatte, war das nicht unwahrscheinlich. Er ließ seinen Blick über das Wasser schweifen. Aha, die Wasserwacht hatte schon mal die gelbe Flagge aufgezogen, die rechneten also mit Ärger. Vermutlich war sein Freund Mick heute im Einsatz, der war routiniert und ging kein Risiko ein.
Die Entenküken waren auch alle verschwunden … halt! Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

Ende des ersten Teils

 

So, ihr Lieben. Lest am Dienstag wieder rein (morgen gibt es das Montagsgedicht, Traditionen möchten gepflegt werden), um zu erfahren, ob es Tote gibt, wer eigentlich Marie ist und wie happy das Ende wird. Bis dahin freue ich mich wie immer auf eure Kommentare.
Schönen Sonntag!

Update: Weiterlesen? HIER.

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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Outside the rain fell dark and slow

Ich habe keineswegs vor, das immer zu machen, aber da mein neues Blogkind (Die Regensucherin) erst ein paar Tage alt ist, seht es mir bitte nach, ja?
Abgesehen davon: Ist das ein großartiges Lied oder ist das ein großartiges Lied? Na also! 😀

 

Regensucherin

Aus der Serie „Musikalische Heroes“ ein Song, den ich mir immer und immer wieder anhören kann. Auch wegen des Textes, klar, vor allem, weil er die Misere (und den Ausweg) so schön klar auf den Punkt bringt:

I took a heavenly ride through our silence
I knew the waiting had begun
And I headed straight … into the shining sun

Pink Floyd/David Gilmour: Coming back to life (ganzer Text hier)

Und während mir Pink Floyd manchmal zu düster und zu bombastisch ist, kann ich dem späten (also dem jetzigen) David Gilmour stundenlang begeistert lauschen …
(Liebe Karin, danke für die Erinnerung!)

Ursprünglichen Post anzeigen

Die Regensucherin

Meine Begeisterung für Regen, zumindest für literarischen, dürfte ja dem einen oder anderen von euch schon aufgefallen sein, speziell, wenn ihr meine Montagsgedichte verfolgt. Und weil das Thema eigentlich ziemlich hübsch und ziemlich endlos raumgreifend ist und ich es vertiefen will, habe ich beschlossen, ihm einen Blog zu widmen: Irgendwas ist immer bekommt ein Blogkind: Die Regensucherin!

Die Regensucherin ist ein Blog für Regengedichte, Regensongs, Regentexte und Regenbilder. Was ich an Regeninfos dazupacke, weiß ich noch nicht, ich habe von der meteorologischen Seite keine Ahnung, vielleicht ändert sich das ja noch.

Ja, ich nehme gern Tipps entgegen (hier oder drüben), das Ergebnis einer Google-Anfrage zum Thema „Songs mit Regen im Titel“ interessiert mich dabei aber weniger, es kommt mir nicht auf die Masse an.
Mich interessiert alles, in dem Regen eine prominente Rolle spielt, vor allem momentan Gedichte oder Gedichtzusammenstellungen mit Schwerpunkt „Regen“, auch wenn sie unter das Urheberrecht fallen, ich will sie ja gar nicht unbedingt zitieren, ich will sie nur kennenlernen  🙂

Ach, und was für Bücher kennt ihr, in denen Regen eine tragende Rolle spielt? Im Bücherregal meiner Mutter stand ein Roman namens „Der große Regen“ von Louis Bromfield, wenn ich den wiederfinde, bekommt die Regensucherin vielleicht eine Kategorie „Regenrezensionen“ … Jaha, der wurde auch verfilmt …

Habt Spaß, ich hab ihn bereits! Falls ihr nicht über den Reader lest: Schon mein neues Header-Bild gesehen?  😉

Ich zieh mir jetzt die Gummistiefel an und springe in eine Pfütze. Oder später. Oder so.

 

Die Regensucherin | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst @sp-studio.de

 

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